Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Michael Rutschky

Von Klaus Bittermann

Rutschky, Michael – Die Stimmung in Deutschland ist mies. Bild schlägt Alarm, weil unseren Kindern die Sparbücher weggenommen werden sollen, die Arbeitslosenzahlen steigen, die Bezüge sinken, Lafontaine würde Schröder gerne vom Regierungssitz schubsen, weil er selber alles viel besser in die Grütze reiten kann, Spiegel und Bild verabschieden sich von der »Schlechtschreib-Reform« und bei Sabine Christiansen wird jeden Sonntag eine neue Katastrophe durchs Dorf gejagt. Wie immer, wenn die SPD an der Regierung ist, beweist sie, dass sie noch konservativer in der Gesinnung, noch großzügiger in der Beschneidung von Sozialausgaben, noch unternehmensfreundlicher, noch drastischer in der Abschiebe- und Innenpolitik und noch vaterländischer ist als ihre Schwesterpartei CDU. Mit dieser Politik versucht die SPD gerade, kollektiv Selbstmord zu begehen, aber selbst dazu ist sie zu dilettantisch. »Spring doch!« möchte man ihr zurufen, aber sie verharrt tapfer am Abgrund, bis sie den Augenblick für einen grandiosen Abgang verpasst hat und sich alle gelangweilt abwenden. Wenn sie schon die eigenen Genossen gegen sich aufbringt, die massenhaft die Partei verlassen, so konnte die SPD doch zumindest einige Intellektuelle gewinnen, die ihr bei der »Vermittlung« behilflich sind, unter der ihre wunderschöne Politik nach eigenen Aussagen am meisten leidet. Aber auch das war ein Griff ins Klo, denn die Vermittlungsoffensive ist argumentativ ein Desaster.

Michael Rutschky hat, wie die meisten Intellektuellen in Berlin, die ins Kanzleramt eingeladen werden, schon mal mit Schröder Rotwein getrunken und hält ihm seither die Stange, und zwar als Kommentator in der taz. Michael Rutschky sieht in den Kürzungen der Gelder für Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Arme nur eine irrationale Angst am Werke, eine »Angst vor Schwund und Verlust und Verarmung, die sich vor allem an statistischen Rechnungen festmacht.« Diese Angst sei unberechtigt, was man daran erkennen könne, dass Ängste, die eine realistische Grundlage hätten, völlig fehlten, nämlich die Angst vor den Terroristen: »Ein Flugzeug stürzt in den Kölner Dom, und gleichzeitig werden in drei Intercityzügen Bomben gezündet, die in Frankfurt am Main, Hamburg und München den Bahnhof in die Luft sprengen und viele Tote und Verletzte zurücklassen ... Nein, davor hat im Augenblick niemand so richtig Angst, obwohl man vernünftige Gründe dafür anführen könnte.«

Leider hält es Rutschky für unnötig, diese vernünftigen Gründe zu nennen, nach dem Motto, je absurder eine Behauptung, desto selbstverständlicher liegt sie schließlich auf der Hand. Die Terroristen haben nun mal einfach und nach weisem Beschluss von Imam Rutschky nichts besseres zu tun, als sich auf den Kölner Dom zu stürzen. Da ist selbst ein Witzbild von Greser & Lenz in der FAZ bedeutend plausibler. Man sieht Bin Laden in einer Höhle. Er schreibt gerade einen Brief an die »lieben Glaubenskämpfer« doch bitte »von Anschlägen in Deutschland abzusehen. Dieses Land ist schon kaputt.« Was auch immer die trüben Informationsquellen Rutschkys sind, sein Szenario ähnelt weniger einem vernünftigem Gedanken, sondern entstammt vielmehr dem Arsenal für plumpe Regierungs-Propaganda bei innenpolitischen Schwierigkeiten. Bislang dachte ich, solche simplen Methoden seien längst ausgestorben und die Modernisierung der Gesellschaft hätte inzwischen modernere Argumente hervorgebracht. Rutschky tritt den Beweis für das Gegenteil an und versucht fleißig, irrationale Ängste zu schüren, so weit sich das in der taz eben machen läßt.

Trotz Elfterseptember und Anschlag in Madrid gibt es keinen vernünftigen Grund, Angst zu haben, es sei denn, man leidet an einer Angstphobie. Terroristische Anschläge sind wie der berühmte Ziegel, der einem auf den Kopf fallen kann, wenn man aus dem Haus geht. Deshalb wird keiner mit einem Sturzhelm herumlaufen, auch wenn laut Rutschky viele »vernünftige Gründe« dafür sprechen. Natürlich haben Anschläge enorme Auswirkungen auf die psychische Verfassung einer Bevölkerung. Sie ist dann bereit, wie in Amerika aktuell zu beobachten und von Gore Vidal beschrieben, für mehr Sicherheit auf alle möglichen bürgerlichen Rechte zu verzichten. Massenpsychologisch gesehen ist das zwar nachvollziehbar, aber vernünftig ist es nicht.

Solche Ängste zu schüren hingegen erfüllt den Tatbestand der Volksverhetzung und ist einfach nur eine miese Nummer, vor allem, wenn man weiß, dass die Deutschen nach dieser Melodie gerne tanzen. Aus lauter Angst vor dem Juden haben sie schon einen Weltkrieg vom Zaun gebrochen, und auch die Lustangst der Deutschen vor dem Weltuntergang und den Pershings in den achtziger Jahren gehört nicht zu den Ruhmesblättern deutscher Geschichte. Auch diesmal plagen die Deutschen Ängste, aber wenn sie sich Sorgen um das nahe liegende machen, nämlich um ihren Geldbeutel, dann ist das eine durchaus nachvollziehbare Reaktion. Rutschky hingegen meint, abfällig bemerken zu müssen, dass sich die Angst aus einem »Folklore gewordenen Marxismus« nährt, demzufolge die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man erfährt von Rutschky nicht, ob er diesen Zusammenhang für richtig oder falsch hält, es ist einfach diese langweilige Evidenz, die ihn stört. Sein Weltbild lässt sich nach jahrzehntelanger leidvoller Erfahrung mit den Massen, die nie so wollten, wie er das gerne gehabt hätte, auf die schlichte Formel bringen, dass die Armut der Armen selbstverschuldet ist, der Reichtum der Reichen hingegen verdient.

In gewisser Weise hat es eigentlich etwas Beruhigendes, dass Schröder auf einen Helfer wie Rutschky zurückgreifen muss, dessen Argumente auf einen Intelligenzquotienten schließen lassen, der weit unter Zimmertemperatur liegt. Oder, um eine Sottise von Harald Schmidt in variierter Form aufzugreifen: Solche Intellektuellen wie Rutschky sind so lieb und zutraulich geworden, dass immer weniger Regierungsmitglieder sich einen Hund halten müssen.

 

 


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