Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Günter Netzer

Von Klaus Bittermann

Netzer, Günter – Nichts gegen Mythen, denn nichts ist faszinierender als ein schöner Mythos. Und deshalb bin ich ein strikter Gegner der sich als wissenschaftlich gerierenden Methode, Mythen zu entschlüsseln, aufzulösen, zu »hinterfragen« gar oder sonst irgendwie zu dekonstruieren. Der Wunsch, hinter einen Mythos kommen zu wollen, ist deshalb merkwürdig, weil man schon vorher weiß, was einen erwartet: Banales und Deprimierendes kommt dann zum Vorschein, und der Flair einer spannenden Geschichte, der Mythos ist futsch. Nichts kann man allerdings dagegen tun, wenn der Mythos das selber tut, wie Günter Netzer in seiner Autobiographie »Aus der Tiefe des Raums«. Was aus dieser Tiefe aufscheint, ist Ödnis pur. Es gibt gute Gründe dafür, dass man es manchmal so genau gar nicht wissen will. Aus der spröden und hölzernen Erzählstruktur lassen sich keine Funken schlagen. Es ist die Verneinung jeder Erzählung, die Ausbreitung eines Lebens in erbsenzählerischer Beamtenprosa, über die man einen Flokati des Schweigens legen möchte. Eine Fotografie sagt hier mehr als alle zähen Seiten. Netzers langjährige Freundin Hannelore, die versuchte, ihm etwas Geschmack beizubringen, was in den modisch gesehen katastrophalen 60er und 70er Jahren nicht einfach war, hat die Szenerie arrangiert: Vorne liegt ein fetter schwarzer Kater, links steht ein Hund in Gips, der Wandputz im Pizzeria-Look, hinter der Katze ein Blecheimer, in dem eine einzelne Rose und ein paar Wurzeln stecken, dahinter eine Sitzgelegenheit. Hannelore in satinschwarz schmiegt sich an Netzer in weißem Hemd und Jeans. Ist das Arrangement schon grausam genug, vor allem aus der Retrospektive, so ist immerhin eine Handschrift mit Wille zum Stil zu erkennen. Was aber überhaupt nicht ins Bild passt, sind die am Bund farbig geringelten weißen Socken von Netzer. Sie sind das Indiz für die Kontinuität des biederen Geschmacks, das, was aus der Tiefe des Raums bei Netzer aufscheint, was hinter dem Mythos steckt. Was bleibt sind die Ringelsöckchen.

Aber da Netzer sowieso ein Medienmensch geworden ist, passen seine Memoiren gut ins Bild, denn im Fernsehen gilt, je massengeschmäcklerisch und langweiliger, desto kompatibler. Auch für Bild, in der Auszüge vorab gedruckt wurden, wobei ich den Verdacht nicht los wurde, dass selbst die Bild-Redaktion Schwierigkeiten hatte, etwas in diesem Ringelsöckcheneinerlei zu finden. Netzer ist ein trauriges Beispiel für den Satz: »Wer sich ins Fernsehen begibt, kommt darin um.« Seitdem er Dauergast auf dem Bildschirm ist, wenn die Nationalmannschaft spielt, um seinen Senf als »Experte« dazuzugeben, wird er immer unerträglicher. Das sagt sogar Klaus Theweleit, der ihn für einen »Selbstdarsteller« hält, von dem selten ein analytischer Kommentar zu hören ist, weshalb er den schon an viele Idioten verliehenen Grimme-Preis völlig zu Recht bekommen habe. Zur Analyse ist er schon rein mental nicht in der Lage. O-Ton Netzer bei der letzten EM in Portugal: »Sie spielen ihr Spielsystem als kleine Jungs, und wenn sie das später als Senioren spielen, spielen sie das, als hätten sie nie was anderes gespielt.« Oder: »Das ist was vom Feinsten, was man sich nur denken kann.« Und: »Ibrahimovic ist 1,92 m groß, das kann man sich gar nicht vorstellen.« Und noch eins drauf: »Das ist etwas, wo man nicht in Sack und Asche verfallen muß.« Auch nicht schlecht die feine Beobachtung: »Ihre Laufbereitschaft kommt nicht zum Tragen, weil sie nicht wissen wohin.« Also ich meine, da kann man doch gleich Andreas Brehme nehmen, oder Lothar Matthäus, die auch keinen Gedanken zu einem vernünftigen Satz verarbeiten können. Ein vermurkster Satz kann im Eifer des Gefechts natürlich immer rauskommen, aber wenn ein Medien-Routinier und Experte auch nach der 100. Sendung immer noch routiniert Blech redet, dann wird es irgendwann peinlich. Für Netzer ist es schon schwer genug, einen Gedanken zu fassen, er schafft es einfach nicht, ihn auszudrücken. Und wenn doch, dann muß man sich doch sehr wundern: »Er sucht das Foul. Das ist das, was ich immer verlange.« Ach wirklich? Befindet sich Netzer da nicht in der falschen Sportart? »Ich kann das nur oft genug wiederholen«, sagte er, meinte allerdings das Gegenteil. Und das tut er bis zur Schmerzgrenze.

Der gestelzte Ton seiner Kommentare hob sich am Anfang noch wohltuend vom Gequackel des Phrasenmähers Heribert Faßbender ab, aber bald erwies er sich seinen Vorgängern weit überlegen, vor allem auf dem Feld der vergurkten Metapher, des windschiefen Satzbaus und der Wortwiederholung: »Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.« »Ich hoffe, das die deutsche Mannschaft auch in der 2. Halbzeit eine runde Leistung zeigt, das würde die Leistung abrunden.« »Man muss genauso kämpfen wie die Engländer und besser spielen, dann hat man die besten Chancen gegen sie zu tun.« »Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.« »Der Torwächter nimmt hier die rechte Hand, obwohl die linke die nähere gewesen wäre.« Selbst altbackene Weisheiten aus dem Poesiealbum von Sepp Herberger wollen Netzer nicht glatt über die Lippen gehen: »Jeder Spieler hat seine Dienste in den Dienst der Mannschaft zu stellen.« »Beckenbauer war mit 21 auch nicht der Beckenbauer späterer Jahre.« Auch mit einem außergewöhnlichen anatomischen Wissen brilliert Netzer: »Die Nase ist halt eine verletzliche Stelle, und wenn man sie mit den Stollen oder der Fußspitze berührt, kommt es zu Nasenbluten.« Wer hätte das gedacht! Es ist Netzer zu verdanken, dass das Expertentum in der Fußballberichterstattung das Kabarett inzwischen alt aussehen lässt. Da können die Spaßmacher auf der Bühne lange dran knobeln, sie werden nie die rhetorische Spitzenleistung eines Netzer erreichen: »Man wusste bei mir immer, wo ich dran war.«

 

 


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