| Schneider,
Peter – Als »die Reformen« mal wieder
in Gefahr waren, ließ der Spiegel seine kleine intellektuelle
V2 aufsteigen, um sie zu retten. Seit der ehemalige 68er-Wortführer
Peter Schneider einmal mit dem Kanzler Rotwein trinken durfte,
legt er sich schwer für das soziale Kürzungsprogramm
der Regierung ins Zeug. Er beklagt, dass »derzeit jeder
zweite Euro in Schulden, Renten und Pensionen« fließt,
»die asozialen Folgen ließen sich mit Händen
greifen«, und wenn Schneider an das ganze schöne
Geld denkt, »das an einem einzigen Vormittag für
Zinsen verbrannt wird«, würde ihm ganz schlecht.
Ein echter Wirtschaftsexperte, der perfekt den Jargon eines
BWL-Studenten simuliert.
Die Krise, die Schneider
so plakativ beschreibt, wie Bild das nicht besser könnte,
darüber ist er sich mit dem Kanzler und den meisten seiner
Kollegen einig, geht so nicht weiter: »Die brutalste und
unsozialste Politik, die es geben kann, ist offensichtlich jene,
die durch das starre Festhalten an nicht mehr finanzierbaren
Sozialausgaben ein wachsendes Heer von Arbeitslosen produziert.«
Dahinter steckt eine überraschende und eigenwillige Logik,
derzufolge der Arbeitslose nicht mehr vom Arbeitgeber produziert
wird, sondern durch Sozialausgaben. Überraschend ist auch,
dass in Schneiders Analyse Industrie und Arbeitgeberpolitik
gar nicht vorkommen. Staat und Sozialsystem sind ein in sich
geschlossener Kreislauf, der auf simple, aber dennoch undurchsichtige
Weise funktioniert. Dreht der Staat den Geldhahn auf, verschuldet
er sich und produziert Arbeitslose, d.h. er muss ihn einfach
zudrehen und schon wird alles besser. Dummerweise mögen
das die Leute nicht so, wie Schneider sich das vorstellt, weshalb
er den Deutschen vorwirft, sie würden die notwendigen Reformen
immer bloß blockieren, eine »Nation von Rechthabern«
wäre für eine »deutsche Lähmung«
verantwortlich, weil man nicht einsehen wolle, dass »weniger
Kündigungsschutz oder die Erhöhung des Arbeitsvolumens
(...) überraschenderweise nicht zu weniger, sondern zu
mehr Arbeitsplätzen« führe.
Peter Schneider erweist
sich mit dieser in der Tat sehr überraschenden Einsicht
nicht nur als Querdenker de luxe, er beweist auch, dass eine
Meinung gar nicht bescheuert und absurd genug sein kann, um
im Spiegel nicht Asyl zu finden. Natürlich kann der Wegfall
des Kündigungsschutzes dazu führen, dass es konjunkturell
bedingt mal ein paar mehr Arbeitsplätze gibt, flacht die
Konjunktur jedoch wieder ab, wären die schönen neuen
Arbeitsplätze ganz schnell wieder verschwunden. Zu erhoffen,
dass weniger Kündigungsschutz zu mehr Arbeitsplätzen
führe, ist ungefähr so logisch wie die Annahme, die
Jagd auf eine seltene Tierart erhöhe erst ihre Population.
Der Vorteil in der Auflösung rechtlicher Verhältnisse
bestünde allerdings darin, dass der Staat eine Menge Sozialausgaben
einsparen würde, und darum geht’s Peter Schneider
als sozialdemokratischen Vordenker des Sozialen schließlich.
Die Konservativen
haben harte Konkurrenz bekommen. Sich so offen reaktionär
zu geben, ist ihnen zu plump, und ein von Bild diktiertes Weltbild
zur Schau zu tragen, zu peinlich. Im Unterschied zu ihren ehemaligen
Gegnern wissen sie wenigstens noch, mit welchen Argumenten sie
sich einmal auseinandersetzen mussten, während Peter Schneider
so tut, als hätte er noch nie etwas vom Kapitalismus gehört,
geschweige denn von dessen Funktionsweise. Mit »Spielfreude
und Risikobereitschaft«, die Peter Schneider als Heilmittel
empfiehlt, ist die Krise nicht zu ändern, auch nicht, wenn
die gesamten 80 % der Deutschen, die die Reformen angeblich
für notwendig halten, geschlossen nach Strafe verlangten
und für weniger Geld auf die Straße gingen. Nicht
mal ein kleines Reförmchen ließe sich damit bewerkstelligen,
und schon gar nicht eine Belebung des Arbeitsmarkts.
Das kapitalistische
System ist an seine Grenzen gestoßen. Die Gesetzmäßigkeit,
die dem Kapital inne wohnt, lässt sich nicht mehr durch
Appelle von Peter Schneider aufhalten. Es handelt sich um eine
weltweite und eine strukturelle Krise, in der nun unter den
zu Tage tretenden Idealbedingungen der von Karl Marx ausgeknobelte
»tendenzielle Fall der Profitrate« greift. Die Wert
schaffende Arbeit hat sich so konzentriert und ein solches Ungleichgewicht
zwischen konstantem und variablem Kapital erzeugt, dass sie
sich nicht mehr realisieren lässt. Oder anders ausgedrückt:
Die Produktionsweise ist auf einem bislang noch nie da gewesenem
Niveau in der Lage, immer mehr Waren zu produzieren, ohne sie
umsetzen zu können, weil das variable Kapital in Form von
Löhnen und Gehältern, in der BWL-Diktion auch Kaufkraft
genannt, stetig sinkt. Das heißt, wir leben in einer Überproduktionskrise,
in der der bürgerliche Mittelstand einer heftigen wirtschaftlichen
Konzentrationsbewegung zum Opfer fällt, denn bei Überproduktion
und Absatzstau beginnt ökonomisch gesehen the survival
of the fittest, und das sind in der Regel the biggest. Aber
dieses Überleben bedeutet nur, dass die größten
den längsten Atem haben, die Krise ist damit nicht ausgestanden,
sondern verschärft sich nur. Damit bringt diese Produktionsweise
»die materiellen Mittel ihrer eigenen Vernichtung zur
Welt« (Marx), der Anteil derjenigen, die für den
Kapitalismus überflüssig und damit entbehrlich sind,
lässt sich an der monatlichen Arbeitslosenstatistik des
Bundesamts für Arbeit ablesen.
An solche kleinen
Selbstverständlichkeiten zu erinnern ist vielleicht deshalb
nicht ganz unnütz, weil in vager Erinnerung an diesen Zusammenhang
diejenigen heftigst für Hartz IV und soziale Einschnitte
plädieren, die aus der Sicht der kapitalistischen Produktionsweise
selber überflüssig sind: Intellektuelle, die das,
was sie als Intellektuelle auszeichnet, nämlich Reflektion
und Kritik, für verwerflich halten, um sich in eine freie
Außenstelle für die Vermittlung von Regierungspolitik
zu verwandeln. Insofern besteht das Verdienst von Peter Schneider
darin, an der Aufhebung des Begriffs »Intellektueller«
wesentlich Anteil zu haben, bei dem kein Unterschied mehr besteht
zu einem Pressesprecher des Kanzleramts.
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