Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Thomas Gottschalk

Von Klaus Bittermann

Gottschalk, Thomas – Thomas Gottschalk war schon immer eine aufgedrehte Nervensäge. Nur hab ich es damals nicht gemerkt, weil ich wahrscheinlich selber eine war. Ich war nämlich mit Gottschalk befreundet. Er wohnte nur zwei Häuser entfernt, wir gingen in die selbe Schule und wir ministrierten zusammen. Er war der Vorleser, der Verkünder des Evangeliums. Vor Publikum stehen und Quatsch erzählen, das war schon damals seine Lieblingsbeschäftigung. Ich als zwei Jahre Jüngerer musste den niederen Messdienst versehen, Wein und Wasser, bzw. dem schluckspechtenden Pfaffen mehr Wein als Wasser einschenken, lateinische Litaneien brabbeln, von denen ich nicht wusste, was sie bedeuteten, an den bedeutenden Momenten des Hochamts klingeln und das heilige Buch von der einen auf die andere Seite tragen. Gottschalk hingegen durfte bei den feierlich begangenen Feiertagen schon mal das Weihrauchfässchen schwenken, von dem mir immer schlecht wurde. Auch das ist ihm als eine seiner wesentlichen Eigenschaften geblieben: Nebel und Rauch erzeugen.

Beide waren wir im CVJM, im Christlichen Verein Junger Männer, und der organisierte eine Fahrt nach London, wo ich mit Gottschalk durch die Modegeschäfte der Carnaby-Street tigerte. An die beiden meine finanziellen Verhältnisse maßlos übersteigenden Hemden kann ich mich besser erinnern als an das, was ich sonst mit Gottschalk unternahm. Das erste war aus weißer, glitzernder Seide mit Rüschen vorne, das zweite war aus reiner Baumwolle gewirkt, weiß, die Ärmel wie bei den drei Musketieren aufgetufft, tailliert, mit hohem, fast schon Stehkragen und Buttondown. Was Gottschalk sich kaufte, weiß ich nicht mehr. In unserer Heimatstadt Kulmbach konnte man das Zeug sowieso nicht tragen, weil man damit aufgefallen ist wie eine Tarantel auf einem Quarkkuchen und wahrscheinlich sofort der Schule verwiesen worden wäre, weshalb meine Mutter die Hemden eines Tages einfach verschwinden ließ. Das war so um 68 rum, und kurze Zeit später hatte ich verständlicherweise anderes zu tun, als mich aufzubrezeln. Schließlich galt es, eine Revolution anzuzetteln und außerdem noch Weiber rumzukriegen. Gottschalk machte letzteres auf konventionellem Weg. Er wurde DJ in der örtlichen Disko. Wir verloren uns aus den Augen, aber als ich ihn später auf dem Bildschirm wieder entdeckte, musste ich feststellen: Er hat sich nie geändert (was laut Benjamin eine echte Katastrophe ist), er brabbelt und rhabarbert immer noch drauf los und hält sich dabei für witzig. Schon damals ein Irrglaube, über den ihn nie jemand aufklärte.

Nun ist mir eine kleine Meldung aufgefallen, die mir das intellektuelle Niveau der Heile-Welt-Schabracke Thomas Gottschalk wieder in Erinnerung rief. Auch er will nämlich den festgefahrenen Karren namens Deutschland wieder aus dem Dreck ziehen. Für Gottschalk ist das lediglich eine Frage des guten Willens und des Ärmelhochkrempelns. Hatte der mittlerweile schon etwas angegammelte Mythos aus der Nachkriegszeit »In die Hände zu spucken und anzupacken« damals wenigstens noch eine gewisse Berechtigung, ist er heute nur noch blödsinniges Ressentiment. Und das hört sich so an: »Es herrscht in Deutschland eine Beschwerdementalität, keine Anpackmentalität. Das muss sich dringend ändern. In Amerika gibt es den Satz nicht: Da muss der Staat was machen.« Man muss allerdings nicht wie Gottschalk in Amerika leben, um zu wissen, dass dieses Unterfangen auch ganz und gar sinnlos wäre, weil sich der Staat schon lange aus der Verantwortung für die sozial Schwachen verabschiedet hat. Ein Modell, das Gottschalk auch für Deutschland erstrebenswert hält: »In Deutschland sagen die Leute: So, jetzt bin ich arbeitslos, wo ist der Staat? In Amerika sagen die Leute: Jetzt bin ich arbeitslos, wo kann ich neues Geld verdienen?«

Zum Beispiel als Tellerwäscher, aus dem bekanntlich dann ja auch ein Millionär wird. Bei Gottschalk würde die Zumutbarkeitsgrenze ziemlich niedrig liegen, wie sich in seiner eigenen Sendung beobachten lässt, wo keine Aktivität bescheuert genug sein kann, um nicht noch in »Wetten, dass...« vorgeführt und beklatscht zu werden. In der Realität lässt sich mit Zirkusnummern kein Geld verdienen, außer man heißt Gottschalk und lebt von seinem Gesicht und den Fernsehgebühren der Zuschauer. Da aber nicht alle Gottschalk heißen und nicht jeder das begnadete Talent besitzt, aus Scheiße Gold zu machen, bedeutet das, dass ein paar Leute durch den Rost fallen.

Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet Leute glauben, Expertisen zu einem Thema abgeben zu müssen, von dem sie nicht im geringsten betroffen sind, denn weder sind sie arbeitslos noch werden sie sich jemals als Putzmann in einem Großraumbüro verdingen oder sonstige niederen Arbeiten annehmen müssen. Gottschalk dürften andere Sorgen quälen, wie beispielsweise die Frage, wie bringe ich die nächste Million unbeschadet am Fiskus vorbei, um sie nicht dem Staat in den Rachen schmeißen zu müssen, der sie sowieso nur für irgendwelche Verlierer verpulvert. Und deshalb hat Gottschalk vor allem sein Allgemeinwohl im Auge, wenn er die Krise als eine Frage der Mentalität abtut und den Deutschen empfiehlt, dem Staat nicht mehr auf den Geldsack zu gehen. Bei den Leuten, von denen er Initiative fordert, handelt es sich genau um seine Klientel, deren »Mentalität« Gottschalk seinen Erfolg verdankt, denn seine Sendung erfordert ein Publikum, das passiv und genügsam ist, und über eine hohe Leidenstoleranz verfügt. Ein kleines Wunder wäre es hingegen, wenn jemand nach spätestens einer Stunde Gottschalk nicht stumm und ergeben vor der Glotze hockte, niedergeschlagen von der geballten Ladung Bescheuertheit, die ihm vor den Latz geknallt wird.

Darauf würde Gottschalk nie kommen. Dafür hat er schließlich nicht studiert. Er ist bei seinen Leisten geblieben. Er predigt den Mainstream, dass selbst der Wein sauer wird. Er ist aufgeschlossen, freundlich, nett und eine Nervensäge. Er ist immer noch ein Ministrant seines Herrn, und der heißt Erfolg bei den Blöden.

 

 


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