| Gysi,
Gregor – »Es ist entsetzlich, was Menschen
anderen Menschen antun können«, entsetzt sich Gregor
Gysi in seinem neuen Buch, und zeigt in selbigem auch gleich,
wie man das am besten macht. Die Foltertechnik, die Gysi dabei
anwendet, heißt Ödnis zum Quadrat per gähnkrampfigem
Politikersprech, selten jedenfalls kostet es einem eine größere
Überwindung, sich durch das zähe Material zu wühlen,
bevor man dann doch seelisch zermürbt die Segel streicht.
»Was nun?« lautet der neue Meilenstein, mit dem
ihm ein großer Wurf in der Disziplin der Belanglosigkeit
und in Anspielung auf Lenins berühmten Titel quasi dessen
Labertütenvariante gelungen ist, denn es geht laut Untertitel
um »Deutschlands Zustand und meinen eigenen«, und
das ist nicht gelogen und auch nicht ironisch gemeint.
Gut, es
ist nicht so, dass Gysi seine Leser nicht gewarnt hätte,
denn gleich in der Vorbemerkung lässt er durchblicken,
was er seinen Lesern anzutun in der Lage ist: »Und natürlich
ist auch dieses Buch wieder ein sehr persönliches, denn
meine konkreten Begegnungen mit Menschen, meine eigenen Erlebnisse
werden nicht nur geschildert, sondern liegen meinen Erfahrungen
und Ansichten zugrunde.« Nun kann man sich zwar darüber
streiten, was unter einem »persönlichen Buch«
zu verstehen ist, sicher ist jedenfalls, dass Gysi zu jenen
gehört, bei denen es eine Zumutung ist, wenn sie ich sagen,
was Gysi in seinem Buch auf einer Seite ungefähr zehnmal
tut, was hochgerechnet auf 250 Seiten 2500 aufdringliche Ichs
ergibt. Interessant aber ist vor allem, dass Gysi »konkrete
Begegnungen mit Menschen« hat und sogar »eigene
Erlebnisse«, wo doch jeder normale Mensch nur unkonkrete
Begegnungen mit Menschen hat und schon gar keine eigenen Erlebnisse,
und dass diese schon an sich recht ungewöhnlichen »konkreten
Begegnungen« und »eigenen Erlebnisse« seinen
»Erfahrungen und Ansichten« zugrunde liegen. Dieser
Vorgang des Zugrundeliegens von »konkreten Begegnungen«
und »eigenen Erlebnissen« auf »meinen Erfahrungen
und Ansichten« ist recht geheimnisvoll, und es wäre
interessant gewesen, darüber näheres zu erfahren,
aber vermutlich handelt es sich lediglich um eine zeitgemäße
Variante einer Erkenntnis, die früher Politiker in Petto
hatten, für den Fall, dass sie mal nicht weiter wussten,
und der zufolge die Basis die Grundlage des Fundaments darstellte.
Zunächst
erfährt man, dass Gysi 1990, als er übrigens »aus
dem Amt als Fraktionsvorsitzender der PDS im Bundestag ausgeschieden
war«, »tatsächlich mehr Zeit für meine
Frau und meine Tochter« hatte, offensichtlich in der Annahme,
ein kollektiver Seufzer der Erleichterung würde durch die
Schar seiner Leser gehen. Aber dann erschien sein letztes Buch,
welches übrigens »in einer Pressekonferenz vom ehemaligen
SDP-Vorsitzenden Oskar Lafontaine vorgestellt worden war«,
und »dahin war die Zeit für die Familie«, denn
jetzt begab sich Gysi auf Lesereise, wobei seine Veranstaltungen
übrigens immer »gut besucht, das Publikum höchst
interessiert« war. Übrigens: »Nicht selten
kamen sogar die CSU- oder CDU-Bürgermeister dieser Städte
zu den Lesungen.«
Dieses hohe
Niveau der Belanglosigkeit verlässt Gysi auf keiner Seite
seines Buches, er unterstreicht es hingegen mit raffinierten
stilistischen Mitteln. »Im oben geschilderten Sinne«,
aber auch »der Umstand, dass« wird immer wieder
gerne genommen, er verwendet ungewöhnliche Konjunktive
wie »begänge«, stochert gerne im Ungefähren
des »irgendwie« herum, findet Michel Friedmans Herangehensweise
»irgendwie unhuman«, »irgendwie einen Draht«
hingegen findet er zu Frank Steffel, der ihm »irgendwie
leid« tut, er tritt selbstverständlich und zwar grundsätzlich,
wer hätte das gedacht, »für einen sachlichen
Umgang miteinander« ein, er erweist sich als Meister von
Bäckerblumenweisheiten (»Bewährungszeit heißt
nun mal Bewährungszeit«) und streut ebenso überraschende
wie lustige »aber« in seine Sätze: »Er
war immer bestrebt, sich mit der PDS politisch und sachlich
auseinander zu setzen, sie aber nicht blind zu diffamieren.«
Ein Mann ganz wie Gysi selbst: Sachlich, aber nicht unsachlich.
Gerecht, aber nicht ungerecht. Zuverlässig, aber nicht
unzuverlässig. Korrekt, aber nicht unkorrekt. Human, aber
nicht inhuman. Fleißig, aber nicht faul.
In diesem
Jargon der Belanglosigkeit tritt der sowieso recht dürftige
Inhalt vollständig hinter seiner Mitteilungs- und Selbstdarstellungssucht
zurück. Die müssen nicht grundsätzlich schlecht
sein, solange man etwas zu erzählen hat und in der Lage
ist, das auch einigermaßen interessant zu tun. Gysi jedoch
käut nur gut abgehangene Meinungen und gutmenschliche Absichten
wieder, geht jedem halbwegs originellen Gedanken aus dem Weg,
und das alles konsequent bräsig und in einem Stil, der
das Odeur eingeschlafener Füße verströmt.
Als Gysi,
der außerdem »deeskalierend« wirkt, bei »irgendeinem«
Konflikt zwischen Staatsgewalt und Demonstranten als selbsternannter
Deeskalator, bzw. Deeskalierer gerufen wird, weil angeblich
»die Demonstrantinnen und Demonstranten Hoffnungen«
auf den tollen Gysi setzten, weshalb er sich »irgendetwas
einfallen« lassen musste, »stellte ich mich auf
das Dach (eines Autos) und brüllte, so laut ich konnte,
um mich verständlich zu machen.« Und so ergeht es
einem auch mit seinem Buch. Ständig brüllt einem Gysi
seine politische Verlautbarungsprosa ins Ohr, sein Blabla bohrt
sich ins Gehirn und sorgt für partielle Lähmungserscheinungen.
Kein Wunder, dass es bei »oben genannter Veranstaltung«
»nicht die geringste Gewaltanwendung« gegeben hat,
aber auch andere Spuren menschlichen Lebens waren anschließend
restlos verschwunden.
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