| Schirrmacher,
Frank – Die FAZ kündigte den Vorabdruck
der Lebenserinnerungen Helmut Kohls an. Das war mutig, denn
bei keinem anderen Buch kann man so sicher sein, dass nichts
von irgendwelchem Belang darin zu finden sein wird, lediglich
gut durchgerührte Politikerprosa von hohem Phrasengehalt.
Enthüllungen wird man in Kohls Erinnerungen vergeblich
suchen, denn im Leben des ideellen Gesamtdeutschen Kohl gibt
es nichts zu enthüllen. Das liegt nicht nur daran, dass
Kohl ein besonders maues Exemplar seiner Gattung ist, es handelt
sich um ein strukturelles Problem in der Bundesrepublik: in
keinem anderen Beruf nämlich ist die déformation
professionnelle auffälliger. Der Politiker ist nun mal
die ärmste Sau im Lande. Mitzuteilen was er denkt, wenn
er dazu in der Lage wäre, ist ihm nicht erlaubt, dennoch
muss er permanent reden, er muss die Kunst beherrschen, nichts
zu sagen, das aber in aller Ausführlichkeit. Was man zu
aller letzt mit einem Politiker in Verbindung bringen würde,
ist ein origineller Gedanke, bzw. überhaupt ein Gedanke,
der sich als solcher bezeichnen ließe. Für den Fall,
dass es Politiker gibt, die nicht in der Lage sind, die eine
oder andere Restidee zu eliminieren, gibt es Angestellte, die
das für ihn besorgen. Er führt eine traurige Existenz,
in der das Immergleiche vorherrscht, Routine, Langeweile, Ödnis,
und in der das Studium von Akten, Eingaben, Schriftsätzen,
Dossiers usw. noch zu den spannenden Tätigkeiten seines
Lebens zählen. Natürlich werden solche Leute früher
oder später verhaltensauffällig. Sie werden sonderlich
und komisch, weil sie irgendwann ihre Denk- und Sprachstörungen
nicht mehr kaschieren können. Dies ist der Grund, warum
Kohl eine nie versiegende Quelle der Satire war, über den
sich die halbe Nation schlapp lachte.
Wenn also die FAZ
die Memoiren einer Witzfigur vorab druckt, dann muss das Ereignis
mit einer gehörigen Portion Seriosität aufgebläht
werden. Dafür ist niemand besser geeignet als Frank Schirrmacher,
der Chefkoch der Zeitung für Deutschland, der schon häufiger
durch seine Wundergabe aufgefallen ist, Wasser in Quark zu verwandeln.
Ein Foto zeigt ein penibel aufgeräumtes Arbeitszimmer,
umrahmt von hässlichen mit Metallhalterungen an die Wand
gedübelten Regalen. Auf dem Tisch liegt ein vereinzeltes
Buch. Die »Erinnerungen« von Helmut Kohl, geschrieben
von ihm selbst, bzw. wohl eher gesprochen, weil der Biograph
Kohls, Strizzi Kai Diekmann, anscheinend keine Zeit hatte. Wahrscheinlich
war der Chef-Redakteur von Bild, der über seinen Berufsstand
hinaus bekannt wurde, als er die Verlängerung seines Schwanzes
zum Gegenstand eines Prozesses machte, gerade damit beschäftigt,
mit Michel Friedman im Verbrauch von Haargel zu konkurrieren.
Im Regal befinden sich wenige Bücher, ein paar Fotos, Stofftiere,
rechts ins Bild lugt ein Schaukelpferd. An der Wand hängt
eine gerahmte Urkunde für Kohls Beteiligung an den Bundesjugendspielen.
Inmitten dieses kleinbürgerlichen Tableaus sitzt Kohl im
Pullunder an einem Küchentisch mit Decke und zwar bei einer
Tätigkeit, von der er offensichtlich auch als Rentner nicht
lassen kann, nämlich beim Studium eines Aktenordners. Das
Arbeitszimmer liegt im Keller, und das sieht man auch. Es ist
Helmut Kohls Hobbykeller, das letzte Refugium des deutschen
Mannes.
Schirrmacher inspiriert
das Foto jedoch auf ganz andere Art. Es gewährt einen »fast
intimen Einblick«, präsentiert der mit krausen Ideen
mehr als nur fast schwanger gehende Schirrmacher dem FAZ-Leser
eine fast sensationelle Bildlegende: »Ein literargeschichtlich
bedeutsames Foto, das gerade wegen des Fehlens jeglichen Inszenierungswillens
so sehr nach Entzifferung drängt.« Und diese »Entzifferung«,
von der vorher niemand einen blassen Schimmer hatte, besorgt
dann einem Schirrmacher und zwar so: »›Der Platz,
an dem ich schreibe‹ heißt eine schöne Skizze
von Arno Schmidt, und der Platz, an dem man schreibt, ist seit
Dürers Kupferstich ›Der heilige Hieronymus im Gehäus‹
(1514) ein Ort größter symbolischer Verdichtung.«
Nicht schlecht! Auch das Schaukelpferd, »das wie eine
Anspielung auf Thackerays ›Jahrmarkt der Eitelkeiten‹
wirkt«, steht nicht einfach so herum, sondern »erzählt
eine eigene Geschichte.« Es wurde von Hannelore mehrfach
versteigert, aber jedes mal schickten es ihr die Besitzer wieder
zurück. Niemand wollte es haben. Jetzt hat es eine neue
Heimat in Helmut Kohls Arbeitszimmer gefunden.
Schirrmacher zieht
alle Register und gerät am Ende in Trance: Kohls Erinnerungen,
so schreibt er – Sinn und Verstand des normal Sterblichen
entrückt –, »bilden eine Brücke in Zeiten,
in denen für viele von uns die Stunden eines fremden Planeten
angeschlagen werden. Aber eines Planeten, dessen Anziehungskraft
bis heute wirkt.« Schon irre, was in der Frankfurter Hellerhofstraße
so alles ausgeknobelt wird, aber vielleicht gar nicht so überraschend,
denn als Autor des Buches »Das Methusalem-Kompott«
verspricht Schirrmacher nicht nur »das Problem unseres
eigenen Alterns« zu lösen, sondern auch und nichts
geringeres als »das Problem der Welt«. Der letzte,
der das wollte, war Hitler. Wie man weiß, mit einigem
Erfolg. Den muss man bei Schirrmacher nicht befürchten.
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