Müller-Westernhagen, Marius –
Eigentlich ein erledigter Fall, seitdem er aufgrund heftigsten
Antichambrierens das Bundesverdienstkreuz abgegriffen hat
und tremolierte: »Das Ereignis war sehr bewegend.«
Auch nicht besser wurde es, als es aus ihm raunte, »Kunst
und Kultur geben dem Volk Identität«. Wenn Leute
wie Westernhagen Platten verkaufen und Geld scheffeln wollen,
wie z.Z. wieder, wo seine neue CD »In den Wahnsinn«
erschienen ist, dann wird das Vokabular schnell wolkig und
weihrauchig, dann wird es höchste Zeit, in Deckung zu
gehen, wenn er wieder auftaucht. Im Fernsehen z.B. beim Topflappenhäkelkursleiter
Reinhold Beckmann, vor dem kein Schließmuskel sicher
ist. Man konnte Beckmann bei seiner obszönen Tätigkeit
beobachten und weiß nun, wie Müller-Westernhagen
ganz tief innen aussieht, und das ist nicht schön. Zwar
liegt diese Sendung schon etwas zurück, aber wenn das
antifaschistische Gesetz »Niemals vergessen!«
einmal seine Berechtigung hat, dann in diesem Fall.
Beckmann
hatte in seine Plauderstunde nicht nur Müller-Westernhagen
eingeladen, sondern auch Noël Martin, einen britischen
Bauunternehmer, der 1996 aufgrund seiner schwarzen Hautfarbe
im brandenburgischen Mahlow von rechtsextremen Jugendlichen
verfolgt und mit seinem Auto abgedrängt wurde, an einen
Autobahnpfeiler fuhr und seither vom Kopf abwärts querschnittsgelähmt
ist. Noël Martin erzählte ruhig und sachlich von
seinem Schicksal, und dass er durch seine Rückkehr nach
Brandenburg gegen die Rechtsradikalen ein Zeichen setzen und
zu verstehen geben wolle, dass er noch da sei und sie nicht
gewonnen hätten. Nach diesem nüchternen und ziemlich
niederschmetternden Bericht vom glibbrigen Beckmann nach seiner
Meinung befragt, sagte Müller-Westernhagen: »Das
erste, was man sagen muss, dass der Rassismus sicher nicht
ein deutsches Problem, sondern ein globales Problem ist. Ich
hab Rassismus erlebt, gerade mit meiner Frau Romney in New
York, wo ein Taxifahrer, wo die Tür schon auf war, abfährt.
Rassismus gibt es auch von der farbigen Seite, wo zwei Schwarze
zu uns aus dem Auto heraus sagten: ›Sister, stay black!‹«
Eine interessante
Reaktion. Da erzählt Noël Martin einfach nur, wie
übel ihm mitgespielt wurde, ohne auch nur einen Ton darüber
zu verlieren, dass er die Deutschen insgesamt für Rassisten
hält, wozu er – wenn er es getan hätte –
allen Grund hätte, und was fällt Müller-Westernhagen
als erstes dazu ein? »Rassismus ist nicht ein deutsches
Problem«, eine Feststellung, die so falsch (denn natürlich
ist Rassismus auch ein deutsches Problem) wie in diesem Zusammenhang
unsinnig ist, weil niemand das Gegenteil behauptet hat, weshalb
die Antwort ein interessantes Licht auf diesen Mann wirft,
dem genau das abgeht, was er sich ansonsten selbst gerne zugute
hält, nämlich Sensibilität, Einfühlungsvermögen,
Selbstzweifel. Sein grüblerisches Heischen nach Verständnis
entpuppte sich angesichts des Schicksals von Noël Martin
als unangenehmes Herrenmenscheltum. Selten geschmacklos war
zudem der Hinweis, auch er – Marius Müller-Westernhagen
– hätte wegen seiner dunkelhäutigen Frau unter
Rassismus zu leiden gehabt, nur weil ein Taxifahrer von seinem
Recht Gebrauch gemacht hatte, einen Schmierlappen wie ihn
nicht zu befördern, was man gut verstehen kann. Müller-Westernhagen
verwechselt insofern Höflichkeit mit Rassismus, denn
es mag nicht sehr nett sein, wenn einem Taxifahrer dein Gesicht
nicht passt, diesen Verstoß im alltäglichen Umgang
miteinander jedoch mit einem Mordanschlag zu vergleichen,
auf diese abstruse Idee kommt man genau dann, wenn man sich
mit dem deutschen Volkskörper identifiziert. Vielleicht
wurmte dieses Verhalten Müller-Westernhagen deshalb besonders,
weil ein kleiner, schlechtverdienender Taxifahrer sich die
Freiheit nahm, ihn, den berühmten Rockmusiker einfach
nicht zu befördern, ihn links, bzw. rechts liegen zu
lassen, wozu der Taxichauffeur selbstverständlich jedes
Recht hat, d.h. dieser behandelte ihn wie ein Arschloch, welches
er ja auch offensichtlich gerne ist, denn er lässt selten
eine Gelegenheit vorüberziehen, in der er nicht den präzisen
Nachweis führt.
Eigentlich
mag er ja keine Interviews, wie er beispielsweise der Zeitschrift
Gala verrät, dafür kann man kaum eine Illustrierte
durchblättern, denen er nicht die Gnade eines Interviews
gewährt hat, worin er unablässig wiederholt, wie
bescheiden, treu und scheu er in Wirklichkeit ist. Von seiner
vornehmen Zurückhaltung zeugt vor allem folgende Geschichte:
Anlässlich des Erscheinens seiner neuen CD »In
den Wahnsinn« lud er zwei Spiegel-Redakteure in sein
Haus, »ließ sie in einer Kammer unterm Dach vor
zwei riesigen Boxen Platz nehmen, warf den CD-Player an –
und verließ nicht etwa den Raum, sondern setzte sich
den Spiegel-Leuten schräg gegenüber, um zwölf
Songs lang deren Reaktionen zu beobachten... und das bei infernalischer
Lautstärke.« Gar keine schlechte Idee, um Spiegel-Journalisten
ein bisschen zu quälen, seine Absicht war das mit Sicherheit
jedoch nicht, war er doch vielmehr davon überzeugt, sie
damit zu beglücken. Insofern legte der sensible Müller-Westernhagen
das gleiche stumpfe und dumpfe Selbstbewusstsein wie Dieter
Bohlen an den Tag, als dessen Fan er sich inzwischen geoutet
hat.