| Bohlen,
Dieter – Schon wieder der Holzkopf Bohlen, werden
vielleicht einige denken, fällt dem Bittermann denn nix
besseres ein? Ja, denke ich dann zerknirscht zurück, da
haben Sie irgendwie recht. Der hat das nicht verdient, daß
man auch nur einen müden Gedanken an ihn verschwendet,
sagen Sie sich bestimmt, tief in der offenen Wunde bohrend,
weil er der Mann mit dem höchsten Ekligkeitsfaktor ist.
Und ich gebe Ihnen schon wieder recht. Auf der anderen Seite:
Politiker, sagen wir wie Merz, Gysi oder Thierse sind extrem
langweilig, quasi menschgewordene Schlaftabletten. Nur Verlautbarungsprosa,
Gesinnungsjargon, Gutmenschengeschwalle. Daraus nur einen kleinen
Witz herauszupressen ist nicht einfach. In dieser Hinsicht ist
Bohlen eine Fundgrube. Bohlen macht den Mund auf, am nächsten
Tag steht es in Bild, einen Tag später in den seriösen
Blättern, zwei Tage später ist Bohlen dann bei Kerner
oder Beckmann, und das Rad dreht sich. Es nennt sich bürgerliche
Öffentlichkeit, und sie findet Bohlen irgendwie geil, weil
der Erfolg bei den Blöden zum einzigen Kriterium wird,
nach welcher Anerkennung bemessen wird. Dagegen anzuschreiben
ist so sinnlos, wie zwischen CDU und SPD oder zwischen Schill
und Schall zu unterscheiden, und dennoch wird es gemacht. In
aufklärerischer Absicht zu schreiben wäre zudem antiquiert,
weil Phänomene wie Bohlen grundsätzlich selbstentlarvend
funktionieren. Wenn Sie ihm beispielsweise an den Kopf werfen
würden, daß er ein Arschloch sei, dann würde
er antworten, klar, aber ich bin ein Arschloch, das Erfolg hat.
Man kann also nur konstatieren und staunen und sich auf Kosten
Bohlens amüsieren, wenn das überhaupt geht.
Mit Unterstützung
seines Hofberichterstattungsblattes arbeitete Bohlen zuletzt
gezielt darauf hin, den Nachfolgeband seiner schmierseifigen
Denunziationen durch eine einstweilige Verfügung richtig
an den Start zu bringen, weil man selbst bei den größten
Idioten nicht sicher sein konnte, ob sie sich den selben Quatsch
noch mal kaufen würden. Nur als gerichtlich verfolgter
Autor, als der er von Bild in Szene gesetzt wurde, als einer,
der unbequeme Wahrheiten ausspricht und sich den Mund nicht
verbieten lassen will, konnte der gleiche Gammelkäse nochmal
über die Theke gehen. Mit allen Mitteln wollten Bild und
Bohlen den schwarzen Balken, der immer ein Geheimnis zu bergen
verspricht, der sich in diesem Fall jedoch als Gnade erwies,
legte er doch den Schleier über Dinge von grenzenloser
Banalität.
Bohlen ist aber nicht
nur ein gewiefter Taktiker, der es dank seines persönlichen
Avonberaters Bild sogar schafft, gequirlte Scheiße in
großen Mengen und in kleinen Portionen an ganz viele Leute
zu verkaufen, Bohlen ist neben seinen vielfältigen anderen
Berufungen als Wohltäter von Armen und Waisenkindern, Hauptsache-Billig-Werbeschrat
und Supertrottel-Entdecker auch ein echt positiver Typ, vom
dem sich Deutschland noch ein Stück abschneiden kann. Und
wenn seine Ghostwriterin mal gerade nicht aufpaßt, schreibt
er auch selbst, und zwar über – na was wohl?, ja
klar – über sich selbst, aber auch über andere
wichtige Menschen, die er auf dem Bundespresseball getroffen
hat: »Ich hatte eine so tolle Einladung, da konnte ich
gar nicht ablehnen. Ich saß am besten Tisch des Abends,
nämlich an dem von Springer-Vorstandschef Dr. Mathias Döpfner,
Gabel an Gabel mit dem mächtigen Chef der Deutschen Bank,
Josef Ackermann, mit T-Online-Chef Thomas Holtrop, mit Schering-Boß
Hubertus Erlen und Ministerpräsident Edmund Stoiber. Alles
superkompetente Menschen. Und toll auch die Ehefrauen, die haben
sich ganz rührend um mich gekümmert. Der Herr Ackermann
ist übrigens ein sehr smarter und gut aussehender Typ.
Und das hat mich natürlich schon beeindruckt... Wir haben
über die Zins-Entwicklung gesprochen, über Steuern.
Er wollte wissen, warum ich nicht an die Börse gegangen
bin. Seine Frau ist übrigens supernett. Die hat erzählt,
daß sie immer so gern die Superstars guckt. Das freut
mich natürlich auch, so was zu hören. Herr Stoiber
ist gleich auf mich zugekommen: Herr Bohlen, wann ziehen Sie
denn nach Bayern, ich hab so viel von Ihnen gehört. Ich
hätte gar nicht gedacht, daß der so positiv und offen
ist. Und auch Frau Stoiber – sehr, sehr herzlich, muß
ich sagen. Eine Ehre für mich: Johannes Rau hat mich an
seinen Tisch gebeten und mich gefragt, was ich von der Gottschalk-Geschichte
mit der geplanten Rede im Bundestag halte. Ich habe gesagt:
Herr Bundespräsident, ich bin dafür, man sollte da
auch immer etwas flexibler sein. Herr Rau meinte dann aber:
Naja, der Gottschalk hätte ja wenigstens vorher mal fragen
können. Gut, das hätte er vielleicht wirklich tun
sollen. Estefania, die ja bald meine Ehefrau wird, hat sich
total gefreut. Jemand hat fotografiert, wie Herr Rau ihr die
Hand schüttelt. Ich glaube, das Foto stellt sie auf ihren
Schreibtisch. Sie hat mir gleich gesagt: Mensch, Dieter, welche
24-jährige Frau darf schon dem ersten Mann im Staate die
Hand geben. Joschka Fischer saß auch nebenan. Aber ich
bin da nicht hin. Ich führe an einem Abend ja lieber fünf
tolle Gespräche als 20 oberflächliche. Und an unserem
Tisch war es so interessant, daß ich nicht ein einziges
Mal getanzt habe. Herr Wowereit kam noch zu uns, Herr Westerwelle
lief mir über den Weg. Und alle nicht oberflächlich.
Nicht dieses: Haste mal n Hit huhu. Und gar nicht so steif,
wie ich mir das immer vorgestellt hätte. Vielen Dank für
diesen tollen Abend.«
Gern geschehen, Dieter.
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