Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Martin Walser

Von Klaus Bittermann

Walser, Martin – Hatten wir doch erst vor kurzem, werden Sie sagen, und das zu Recht, aber der Mann gibt keine Ruhe, er will nicht nur nicht aufhören mit dem Schreiben, obwohl er’s gar nicht kann, sondern er begreift seine Schreiberei zudem als ständige Rechtfertigung. Und genau so liest sich denn auch seine Literatur. Okay, der Literaturbetrieb in Deutschland hat es schwer. Außer Walser gibt es noch den an seiner Pfeife nuckelnden Grass, der seinen Freund Walser in Schutz nimmt. Und das sind auch schon Deutschlands Top-Autoren, zwei Langeweiler von Format. Aus ihren Büchern Funken zu schlagen ist nicht leicht, doch hat es der Literaturbetrieb bislang verlässlich geschafft, das öde Zeugs in der Öffentlichkeit zu lancieren, indem man eine hochbedeutende Debatte ankurbelt, die sich bei näherer Begutachtung als alter Hut entpuppt. Grass habe mit seinem letzten Buch »Im Krebsgang« ein Tabu gebrochen, indem er beschrieb, wie übel den deutschen Vertriebenen mitgespielt worden sei, als ob man nicht schon immer von den Vertriebenenverbänden damit belästigt worden wäre. Später hat dann Frank Schirrmacher eine Literaturdebatte vom Jägerzaun gebrochen. Im letzten Roman von Walser »Tod eines Kritikers« hat er »zu meiner eigenen Überraschung« antisemitische Klischees entdeckt. Huch! Das ist in der Tat überraschend, hat Schirrmacher doch ein paar Jahre vorher noch die Laudatio auf das antisemitische Geraune in der Rede Walsers zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels gehalten.

Diese Vorwürfe Schirrmachers und die darauf folgenden im Spiegel waren allerdings dringend nötig, um das tröge und nur mit Risiko um die eigene mentale Gesundheit zu lesende Zeug an den Mann zu bringen. Und es klappte: Noch bevor das Buch in den Handel kam, lag es quasi schon auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Und das kam so: Als Schirrmacher das Manuskript zum Vorabdruck angeboten wurde, wurde ihm schnell klar, dass er die sowieso schon schwer angeschlagene FAZ noch weiter in den Strudel reißen würde, weil das Buch für die Ergüsse eines legasthenischen und pubertierenden Realschülers gehalten worden wäre, wenn nicht Martin Walser drüber gestanden hätte. Also rief er seinen Kumpel am Bodensee an und teilte ihm seine Bedenken mit. Daraufhin meinte Walser gut gelaunt: »Na, dann schreib doch einen Verriss. Am besten schreibst du, das Buch sei antisemitisch, das kommt immer gut an in Deutschland. Da fällt der Spiegel bestimmt drauf rein.« »Klasse Idee«, sagte Schirrmacher, »ich schiebe eine Literaturdebatte an. Was darf Literatur heute? Damit bringe ich die FAZ wieder ins Gespräch und in die schwarzen Zahlen.«

Ein genialer Plan, der wie am Schnürchen funktionierte, wie man inzwischen weiß, denn allein in der überregionalen Presse wurden 3,4 Kilogramm Seiten über Walser geschrieben, wie der Stern nachgewogen hat, ganz zu schweigen davon, was über den Fall Walser weggesendet wurde. Das geht nicht spurlos an einen vorüber, weshalb sogar ich mürbe wurde und das Manuskript las (siehe L!VE Ausgabe 10/02). Aber als das Buch endlich auf dem Markt war, merkten die Leute schnell, wie ungenießbar die Schwarte war, weshalb es nicht lange dauerte, bis dem plötzlichen Aufstieg der jähe Fall von der Bestsellerliste folgte. Höchste Zeit also, nachzulegen, und wieder ein bisschen die Propagandatrommel zu rühren. Im Stern ramenterte Walser darüber, dass er »bösschlecht« gemacht worden sei: »Manchmal glaubt man dann, man könne sich vorstellen, wie es sich anfühlt, in einer kommunistischen Diktatur aus der Partei ausgestoßen zu werden.« Interessant, aber wegen der antisemitischen Implikationen in seinem Buch wäre Walser von der KP bestimmt nicht ausgeschlossen worden. Noch schlimmer aber, »dass wir in diesem Land zu meinem Lebzeiten Meinungsfreiheit nicht mehr erringen«, strotzt es aus Walser heraus, der tatsächlich aus einem mit stumpfer Dummheit geschlagenen Selbstbewusstsein heraus annimmt, seine Stotterprosa gut zu finden entscheide darüber, ob in Deutschland Meinungsfreiheit herrsche oder nicht. Chapeau! So aufdringlich manche Autoren auch sein mögen, das ist noch niemandem eingefallen.

Walser, der »fassungslos« war, weil er nichts verstand, und dem selbst die Vorwürfe von Ruth Klüger »unverständlich« waren und »ein Rätsel« blieben, sieht in der Kritik immer nur den »Versuch eines Hinauswurfs« aus Deutschland, so dass er sich wirklich überlegt habe auszuwandern, wenn nicht die zahllosen Leser gewesen wären, die ihm Trost und Zuspruch gegeben hätten. Dass er die zahlreichen Leser nur dem Antisemitismus-Vorwurfs von Schirrmacher zu verdanken hat, Lesern also, die nur einen Abwasserkanal suchen, um sich ihre eigenen Ressentiments bestätigen zu lassen, dieser Zusammenhang ist so auffallend wie eine Tarantel auf einer Buttercremetorte. Ungebrochen ist er von seinem Geschreibe begeistert, ist er »glücklich über jede Zeile in meinem Buch«, so dass »ich manchmal dieses Buch in die Hand nehme und hinein schaue und sage: Ja! Ja! Ja!« »Oh oh oh«, dürften hingegen diejenigen gestöhnt haben, die in der Lage sind, Schwurbel von Literatur zu unterscheiden.

Am Ende beschwert sich Walser dann noch, dass junge Leute, »Parolenbengel«, wie er sie nennt, seine Lesungen gestört hätten: »Diskutieren wollen sie nicht, nur verhindern, nur Skandal machen.« Man kann es gut verstehen, dens wer will schon mit Walser diskutieren, genauso gut könnte man versuchen, mit Horst Mahler oder Gerhard Schröder zu reden. Warum sollte man das tun, wenn man nicht masochistisch veranlagt ist? Dass er ihnen allerdings vorwirft, es ginge ihnen nur um Skandal, ist schon etwas eigenartig, denn nur dank eines Skandals schließlich wurde sein Buch überhaupt wahrgenommen. Trotz der beklagten Anfeindungen will Walser allerdings keinesfalls mit dem Schreiben aufhören: »Ja, soll ich an meinen Einfällen ersticken?«, fragte er. Die Antwort liegt ja wohl auf der Hand.

 


 

copyright (c) 2003
E-Mail: live@live-magazin.de
Webmaster: spaceXmedia.com