| Karasek,
Hellmuth – Der unverwüstliche Wackelpudding
Hellmuth Karasek ist 70 geworden. Da ist, wenngleich mit etwas
Verspätung, ein Geburtstagsständchen fällig,
das hiermit angestimmt wird.
Seit der Wackelpudding
im berühmten Literarischen Quartett Reich-Ranickis die
Erfahrung machte, daß es im Fernsehen unmöglich ist,
sich zu blamieren, ist er kaum noch wegzukriegen aus dem Scheinwerferlicht
der Kamera. Durch sie kann er sich seiner selbst versichern,
sie ist seine Existenzform, welche in leichter Abwandlung zu
Descartes lautet, die Kamera ist auf mich gerichtet, also bin
ich. Er ist ein großer Adabei von geradezu Mooshammerschen
Format, ein wendiger Kulturflummi, dem niemand so leicht das
Wasser reichen kann.
Karasek hat nicht
nur in fast allen Talkshows mitrhabarbert, er hat auch schon
selber mal eine als Talkmaster in den Sand gesetzt. Später
wurde ihm von Sabine Christiansen die Moderation von »Christiansen«,
der öden »Politiker schwadronieren über Politik«-Sendung,
vor der Schnapsnase weggeschnappt, die dann bestimmt »Karasek«
geheißen hätte, was ein viel besserer Name für
diese Sendung gewesen wäre. Irgendein Verantwortlicher
scheint ihn dann aber mit einem Knuddeltierchen aus der Sesamstraße
verwechselt zu haben, der im Abendprogramm nichts zu suchen
hätte. Das war Pech. Vielleicht lag es ja auch daran, dass
der meist etwas derangierte Karasek leichte, aber besorgniserregende
Anzeichen von Dekomposition aufweist. Dies wiederum qualifizierte
ihn für die Teilnahme an »7 Tage 7 Köpfe«,
der Sendung, die nach der Guillotine schreit, aber nach einer
Pilotsendung verbot ihm sein Frau, daran teilzunehmen, was Karasek
heute noch bedauert, denn das wäre sein großer Durchbruch
gewesen. Das Niveau jedenfalls hätte er locker halten können,
wenn nicht sogar unterbieten, wie er aktuell in einer Ratesendung
mit Günter Jauch beweist.
Aber Karasek ist
auch als Schriftsteller tätig, d.h. er schreibt und es
ward ein Buch. Beispielsweise hat er mal eins über das
Handy verfasst, von dem böse Zungen behaupten, es sei in
Wirklichkeit ein etwas in die Breite gegangener Werbetext gewesen.
Und tatsächlich ist man in der Werbebranche hellhörig
geworden, und beeindruckt von diesem Loblied auf »den
drahtlosen Oral-Verkehr« schmeichelte man ihm damit, dass
er entgegen anders lautenden Gerüchten eine geradezu exquisite
graumelierte Glaubwürdigkeit verströme und dass es
großartig wäre, wenn er seine Vertrauen erweckende
Erscheinung für einen guten Zweck einsetzen würde,
und zwar für die Anschaffung des 34 bändigen »Dictionary
of Art«, ein Must, wenn man mitreden will, wo Karasek
mitredet.
In der großen
weiten Medienwelt geht es mitunter blutrünstig zu, zumindest
in der lebhaften Phantasie des Vollblutjournalisten Karasek,
denn obwohl er seit Einführung des Computers nicht mehr
die Möglichkeit hat, sich selber an der spitzen Feder zu
verletzen, die er als Freund der zu Tode gerittenen Metapher
immer gerne führt, weiß er, dass er riskant lebt,
umzingelt von Feinden und »Bisswütigen«, die
nur darauf warten zuzuschlagen, sobald er sich als »Edelfeder«
mit seiner gefährlichen und jederzeit üble Zustände
anprangernden Kritik hervorwagt. In einem Magazin namens Max,
bei dem sich auch bei mehrmaligem Durchblättern nicht erschließt,
warum es das Heft gibt, außer dass es mit seinen als »Medienmix«
und »Kulturmix« beschrifteten Rubriken offensichtlich
als Mixgetränk unter den Zeitschriften reüssieren
will, enthüllte der Enthüllungsjournalist Hellmuth
Karasek die fiesen und blutigen Anschläge auf sich selber.
»Sie wollten mich noch im Vorfeld vernichten, sie wollten
mich, pränatal, abtreiben«, raunt und orakelt Karasek.
Wer macht denn so was? fragte ich mich damals entgeistert. Karasek
vernichten und dann auch noch abtreiben?
Damals ging es um
seinen Enthüllungsroman über den Spiegel »Das
Magazin«, der von den Kollegen in selten gemeiner Einmütigkeit
als »Schülerprosa«, als »abgrundtief
schlecht« und als »verschwiemelt« kritisiert
wurde. In seiner Abrechnung mit den Kritikern des »Magazins«
geigte Karasek seinen Kollegen dann ordentlich die Meinung.
»Selber blöd«, stichelte er kongenial zurück,
und zwar unter seinem Pseudonym Daniel Doppler. Daniel Doppler
heißt der Protagonist seines Romans, ist also so etwas
wie sein alter ego. Diese pfiffige Idee erlaubte es Hellmuth
Karasek, sich selbst in den höchsten Tönen zu loben.
Karasek war, so umschmeichelt Daniel Doppler beispielsweise
seinen Schöpfer, »der schlichten Überzeugung,
er sei der bessere, weil kompetentere Filmkritiker«, und
überhaupt der bessere Journalist, quasi der Karl Kraus
von Berlin, wenn nicht sogar der Udo Walz des gehobenen Journalismus.
Auf diese Weise hat
Karasek seinen Ruf als Wackelpudding und Adabei der Kulturszene
gefestigt. Gar nicht auszudenken, wenn damit einmal Schluss
sein sollte. Es wäre schon ganz schön traurig, wenn
man ihm nicht mehr dabei zusehen könnte, wie er in allen
möglichen Talkrunden jeder im Umkreis von mehreren Metern
sich bewegenden Frau in den Ausschnitt klitscht und in selbigem
verschwindet, ein Schauspiel, dessen großen Unterhaltungswert
man erst ermessen wird können, wenn er weg vom Fenster
ist. Das wäre wirklich schade, weshalb wir Karasek noch
weitere 70 Jahre wünschen, in denen er uns vor der Kamera
und in anschließenden Büchern über sein Treiben
hinter den Kulissen mit berühmten Menschen und noch berühmteren
Prominenten erfreuen würde.
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