| Heesters,
Johannes – Es muss der gusseiserne Durchhaltewille
aus der Nazizeit sein, der vor allem im Endkampf permanent beschworen
wurde. Diesem Zäh-wie-Leder-und-hart-wie-Kruppstahl-Willen
ist es zu verdanken, dass manche Leute einfach nicht abtreten
wollen und sich an ein Leben klammern, das schon längst
zur Strafe geworden ist. Es geht ums Überleben als Prinzip,
überleben, egal um welchen Preis, Hauptsache alle anderen
beißen zuerst ins Gras. Leni Riefenstahl, Ernst Jünger
und jetzt auch noch Johannes Heesters. Sie alle haben die hundert
geschafft und sie alle hatten in den »dunklen Jahren«
ihre schönste Zeit. Leni Riefenstahl drehte die ödesten
Propagandastreifen, die die Welt je gesehen hat, weshalb spätere
Filmer darin eine bedeutende Ästhetik zu erblicken glaubten,
Ernst Jünger verwandelte sich immer mehr in das Objekt
seines Sammlerwahns und lebte das krauchende Leben eines Käfers,
in dem sogar die zwei Zigaretten pro Tag nicht als Laster, sondern
als streng eingehaltenes Ritual durchgehalten wurden. Und Johannes
Heesters, »das Haltbarste, was Holland je exportiert hat«,
will tatsächlich noch mal zehn oder zwanzig Jahre zulegen
und weiter den jungen Galan auf der Bühne geben, ohne zu
merken, dass man für diese Rolle nicht besonders glaubwürdig
ist, wenn die Knochen bereits klappern. In der Regel ist man
von solchen Leuten peinlich berührt, wenn sie den Handrücken
einer schönen Dame voll sabbern, die Kinnlade herunterhängt
und sie jedem Rock hinterher gaffen, weshalb man sich den unappetitlichen
Anblick erspart und die Leute in Altenheimen wegsperrt. Im Fernsehen
wird ihnen dann vorgeführt, dass sie eigentlich eine respektierte
und respektable Bevölkerungsgruppe darstellen, der man
stellvertretend durch Johannes Heesters huldigt. Weil solche
Alten aber bedingt durch den natürlichen körperlichen
Verfall keine Fähigkeiten und Talente mehr aufweisen, wird
ihnen etwas hoch angerechnet, wofür sie freilich nichts
können, nämlich das biologische Wunder, immer noch
da zu sein und am Leben zu kleben wie ein Kaugummi unter der
Tischkante.
Beckmann
kriegte sich in »Beckmann« aus diesem Grund auch
gar nicht mehr ein, als er Heesters bestaunen durfte. »Hundert
Jahre, das ist schon eine tolle Strecke«, versuchte er
bei seinem Gegenüber eine Öffnung zu finden, in die
er hineinkrabbeln konnte und die er wenig später dann auch
fand: »Ich bewundere Sie«, schleimte er, während
man dachte, ist ja gut, aber warum? »Weil Sie auf der
Bühne stehen mit ganz jungen Mädchen.« Zwar
kann Heesters nichts für die pädophilen Anwandlungen
Beckmanns, aber auch Heesters ließ sich nicht lumpen und
schwelgte in Gegenwart seiner fünfzig Jahre jüngeren
Frau in ranzigen Altherrenphantasien. Mit keinem Wort wurde
natürlich die »dunkle Zeit« erwähnt, als
welche die Naziherrschaft in der ARD firmiert und in der Heesters
zum Lieblingsschauspieler Hitlers avancierte. Nur dass die Holländer
ihm nicht zum 100. Geburtstag gratuliert hätten, konnte
Heesters gar nicht verstehen und vergoss bittere Tränen.
Heesters kann einfach nicht verstehen, dass die Holländer
es auch heute noch nicht besonders toll finden, wenn einer sich
nicht nur mit den Nazis arrangiert, sondern auch kollaboriert
hat. Er scheint nichts dabei zu finden, dass er Joseph Goebbels
mit Briefen bedrängt hatte, ihm doch mehr Rollen in Spielfilmen
zu geben, und dass er brav mit »Heil Hitler« salutierte.
Er scheint auch nichts dabei zu finden, »normale Häftlingslager«
(Heesters) wie Dachau besucht zu haben, wie im Mai 1941, um,
wie kolportiert wird, die KZ-Wärter mit beschwingten Melodien
von ihrem harten Job abzulenken.
Johannes
Heesters stand auf der Bühne, spielte den »Bettelstudenten«
und gab den Graf Danilo Danilowitsch in Léhars Operette
»Die lustige Witwe«, auch als die Welt von seinen
Freunden und Bewunderern gerade in Schutt und Asche gelegt wurde.
Das ist die Krux mit diesen Leuten, die glauben unpolitisch
zu sein. Weil sie unpolitisch sind, halten sie sich auch für
unschuldig, obwohl sie sich für die Ziele der Nationalsozialisten
einspannen ließen, denn bei Joseph Goebbels waren nicht
Propagandafilme gefragt, sondern leichte bzw. seichte Unterhaltung.
Denn Goebbels wusste, die Deutschen wollten nicht irgendwelche
durch geknallte Hetzstreifen sehen, in denen Juden abgefeimten
und dunklen Machenschaften nachgehen und das deutsche Volk hinters
Licht führen, sondern sie wollten Johannes Heesters singen
hören »Ich knüpfte manche zarte Bande...«
oder ihn mit Marika Rökk gemeinsam im Film auftreten sehen.
Insofern war Heesters für die Nazis wertvoller als eine
Riefenstahl, ein Streicher oder ein General an der Ostfront,
denn er sorgte mit »guter Laune« dafür, dass
das Elend seinen Fortgang nahm.
Dazu braucht
man die Überzeugungen der Nazis selbstverständlich
nicht zu teilen, aber Heesters verschaffte ihnen durch sein
Mitmachen eine Legitimität, die ihnen sonst niemand hätte
geben können. Und deshalb ist seine Selbstinszenierung
als Opfer, das noch heute von seinen Landsleuten verschmäht
wird, nur weil sie ihm nicht zum Hundertsten gratulieren wollen,
eine äußerst unangenehme Angelegenheit, für
die man ihm eigentlich die sofortige Abschiebung nach Holland
wünscht, wo ihm das blühte, was er sich redlich verdient
hat, nämlich ignoriert zu werden.
Wenigstens
eins aber kann man Heesters nicht nachsagen: dass er sich entschuldigt
hätte. Leute wie der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz
vermissen das, als wäre die Kollaboration ein Kavaliersdelikt
gewesen, aber von solchen Heile-Welt-Schabracken wie Heesters
will man keine Entschuldigung, sondern nur, dass sie endlich
die Klappe halten.
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