Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Frank Schirrmacher

Von Klaus Bittermann

Schirrmacher, Frank – Die FAZ kündigte den Vorabdruck der Lebenserinnerungen Helmut Kohls an. Das war mutig, denn bei keinem anderen Buch kann man so sicher sein, dass nichts von irgendwelchem Belang darin zu finden sein wird, lediglich gut durchgerührte Politikerprosa von hohem Phrasengehalt. Enthüllungen wird man in Kohls Erinnerungen vergeblich suchen, denn im Leben des ideellen Gesamtdeutschen Kohl gibt es nichts zu enthüllen. Das liegt nicht nur daran, dass Kohl ein besonders maues Exemplar seiner Gattung ist, es handelt sich um ein strukturelles Problem in der Bundesrepublik: in keinem anderen Beruf nämlich ist die déformation professionnelle auffälliger. Der Politiker ist nun mal die ärmste Sau im Lande. Mitzuteilen was er denkt, wenn er dazu in der Lage wäre, ist ihm nicht erlaubt, dennoch muss er permanent reden, er muss die Kunst beherrschen, nichts zu sagen, das aber in aller Ausführlichkeit. Was man zu aller letzt mit einem Politiker in Verbindung bringen würde, ist ein origineller Gedanke, bzw. überhaupt ein Gedanke, der sich als solcher bezeichnen ließe. Für den Fall, dass es Politiker gibt, die nicht in der Lage sind, die eine oder andere Restidee zu eliminieren, gibt es Angestellte, die das für ihn besorgen. Er führt eine traurige Existenz, in der das Immergleiche vorherrscht, Routine, Langeweile, Ödnis, und in der das Studium von Akten, Eingaben, Schriftsätzen, Dossiers usw. noch zu den spannenden Tätigkeiten seines Lebens zählen. Natürlich werden solche Leute früher oder später verhaltensauffällig. Sie werden sonderlich und komisch, weil sie irgendwann ihre Denk- und Sprachstörungen nicht mehr kaschieren können. Dies ist der Grund, warum Kohl eine nie versiegende Quelle der Satire war, über den sich die halbe Nation schlapp lachte.

Wenn also die FAZ die Memoiren einer Witzfigur vorab druckt, dann muss das Ereignis mit einer gehörigen Portion Seriosität aufgebläht werden. Dafür ist niemand besser geeignet als Frank Schirrmacher, der Chefkoch der Zeitung für Deutschland, der schon häufiger durch seine Wundergabe aufgefallen ist, Wasser in Quark zu verwandeln. Ein Foto zeigt ein penibel aufgeräumtes Arbeitszimmer, umrahmt von hässlichen mit Metallhalterungen an die Wand gedübelten Regalen. Auf dem Tisch liegt ein vereinzeltes Buch. Die »Erinnerungen« von Helmut Kohl, geschrieben von ihm selbst, bzw. wohl eher gesprochen, weil der Biograph Kohls, Strizzi Kai Diekmann, anscheinend keine Zeit hatte. Wahrscheinlich war der Chef-Redakteur von Bild, der über seinen Berufsstand hinaus bekannt wurde, als er die Verlängerung seines Schwanzes zum Gegenstand eines Prozesses machte, gerade damit beschäftigt, mit Michel Friedman im Verbrauch von Haargel zu konkurrieren. Im Regal befinden sich wenige Bücher, ein paar Fotos, Stofftiere, rechts ins Bild lugt ein Schaukelpferd. An der Wand hängt eine gerahmte Urkunde für Kohls Beteiligung an den Bundesjugendspielen. Inmitten dieses kleinbürgerlichen Tableaus sitzt Kohl im Pullunder an einem Küchentisch mit Decke und zwar bei einer Tätigkeit, von der er offensichtlich auch als Rentner nicht lassen kann, nämlich beim Studium eines Aktenordners. Das Arbeitszimmer liegt im Keller, und das sieht man auch. Es ist Helmut Kohls Hobbykeller, das letzte Refugium des deutschen Mannes.

Schirrmacher inspiriert das Foto jedoch auf ganz andere Art. Es gewährt einen »fast intimen Einblick«, präsentiert der mit krausen Ideen mehr als nur fast schwanger gehende Schirrmacher dem FAZ-Leser eine fast sensationelle Bildlegende: »Ein literargeschichtlich bedeutsames Foto, das gerade wegen des Fehlens jeglichen Inszenierungswillens so sehr nach Entzifferung drängt.« Und diese »Entzifferung«, von der vorher niemand einen blassen Schimmer hatte, besorgt dann einem Schirrmacher und zwar so: »›Der Platz, an dem ich schreibe‹ heißt eine schöne Skizze von Arno Schmidt, und der Platz, an dem man schreibt, ist seit Dürers Kupferstich ›Der heilige Hieronymus im Gehäus‹ (1514) ein Ort größter symbolischer Verdichtung.« Nicht schlecht! Auch das Schaukelpferd, »das wie eine Anspielung auf Thackerays ›Jahrmarkt der Eitelkeiten‹ wirkt«, steht nicht einfach so herum, sondern »erzählt eine eigene Geschichte.« Es wurde von Hannelore mehrfach versteigert, aber jedes mal schickten es ihr die Besitzer wieder zurück. Niemand wollte es haben. Jetzt hat es eine neue Heimat in Helmut Kohls Arbeitszimmer gefunden.

Schirrmacher zieht alle Register und gerät am Ende in Trance: Kohls Erinnerungen, so schreibt er – Sinn und Verstand des normal Sterblichen entrückt –, »bilden eine Brücke in Zeiten, in denen für viele von uns die Stunden eines fremden Planeten angeschlagen werden. Aber eines Planeten, dessen Anziehungskraft bis heute wirkt.« Schon irre, was in der Frankfurter Hellerhofstraße so alles ausgeknobelt wird, aber vielleicht gar nicht so überraschend, denn als Autor des Buches »Das Methusalem-Kompott« verspricht Schirrmacher nicht nur »das Problem unseres eigenen Alterns« zu lösen, sondern auch und nichts geringeres als »das Problem der Welt«. Der letzte, der das wollte, war Hitler. Wie man weiß, mit einigem Erfolg. Den muss man bei Schirrmacher nicht befürchten.

 

 


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