| Biermann,
Wolf – Wie sich mittlerweile herumgesprochen
hat, steht Biermann politisch in der Nähe jeder Fernsehkamera.
Wenn nötig, auch ohne Publikum. Dann kaspert er allein
vor der Linse herum und drückt sich verzweifelt etwas ab,
was er für einen originellen Gedanken hält. Schon
seit geraumer Zeit hatte er uns von einem solchen verschont,
und man machte sich schon Sorgen um Wolf Biermann, aber jetzt
hat er sich mit viel Tamtam im Spiegel zurückgemeldet,
der Sammelstelle für Alteisenideen. Dort zieht er gegen
die »Nationalpazifisten« zu Felde und hält
einen heißblütiges Plädoyer für einen Krieg
gegen den Irak. Warum nicht? Ein bisschen gegen die Friedensbewegung
hetzen kann nie schaden, und wenn man das Wiederaufleben der
Leipziger Montagsdemo sieht, wo sich die alten friedlichen Revolutionsfreunde
Biermanns ein neues Stelldichein geben, dann beginnt man schließlich
doch ein wenig darüber zu grübeln, ob der Krieg gegen
den Irak nicht vielleicht doch eine gewisse Berechtigung hat,
denn schließlich waren die Pflugscharenheinis mit dem
großen Appetit auf die D-Mark nicht unwesentlich an den
unappetitlichen Begleiterscheinungen verantwortlich, die die
Bunzreplik heute noch quälen, wie z.B. das üppige
Gedeihen rechtsradikaler Schläger in der Zone, ein Zugewinn,
auf den man gerne verzichten kann. Da wäre eine kleine
Rache für die irreparablen Langzeitschäden schon angebracht.
Zunächst
jedoch zitiert Biermann sich selbst. Das tut er am liebsten.
Er zitiert ein altes Friedensgedicht. Fürchterlichster
Schmonzes und Kitsch as Kitsch can: »Wann ist denn endlich
Frieden / In dieser irren Zeit / Das große Waffenschmieden
/ Bringt nichts als großes Leid / Die Welt ist so zerrissen
/ Und ist im Grund so klein / Wir werden sterben müssen
/ Dann kann wohl Friede sein.« Huhu, denkt man, wieder
ein triftiger Grund für die Uno wegen Verbrechen gegen
die Menschlichkeit in Hamburg einzumarschieren. Aber okay, die
Geschichte ist verjährt. Außerdem denkt man noch:
Da hat Biermann aber echt Grund, Selbstkritik zu üben.
Aber er tut es nicht deshalb, weil es sich um eine jammerläppische
und schrille Tirade handelte, sondern weil ihm darin ein Friedensirrtum
unterlaufen sei. Diese Masche benutzt Biermann häufig.
Seht her, ich habe mich geirrt, aber jetzt weiß ich es
besser, und deshalb bin ich besonders glaubwürdig. Weshalb
eigentlich? Weshalb sollte man einem, der so häufig mit
seinen »Irrtümern« hausieren gegangen ist wie
Biermann, noch über den Weg trauen?
Dann greift
Biermann tief in die Geschichtskiste und kramt schon reichlich
verstaubte Argumente hervor. Gerade wir Deutschen müssten
den Amerikanern dankbar sein, denn schließlich haben die
uns nicht nur vom Nationalsozialismus befreit, sondern durch
das Wettrüsten sogar indirekt die Wiedervereinigung beschert,
und schon allein deshalb müsste man sich auf die Seite
der Amerikaner schlagen. Für eine ruinierte Wirtschaft
aber als Folge der Tatsache, dass die Brüder und Schwestern
von driiieben nichts in die Ehe einbrachten außer Sperrmüll,
weshalb sie seither alimentiert werden müssen, dafür
kann man den Amerikanern nicht wirklich dankbar sein, vielmehr
handelte es sich um eine gezielte Schwächung der westdeutschen
Wirtschaftskraft. Die Befreiung vom NS hingegen war zweifellos
die beste und größte Tat der Amerikaner in ihrer
Geschichte. Wenn sie jedoch als permanentes Argument für
Unterwürfigkeit gegenüber einer amerikanischen Politik
missbraucht wird, die seitdem nur Mist verzapft hat (wie demokratische
Systeme zu stürzen, Diktatorenregime zu unterstützen,
üble Gestalten zu fördern, gegen die man später
in den Krieg ziehen kann, denn mangels wirklicher Gegner muss
sich die US-Regierung selber welche schaffen), dann muss man
sich über die zahlreichen Friedensfreunde nicht wundern.
Welches diffuse Gefühl die Menschen auch bewegen mag, auf
die Straße zu gehen, es hat nichts damit zu tun, dass
sie den Amerikanern nicht verzeihen können, von ihnen befreit
worden zu sein. Das ist lange vorbei. Die meisten Argumente
haben nur eine bestimmte Haltbarkeitsdauer. In diesem Fall ist
sie abgelaufen. Hitler ist Geschichte, heute gibt es keinen
Grund mehr für die Leute, wegen des Führers sauer
auf die Amerikaner zu sein.
Sehr lustig
ist das Szenario, das Biermann am Ende seines Artikels entwirft.
»Arbeitslose Kernphysiker sind nämlich seit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion bereit, jedem dreckigen Diktator gegen Gage
seine ›dreckige Atombombe‹ zu basteln.« Aber
das sei gar nicht nötig, denn »es existiert längst
eine spottbillige und supermoderne Trägeranlage...: die
Demokratie.« In der wäre es kein Problem, eine geeignete
Immobilie zu kaufen und dort A, B und C-Waffen zusammenzurühren.
»Liefere ich dem toll gewordenen Mörderpack etwa
noch tollere Ideen?« fragt er ganz begeistert und rein
rhetorisch. Abgesehen davon, dass diese »noch tollere
Idee« aus noch viel viel tollerem Schwachsinn besteht,
ist es höchst interessant zu beobachten, wie Biermann,
der gern und viel über die totale Herrschaft schwafelt,
die Suada gegen die »Nationalpazifisten« plötzlich
zu einem Plädoyer für einen Überwachungsstaat
gerät, der diesem erschröcklichen Szenario Einhalt
gebietet, auf dass sich niemand mehr ohne Vorlage eines Stammbaums
eine Immobilie erschleichen kann. Tja, aber so ist es eben mit
den Jungs aus der ehemaligen Zone: Einmal in einer schönen
Diktatur gelebt, kommen sie ohne Spitzelwesen und bürokratische
Bevormundung einfach nicht mehr aus.
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