Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Konstantin Wecker

Von Klaus Bittermann

Wecker, Konstantin – Konstantin Wecker geht es »um nichts weniger als um unser aller gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten.« Drunter macht er es nicht, und das ist ein echtes Problem, weil Leute, die von einer solchen Mission durchdrungen sind, in der Regel große Nervensägen sind. Und genau als eine solche hat Wecker wieder auf sich aufmerksam gemacht, indem er sich vom ND-Redakteur Hans-Dieter Schütt zu einem Buch hat überreden lassen. Schütt hat es dann selber zusammengeschustert und den Leser in einem Vorwort auf einen interessanten Gedanken aufmerksam gemacht: »Das Heutige fußt auf Vergangenem; was ... geäußert wurde, schiebt sich als gedankliche Ader durchs Gestein der laufenden Zeit.« Wer einen solchen Schwurbler zum Freund hat, braucht sich um seine Feinde keine Sorgen zu machen.

Das Buch »Tobe, zürne, misch dich ein!« enthält schon im grauenhaften Titel rekordverdächtige drei orientierungslose Befehle und außerdem einen grammatikalischen Fehler, weil man nicht einfach vor sich hinzürnt, sondern »zürnen« immer nach einem Objekt verlangt. Und von jemandem zu verlangen »Ey tobe!« ist ebenfalls ein etwas eigenartiger Einfall. Der Titel hört sich nicht so an, als ob er einen vernünftigen Inhalt berge, sondern vielmehr wie ein Ratgeber für Menschen, die unter dem Tourette-Syndrom leiden. Aber das ist nicht das einzige merkwürdige an diesem Buch, es versammelt laut Wecker auch Texte, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, jedoch keinen Hinweis darauf, warum sie dennoch abgedruckt wurden. Es wäre in der Tat besser gewesen, wenn Wecker seine als »Widerreden und Fürsprachen« bezeichneten Tagebuchnotizen für sich behalten hätte. Aber so wenig Wecker seinen eigenen guten Rat befolgt, genauso ignoriert er auch den Tipp »guter Freunde«, »mein Pathos zu zügeln«, denn Wecker mag es gern dick, fett und schmalzig, und moralisches Wedeln und Aufplustern ist sein Metier. Als bekennungssüchtiger Gutmensch gehört Wecker eigentlich einer Gattung an, die man unter Naturschutz stellen und in Ruhe lassen sollte, aber Wecker beweihräuchert sich selber derart aufdringlich mit seiner korrekten moralischen Gesinnung, dass man – übersetzt in die Weckersche Schaumsprache – nicht länger schweigen darf, denn sonst machte man sich mitschuldig am Elend dieser Welt.

Anfang Januar 2003 reiste Wecker in den Irak, nicht ohne den Leser die Unmenschlichkeit zu ersparen, die ihm dieses Engagement abverlangt hat: »Meine Söhne haben so lange darauf gewartet. ›Jetzt kannst du ja gar keinen Schneemann mit uns bauen.‹« Und mit öliger Sensibilität stellt er sich eine Frage, die seine angebliche Pein an eine möglichst große Glocke hängen soll: »Wie viel Zeit darf ich meinen Kindern nehmen, um diese Zeit fremden Kindern zu schenken?« Mit dieser Grübelei im Gepäck und mit Friedensgruppen aus aller Welt will Wecker in Bagdad »ein Zeichen setzen«, und er schwört, »gegen diesen Krieg aufzustehen«, eine Übung, von der man nicht behaupten kann, dass sie einem Großes abverlangt.

In Bagdad fahren Wecker und seine Freunde mit einem Regierungsbus »am Tigris entlang, vorbei an prächtigen Villen. Ich frage unseren Fahrer, wie es sein kann, dass es in diesen Zeiten, in diesem armen Land Leute so reich sind.« Eine überraschende, ja geradezu investigative, wenn nicht sogar schonungslos banale Frage. Der Fahrer »überlegt lange und antwortet mit einem viel sagenden Lächeln: ›That is a very difficult question!‹« Aha. Grandiose Antwort, findet Wecker und meint: »Man muss zwischen den Zeilen lesen, wenn man die Stimmung über Saddam Hussein herausfinden will.« Zwischen welchen Zeilen? Wie viele Zeilen hat wohl der Satz »That is a very difficult question?« Um zwei zusammenzukriegen muss man schon eine üppige Blindenschrift nehmen.

»Unmittelbar nach der Reise war ich kaum fähig, einen Morgen meditativ zu beginnen«, klagt Wecker später und schwärmt für das einfache Leben in Bagdad: »Wir hier im Westen sind doch hoffnungslos überladen mit Unwichtigem – in Bagdad dagegen sah ich Leben, konzentriert aufs Wichtigste. ... Als ich wieder hier war, sehnte ich mich geradewegs zurück nach Bagdad.« Und warum? »In Bagdad herrscht Handyverbot. Es gibt kein Fernsehen ... also sucht Irak auch nicht den Superstar. Und: Auf den Straßen wird man nicht von Werbung erschlagen.« In Bagdad ist das Leben schön und es gibt keinen »Terrorismus der Konsumwelt«. Wecker weint. »Hoffnungslos überladen mit Unwichtigem« sitzt er in seinem Münchner Arbeitszimmer und bekommt »den Gedanken nicht aus dem Kopf, wir hier und jetzt in Deutschland, in meiner Heimatstadt München, würden schon bald medial mit Krieg und Elend, Hunger und Tod überzogen werden, mit all den Scheußlichkeiten, all der zerstörerischen und mörderischen Energie, die dem Krieg nun mal innewohnt.« Das ist natürlich schlimmschlimm, aber auch ein bisschen eigenartig, wenn das die Sorgen sind, die sich Wecker macht und die doch eher luxuriös sind gegenüber dem tatsächlichen Krieg und dem tatsächlichen Elend. Wecker aber ist erschüttert über einen doppelten Konjunktiv: »Was wäre, stünden wir selber kurz vor einer Bombardierung?« Tun wir aber nicht, was Wecker aber nicht davon abhält, aus einer von ihm insinuierten Kriegssituation in Deutschland moralisch Honig zu saugen. Und wieder müssen seine armen Kinder dafür herhalten: »Würde ich noch eine Sekunde meine Kinder aus dem Arm lassen?« Tja, das sind so weltbewegende Fragen, auf die sich umso genussvoller herumkauen lässt, je weniger es dazu einen Anlass gibt.

Seit sieben Jahren schon meditiert Wecker und sucht »den Weg zum Selbst«, und man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Wecker seinen Restverstand verkokst hätte, statt meditativ und rhetorisch Kindesmissbrauch zu begehen: »Heute hat mir mein Sohn Valentin ein kostbares Geschenk gemacht: ›Papa, ich hab dich so lieb, ich möchte, dass du nie stirbst. Und ich möchte, dass alle Menschen so aussehen wie du...‹.« Nein, bitte nicht! Was für eine Horrorvorstellung: Überall blickt dich Konstantin Wecker an! Das wäre glatt ein Grund, die Amerikaner herbeizusehnen, damit sie dem Spuk ein Ende bereiteten, von mir aus auch ohne UNO-Mandat.



 


 

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