| Schneider,
Peter – Wurde 1968 ohne eigenes Verschulden zu
einem der Wortführer der Protestbewegung und war seither
damit beschäftigt, den Eindruck zu zerstreuen, er hätte
einmal etwas Vernünftiges gesagt. Zunächst versuchte
er es mit der Masche, seinem linksliberalen Konformismus eine
ketzerische Note zu verleihen, bis er merkte, dass sich darauf
auch gut verzichten ließ. Noch vor der Wiedervereinigung
als Erweckungserlebnis für viele Altlinke, die Anschluss
ans neue Reich suchten, weil sie dachten, durch die sogenannte
Einverleibung der DDR würde die BRD doppelt so stark, hatte
Peter Schneider bereits das Endstadium seiner schriftstellernden
Dekomposition erreicht und wichtigtuerisch verlautbart, dass
es mit der »Schmach der Entnazifizierung« und »mit
dem gekrümmten Gang« ein Ende haben müsse: »Die
deutsche Geschichte [...] hat Traditionen hervorgebracht, auf
die wir stolz sein können, niemandem ist auf Dauer mit
der deutschen Bußfertigkeit gedient.« Nachdem er
sich dergestalt in eine Kreuzung aus Markwort und Hupka verwandelt
hatte und als neuer Mann konservativer Bräsigkeit die Klinken
bei den großbürgerlichen Zeitungen wienerte, durfte
er dann ab und zu in der Zeitung für Deutschland und im
Montagsmagazin für Deutschland den Deutschen ins Gewissen
moralpredigen, weil die nicht genügend Engagement und Empörung
zeigten hinsichtlich der Ereignisse auf dem Balkan. »Sollte
man nicht erwarten, dass gerade die Deutschen sich alarmiert
zeigen, wenn ein großes Volk über seine Nachbarvölker
herfällt und das Territorium von ethnischen Minderheiten
und Mehrheiten ›säubert‹?« Seit wann
aber ist ein Massenmörder besonders qualifiziert, einen
Massenmord zu verhindern? Erwartet man nicht vielmehr von so
einem, dass er die Finger von allem lässt und die Öffentlichkeit
nach Möglichkeit nicht mehr belästigt? Offensichtlich
nicht, denn laut Peter Schneider ist für den Beruf des
Polizisten niemand besser geeignet als der ehemalige Straftäter.
Peter Schneider spricht hier aus eigener Erfahrung, denn in
der Tat werden aus solchen Leuten oft die lautesten Kläffer,
die im Namen von Recht und Ordnung noch das kleinste Vergehen
am liebsten mit der Todesstrafe ahnden würden – oder
wie der hochgeschätzte F.W. Bernstein das auf den Punkt
brachte: »Die größten Kritiker der Elche waren
früher selber welche.« Wenn man die Exkulpation der
Väter jedoch in Zusammenhang bringt mit der den Deutschen
auf Grund ihrer Verbrechen zufallenden Aufgabe, sich in andere
Konflikte einzumischen, dann deutet das zumindest darauf hin,
dass da einer sich nach der guten alten Zeit zurücksehnt,
als der Führer kurzentschlossen jene Omnipotenzphantasien
verwirklichte, denen sich Peter Schneider nur tagträumend
hingeben kann. Statt Truppen aufmarschieren lassen zu können,
die im Namen von Humanität und Menschenrechten aber notfalls
auch mit einem kleinen Massaker in den Krisenherden der Erde
die Logik der Marktwirtschaft durchsetzen sollen, kann Peter
Schneider nur Aufrufe verfassen und Propaganda betreiben, eine
Tätigkeit, die von den Mächtigen milde und nachsichtig
belächelt wird, denn sie gleicht dem Eifer eines Klassenstrebers,
der bei niemandem sonderlich beliebt ist. Von Ehrgeiz zerrieben
wie Parmesankäse, ist jeder Artikel ein neuer Beweis seiner
Anpassung an die Verhältnisse, als ob es immer noch Leute
gebe, die ihn für einen Linken halten. Aber durch eine
zähe und außergewöhnliche Umtriebigkeit, vor
der jeder Redakteur irgendwann resigniert die Waffen streckt,
schafft er es immer wieder, präsent zu sein. Wenn's sein
muss auch mit einem Roman. Der heißt dann beispielsweise
»Vati« oder »Paarungen« und löst
immer wieder den gleichen Effekt aus: »Mein Gott, wie
peinlich.«
Dem Tagesspiegel,
bzw. dem »Tagesspitzel«, wie er in Berlin genannt
wird, erzählte Peter Schneider in einem Interview, dass
die Amerikaner ihn, Peter Schneider, für einen »atypischen
Deutschen« halten, »für jemanden, der Humor
hat, der schwierige Dinge mit leichter Hand vorträgt und
sich schlecht einordnen lässt.« Dieses über
sich selbst ausgestreute Gerücht, das schon peinlich genug
ist, dementiert er auch noch peinlicherweise. »Ich bin
ein typischer Deutscher!« erzählt er dann, aber dennoch
sei er keineswegs humorlos. Was aber mag Peter Schneider unter
Humor verstehen? Hier einige Kostproben: »Haben die Deutschen
völlig vergessen, dass sie Fernsehen und Fax erfunden [...]
haben, oder dass zwischen 1942 und 1945 etwa 10.000 Berliner
Familien Juden bei sich versteckt haben?« Bekanntlich
wurden die Juden so gut versteckt, dass sie nach dem Krieg nirgends
mehr aufzufinden waren. Damals noch ein einig Volk von Widerständlern,
das es Hitler verdammt schwer machte und die Juden nicht rausrücken
wollte, fehlte es ihm während der Wiedervereinigung an
»Bescheidenheit« und »Demut«, und heute
sei aus den Deutschen gar »ein Volk von Verwöhnten
und Verweichlichten geworden.« Kommt einem dieser Humor
nicht seltsam bekannt vor? Ist das nicht der Humor mit dem schneidenden
Offizierskasinoton eines Helmut Schmidt? Der Latrinenhumor der
Bundeswehrsoldaten, die sich beim Malträtieren anderer
gerne filmen lassen? Der ranzige Humor der alten Kameraden,
die in Peter Schneider einen würdigen Nachfolger gefunden
haben, wenn er quasi mit einem Schuss finalem Humor noch einen
Schönhuber ganz alt aussehen lässt: »Wir brauchen
die Regierung, das Geld, die Ordnungsmacht gegen den riesigen
Ansturm aus dem Osten.« Tja, manche Pappnasen haben echt
Probleme.
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