| Rutschky,
Michael – Die Stimmung in Deutschland ist mies.
Bild schlägt Alarm, weil unseren Kindern die Sparbücher
weggenommen werden sollen, die Arbeitslosenzahlen steigen, die
Bezüge sinken, Lafontaine würde Schröder gerne
vom Regierungssitz schubsen, weil er selber alles viel besser
in die Grütze reiten kann, Spiegel und Bild verabschieden
sich von der »Schlechtschreib-Reform« und bei Sabine
Christiansen wird jeden Sonntag eine neue Katastrophe durchs
Dorf gejagt. Wie immer, wenn die SPD an der Regierung ist, beweist
sie, dass sie noch konservativer in der Gesinnung, noch großzügiger
in der Beschneidung von Sozialausgaben, noch unternehmensfreundlicher,
noch drastischer in der Abschiebe- und Innenpolitik und noch
vaterländischer ist als ihre Schwesterpartei CDU. Mit dieser
Politik versucht die SPD gerade, kollektiv Selbstmord zu begehen,
aber selbst dazu ist sie zu dilettantisch. »Spring doch!«
möchte man ihr zurufen, aber sie verharrt tapfer am Abgrund,
bis sie den Augenblick für einen grandiosen Abgang verpasst
hat und sich alle gelangweilt abwenden. Wenn sie schon die eigenen
Genossen gegen sich aufbringt, die massenhaft die Partei verlassen,
so konnte die SPD doch zumindest einige Intellektuelle gewinnen,
die ihr bei der »Vermittlung« behilflich sind, unter
der ihre wunderschöne Politik nach eigenen Aussagen am
meisten leidet. Aber auch das war ein Griff ins Klo, denn die
Vermittlungsoffensive ist argumentativ ein Desaster.
Michael Rutschky
hat, wie die meisten Intellektuellen in Berlin, die ins Kanzleramt
eingeladen werden, schon mal mit Schröder Rotwein getrunken
und hält ihm seither die Stange, und zwar als Kommentator
in der taz. Michael Rutschky sieht in den Kürzungen der
Gelder für Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Arme
nur eine irrationale Angst am Werke, eine »Angst vor Schwund
und Verlust und Verarmung, die sich vor allem an statistischen
Rechnungen festmacht.« Diese Angst sei unberechtigt, was
man daran erkennen könne, dass Ängste, die eine realistische
Grundlage hätten, völlig fehlten, nämlich die
Angst vor den Terroristen: »Ein Flugzeug stürzt in
den Kölner Dom, und gleichzeitig werden in drei Intercityzügen
Bomben gezündet, die in Frankfurt am Main, Hamburg und
München den Bahnhof in die Luft sprengen und viele Tote
und Verletzte zurücklassen ... Nein, davor hat im Augenblick
niemand so richtig Angst, obwohl man vernünftige Gründe
dafür anführen könnte.«
Leider hält
es Rutschky für unnötig, diese vernünftigen Gründe
zu nennen, nach dem Motto, je absurder eine Behauptung, desto
selbstverständlicher liegt sie schließlich auf der
Hand. Die Terroristen haben nun mal einfach und nach weisem
Beschluss von Imam Rutschky nichts besseres zu tun, als sich
auf den Kölner Dom zu stürzen. Da ist selbst ein Witzbild
von Greser & Lenz in der FAZ bedeutend plausibler. Man sieht
Bin Laden in einer Höhle. Er schreibt gerade einen Brief
an die »lieben Glaubenskämpfer« doch bitte
»von Anschlägen in Deutschland abzusehen. Dieses
Land ist schon kaputt.« Was auch immer die trüben
Informationsquellen Rutschkys sind, sein Szenario ähnelt
weniger einem vernünftigem Gedanken, sondern entstammt
vielmehr dem Arsenal für plumpe Regierungs-Propaganda bei
innenpolitischen Schwierigkeiten. Bislang dachte ich, solche
simplen Methoden seien längst ausgestorben und die Modernisierung
der Gesellschaft hätte inzwischen modernere Argumente hervorgebracht.
Rutschky tritt den Beweis für das Gegenteil an und versucht
fleißig, irrationale Ängste zu schüren, so weit
sich das in der taz eben machen läßt.
Trotz Elfterseptember
und Anschlag in Madrid gibt es keinen vernünftigen Grund,
Angst zu haben, es sei denn, man leidet an einer Angstphobie.
Terroristische Anschläge sind wie der berühmte Ziegel,
der einem auf den Kopf fallen kann, wenn man aus dem Haus geht.
Deshalb wird keiner mit einem Sturzhelm herumlaufen, auch wenn
laut Rutschky viele »vernünftige Gründe«
dafür sprechen. Natürlich haben Anschläge enorme
Auswirkungen auf die psychische Verfassung einer Bevölkerung.
Sie ist dann bereit, wie in Amerika aktuell zu beobachten und
von Gore Vidal beschrieben, für mehr Sicherheit auf alle
möglichen bürgerlichen Rechte zu verzichten. Massenpsychologisch
gesehen ist das zwar nachvollziehbar, aber vernünftig ist
es nicht.
Solche Ängste
zu schüren hingegen erfüllt den Tatbestand der Volksverhetzung
und ist einfach nur eine miese Nummer, vor allem, wenn man weiß,
dass die Deutschen nach dieser Melodie gerne tanzen. Aus lauter
Angst vor dem Juden haben sie schon einen Weltkrieg vom Zaun
gebrochen, und auch die Lustangst der Deutschen vor dem Weltuntergang
und den Pershings in den achtziger Jahren gehört nicht
zu den Ruhmesblättern deutscher Geschichte. Auch diesmal
plagen die Deutschen Ängste, aber wenn sie sich Sorgen
um das nahe liegende machen, nämlich um ihren Geldbeutel,
dann ist das eine durchaus nachvollziehbare Reaktion. Rutschky
hingegen meint, abfällig bemerken zu müssen, dass
sich die Angst aus einem »Folklore gewordenen Marxismus«
nährt, demzufolge die Armen immer ärmer und die Reichen
immer reicher werden. Man erfährt von Rutschky nicht, ob
er diesen Zusammenhang für richtig oder falsch hält,
es ist einfach diese langweilige Evidenz, die ihn stört.
Sein Weltbild lässt sich nach jahrzehntelanger leidvoller
Erfahrung mit den Massen, die nie so wollten, wie er das gerne
gehabt hätte, auf die schlichte Formel bringen, dass die
Armut der Armen selbstverschuldet ist, der Reichtum der Reichen
hingegen verdient.
In gewisser Weise
hat es eigentlich etwas Beruhigendes, dass Schröder auf
einen Helfer wie Rutschky zurückgreifen muss, dessen Argumente
auf einen Intelligenzquotienten schließen lassen, der
weit unter Zimmertemperatur liegt. Oder, um eine Sottise von
Harald Schmidt in variierter Form aufzugreifen: Solche Intellektuellen
wie Rutschky sind so lieb und zutraulich geworden, dass immer
weniger Regierungsmitglieder sich einen Hund halten müssen.
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