Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Günter Grass

Von Klaus Bittermann

Grass, Günter – Jetzt ist das neue Buch von Günter Grass erschienen und man fragt sich ebenso erstaunt wie ratlos: »Wer mag den Scheiß bloß lesen?« »Letzte Tänze« heißt er. Behauptet wird, dass es sich um Lyrik handelt. Das erkennt man daran, daß Zeilen willkürlich umbrochen werden und der Text sowohl graphisch als auch inhaltlich sehr gedrechselt und geklöppelt aussieht, d.h. nach Kunstgewerbe. Reimen tut sich das Zeug in der Regel nicht, und was der Autor uns z.B. mit folgendem Gedicht sagen will, bleibt im Dunkeln: »Schwerer als Federnblasen / ist die fleischliche Liebe, / es sei denn, beide / erleben sich / gleichzeitig leicht.« Federnblasen, so klärt die dem Gedicht gegenüberliegende Zeichnung auf, ebenfalls von Grass angefertigt, bzw. wohl eher verbrochen, besteht in der Kunst eines Paares, auf dem Boden gegenüber sitzend zu poppen, und in dieser hinsichtlich sexueller Befriedigung nicht ganz einfachen Stellung sich darauf zu konzentrieren, zwei überdimensional große Vogelfedern blasend in der Luft schweben zu lassen, was ein krampfhaftes Kopf-in-den-Nacken-Werfen erfordert, wie überhaupt die Haltung der beiden Figuren zwar sowieso gründlich misslungen ist, aber vor allem eben einen verkrampften Eindruck hinterlässt. Da sitzen sich also Mann und Frau ineinander verschlungen gegenüber und pusten in die Luft. Wer macht denn so was? Oder hat sich da irgendein Witz versteckt und kommt nicht raus? Was ja höchstwahrscheinlich auch besser so ist. Oder meint Grass etwa, mit dieser schwerfälligen Beamten-Lyrik anecken und provozieren zu können, mit diesem Schuss ins Gagaistische avantgardistisch zu sein? Aber was Grass als unerhört und gewagt ansieht, hört sich mehr nach ranzigem Trauerspiel an, denn wer von »fleischlicher Liebe« dichtet, ist selbst nicht ganz dicht, bzw. dessen Prosa müffelt stark nach 50er Jahre, als die Flure noch nach Bohnerwachs rochen und bereits die Erwähnung »fleischlicher Liebe« schon ein schweres »Huiiiiiihuiiii!« auslösten, bzw. ein »oh, oh, oh!« Heute lockt das keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor, weshalb Grass‘ Lyrik einen schweren Hau ins Belanglose hat: wenn Kellner abräumen und »Wir ahnen, dass demnächst, wenn nicht sogleich, Schluss ist, hoffen aber auf Zugaben bis zuletzt«, dann hat es keinen Zweck zu fragen, was uns der Autor damit sagen wollte, es steht 1:1 da, in seiner ganzen banalen Pracht, bei der einem immer nur einfällt: »Ja und?«, was zugegeben auch nicht gerade originell ist, aber das einzige, was durch die Prosa von Grass evoziert wird. Immerhin darf Grass das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, ein steifes korinthenkackerisches und bedeutungsschwangeres »demnächst, wenn nicht sogleich« in die deutsche Lyrik eingeführt zu haben.

Auch die typischen altersbedingten Erotik-Phantasien mag Grass seinem Publikum nicht ersparen. Unter dem Titel »Ein Wunder« lässt er seinen Hansel noch einmal Auferstehung feiern: »Soeben noch schlaff und abgenutzt / Nach soviel Jahren Gebrauch / steht er / – was Wunder! / Er steht –, / will von dir, mir und dir bestaunt sein...« Aber mit seinem »Einundalles« verhält es sich wie mit der Sozialdemokratie, die ein fester Bestandteil seiner Prosa ist: Es tut sich nichts mehr, aber man will dennoch bebauchpinselt werden. Auch die Zeichnungen sehen recht erbärmlich aus, so als wären sie von jemanden, der es einfach nicht kann, aber hofft, dass die Leute denken: »Sieht zwar aus wie von meiner Oma, ist aber bestimmt Kunst.« Die Kunst von Grass kommt von Nicht-Können, aber damit füllt er locker ein Buch, und wenn es machbar gewesen wäre, hätte sich Grass darin auch noch als Töpfer selbstverwirklicht. Im Spiegel outete er sich als töpfernder Dichter: »Ich kam zeichnend und mit Töpferton modellierend zu den tanzenden Paaren, und gleichzeitig stellten sich auch schon die ersten Gedichtzeilen ein.« Und genau so sieht das ganze dann auch aus, holpernd und stolpernd, uninspiriert und bräsig, eine einzige Ode auf die Ödnis: »Als ich des Schiffes Untergang / und den nachhallenden Schrei / zum Buch verkürzt hatte, / wollte ich etwas Heiteres / zum Gegenstand meiner Laune machen / und begann aus Töpferton...«

Eine derart zähe Mitteilungsprosa zusammen mit diesen dilettantischen Zeichnungen ist für jeden, der schöne Reime und leichte Lyrik liebt, niederschmetternd. Sie wird nicht besser dadurch, daß sie von Günter Grass stammt, und dennoch fühlte sich der Spiegel berufen, vier Seiten als kostenlose Werbung frei zu räumen. Das ist nett vom Spiegel, dass er armen, minderbemittelten Literaturnobelpreisträgern so unter die Arme greift. Auf der anderen Seite tragen die sozialen Einrichtungen wie Spiegel, Stern, FAZ, ARD, ZDF usw. dazu bei, dass auch weiterhin das Mittelmaß regiert und Grass mit seiner sozialdemokratischen Prosa um sich herum alles platt macht und allen den Platz wegnimmt, die im Gegensatz zu ihm literarisch begabt sind. Und wenn ihm nicht restlos alle zu Füßen liegen, ist Grass beleidigt, schmollt und geriert sich als totgeschwiegener, verfolgter und verfemter Dichter, der in seiner Heimat nichts gilt. Schön wäre es ja, leider aber ist das Gegenteil der Fall.

 


 

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