| Kunze,
Heinz Rudolf – Heinz Rudolf Kunze ist ein Osnabrücker
Sänger, der auf einem Würzburger Nachwuchsfestival
entdeckt wurde und als sogenannter »Deutschrocker«
1985 sogar mal einen Hit landete mit der Schnulze »Dein
ist mein ganzes Herz«. Kunze trat in den »Deutschen
Pop- und Rockmusikerverband« ein, der ähnlich wie
der »Deutsche Schriftstellerverband« ein Auffangbecken
für Leute mit Schrebergärtnermentalität ist und
für Leute, die sich aus Gründen der Erfolglosigkeit
für echte Künstler halten. Dass seine Stücke
nicht gespielt wurden hielt Kunze nicht nur für eine Gemeinheit,
sondern er erklärte sich das Phänomen mit der Unterwürfigkeit
deutscher Rockmusikkonsumenten, die ausländischen Schund
besonders widerstandslos schlucken würden. Und tatsächlich.
In einem Interview mit dem Spiegel sagte Kunze 1996: »Ich
habe den Eindruck, dass gerade in Deutschland und Japan, in
den Verlierernationen des Zweiten Weltkriegs, die Flut von ausländischer
Musik und von ausländischem Schund besonders widerstandslos
geschluckt wird.« Des weiteren forderte er »Deutschlands
musikalischen Austritt aus der Nato« und die Einführung
einer Quote für deutschsprachige Musik im Radio. Man muss
sich bei solchen Äußerungen und Aktivitäten
nicht anstrengen, um Kunze, der mehr deutsch als Rocker ist
und jahrelang grüblerisch seine deutsche Identität
befingerte, sein kleines Geheimnis zu verraten, nämlich
dass er auch den Nazi macht, wenn es sein muss, um an die Mustöpfe
zu kommen. Heute sagt er darüber: »Es ist für
einen Künstler immer sehr problematisch, wenn er sein Gesicht
hinhält – weil man durchweg Missverständnissen
ausgesetzt ist.« Aber warum tut er es dann? Sein Gesicht
hinhalten, wenn es problematisch ist? Noch dazu mit der Oberlippenbürste,
die bekanntlich schon andere ihr Deutschtum befummelnde große
Deutsche getragen haben. Wäre vielleicht ein Argument nicht
hilfreicher als sich nur auf die eigene Visage zu verlassen
und anschließend darüber zu klagen, dass sie Missverständnisse
erzeuge? Er redet zwar wie ein Nazi und tritt für die kulturelle
Abschottung ein, aber wenn es ihm einer sagt, findet er das
»infam«, »gemein« und »einfach
lächerlich«. »Jeder der mich wirklich kennt«
– wer mag das arme Schwein sein? – »weiß
doch, was ich Engländern und Amerikanern zu verdanken habe«,
sagt Kunze, der nach eigenen Angaben »hierzulande die
Aufgabe wahrnimmt, die in Amerika Musiker wie Bruce Springsteen
oder Bob Dylan haben.« Diese üble Beleidigung ist
leider nie geahndet worden. Statt ihm ein lebenslängliches
Auftrittsverbot zu erteilen, außer als Vorgruppe der Wildecker
Herzbuben, zu denen er inhaltlich ohnehin einige Affinitäten
aufweist, und zwar so lange bis er vollständig von faulen
Tomaten und anderen verdorbenen Lebensmitteln bedeckt ist, ließ
man ihn gewähren. Und das rächt sich heute.
Der Vergleich
mit Dylan scheint bei ihm ein Chaos im Kopf angerichtet zu haben.
Seither jedenfalls produziert er am laufenden Meter schwachsinnige
Texte und vertont sie. Mit seinem neuen Album »Rückenwind«
und dem Buch »Vorschuss statt Lorbeeren«, in dem
seine lyrischen Eingebungen nochmals nachzulesen sind, hat er
wieder Zeugnis von der hohen Kunst abgelegt, Texte zu verzapfen,
»die ich selbst nicht ganz genau verstehe. Da kann ich
selbst nur Andeutungen machen, was sie vielleicht bedeuten könnten.«
Und weiter belehrt uns der ehemalige Oberlehrer, der als solcher
eine echte Fehlbesetzung gewesen sein muss: »Mein Anliegen
ist, Geschichten mit einem offenen Schluss zu erzählen,
damit sich die Leute« – na was wohl? Genau –
»ihre eigenen Gedanken machen können«, als
ob sich die Leute etwas anderes machen könnten, als eigene
Gedanken, eine besonders dämliche Phrase, die immer dann
ins Spiel gebracht wird, wenn der Phraseur damit ausdrücken
will, dass das Publikum gefälligst seiner Meinung sein
sollte.
Kunzes Gedanken
hingegen sind oft verschlungen und rätselhaft. »Ich
bin spurlos verbunden / mit dem Defizit-Mann«, dichtet
er einmal in einem Lied mit dem Titel: »Es ist nicht wie
du denkst.« Wenn man Lust hat, kann man sicher lange darüber
brüten, wenn man wüsste, wozu das gut sein soll. Oft
ist Kunze auf sich selbst nicht gut zu sprechen, wobei er vor
allem seine höchst privaten sexuellen Obsessionen und Selbstbezichtigungen
für mitteilenswert hält: »Ich bin der Mann /
der den ganzen Tag sein Glied festhält«, schreibt
und singt er einmal. Aber warum tut er das? »Das ist doch
was / das spricht sich herum / alle sagen schau mal / das ist
der Mann der den ganzen Tag / sein Glied festhält.«
Und man begreift, für ein bisschen Aufmerksamkeit, und
zwar egal welche, tut dieser Mann alles.
Auch sonst
wundert man sich über den wunderlichen Mann, der es für
eine »Liebeserklärung« hält, wenn er seiner
Angebeteten sagt, »Ich möchte dir nicht tief in die
Augen schauen, sondern in den Slip ... ich möchte dich
nicht lieben, sondern ficken«, der »Hallo Deutschland«
ruft und enttäuscht ist, weil »keiner ran geht«,
der findet, »am schönsten ist es immer noch zu Haus«,
der »westliche Werte« »mit der Lupe«
sucht, aus unerfindlichen Gründen in »Stahlbeton
beißt«, »russischen Prinzessinnen die Fußnägel«
kaut, der der Öffentlichkeit frohgemut die Botschaft verkündet:
»Ich stinke aus dem Mund / ich stinke unter den Achseln
/ ich stinke im Schritt / ich stinke zum Himmel«, und
sich anschließend fragt: »Hört mir überhaupt
noch irgendjemand zu«? Keine Ahnung, würde mich aber
wundern, denn so genau möchte man das gar nicht wissen,
wo Kunze überall streng riecht. Vielleicht hilft ja ein
Hygieneberater, auf jeden Fall aber ein Arzt. Der könnte
ihn dann vielleicht auch über ein Missverständnis
aufklären, denn es ist keineswegs so, wie Kunze zu glauben
scheint, wenn er dichtet: »Wenn man mich nicht erfunden
hätte / dann müsste es mich geben.« Ein Grund
für diese Annahme ist jedenfalls auch nicht mit Kunzes
Lupe zu entdecken. Schon gar nicht in seinem Gedicht über
den »Elften September«, in dem er behauptet: »In
jedem von uns / schlummert die Bombe«.
In mir nicht.
Das wüsste ich. Und wenn in Kunze eine schlummert, warum
ist er dann noch nicht explodiert? Höchste Zeit wäre
es ja. Weiß vielleicht jemand, wo sich der Zünder
befindet?
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