Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Wolf Biermann

Von Klaus Bittermann

Biermann, Wolf – Wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, steht Biermann politisch in der Nähe jeder Fernsehkamera. Wenn nötig, auch ohne Publikum. Dann kaspert er allein vor der Linse herum und drückt sich verzweifelt etwas ab, was er für einen originellen Gedanken hält. Schon seit geraumer Zeit hatte er uns von einem solchen verschont, und man machte sich schon Sorgen um Wolf Biermann, aber jetzt hat er sich mit viel Tamtam im Spiegel zurückgemeldet, der Sammelstelle für Alteisenideen. Dort zieht er gegen die »Nationalpazifisten« zu Felde und hält einen heißblütiges Plädoyer für einen Krieg gegen den Irak. Warum nicht? Ein bisschen gegen die Friedensbewegung hetzen kann nie schaden, und wenn man das Wiederaufleben der Leipziger Montagsdemo sieht, wo sich die alten friedlichen Revolutionsfreunde Biermanns ein neues Stelldichein geben, dann beginnt man schließlich doch ein wenig darüber zu grübeln, ob der Krieg gegen den Irak nicht vielleicht doch eine gewisse Berechtigung hat, denn schließlich waren die Pflugscharenheinis mit dem großen Appetit auf die D-Mark nicht unwesentlich an den unappetitlichen Begleiterscheinungen verantwortlich, die die Bunzreplik heute noch quälen, wie z.B. das üppige Gedeihen rechtsradikaler Schläger in der Zone, ein Zugewinn, auf den man gerne verzichten kann. Da wäre eine kleine Rache für die irreparablen Langzeitschäden schon angebracht.

Zunächst jedoch zitiert Biermann sich selbst. Das tut er am liebsten. Er zitiert ein altes Friedensgedicht. Fürchterlichster Schmonzes und Kitsch as Kitsch can: »Wann ist denn endlich Frieden / In dieser irren Zeit / Das große Waffenschmieden / Bringt nichts als großes Leid / Die Welt ist so zerrissen / Und ist im Grund so klein / Wir werden sterben müssen / Dann kann wohl Friede sein.« Huhu, denkt man, wieder ein triftiger Grund für die Uno wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Hamburg einzumarschieren. Aber okay, die Geschichte ist verjährt. Außerdem denkt man noch: Da hat Biermann aber echt Grund, Selbstkritik zu üben. Aber er tut es nicht deshalb, weil es sich um eine jammerläppische und schrille Tirade handelte, sondern weil ihm darin ein Friedensirrtum unterlaufen sei. Diese Masche benutzt Biermann häufig. Seht her, ich habe mich geirrt, aber jetzt weiß ich es besser, und deshalb bin ich besonders glaubwürdig. Weshalb eigentlich? Weshalb sollte man einem, der so häufig mit seinen »Irrtümern« hausieren gegangen ist wie Biermann, noch über den Weg trauen?

Dann greift Biermann tief in die Geschichtskiste und kramt schon reichlich verstaubte Argumente hervor. Gerade wir Deutschen müssten den Amerikanern dankbar sein, denn schließlich haben die uns nicht nur vom Nationalsozialismus befreit, sondern durch das Wettrüsten sogar indirekt die Wiedervereinigung beschert, und schon allein deshalb müsste man sich auf die Seite der Amerikaner schlagen. Für eine ruinierte Wirtschaft aber als Folge der Tatsache, dass die Brüder und Schwestern von driiieben nichts in die Ehe einbrachten außer Sperrmüll, weshalb sie seither alimentiert werden müssen, dafür kann man den Amerikanern nicht wirklich dankbar sein, vielmehr handelte es sich um eine gezielte Schwächung der westdeutschen Wirtschaftskraft. Die Befreiung vom NS hingegen war zweifellos die beste und größte Tat der Amerikaner in ihrer Geschichte. Wenn sie jedoch als permanentes Argument für Unterwürfigkeit gegenüber einer amerikanischen Politik missbraucht wird, die seitdem nur Mist verzapft hat (wie demokratische Systeme zu stürzen, Diktatorenregime zu unterstützen, üble Gestalten zu fördern, gegen die man später in den Krieg ziehen kann, denn mangels wirklicher Gegner muss sich die US-Regierung selber welche schaffen), dann muss man sich über die zahlreichen Friedensfreunde nicht wundern. Welches diffuse Gefühl die Menschen auch bewegen mag, auf die Straße zu gehen, es hat nichts damit zu tun, dass sie den Amerikanern nicht verzeihen können, von ihnen befreit worden zu sein. Das ist lange vorbei. Die meisten Argumente haben nur eine bestimmte Haltbarkeitsdauer. In diesem Fall ist sie abgelaufen. Hitler ist Geschichte, heute gibt es keinen Grund mehr für die Leute, wegen des Führers sauer auf die Amerikaner zu sein.

Sehr lustig ist das Szenario, das Biermann am Ende seines Artikels entwirft. »Arbeitslose Kernphysiker sind nämlich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bereit, jedem dreckigen Diktator gegen Gage seine ›dreckige Atombombe‹ zu basteln.« Aber das sei gar nicht nötig, denn »es existiert längst eine spottbillige und supermoderne Trägeranlage...: die Demokratie.« In der wäre es kein Problem, eine geeignete Immobilie zu kaufen und dort A, B und C-Waffen zusammenzurühren. »Liefere ich dem toll gewordenen Mörderpack etwa noch tollere Ideen?« fragt er ganz begeistert und rein rhetorisch. Abgesehen davon, dass diese »noch tollere Idee« aus noch viel viel tollerem Schwachsinn besteht, ist es höchst interessant zu beobachten, wie Biermann, der gern und viel über die totale Herrschaft schwafelt, die Suada gegen die »Nationalpazifisten« plötzlich zu einem Plädoyer für einen Überwachungsstaat gerät, der diesem erschröcklichen Szenario Einhalt gebietet, auf dass sich niemand mehr ohne Vorlage eines Stammbaums eine Immobilie erschleichen kann. Tja, aber so ist es eben mit den Jungs aus der ehemaligen Zone: Einmal in einer schönen Diktatur gelebt, kommen sie ohne Spitzelwesen und bürokratische Bevormundung einfach nicht mehr aus.

 


 

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