| Wecker,
Konstantin – Konstantin Wecker geht es »um
nichts weniger als um unser aller gemeinsame Zukunft auf diesem
Planeten.« Drunter macht er es nicht, und das ist ein
echtes Problem, weil Leute, die von einer solchen Mission durchdrungen
sind, in der Regel große Nervensägen sind. Und genau
als eine solche hat Wecker wieder auf sich aufmerksam gemacht,
indem er sich vom ND-Redakteur Hans-Dieter Schütt zu einem
Buch hat überreden lassen. Schütt hat es dann selber
zusammengeschustert und den Leser in einem Vorwort auf einen
interessanten Gedanken aufmerksam gemacht: »Das Heutige
fußt auf Vergangenem; was ... geäußert wurde,
schiebt sich als gedankliche Ader durchs Gestein der laufenden
Zeit.« Wer einen solchen Schwurbler zum Freund hat, braucht
sich um seine Feinde keine Sorgen zu machen.
Das Buch
»Tobe, zürne, misch dich ein!« enthält
schon im grauenhaften Titel rekordverdächtige drei orientierungslose
Befehle und außerdem einen grammatikalischen Fehler, weil
man nicht einfach vor sich hinzürnt, sondern »zürnen«
immer nach einem Objekt verlangt. Und von jemandem zu verlangen
»Ey tobe!« ist ebenfalls ein etwas eigenartiger
Einfall. Der Titel hört sich nicht so an, als ob er einen
vernünftigen Inhalt berge, sondern vielmehr wie ein Ratgeber
für Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden. Aber
das ist nicht das einzige merkwürdige an diesem Buch, es
versammelt laut Wecker auch Texte, die nicht zur Veröffentlichung
bestimmt waren, jedoch keinen Hinweis darauf, warum sie dennoch
abgedruckt wurden. Es wäre in der Tat besser gewesen, wenn
Wecker seine als »Widerreden und Fürsprachen«
bezeichneten Tagebuchnotizen für sich behalten hätte.
Aber so wenig Wecker seinen eigenen guten Rat befolgt, genauso
ignoriert er auch den Tipp »guter Freunde«, »mein
Pathos zu zügeln«, denn Wecker mag es gern dick,
fett und schmalzig, und moralisches Wedeln und Aufplustern ist
sein Metier. Als bekennungssüchtiger Gutmensch gehört
Wecker eigentlich einer Gattung an, die man unter Naturschutz
stellen und in Ruhe lassen sollte, aber Wecker beweihräuchert
sich selber derart aufdringlich mit seiner korrekten moralischen
Gesinnung, dass man – übersetzt in die Weckersche
Schaumsprache – nicht länger schweigen darf, denn
sonst machte man sich mitschuldig am Elend dieser Welt.
Anfang Januar
2003 reiste Wecker in den Irak, nicht ohne den Leser die Unmenschlichkeit
zu ersparen, die ihm dieses Engagement abverlangt hat: »Meine
Söhne haben so lange darauf gewartet. ›Jetzt kannst
du ja gar keinen Schneemann mit uns bauen.‹« Und
mit öliger Sensibilität stellt er sich eine Frage,
die seine angebliche Pein an eine möglichst große
Glocke hängen soll: »Wie viel Zeit darf ich meinen
Kindern nehmen, um diese Zeit fremden Kindern zu schenken?«
Mit dieser Grübelei im Gepäck und mit Friedensgruppen
aus aller Welt will Wecker in Bagdad »ein Zeichen setzen«,
und er schwört, »gegen diesen Krieg aufzustehen«,
eine Übung, von der man nicht behaupten kann, dass sie
einem Großes abverlangt.
In Bagdad
fahren Wecker und seine Freunde mit einem Regierungsbus »am
Tigris entlang, vorbei an prächtigen Villen. Ich frage
unseren Fahrer, wie es sein kann, dass es in diesen Zeiten,
in diesem armen Land Leute so reich sind.« Eine überraschende,
ja geradezu investigative, wenn nicht sogar schonungslos banale
Frage. Der Fahrer ȟberlegt lange und antwortet mit
einem viel sagenden Lächeln: ›That is a very difficult
question!‹« Aha. Grandiose Antwort, findet Wecker
und meint: »Man muss zwischen den Zeilen lesen, wenn man
die Stimmung über Saddam Hussein herausfinden will.«
Zwischen welchen Zeilen? Wie viele Zeilen hat wohl der Satz
»That is a very difficult question?« Um zwei zusammenzukriegen
muss man schon eine üppige Blindenschrift nehmen.
»Unmittelbar
nach der Reise war ich kaum fähig, einen Morgen meditativ
zu beginnen«, klagt Wecker später und schwärmt
für das einfache Leben in Bagdad: »Wir hier im Westen
sind doch hoffnungslos überladen mit Unwichtigem –
in Bagdad dagegen sah ich Leben, konzentriert aufs Wichtigste.
... Als ich wieder hier war, sehnte ich mich geradewegs zurück
nach Bagdad.« Und warum? »In Bagdad herrscht Handyverbot.
Es gibt kein Fernsehen ... also sucht Irak auch nicht den Superstar.
Und: Auf den Straßen wird man nicht von Werbung erschlagen.«
In Bagdad ist das Leben schön und es gibt keinen »Terrorismus
der Konsumwelt«. Wecker weint. »Hoffnungslos überladen
mit Unwichtigem« sitzt er in seinem Münchner Arbeitszimmer
und bekommt »den Gedanken nicht aus dem Kopf, wir hier
und jetzt in Deutschland, in meiner Heimatstadt München,
würden schon bald medial mit Krieg und Elend, Hunger und
Tod überzogen werden, mit all den Scheußlichkeiten,
all der zerstörerischen und mörderischen Energie,
die dem Krieg nun mal innewohnt.« Das ist natürlich
schlimmschlimm, aber auch ein bisschen eigenartig, wenn das
die Sorgen sind, die sich Wecker macht und die doch eher luxuriös
sind gegenüber dem tatsächlichen Krieg und dem tatsächlichen
Elend. Wecker aber ist erschüttert über einen doppelten
Konjunktiv: »Was wäre, stünden wir selber kurz
vor einer Bombardierung?« Tun wir aber nicht, was Wecker
aber nicht davon abhält, aus einer von ihm insinuierten
Kriegssituation in Deutschland moralisch Honig zu saugen. Und
wieder müssen seine armen Kinder dafür herhalten:
»Würde ich noch eine Sekunde meine Kinder aus dem
Arm lassen?« Tja, das sind so weltbewegende Fragen, auf
die sich umso genussvoller herumkauen lässt, je weniger
es dazu einen Anlass gibt.
Seit sieben
Jahren schon meditiert Wecker und sucht »den Weg zum Selbst«,
und man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn
Wecker seinen Restverstand verkokst hätte, statt meditativ
und rhetorisch Kindesmissbrauch zu begehen: »Heute hat
mir mein Sohn Valentin ein kostbares Geschenk gemacht: ›Papa,
ich hab dich so lieb, ich möchte, dass du nie stirbst.
Und ich möchte, dass alle Menschen so aussehen wie du...‹.«
Nein, bitte nicht! Was für eine Horrorvorstellung: Überall
blickt dich Konstantin Wecker an! Das wäre glatt ein Grund,
die Amerikaner herbeizusehnen, damit sie dem Spuk ein Ende bereiteten,
von mir aus auch ohne UNO-Mandat.
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