| Walser,
Martin – Hatten wir doch erst vor kurzem, werden Sie sagen,
und das zu Recht, aber der Mann gibt keine Ruhe, er will nicht
nur nicht aufhören mit dem Schreiben, obwohl er’s
gar nicht kann, sondern er begreift seine Schreiberei zudem
als ständige Rechtfertigung. Und genau so liest sich denn
auch seine Literatur. Okay, der Literaturbetrieb in Deutschland
hat es schwer. Außer Walser gibt es noch den an seiner
Pfeife nuckelnden Grass, der seinen Freund Walser in Schutz
nimmt. Und das sind auch schon Deutschlands Top-Autoren, zwei
Langeweiler von Format. Aus ihren Büchern Funken zu schlagen
ist nicht leicht, doch hat es der Literaturbetrieb bislang verlässlich
geschafft, das öde Zeugs in der Öffentlichkeit zu
lancieren, indem man eine hochbedeutende Debatte ankurbelt,
die sich bei näherer Begutachtung als alter Hut entpuppt.
Grass habe mit seinem letzten Buch »Im Krebsgang«
ein Tabu gebrochen, indem er beschrieb, wie übel den deutschen
Vertriebenen mitgespielt worden sei, als ob man nicht schon
immer von den Vertriebenenverbänden damit belästigt
worden wäre. Später hat dann Frank Schirrmacher eine
Literaturdebatte vom Jägerzaun gebrochen. Im letzten Roman
von Walser »Tod eines Kritikers« hat er »zu
meiner eigenen Überraschung« antisemitische Klischees
entdeckt. Huch! Das ist in der Tat überraschend, hat Schirrmacher
doch ein paar Jahre vorher noch die Laudatio auf das antisemitische
Geraune in der Rede Walsers zum Friedenspreis des deutschen
Buchhandels gehalten.
Diese Vorwürfe
Schirrmachers und die darauf folgenden im Spiegel waren allerdings
dringend nötig, um das tröge und nur mit Risiko um
die eigene mentale Gesundheit zu lesende Zeug an den Mann zu
bringen. Und es klappte: Noch bevor das Buch in den Handel kam,
lag es quasi schon auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.
Und das kam so: Als Schirrmacher das Manuskript zum Vorabdruck
angeboten wurde, wurde ihm schnell klar, dass er die sowieso
schon schwer angeschlagene FAZ noch weiter in den Strudel reißen
würde, weil das Buch für die Ergüsse eines legasthenischen
und pubertierenden Realschülers gehalten worden wäre,
wenn nicht Martin Walser drüber gestanden hätte. Also
rief er seinen Kumpel am Bodensee an und teilte ihm seine Bedenken
mit. Daraufhin meinte Walser gut gelaunt: »Na, dann schreib
doch einen Verriss. Am besten schreibst du, das Buch sei antisemitisch,
das kommt immer gut an in Deutschland. Da fällt der Spiegel
bestimmt drauf rein.« »Klasse Idee«, sagte
Schirrmacher, »ich schiebe eine Literaturdebatte an. Was
darf Literatur heute? Damit bringe ich die FAZ wieder ins Gespräch
und in die schwarzen Zahlen.«
Ein genialer
Plan, der wie am Schnürchen funktionierte, wie man inzwischen
weiß, denn allein in der überregionalen Presse wurden
3,4 Kilogramm Seiten über Walser geschrieben, wie der Stern
nachgewogen hat, ganz zu schweigen davon, was über den
Fall Walser weggesendet wurde. Das geht nicht spurlos an einen
vorüber, weshalb sogar ich mürbe wurde und das Manuskript
las (siehe L!VE Ausgabe 10/02). Aber als das Buch endlich auf
dem Markt war, merkten die Leute schnell, wie ungenießbar
die Schwarte war, weshalb es nicht lange dauerte, bis dem plötzlichen
Aufstieg der jähe Fall von der Bestsellerliste folgte.
Höchste Zeit also, nachzulegen, und wieder ein bisschen
die Propagandatrommel zu rühren. Im Stern ramenterte Walser
darüber, dass er »bösschlecht« gemacht
worden sei: »Manchmal glaubt man dann, man könne
sich vorstellen, wie es sich anfühlt, in einer kommunistischen
Diktatur aus der Partei ausgestoßen zu werden.«
Interessant, aber wegen der antisemitischen Implikationen in
seinem Buch wäre Walser von der KP bestimmt nicht ausgeschlossen
worden. Noch schlimmer aber, »dass wir in diesem Land
zu meinem Lebzeiten Meinungsfreiheit nicht mehr erringen«,
strotzt es aus Walser heraus, der tatsächlich aus einem
mit stumpfer Dummheit geschlagenen Selbstbewusstsein heraus
annimmt, seine Stotterprosa gut zu finden entscheide darüber,
ob in Deutschland Meinungsfreiheit herrsche oder nicht. Chapeau!
So aufdringlich manche Autoren auch sein mögen, das ist
noch niemandem eingefallen.
Walser,
der »fassungslos« war, weil er nichts verstand,
und dem selbst die Vorwürfe von Ruth Klüger »unverständlich«
waren und »ein Rätsel« blieben, sieht in der
Kritik immer nur den »Versuch eines Hinauswurfs«
aus Deutschland, so dass er sich wirklich überlegt habe
auszuwandern, wenn nicht die zahllosen Leser gewesen wären,
die ihm Trost und Zuspruch gegeben hätten. Dass er die
zahlreichen Leser nur dem Antisemitismus-Vorwurfs von Schirrmacher
zu verdanken hat, Lesern also, die nur einen Abwasserkanal suchen,
um sich ihre eigenen Ressentiments bestätigen zu lassen,
dieser Zusammenhang ist so auffallend wie eine Tarantel auf
einer Buttercremetorte. Ungebrochen ist er von seinem Geschreibe
begeistert, ist er »glücklich über jede Zeile
in meinem Buch«, so dass »ich manchmal dieses Buch
in die Hand nehme und hinein schaue und sage: Ja! Ja! Ja!«
»Oh oh oh«, dürften hingegen diejenigen gestöhnt
haben, die in der Lage sind, Schwurbel von Literatur zu unterscheiden.
Am Ende
beschwert sich Walser dann noch, dass junge Leute, »Parolenbengel«,
wie er sie nennt, seine Lesungen gestört hätten: »Diskutieren
wollen sie nicht, nur verhindern, nur Skandal machen.«
Man kann es gut verstehen, dens wer will schon mit Walser diskutieren,
genauso gut könnte man versuchen, mit Horst Mahler oder
Gerhard Schröder zu reden. Warum sollte man das tun, wenn
man nicht masochistisch veranlagt ist? Dass er ihnen allerdings
vorwirft, es ginge ihnen nur um Skandal, ist schon etwas eigenartig,
denn nur dank eines Skandals schließlich wurde sein Buch
überhaupt wahrgenommen. Trotz der beklagten Anfeindungen
will Walser allerdings keinesfalls mit dem Schreiben aufhören:
»Ja, soll ich an meinen Einfällen ersticken?«,
fragte er. Die Antwort liegt ja wohl auf der Hand.
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