Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Paul Sahner

Von Klaus Bittermann

Sahner, Paul – Zunächst wusste ich nicht, worauf ich mein plötzliches Angewidertsein zurückführen sollte, aber jedes Mal, wenn ich den Zug bestieg, was ich aus beruflichen Gründen in letzter Zeit häufiger tat, wurde mir unwohl. Ich fühlte mich verfolgt und beobachtet. Bis ich merkte, egal, wo ich sich hinsetzte, überall starrte mich Karl Lagerfeld an. Entweder vom Sitzplatz selber oder aus dem Netz, das an der Rückseite des Vordersitzes angebracht ist. Es war mir unangenehm, ständig von einem mürrisch dreinblickenden Mann hinter einer schwerkalibrigen Sonnenbrille angegafft zu werden, dessen Mundwinkel auf fünf vor halbsieben hingen und in dessen Sonnenmilchbräune unappetitliche zu einem affigen Zopf geknotete weiße Franzen hingen. Schnell hängte ich meinen Wintermantel des Schweigens darüber, drehte die übellaunige Mafiosi-Imitation um oder ließ ihn in einem für Papiermüll vorgesehene Abfallstelle verschwinden. Aber mein Kampf war sinnlos. In jedem neuen Zug, den ich bestieg, muffelte er mich wieder an und verbreitete schlechte Laune.

Irgendwann wurden meine Versuche, ihn zu ignorieren, lächerlich. Ich nahm das Heft zur Hand. Das DB-Magazin »mobil« hatte mobil und mich mürbe gemacht. Es wurde mir »Ihr persönliches Exemplar zum Mitnehmen!« aufgedrängt. Zum Mitnehmen! Mit Ausrufezeichen, denn dies war ein Befehl. Der harmlos Reisende sollte nicht ungeschoren davonkommen. Vielleicht würde ja eine der mir langsam ausgehenden Peinlichen Personen sich um Strohkopf und Stehkragen reden. Also steckte ich »mobil« heimlich in meine Tasche und trug die Beute nach Hause. Dort las ich die »Ansichten einer männlichen Diva« und stellte fest, dieser Artikel geht gar nicht um Karl Lagerfeld, sondern um Paul Sahner. Einen Mann mit diesem Namen kann man sich leicht merken, weil er in einem Geschäft arbeitet, wo ihm die Beschaffenheit seines Namens zu Gute kommt. Bei einem »Gesellschaftsreporter« kann sie als Gleitcreme sehr von Nutzen sein, denn schließlich geht es in diesem Job darum, das Opfer zu penetrieren. Wie Paul Sahner im gleichnamigen steif geschlagenen Milchprodukt lebt und darin glitscht und flitscht, das erfährt man aus seinem Artikel.

Mit Karl Lagerfeld kann Paul Sahner besonders gut, und das schon seit 15 Jahren. Paul Sahner wohnt bei »Karl«, denn das ist das mindeste, was »Karl« für seinen Freund machen kann, wenn »Paul« schon einen Artikel über ihn, »Karl«, für »mobil« schreibt. »Paul« geht es bei »Karl« 1A-Sahne, und er schildert, wie Klasse es in »Karls« 200 Quadratmeter großen Gästeloft seines 24-Hektar-Landsitzes ist. Hier lässt es sich als Made im Speck wunderbar leben: »Schnell noch raus in den Park, ein paar Bahnen in dem 50 Meter langen Pool kraulen, wo sich vergangene Woche noch Charlotte, die schöne Tochter von Caroline von Monaco, unter Wasser mit Pop beschallen ließ. Danach eine eiskalte Dusche.« Uiiii, das war ganz schön knapp, mit der schönen Charlotte im gleichen Pool. Da war die kalte Dusche aber höchste Eisenbahn. Paul Sahner schüttelt seine unzüchtigen Gedanken ab und geht: »Zurück in die laue Augustnacht. Wir sitzen im Park seines Biarritz-Refugiums, lassen den Blick zu den Pyrenäen im angrenzenden Spanien schweifen. Einer seiner zwei Diener serviert, was einer seiner drei Diät-Köche zubereitet hat... Lagerfeld klärt mich auf: ›Kein Gramm Fett. Nur morgens genehmige ich mir 25 Gramm Butter, damit die Haut nicht austrocknet. Seit dem 1. November 2000 habe ich kein Milligram Zucker gegessen. Ich vermenge rabenschwarzen Espresso im Mund mit einem Schluck Diät-Pepsi, das ist mein bitterer Schokoladenersatz.‹«

Schmiert Lagerfeld sich die Butter ins Gesicht? Jeden Tag 25 Gramm? Ist ja eklig! Das Rezept mit dem »rabenschwarzen« Espresso – im Unterschied zum »marineblauen«, oder was? –, gemischt mit Diät-Pepsi habe ich ausprobiert. Okay, ich habe schon Schlimmeres getrunken und auch ausgiebiger gekotzt, aber wenn das die Haute Cousine in Biarritz ist, dann wundert es mich nicht, wenn Karl Lagerfeld immer wie ein Sack voller Sorgen herumläuft. Spaß und Freude haben ist was anderes. Die hat man, wenn man nicht irgendwelche absonderlichen Rezepte an sich ausprobiert, nur um wie ein Spargel durch die Gegend zu laufen und im bereits fortgeschrittenen Alter mit lächerlichen hautengen Jeans so zu tun, als würde man im Gesicht und um den Hals nicht bereits wie ein Truthahn aussehen. Und weil Lagerfeld daher kommt wie fünf Wochen Regenwetter, hat er ein paar Regeln für seine Gäste aufgestellt: »Sprechen Sie auch nie über persönliche Probleme. Besonders tabu sind Krankheit, Geldknappheit oder Sorgen mit den Kindern... Lassen Sie alles Bedrückende zu Hause. Wenn das nicht geht, bleiben Sie besser der Gesellschaft fern.«

Persönliche Probleme sind für »Karl« und »Paul« wie Aids. Sie wissen, wie schnell man das kriegen kann. Was sie nicht wissen, dass sie es beide schon haben. Zumindest die Promi-Klette Paul Sahner, dessen gesamte unwürdige Existenz als Aids bezeichnet werden könnte. Oder als Tripper. Man kriegt ihn schnell, aber man wird ihn schwer wieder los.

Gar keine schlechte Pointe, denke ich, aber wie immer bin ich generös und überlasse das Schlusswort Gerhard Henschel. Der hat mal über Paul Sahner geschrieben: »Der Kommunismus ist ja leider gescheitert, aber es ist nicht die unangenehmste Vorstellung, dass Paul Sahner, statt recht flott davon zu leben, indem er sich öffentlich über die Hämorrhoiden und die Seitensprünge von Prominenten auslässt, im Umerziehungslager einer Volksrepublik bis ans Lebensende Lokusbürsten reinigen müsste. Paul Sahner. Was für eine Kreatur. Da hatte der liebe Gott wohl zu tief ins Glas geschaut.«

 

 


copyright (c) 2004
E-Mail: live@live-magazin.de
Webmaster: SpaceXMedia