Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Doris Schröder-Köpf

Von Klaus Bittermann

Schröder-Köpf, Doris – Mit dem Boulevard konnte die schrappnellige Bohnenstange schon immer ganz gut. Das ist ihr intellektuelles Leben, das sie ausfüllt und beansprucht. Dort interessiert man sich denn auch für ihre unwesentliche Meinung, in der sich Dummheit, Inkompetenz und konservative Gesinnung ein Stelldichein geben, so dass andere Zeitungen sich nur ungern damit abgeben. Die hauptberuflich als Kanzler-Gattin auftretende Nervensäge hat nun ihrem Namen Doris »Köpf-ab« Schröder alle Ehre gemacht, als sie indirekt die Internierung von Jens Ammoser forderte, der getan hat, was tausende andere auch gern getan hätten, sich aber nicht trauen. Er hat Bundeskanzler Schröder eine gescheuert, aus Protest gegen Arbeitslosigkeit und Sozialabbau. Ammoser hält Schröder »für den miesesten, erfolglosesten und ahnungslosesten Kanzler, den wir je hatten«. Wer wollte ihm da widersprechen? Dafür gibt es gute und zahllose Gründe. Die fangen damit an, dass Schröder wegen des Versprechens gewählt wurde, er würde in seiner ersten Legislaturperiode das Arbeitslosenheer eine halbe Million verringern. Jens Ammoser hat das geglaubt.

Man kann Ammoser eine gewisse Naivität nicht absprechen, lehrt doch die Erfahrung, dass Wahlversprechen nur dazu da sind, damit sich anschließend von der Regierung niemand mehr daran erinnert. Dennoch gehört es zum demokratischen Ritual, das Spiel ernst zu nehmen. Schließlich wird vom »mündigen Wähler« erwartet, dass er sein Kreuz macht, hält man die Wahl doch für die Grundvoraussetzung einer funktionierenden Demokratie. Niemand stellt sich jedenfalls hin und sagt, hört mal her, wir erzählen eigentlich nur Quatsch, und wenn wir am Ruder sind, machen wir sowieso, was wir wollen, aber Wählen ist trotzdem eure heilige Pflicht. Tut das jemand, würde man ihn für verrückt erklären, und das vollkommen zu Recht.

Der Spiegel, der sich die Exklusiv-Rechte auf das erste Interview mit Ammoser erkauft hatte, tut aber genau dies. Den Hinweis Ammosers, er sei enttäuscht gewesen, dass Schröder sein Wahlversprechen nicht gehalten habe, kommentiert der Spiegel: »Er merkt sich fast jedes Wort von Schröder, und dann erwartet er, dass der sich daran hält.« Das ist erstaunlich, weil sich der Spiegel damit über demokratische Gepflogenheiten lustig macht. Er sagt nämlich in Wirklichkeit: Wie kann man nur so dämlich sein, Schröders Gefasel zu glauben. Schröder wird zum x-beliebigen Quassler, der viel redet, wenn der Tag lang ist. Das stimmt auch, denn genau darin besteht schließlich der Job eines Bundeskanzlers. Der Spiegel würde so was nie ernsthaft behaupten und vermutlich haben die Spiegel-Autoren es nicht mal gemerkt, was ihnen da Ketzerisches unterlaufen ist. Dennoch hatte das einen guten Zweck, weil es dem Spiegel darum ging, Ammoser als einen Psychopathen hinzustellen, der seine gesamte Aufmerksamkeit Schröder mit der Absicht widmet, Widersprüche und Ungereimtheiten zu entdecken, um daraus seinen Hass zu speisen. Ammoser ist jedoch alles andere als ein Psychopath. Er ist vielmehr ein demokratisches Prachtexemplar, ein Mensch wie aus dem Musterkatalog für »wehrhafte und lebendige Demokratie«, als noch kein Phrasenmäher sie zur Hohlformel zurechtgestutzt hat, ein Mann mit Prinzipien und Charakter, genau der Typus also, an den Schröder appellierte, als er zum »Aufstand der Anständigen« aufrief.

Ammoser hat einen tadellosen Lebenslauf. Er studierte Germanistik, Geschichte und Mathematik, bekommt aber nach dem Referendariat keine Anstellung. Er betreut Mütter, deren Kinder in Allergie-Kliniken liegen, er schult nach der Wende DDR-Verwaltungskräfte um, er lässt sich selber umschulen, aber immer landet er in der Arbeitslosigkeit, was ihn insofern mitnimmt, weil er gerne ein nützliches Mitglied der Gesellschaft wäre. 1995 sieht er schließlich ein, dass seine Bemühungen vergeblich sind. Er zieht sich zurück aufs Land, verkauft sein Auto, schränkt seine Bedürfnisse ein. Ein Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt entsorgt sich auf vorbildliche Weise selber. Seine Illusionen über seinen gesellschaftlichen Nutzwert sind verflogen, nicht aber seine Empörung über die Zustände. Und das ist das Unheimliche. Damit kommt die Presse nicht zurecht. Der ganz normale, unbescholtene und mündige Bürger, der die Politik ernst nimmt und deshalb über sie so in Rage gerät, macht sich auf und verpasst Schröder eine Ohrfeige, weil er als Kanzler für die Zustände schließlich verantwortlich zeichnet. Normal ist deshalb die Ohrfeige, nicht das schafsnasige Hinnehmen dessen, was einem die rotgrüne Politik einbrockt. Weil dies so offenkundig ist, muss Ammoser diskreditiert werden. Als »Denkeskapaden« bezeichnet der Spiegel den nicht sonderlich schwer zu begreifenden Satz: »Meine Tat ist unanständig, aber nicht ungerecht.« Für Bild ist Ammoser ein »Sonderling«, denn: »Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, isst selten Fleisch«, Eigenschaften, bei denen nicht wenige Bild-Leser ein gewisses Unbehagen verspürt haben dürften. Der hauptberuflichen Kanzlersgattin Schröder-Köpf ist das viel zu wenig, sie verstehe nicht, teilte sie via dpa der BamS mit, wie der Spiegel einem »offensichtlich gestörten Menschen mit seinen abstrusen Argumenten« soviel Raum geben könne, er werde für seine gewalttätige Aktion geradezu zum Helden stilisiert. Dabei ist sie zu dämlich, zu merken, wie perfide der Spiegel aus Ammoser einen weltfremden Kauz macht. Die hinterhältige Methode ist Schröder-Köpf zu reflektiert, weil sie Sympathie wittert, wo Ammoser als unzurechnungsfähig dargestellt wird. Sie hätte es dagegen etwas direkter, nach der guten alten Köpf-ab-Methode, der zufolge ein »offensichtlich Gestörter« einfach weggesperrt werden sollte.

Die Frage aber ist: Ist jemand gestört, der sich als Bürger fühlt und wie ein solcher handelt, oder jemand, der lieber in Bild, der Fachzeitschrift für das unveräußerliche Menschenrecht auf nackte Möpse, ganz im Duktus eines alten Kanzlers (1933-1945) für eine strenge Kindererziehung eintritt mit den Worten: »Pflichtbewusstsein, Fleiß, Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Anstand und richtiges Benehmen – das sind für mich Tugenden und Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden müssen«? Ist einer nicht mehr ganz dicht, der sich wehrt, oder jemand, der als Gespenst der Bulimie den Diät-Plan ihres Gatten in BamS ausbreitet? Eine zugegeben nicht sonderlich schwer zu beantwortende Frage.

 

 


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