Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Gregor Gysi

Von Klaus Bittermann

Gysi, Gregor – »Es ist entsetzlich, was Menschen anderen Menschen antun können«, entsetzt sich Gregor Gysi in seinem neuen Buch, und zeigt in selbigem auch gleich, wie man das am besten macht. Die Foltertechnik, die Gysi dabei anwendet, heißt Ödnis zum Quadrat per gähnkrampfigem Politikersprech, selten jedenfalls kostet es einem eine größere Überwindung, sich durch das zähe Material zu wühlen, bevor man dann doch seelisch zermürbt die Segel streicht. »Was nun?« lautet der neue Meilenstein, mit dem ihm ein großer Wurf in der Disziplin der Belanglosigkeit und in Anspielung auf Lenins berühmten Titel quasi dessen Labertütenvariante gelungen ist, denn es geht laut Untertitel um »Deutschlands Zustand und meinen eigenen«, und das ist nicht gelogen und auch nicht ironisch gemeint.

Gut, es ist nicht so, dass Gysi seine Leser nicht gewarnt hätte, denn gleich in der Vorbemerkung lässt er durchblicken, was er seinen Lesern anzutun in der Lage ist: »Und natürlich ist auch dieses Buch wieder ein sehr persönliches, denn meine konkreten Begegnungen mit Menschen, meine eigenen Erlebnisse werden nicht nur geschildert, sondern liegen meinen Erfahrungen und Ansichten zugrunde.« Nun kann man sich zwar darüber streiten, was unter einem »persönlichen Buch« zu verstehen ist, sicher ist jedenfalls, dass Gysi zu jenen gehört, bei denen es eine Zumutung ist, wenn sie ich sagen, was Gysi in seinem Buch auf einer Seite ungefähr zehnmal tut, was hochgerechnet auf 250 Seiten 2500 aufdringliche Ichs ergibt. Interessant aber ist vor allem, dass Gysi »konkrete Begegnungen mit Menschen« hat und sogar »eigene Erlebnisse«, wo doch jeder normale Mensch nur unkonkrete Begegnungen mit Menschen hat und schon gar keine eigenen Erlebnisse, und dass diese schon an sich recht ungewöhnlichen »konkreten Begegnungen« und »eigenen Erlebnisse« seinen »Erfahrungen und Ansichten« zugrunde liegen. Dieser Vorgang des Zugrundeliegens von »konkreten Begegnungen« und »eigenen Erlebnissen« auf »meinen Erfahrungen und Ansichten« ist recht geheimnisvoll, und es wäre interessant gewesen, darüber näheres zu erfahren, aber vermutlich handelt es sich lediglich um eine zeitgemäße Variante einer Erkenntnis, die früher Politiker in Petto hatten, für den Fall, dass sie mal nicht weiter wussten, und der zufolge die Basis die Grundlage des Fundaments darstellte.

Zunächst erfährt man, dass Gysi 1990, als er übrigens »aus dem Amt als Fraktionsvorsitzender der PDS im Bundestag ausgeschieden war«, »tatsächlich mehr Zeit für meine Frau und meine Tochter« hatte, offensichtlich in der Annahme, ein kollektiver Seufzer der Erleichterung würde durch die Schar seiner Leser gehen. Aber dann erschien sein letztes Buch, welches übrigens »in einer Pressekonferenz vom ehemaligen SDP-Vorsitzenden Oskar Lafontaine vorgestellt worden war«, und »dahin war die Zeit für die Familie«, denn jetzt begab sich Gysi auf Lesereise, wobei seine Veranstaltungen übrigens immer »gut besucht, das Publikum höchst interessiert« war. Übrigens: »Nicht selten kamen sogar die CSU- oder CDU-Bürgermeister dieser Städte zu den Lesungen.«

Dieses hohe Niveau der Belanglosigkeit verlässt Gysi auf keiner Seite seines Buches, er unterstreicht es hingegen mit raffinierten stilistischen Mitteln. »Im oben geschilderten Sinne«, aber auch »der Umstand, dass« wird immer wieder gerne genommen, er verwendet ungewöhnliche Konjunktive wie »begänge«, stochert gerne im Ungefähren des »irgendwie« herum, findet Michel Friedmans Herangehensweise »irgendwie unhuman«, »irgendwie einen Draht« hingegen findet er zu Frank Steffel, der ihm »irgendwie leid« tut, er tritt selbstverständlich und zwar grundsätzlich, wer hätte das gedacht, »für einen sachlichen Umgang miteinander« ein, er erweist sich als Meister von Bäckerblumenweisheiten (»Bewährungszeit heißt nun mal Bewährungszeit«) und streut ebenso überraschende wie lustige »aber« in seine Sätze: »Er war immer bestrebt, sich mit der PDS politisch und sachlich auseinander zu setzen, sie aber nicht blind zu diffamieren.« Ein Mann ganz wie Gysi selbst: Sachlich, aber nicht unsachlich. Gerecht, aber nicht ungerecht. Zuverlässig, aber nicht unzuverlässig. Korrekt, aber nicht unkorrekt. Human, aber nicht inhuman. Fleißig, aber nicht faul.

In diesem Jargon der Belanglosigkeit tritt der sowieso recht dürftige Inhalt vollständig hinter seiner Mitteilungs- und Selbstdarstellungssucht zurück. Die müssen nicht grundsätzlich schlecht sein, solange man etwas zu erzählen hat und in der Lage ist, das auch einigermaßen interessant zu tun. Gysi jedoch käut nur gut abgehangene Meinungen und gutmenschliche Absichten wieder, geht jedem halbwegs originellen Gedanken aus dem Weg, und das alles konsequent bräsig und in einem Stil, der das Odeur eingeschlafener Füße verströmt.

Als Gysi, der außerdem »deeskalierend« wirkt, bei »irgendeinem« Konflikt zwischen Staatsgewalt und Demonstranten als selbsternannter Deeskalator, bzw. Deeskalierer gerufen wird, weil angeblich »die Demonstrantinnen und Demonstranten Hoffnungen« auf den tollen Gysi setzten, weshalb er sich »irgendetwas einfallen« lassen musste, »stellte ich mich auf das Dach (eines Autos) und brüllte, so laut ich konnte, um mich verständlich zu machen.« Und so ergeht es einem auch mit seinem Buch. Ständig brüllt einem Gysi seine politische Verlautbarungsprosa ins Ohr, sein Blabla bohrt sich ins Gehirn und sorgt für partielle Lähmungserscheinungen. Kein Wunder, dass es bei »oben genannter Veranstaltung« »nicht die geringste Gewaltanwendung« gegeben hat, aber auch andere Spuren menschlichen Lebens waren anschließend restlos verschwunden.

 


 

copyright (c) 2003
E-Mail: live@live-magazin.de
Webmaster: spaceXmedia.com