Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Johannes Heesters

Von Klaus Bittermann

Heesters, Johannes – Es muss der gusseiserne Durchhaltewille aus der Nazizeit sein, der vor allem im Endkampf permanent beschworen wurde. Diesem Zäh-wie-Leder-und-hart-wie-Kruppstahl-Willen ist es zu verdanken, dass manche Leute einfach nicht abtreten wollen und sich an ein Leben klammern, das schon längst zur Strafe geworden ist. Es geht ums Überleben als Prinzip, überleben, egal um welchen Preis, Hauptsache alle anderen beißen zuerst ins Gras. Leni Riefenstahl, Ernst Jünger und jetzt auch noch Johannes Heesters. Sie alle haben die hundert geschafft und sie alle hatten in den »dunklen Jahren« ihre schönste Zeit. Leni Riefenstahl drehte die ödesten Propagandastreifen, die die Welt je gesehen hat, weshalb spätere Filmer darin eine bedeutende Ästhetik zu erblicken glaubten, Ernst Jünger verwandelte sich immer mehr in das Objekt seines Sammlerwahns und lebte das krauchende Leben eines Käfers, in dem sogar die zwei Zigaretten pro Tag nicht als Laster, sondern als streng eingehaltenes Ritual durchgehalten wurden. Und Johannes Heesters, »das Haltbarste, was Holland je exportiert hat«, will tatsächlich noch mal zehn oder zwanzig Jahre zulegen und weiter den jungen Galan auf der Bühne geben, ohne zu merken, dass man für diese Rolle nicht besonders glaubwürdig ist, wenn die Knochen bereits klappern. In der Regel ist man von solchen Leuten peinlich berührt, wenn sie den Handrücken einer schönen Dame voll sabbern, die Kinnlade herunterhängt und sie jedem Rock hinterher gaffen, weshalb man sich den unappetitlichen Anblick erspart und die Leute in Altenheimen wegsperrt. Im Fernsehen wird ihnen dann vorgeführt, dass sie eigentlich eine respektierte und respektable Bevölkerungsgruppe darstellen, der man stellvertretend durch Johannes Heesters huldigt. Weil solche Alten aber bedingt durch den natürlichen körperlichen Verfall keine Fähigkeiten und Talente mehr aufweisen, wird ihnen etwas hoch angerechnet, wofür sie freilich nichts können, nämlich das biologische Wunder, immer noch da zu sein und am Leben zu kleben wie ein Kaugummi unter der Tischkante.

Beckmann kriegte sich in »Beckmann« aus diesem Grund auch gar nicht mehr ein, als er Heesters bestaunen durfte. »Hundert Jahre, das ist schon eine tolle Strecke«, versuchte er bei seinem Gegenüber eine Öffnung zu finden, in die er hineinkrabbeln konnte und die er wenig später dann auch fand: »Ich bewundere Sie«, schleimte er, während man dachte, ist ja gut, aber warum? »Weil Sie auf der Bühne stehen mit ganz jungen Mädchen.« Zwar kann Heesters nichts für die pädophilen Anwandlungen Beckmanns, aber auch Heesters ließ sich nicht lumpen und schwelgte in Gegenwart seiner fünfzig Jahre jüngeren Frau in ranzigen Altherrenphantasien. Mit keinem Wort wurde natürlich die »dunkle Zeit« erwähnt, als welche die Naziherrschaft in der ARD firmiert und in der Heesters zum Lieblingsschauspieler Hitlers avancierte. Nur dass die Holländer ihm nicht zum 100. Geburtstag gratuliert hätten, konnte Heesters gar nicht verstehen und vergoss bittere Tränen. Heesters kann einfach nicht verstehen, dass die Holländer es auch heute noch nicht besonders toll finden, wenn einer sich nicht nur mit den Nazis arrangiert, sondern auch kollaboriert hat. Er scheint nichts dabei zu finden, dass er Joseph Goebbels mit Briefen bedrängt hatte, ihm doch mehr Rollen in Spielfilmen zu geben, und dass er brav mit »Heil Hitler« salutierte. Er scheint auch nichts dabei zu finden, »normale Häftlingslager« (Heesters) wie Dachau besucht zu haben, wie im Mai 1941, um, wie kolportiert wird, die KZ-Wärter mit beschwingten Melodien von ihrem harten Job abzulenken.

Johannes Heesters stand auf der Bühne, spielte den »Bettelstudenten« und gab den Graf Danilo Danilowitsch in Léhars Operette »Die lustige Witwe«, auch als die Welt von seinen Freunden und Bewunderern gerade in Schutt und Asche gelegt wurde. Das ist die Krux mit diesen Leuten, die glauben unpolitisch zu sein. Weil sie unpolitisch sind, halten sie sich auch für unschuldig, obwohl sie sich für die Ziele der Nationalsozialisten einspannen ließen, denn bei Joseph Goebbels waren nicht Propagandafilme gefragt, sondern leichte bzw. seichte Unterhaltung. Denn Goebbels wusste, die Deutschen wollten nicht irgendwelche durch geknallte Hetzstreifen sehen, in denen Juden abgefeimten und dunklen Machenschaften nachgehen und das deutsche Volk hinters Licht führen, sondern sie wollten Johannes Heesters singen hören »Ich knüpfte manche zarte Bande...« oder ihn mit Marika Rökk gemeinsam im Film auftreten sehen. Insofern war Heesters für die Nazis wertvoller als eine Riefenstahl, ein Streicher oder ein General an der Ostfront, denn er sorgte mit »guter Laune« dafür, dass das Elend seinen Fortgang nahm.

Dazu braucht man die Überzeugungen der Nazis selbstverständlich nicht zu teilen, aber Heesters verschaffte ihnen durch sein Mitmachen eine Legitimität, die ihnen sonst niemand hätte geben können. Und deshalb ist seine Selbstinszenierung als Opfer, das noch heute von seinen Landsleuten verschmäht wird, nur weil sie ihm nicht zum Hundertsten gratulieren wollen, eine äußerst unangenehme Angelegenheit, für die man ihm eigentlich die sofortige Abschiebung nach Holland wünscht, wo ihm das blühte, was er sich redlich verdient hat, nämlich ignoriert zu werden.

Wenigstens eins aber kann man Heesters nicht nachsagen: dass er sich entschuldigt hätte. Leute wie der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz vermissen das, als wäre die Kollaboration ein Kavaliersdelikt gewesen, aber von solchen Heile-Welt-Schabracken wie Heesters will man keine Entschuldigung, sondern nur, dass sie endlich die Klappe halten.

 

 


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