| Schröder-Köpf,
Doris – Mit dem Boulevard konnte die schrappnellige
Bohnenstange schon immer ganz gut. Das ist ihr intellektuelles
Leben, das sie ausfüllt und beansprucht. Dort interessiert
man sich denn auch für ihre unwesentliche Meinung, in der
sich Dummheit, Inkompetenz und konservative Gesinnung ein Stelldichein
geben, so dass andere Zeitungen sich nur ungern damit abgeben.
Die hauptberuflich als Kanzler-Gattin auftretende Nervensäge
hat nun ihrem Namen Doris »Köpf-ab« Schröder
alle Ehre gemacht, als sie indirekt die Internierung von Jens
Ammoser forderte, der getan hat, was tausende andere auch gern
getan hätten, sich aber nicht trauen. Er hat Bundeskanzler
Schröder eine gescheuert, aus Protest gegen Arbeitslosigkeit
und Sozialabbau. Ammoser hält Schröder »für
den miesesten, erfolglosesten und ahnungslosesten Kanzler, den
wir je hatten«. Wer wollte ihm da widersprechen? Dafür
gibt es gute und zahllose Gründe. Die fangen damit an,
dass Schröder wegen des Versprechens gewählt wurde,
er würde in seiner ersten Legislaturperiode das Arbeitslosenheer
eine halbe Million verringern. Jens Ammoser hat das geglaubt.
Man kann Ammoser
eine gewisse Naivität nicht absprechen, lehrt doch die
Erfahrung, dass Wahlversprechen nur dazu da sind, damit sich
anschließend von der Regierung niemand mehr daran erinnert.
Dennoch gehört es zum demokratischen Ritual, das Spiel
ernst zu nehmen. Schließlich wird vom »mündigen
Wähler« erwartet, dass er sein Kreuz macht, hält
man die Wahl doch für die Grundvoraussetzung einer funktionierenden
Demokratie. Niemand stellt sich jedenfalls hin und sagt, hört
mal her, wir erzählen eigentlich nur Quatsch, und wenn
wir am Ruder sind, machen wir sowieso, was wir wollen, aber
Wählen ist trotzdem eure heilige Pflicht. Tut das jemand,
würde man ihn für verrückt erklären, und
das vollkommen zu Recht.
Der Spiegel, der
sich die Exklusiv-Rechte auf das erste Interview mit Ammoser
erkauft hatte, tut aber genau dies. Den Hinweis Ammosers, er
sei enttäuscht gewesen, dass Schröder sein Wahlversprechen
nicht gehalten habe, kommentiert der Spiegel: »Er merkt
sich fast jedes Wort von Schröder, und dann erwartet er,
dass der sich daran hält.« Das ist erstaunlich, weil
sich der Spiegel damit über demokratische Gepflogenheiten
lustig macht. Er sagt nämlich in Wirklichkeit: Wie kann
man nur so dämlich sein, Schröders Gefasel zu glauben.
Schröder wird zum x-beliebigen Quassler, der viel redet,
wenn der Tag lang ist. Das stimmt auch, denn genau darin besteht
schließlich der Job eines Bundeskanzlers. Der Spiegel
würde so was nie ernsthaft behaupten und vermutlich haben
die Spiegel-Autoren es nicht mal gemerkt, was ihnen da Ketzerisches
unterlaufen ist. Dennoch hatte das einen guten Zweck, weil es
dem Spiegel darum ging, Ammoser als einen Psychopathen hinzustellen,
der seine gesamte Aufmerksamkeit Schröder mit der Absicht
widmet, Widersprüche und Ungereimtheiten zu entdecken,
um daraus seinen Hass zu speisen. Ammoser ist jedoch alles andere
als ein Psychopath. Er ist vielmehr ein demokratisches Prachtexemplar,
ein Mensch wie aus dem Musterkatalog für »wehrhafte
und lebendige Demokratie«, als noch kein Phrasenmäher
sie zur Hohlformel zurechtgestutzt hat, ein Mann mit Prinzipien
und Charakter, genau der Typus also, an den Schröder appellierte,
als er zum »Aufstand der Anständigen« aufrief.
Ammoser hat einen
tadellosen Lebenslauf. Er studierte Germanistik, Geschichte
und Mathematik, bekommt aber nach dem Referendariat keine Anstellung.
Er betreut Mütter, deren Kinder in Allergie-Kliniken liegen,
er schult nach der Wende DDR-Verwaltungskräfte um, er lässt
sich selber umschulen, aber immer landet er in der Arbeitslosigkeit,
was ihn insofern mitnimmt, weil er gerne ein nützliches
Mitglied der Gesellschaft wäre. 1995 sieht er schließlich
ein, dass seine Bemühungen vergeblich sind. Er zieht sich
zurück aufs Land, verkauft sein Auto, schränkt seine
Bedürfnisse ein. Ein Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt
entsorgt sich auf vorbildliche Weise selber. Seine Illusionen
über seinen gesellschaftlichen Nutzwert sind verflogen,
nicht aber seine Empörung über die Zustände.
Und das ist das Unheimliche. Damit kommt die Presse nicht zurecht.
Der ganz normale, unbescholtene und mündige Bürger,
der die Politik ernst nimmt und deshalb über sie so in
Rage gerät, macht sich auf und verpasst Schröder eine
Ohrfeige, weil er als Kanzler für die Zustände schließlich
verantwortlich zeichnet. Normal ist deshalb die Ohrfeige, nicht
das schafsnasige Hinnehmen dessen, was einem die rotgrüne
Politik einbrockt. Weil dies so offenkundig ist, muss Ammoser
diskreditiert werden. Als »Denkeskapaden« bezeichnet
der Spiegel den nicht sonderlich schwer zu begreifenden Satz:
»Meine Tat ist unanständig, aber nicht ungerecht.«
Für Bild ist Ammoser ein »Sonderling«, denn:
»Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, isst selten Fleisch«,
Eigenschaften, bei denen nicht wenige Bild-Leser ein gewisses
Unbehagen verspürt haben dürften. Der hauptberuflichen
Kanzlersgattin Schröder-Köpf ist das viel zu wenig,
sie verstehe nicht, teilte sie via dpa der BamS mit, wie der
Spiegel einem »offensichtlich gestörten Menschen
mit seinen abstrusen Argumenten« soviel Raum geben könne,
er werde für seine gewalttätige Aktion geradezu zum
Helden stilisiert. Dabei ist sie zu dämlich, zu merken,
wie perfide der Spiegel aus Ammoser einen weltfremden Kauz macht.
Die hinterhältige Methode ist Schröder-Köpf zu
reflektiert, weil sie Sympathie wittert, wo Ammoser als unzurechnungsfähig
dargestellt wird. Sie hätte es dagegen etwas direkter,
nach der guten alten Köpf-ab-Methode, der zufolge ein »offensichtlich
Gestörter« einfach weggesperrt werden sollte.
Die Frage aber ist:
Ist jemand gestört, der sich als Bürger fühlt
und wie ein solcher handelt, oder jemand, der lieber in Bild,
der Fachzeitschrift für das unveräußerliche
Menschenrecht auf nackte Möpse, ganz im Duktus eines alten
Kanzlers (1933-1945) für eine strenge Kindererziehung eintritt
mit den Worten: »Pflichtbewusstsein, Fleiß, Aufrichtigkeit,
Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Anstand und richtiges
Benehmen – das sind für mich Tugenden und Werte,
die von Generation zu Generation weitergegeben werden müssen«?
Ist einer nicht mehr ganz dicht, der sich wehrt, oder jemand,
der als Gespenst der Bulimie den Diät-Plan ihres Gatten
in BamS ausbreitet? Eine zugegeben nicht sonderlich schwer zu
beantwortende Frage.
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