| Gottschalk,
Thomas – Thomas Gottschalk war schon immer eine
aufgedrehte Nervensäge. Nur hab ich es damals nicht gemerkt,
weil ich wahrscheinlich selber eine war. Ich war nämlich
mit Gottschalk befreundet. Er wohnte nur zwei Häuser entfernt,
wir gingen in die selbe Schule und wir ministrierten zusammen.
Er war der Vorleser, der Verkünder des Evangeliums. Vor
Publikum stehen und Quatsch erzählen, das war schon damals
seine Lieblingsbeschäftigung. Ich als zwei Jahre Jüngerer
musste den niederen Messdienst versehen, Wein und Wasser, bzw.
dem schluckspechtenden Pfaffen mehr Wein als Wasser einschenken,
lateinische Litaneien brabbeln, von denen ich nicht wusste,
was sie bedeuteten, an den bedeutenden Momenten des Hochamts
klingeln und das heilige Buch von der einen auf die andere Seite
tragen. Gottschalk hingegen durfte bei den feierlich begangenen
Feiertagen schon mal das Weihrauchfässchen schwenken, von
dem mir immer schlecht wurde. Auch das ist ihm als eine seiner
wesentlichen Eigenschaften geblieben: Nebel und Rauch erzeugen.
Beide waren wir im
CVJM, im Christlichen Verein Junger Männer, und der organisierte
eine Fahrt nach London, wo ich mit Gottschalk durch die Modegeschäfte
der Carnaby-Street tigerte. An die beiden meine finanziellen
Verhältnisse maßlos übersteigenden Hemden kann
ich mich besser erinnern als an das, was ich sonst mit Gottschalk
unternahm. Das erste war aus weißer, glitzernder Seide
mit Rüschen vorne, das zweite war aus reiner Baumwolle
gewirkt, weiß, die Ärmel wie bei den drei Musketieren
aufgetufft, tailliert, mit hohem, fast schon Stehkragen und
Buttondown. Was Gottschalk sich kaufte, weiß ich nicht
mehr. In unserer Heimatstadt Kulmbach konnte man das Zeug sowieso
nicht tragen, weil man damit aufgefallen ist wie eine Tarantel
auf einem Quarkkuchen und wahrscheinlich sofort der Schule verwiesen
worden wäre, weshalb meine Mutter die Hemden eines Tages
einfach verschwinden ließ. Das war so um 68 rum, und kurze
Zeit später hatte ich verständlicherweise anderes
zu tun, als mich aufzubrezeln. Schließlich galt es, eine
Revolution anzuzetteln und außerdem noch Weiber rumzukriegen.
Gottschalk machte letzteres auf konventionellem Weg. Er wurde
DJ in der örtlichen Disko. Wir verloren uns aus den Augen,
aber als ich ihn später auf dem Bildschirm wieder entdeckte,
musste ich feststellen: Er hat sich nie geändert (was laut
Benjamin eine echte Katastrophe ist), er brabbelt und rhabarbert
immer noch drauf los und hält sich dabei für witzig.
Schon damals ein Irrglaube, über den ihn nie jemand aufklärte.
Nun ist mir eine
kleine Meldung aufgefallen, die mir das intellektuelle Niveau
der Heile-Welt-Schabracke Thomas Gottschalk wieder in Erinnerung
rief. Auch er will nämlich den festgefahrenen Karren namens
Deutschland wieder aus dem Dreck ziehen. Für Gottschalk
ist das lediglich eine Frage des guten Willens und des Ärmelhochkrempelns.
Hatte der mittlerweile schon etwas angegammelte Mythos aus der
Nachkriegszeit »In die Hände zu spucken und anzupacken«
damals wenigstens noch eine gewisse Berechtigung, ist er heute
nur noch blödsinniges Ressentiment. Und das hört sich
so an: »Es herrscht in Deutschland eine Beschwerdementalität,
keine Anpackmentalität. Das muss sich dringend ändern.
In Amerika gibt es den Satz nicht: Da muss der Staat was machen.«
Man muss allerdings nicht wie Gottschalk in Amerika leben, um
zu wissen, dass dieses Unterfangen auch ganz und gar sinnlos
wäre, weil sich der Staat schon lange aus der Verantwortung
für die sozial Schwachen verabschiedet hat. Ein Modell,
das Gottschalk auch für Deutschland erstrebenswert hält:
»In Deutschland sagen die Leute: So, jetzt bin ich arbeitslos,
wo ist der Staat? In Amerika sagen die Leute: Jetzt bin ich
arbeitslos, wo kann ich neues Geld verdienen?«
Zum Beispiel als
Tellerwäscher, aus dem bekanntlich dann ja auch ein Millionär
wird. Bei Gottschalk würde die Zumutbarkeitsgrenze ziemlich
niedrig liegen, wie sich in seiner eigenen Sendung beobachten
lässt, wo keine Aktivität bescheuert genug sein kann,
um nicht noch in »Wetten, dass...« vorgeführt
und beklatscht zu werden. In der Realität lässt sich
mit Zirkusnummern kein Geld verdienen, außer man heißt
Gottschalk und lebt von seinem Gesicht und den Fernsehgebühren
der Zuschauer. Da aber nicht alle Gottschalk heißen und
nicht jeder das begnadete Talent besitzt, aus Scheiße
Gold zu machen, bedeutet das, dass ein paar Leute durch den
Rost fallen.
Es ist erstaunlich,
dass ausgerechnet Leute glauben, Expertisen zu einem Thema abgeben
zu müssen, von dem sie nicht im geringsten betroffen sind,
denn weder sind sie arbeitslos noch werden sie sich jemals als
Putzmann in einem Großraumbüro verdingen oder sonstige
niederen Arbeiten annehmen müssen. Gottschalk dürften
andere Sorgen quälen, wie beispielsweise die Frage, wie
bringe ich die nächste Million unbeschadet am Fiskus vorbei,
um sie nicht dem Staat in den Rachen schmeißen zu müssen,
der sie sowieso nur für irgendwelche Verlierer verpulvert.
Und deshalb hat Gottschalk vor allem sein Allgemeinwohl im Auge,
wenn er die Krise als eine Frage der Mentalität abtut und
den Deutschen empfiehlt, dem Staat nicht mehr auf den Geldsack
zu gehen. Bei den Leuten, von denen er Initiative fordert, handelt
es sich genau um seine Klientel, deren »Mentalität«
Gottschalk seinen Erfolg verdankt, denn seine Sendung erfordert
ein Publikum, das passiv und genügsam ist, und über
eine hohe Leidenstoleranz verfügt. Ein kleines Wunder wäre
es hingegen, wenn jemand nach spätestens einer Stunde Gottschalk
nicht stumm und ergeben vor der Glotze hockte, niedergeschlagen
von der geballten Ladung Bescheuertheit, die ihm vor den Latz
geknallt wird.
Darauf würde
Gottschalk nie kommen. Dafür hat er schließlich nicht
studiert. Er ist bei seinen Leisten geblieben. Er predigt den
Mainstream, dass selbst der Wein sauer wird. Er ist aufgeschlossen,
freundlich, nett und eine Nervensäge. Er ist immer noch
ein Ministrant seines Herrn, und der heißt Erfolg bei
den Blöden.
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