| Grass, Günter
– Jetzt ist das neue Buch von Günter Grass erschienen
und man fragt sich ebenso erstaunt wie ratlos: »Wer mag
den Scheiß bloß lesen?« »Letzte Tänze«
heißt er. Behauptet wird, dass es sich um Lyrik handelt.
Das erkennt man daran, daß Zeilen willkürlich umbrochen
werden und der Text sowohl graphisch als auch inhaltlich sehr
gedrechselt und geklöppelt aussieht, d.h. nach Kunstgewerbe.
Reimen tut sich das Zeug in der Regel nicht, und was der Autor
uns z.B. mit folgendem Gedicht sagen will, bleibt im Dunkeln:
»Schwerer als Federnblasen / ist die fleischliche Liebe,
/ es sei denn, beide / erleben sich / gleichzeitig leicht.«
Federnblasen, so klärt die dem Gedicht gegenüberliegende
Zeichnung auf, ebenfalls von Grass angefertigt, bzw. wohl eher
verbrochen, besteht in der Kunst eines Paares, auf dem Boden
gegenüber sitzend zu poppen, und in dieser hinsichtlich
sexueller Befriedigung nicht ganz einfachen Stellung sich darauf
zu konzentrieren, zwei überdimensional große Vogelfedern
blasend in der Luft schweben zu lassen, was ein krampfhaftes
Kopf-in-den-Nacken-Werfen erfordert, wie überhaupt die
Haltung der beiden Figuren zwar sowieso gründlich misslungen
ist, aber vor allem eben einen verkrampften Eindruck hinterlässt.
Da sitzen sich also Mann und Frau ineinander verschlungen gegenüber
und pusten in die Luft. Wer macht denn so was? Oder hat sich
da irgendein Witz versteckt und kommt nicht raus? Was ja höchstwahrscheinlich
auch besser so ist. Oder meint Grass etwa, mit dieser schwerfälligen
Beamten-Lyrik anecken und provozieren zu können, mit diesem
Schuss ins Gagaistische avantgardistisch zu sein? Aber was Grass
als unerhört und gewagt ansieht, hört sich mehr nach
ranzigem Trauerspiel an, denn wer von »fleischlicher Liebe«
dichtet, ist selbst nicht ganz dicht, bzw. dessen Prosa müffelt
stark nach 50er Jahre, als die Flure noch nach Bohnerwachs rochen
und bereits die Erwähnung »fleischlicher Liebe«
schon ein schweres »Huiiiiiihuiiii!« auslösten,
bzw. ein »oh, oh, oh!« Heute lockt das keinen Hund
mehr hinterm Ofen hervor, weshalb Grass‘ Lyrik einen schweren
Hau ins Belanglose hat: wenn Kellner abräumen und »Wir
ahnen, dass demnächst, wenn nicht sogleich, Schluss ist,
hoffen aber auf Zugaben bis zuletzt«, dann hat es keinen
Zweck zu fragen, was uns der Autor damit sagen wollte, es steht
1:1 da, in seiner ganzen banalen Pracht, bei der einem immer
nur einfällt: »Ja und?«, was zugegeben auch
nicht gerade originell ist, aber das einzige, was durch die
Prosa von Grass evoziert wird. Immerhin darf Grass das Verdienst
für sich in Anspruch nehmen, ein steifes korinthenkackerisches
und bedeutungsschwangeres »demnächst, wenn nicht
sogleich« in die deutsche Lyrik eingeführt zu haben.
Auch die typischen
altersbedingten Erotik-Phantasien mag Grass seinem Publikum
nicht ersparen. Unter dem Titel »Ein Wunder« lässt
er seinen Hansel noch einmal Auferstehung feiern: »Soeben
noch schlaff und abgenutzt / Nach soviel Jahren Gebrauch / steht
er / – was Wunder! / Er steht –, / will von dir,
mir und dir bestaunt sein...« Aber mit seinem »Einundalles«
verhält es sich wie mit der Sozialdemokratie, die ein fester
Bestandteil seiner Prosa ist: Es tut sich nichts mehr, aber
man will dennoch bebauchpinselt werden. Auch die Zeichnungen
sehen recht erbärmlich aus, so als wären sie von jemanden,
der es einfach nicht kann, aber hofft, dass die Leute denken:
»Sieht zwar aus wie von meiner Oma, ist aber bestimmt
Kunst.« Die Kunst von Grass kommt von Nicht-Können,
aber damit füllt er locker ein Buch, und wenn es machbar
gewesen wäre, hätte sich Grass darin auch noch als
Töpfer selbstverwirklicht. Im Spiegel outete er sich als
töpfernder Dichter: »Ich kam zeichnend und mit Töpferton
modellierend zu den tanzenden Paaren, und gleichzeitig stellten
sich auch schon die ersten Gedichtzeilen ein.« Und genau
so sieht das ganze dann auch aus, holpernd und stolpernd, uninspiriert
und bräsig, eine einzige Ode auf die Ödnis: »Als
ich des Schiffes Untergang / und den nachhallenden Schrei /
zum Buch verkürzt hatte, / wollte ich etwas Heiteres /
zum Gegenstand meiner Laune machen / und begann aus Töpferton...«
Eine derart zähe
Mitteilungsprosa zusammen mit diesen dilettantischen Zeichnungen
ist für jeden, der schöne Reime und leichte Lyrik
liebt, niederschmetternd. Sie wird nicht besser dadurch, daß
sie von Günter Grass stammt, und dennoch fühlte sich
der Spiegel berufen, vier Seiten als kostenlose Werbung frei
zu räumen. Das ist nett vom Spiegel, dass er armen, minderbemittelten
Literaturnobelpreisträgern so unter die Arme greift. Auf
der anderen Seite tragen die sozialen Einrichtungen wie Spiegel,
Stern, FAZ, ARD, ZDF usw. dazu bei, dass auch weiterhin das
Mittelmaß regiert und Grass mit seiner sozialdemokratischen
Prosa um sich herum alles platt macht und allen den Platz wegnimmt,
die im Gegensatz zu ihm literarisch begabt sind. Und wenn ihm
nicht restlos alle zu Füßen liegen, ist Grass beleidigt,
schmollt und geriert sich als totgeschwiegener, verfolgter und
verfemter Dichter, der in seiner Heimat nichts gilt. Schön
wäre es ja, leider aber ist das Gegenteil der Fall.
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