| Netzer,
Günter – Nichts gegen Mythen, denn nichts
ist faszinierender als ein schöner Mythos. Und deshalb
bin ich ein strikter Gegner der sich als wissenschaftlich gerierenden
Methode, Mythen zu entschlüsseln, aufzulösen, zu »hinterfragen«
gar oder sonst irgendwie zu dekonstruieren. Der Wunsch, hinter
einen Mythos kommen zu wollen, ist deshalb merkwürdig,
weil man schon vorher weiß, was einen erwartet: Banales
und Deprimierendes kommt dann zum Vorschein, und der Flair einer
spannenden Geschichte, der Mythos ist futsch. Nichts kann man
allerdings dagegen tun, wenn der Mythos das selber tut, wie
Günter Netzer in seiner Autobiographie »Aus der Tiefe
des Raums«. Was aus dieser Tiefe aufscheint, ist Ödnis
pur. Es gibt gute Gründe dafür, dass man es manchmal
so genau gar nicht wissen will. Aus der spröden und hölzernen
Erzählstruktur lassen sich keine Funken schlagen. Es ist
die Verneinung jeder Erzählung, die Ausbreitung eines Lebens
in erbsenzählerischer Beamtenprosa, über die man einen
Flokati des Schweigens legen möchte. Eine Fotografie sagt
hier mehr als alle zähen Seiten. Netzers langjährige
Freundin Hannelore, die versuchte, ihm etwas Geschmack beizubringen,
was in den modisch gesehen katastrophalen 60er und 70er Jahren
nicht einfach war, hat die Szenerie arrangiert: Vorne liegt
ein fetter schwarzer Kater, links steht ein Hund in Gips, der
Wandputz im Pizzeria-Look, hinter der Katze ein Blecheimer,
in dem eine einzelne Rose und ein paar Wurzeln stecken, dahinter
eine Sitzgelegenheit. Hannelore in satinschwarz schmiegt sich
an Netzer in weißem Hemd und Jeans. Ist das Arrangement
schon grausam genug, vor allem aus der Retrospektive, so ist
immerhin eine Handschrift mit Wille zum Stil zu erkennen. Was
aber überhaupt nicht ins Bild passt, sind die am Bund farbig
geringelten weißen Socken von Netzer. Sie sind das Indiz
für die Kontinuität des biederen Geschmacks, das,
was aus der Tiefe des Raums bei Netzer aufscheint, was hinter
dem Mythos steckt. Was bleibt sind die Ringelsöckchen.
Aber da Netzer sowieso
ein Medienmensch geworden ist, passen seine Memoiren gut ins
Bild, denn im Fernsehen gilt, je massengeschmäcklerisch
und langweiliger, desto kompatibler. Auch für Bild, in
der Auszüge vorab gedruckt wurden, wobei ich den Verdacht
nicht los wurde, dass selbst die Bild-Redaktion Schwierigkeiten
hatte, etwas in diesem Ringelsöckcheneinerlei zu finden.
Netzer ist ein trauriges Beispiel für den Satz: »Wer
sich ins Fernsehen begibt, kommt darin um.« Seitdem er
Dauergast auf dem Bildschirm ist, wenn die Nationalmannschaft
spielt, um seinen Senf als »Experte« dazuzugeben,
wird er immer unerträglicher. Das sagt sogar Klaus Theweleit,
der ihn für einen »Selbstdarsteller« hält,
von dem selten ein analytischer Kommentar zu hören ist,
weshalb er den schon an viele Idioten verliehenen Grimme-Preis
völlig zu Recht bekommen habe. Zur Analyse ist er schon
rein mental nicht in der Lage. O-Ton Netzer bei der letzten
EM in Portugal: »Sie spielen ihr Spielsystem als kleine
Jungs, und wenn sie das später als Senioren spielen, spielen
sie das, als hätten sie nie was anderes gespielt.«
Oder: »Das ist was vom Feinsten, was man sich nur denken
kann.« Und: »Ibrahimovic ist 1,92 m groß,
das kann man sich gar nicht vorstellen.« Und noch eins
drauf: »Das ist etwas, wo man nicht in Sack und Asche
verfallen muß.« Auch nicht schlecht die feine Beobachtung:
»Ihre Laufbereitschaft kommt nicht zum Tragen, weil sie
nicht wissen wohin.« Also ich meine, da kann man doch
gleich Andreas Brehme nehmen, oder Lothar Matthäus, die
auch keinen Gedanken zu einem vernünftigen Satz verarbeiten
können. Ein vermurkster Satz kann im Eifer des Gefechts
natürlich immer rauskommen, aber wenn ein Medien-Routinier
und Experte auch nach der 100. Sendung immer noch routiniert
Blech redet, dann wird es irgendwann peinlich. Für Netzer
ist es schon schwer genug, einen Gedanken zu fassen, er schafft
es einfach nicht, ihn auszudrücken. Und wenn doch, dann
muß man sich doch sehr wundern: »Er sucht das Foul.
Das ist das, was ich immer verlange.« Ach wirklich? Befindet
sich Netzer da nicht in der falschen Sportart? »Ich kann
das nur oft genug wiederholen«, sagte er, meinte allerdings
das Gegenteil. Und das tut er bis zur Schmerzgrenze.
Der gestelzte Ton
seiner Kommentare hob sich am Anfang noch wohltuend vom Gequackel
des Phrasenmähers Heribert Faßbender ab, aber bald
erwies er sich seinen Vorgängern weit überlegen, vor
allem auf dem Feld der vergurkten Metapher, des windschiefen
Satzbaus und der Wortwiederholung: »Da haben Spieler auf
dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.« »Ich
hoffe, das die deutsche Mannschaft auch in der 2. Halbzeit eine
runde Leistung zeigt, das würde die Leistung abrunden.«
»Man muss genauso kämpfen wie die Engländer
und besser spielen, dann hat man die besten Chancen gegen sie
zu tun.« »Das ist das größte Kompliment,
was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.« »Der
Torwächter nimmt hier die rechte Hand, obwohl die linke
die nähere gewesen wäre.« Selbst altbackene
Weisheiten aus dem Poesiealbum von Sepp Herberger wollen Netzer
nicht glatt über die Lippen gehen: »Jeder Spieler
hat seine Dienste in den Dienst der Mannschaft zu stellen.«
»Beckenbauer war mit 21 auch nicht der Beckenbauer späterer
Jahre.« Auch mit einem außergewöhnlichen anatomischen
Wissen brilliert Netzer: »Die Nase ist halt eine verletzliche
Stelle, und wenn man sie mit den Stollen oder der Fußspitze
berührt, kommt es zu Nasenbluten.« Wer hätte
das gedacht! Es ist Netzer zu verdanken, dass das Expertentum
in der Fußballberichterstattung das Kabarett inzwischen
alt aussehen lässt. Da können die Spaßmacher
auf der Bühne lange dran knobeln, sie werden nie die rhetorische
Spitzenleistung eines Netzer erreichen: »Man wusste bei
mir immer, wo ich dran war.«
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