| Koch,
Roland – Statt in hohem Bogen aus seinem Amt
zu fliegen, ging Roland Koch als großer Gewinner aus den
Wahlen in Hessen hervor, und man fragt sich perplex: Sind die
Hessen noch ganz dicht? Haben sie wirklich noch alle Schweine
im Rennen? Dabei sind sie doch einer der wenigen deutschen Volksstämme,
aus dessen Dialekt sich noch Funken schlagen lassen, wovon Jakob
Arjouni und Simone Borowiak schöne und unvergessene Zeugnisse
abgelegt haben. Dass die Hessen so einen gewählt haben,
wirft kein gutes Licht auf sie. Wenn ein Kinderschänder
sich für den Job als Erzieher besonders qualifiziert hält,
wird man ihn höchstens mitleidig belächeln und ihm
raten, besser nicht auf dieses extraordinäre Ansinnen zu
bestehen, weil es sein könnte, dass man ihn aus guten Gründen
in die Klapse steckt. Wenn ein Politiker, der nicht nur der
Lüge überführt wurde, sondern auch des Betrugs,
sich für das höchste Amt in einem Bundesland bewirbt,
dann findet das offenbar niemand komisch, sondern vereinbar
mit den demokratischen Gepflogenheiten des Landes. Auch wenn
der Wahlsieg Roland Kochs hauptsächlich dem aus Protest
gegen die Regierung Schröder fernbleibenden SPD-Wähler
zu verdanken ist, auch wenn es also nicht etwa so ist, dass
die Hessen in Scharen zu Koch übergelaufen wären,
gibt es doch immer noch eine Mehrheit, die die Lüge und
ein Schwarzgeldkonto in der Politik nicht für verwerflich
halten, sondern für einen besonderen Befähigungsnachweis.
Aber abgesehen von
der wohl kaum anders als pervers einzustufenden Haltung der
Wähler, ist auch deren ästhetischer Geschmack erschütternd.
Insofern haben sie den mit Hormonen dicklippig gespritzten Vorzeigearier
durchaus verdient. Schön ist das nicht, und deshalb kommt
Koch als »Schweinchen Babe«, wie ihn die Titanic
dargestellt hat, noch viel zu gut weg, denn Schweinchen Babe
war liebenswürdig, gutmütig, nett und hilfreich, also
alles, was Roland Koch nicht ist. Keine Aussehenswitze, höre
ich da von der Aussehenswitzeoberaufsicht, ich aber finde, bei
diesem Mann sollte eine Ausnahme gemacht werden, denn einer,
der sich durch einen gegen Ausländer und Einwanderung gerichteten
hetzerischen Wahlkampf das Amt eines Ministerpräsidenten
erschlichen hat, warum sollte der geschont werden? Die »brutalstmögliche
Aufklärung«, durch die Roland Koch auch über
die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde, hat sich in sein Gesicht
eingeschrieben. Wie auch immer, Roland Koch hätte auch
schon unter Hitler eine große Karriere gemacht, nicht
nur als zeugungsfleißiger und am Erhalt der deutschen
Rasse unermüdlich arbeitender Arier, sondern auch als Politiker,
womit wir bei den von Koch so beliebten Vergleichen sind.
Als Roland Koch die
Geldschieberei von schwarzen Konten der hessischen CDU in die
Schweiz als Vermächtnisse deutscher Juden im Ausland deklarierte,
das hätte Adolf nicht besser machen können, und gut
gefallen hätte Hitler auch, als Koch die Nennung einiger
Namen von Reichen in der Vermögenssteuerdebatte erregt
denunzierte und meinte, dies sei »eine neue Form von Stern
auf der Brust«. Weniger gefallen hätte dem GröFaZ
(Größter Führer aller Zeiten) allerdings, dass
Roland Koch nach der aufwallenden Empörung einknickte und
klein beigab. Er hätte sich, angesteckt von der emotionalen
Debatte, »vergaloppiert«, und diese Wortwahl zeigt,
wie Roland Koch seine Debatten führt, von oben herab, allerdings
weniger feldherrenartig und von einem reinrassigen Ross, sondern
mehr von einem lahmen Ackergaul. Denn abgesehen von einigen
Ausfällen, mit denen er die Empörung der geschlossenen
Gutmenschenriege auf sich zieht (mit Argumenten, die z.T. nicht
minder schlau sind als die von Koch und in der Regel nur einen
hohen Wallungswert besitzen), hat Roland Koch genauso wenig
zu bieten wie die meisten anderen Politiker eben auch. Liest
man seine Reden zur Außenpolitik, Sozialhilfe, Mittelstand
oder Ausländer, dann unterscheiden sie sich nicht von denen
Gerhard Schröders. Es ist darin viel von Konzepten und
deren schnellstmögliche Umsetzung die Rede, von neuen Herausforderungen,
Initiativen und Diskursen, viel Blabla also, aus dem die typische
Politikerrede eben besteht. Roland Koch ist also auch nur ein
armes Würstchen, das in der Provinz Autobahnabschnitte
einweiht, Kurzentren besichtigt, Betriebsfeiern der Freiwilligen
Feuerwehr beiwohnt und Kindergärten eröffnet. Man
muss ihn deshalb nicht bemitleiden, denn schließlich hat
ihn niemand gezwungen, die erbarmungslose Wiederholung und die
außergewöhnliche Ödnis auf sich zu nehmen, aus
denen seine Tätigkeit besteht. Ein Mitgefühl, das
»Alkoholiker, Spieler und Skinheads« verdienen und
deshalb auch für die Randgruppe der Politiker aufgebracht
werden sollte, wie Enzensberger einmal meinte, ist bei Roland
Koch jedoch unangebracht, selbst wenn man seine Existenz ungefähr
als so schlimm bezeichnen würde, wie beide Arme in Gips,
eine ständig laufende Nase und eine weit vorstehende Unterlippe
zu haben. Die weit vorstehende Unterlippe hat Koch ja schon.
Vielleicht erbarmt sich ja mal jemand für den Rest.
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