Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Johannes B. Kerner

Von Klaus Bittermann

Kerner, Johannes B. – Abstoßend an den Schauprozessen unter Hitler und Stalin war vor allem die hysterische Gerichtsbarkeit. Dank Johannes B. Kerner hat man nun auch im demokratischen Deutschland einen zum Richter sich aufspielenden Eiferer, der den Begriff Schauprozess nicht länger einem totalitären System überlässt. Kerner dachte offensichtlich, was Roland Freisler kann, kann ich schon lange. Seit ein paar läppische Fehlpfiffe auf dem Fußballfeld gegen Bezahlung die Nation erschüttern, in Spielen zudem, die vorher kein Schwein interessiert haben, ist Betrug nicht einfach mehr Betrug, sondern ein Kapitalverbrechen. Kerner lud Robert Hoyzer in seine gleichnamige Schlachtbank-Sendung und machte ihm den Schauprozess.

Hoyzer ist ein ideales Opfer. Er ist geständig und er bereut. Er ist ein denkbar einfacher Fall. Als junger Mann, der noch alle Tassen im Schrank hat, hatte er dem sehr verständlichen Wunsch nach schnellem Geld und flotten Autos nachgegeben und eine sich bietende Gelegenheit beim Schopf gepackt. Jeder, der nicht zuviel Moral auf der Pfanne hat, tut dies. Mitten in Deutschland. Am helllichten Tag. Weil Hoyzer nicht der Schlaueste ist, ist es herausgekommen. Ein Bereicherungsdelikt, das normalerweise nicht mal unter »Vermischtes« erwähnt wird, erreichte plötzlich eine Dimension, von der sich ein ganz gewöhnlicher Massenmord in Afrika gerne eine Scheibe abschneiden würde.

Die Krawallschachtel Kerner gerierte sich als erigiertes Gewissen der Nation und kündigte Robert Hoyzer als den Mann an, »der die Unschuld des deutschen Fußballs verkauft hat.« Dies ließ bereits erahnen, dass hier kein Gespräch, sondern Teufelsaustreibung stattfinden würde, das Opfer sollte nicht seziert, sondern vorgeführt werden. Kerner stellte deshalb auch keine Fragen, um etwas zu erfahren, sondern um den Angeklagten anzubelfern. »Wie verdorben muss jemand sein, um sein Amt so zu missbrauchen, wie Sie es getan haben?« »Warum sitzen Sie überhaupt in einer Fernsehsendung und nicht im Gefängnis? Wo Sie doch so viel angerichtet haben!« »Wir möchten gerne wissen, wann Sie Ihre Ehre verkauft haben, und bedeutende Teile des deutschen Fußballs gleich mit?« So wurde eine moralische Granate nach der anderen auf den armen Tropf abgefeuert, der stammelnd immer nur das selbe erzählen konnte, dass es ihm leid täte, dass er sich den Stiefel anziehen müsse, dass er sich schäme. Mehr war aus der traurigen Figur nicht herauszupressen, aber das reichte Kerner nicht. Es bereitete ihm ein sadistisches Vergnügen, auf Hoyzer einzuprügeln.

»Haben Sie irgendwie in dieser ganzen Zeit mal einen Gedanken daran gehabt, wie groß der Schaden sein könnte, den Sie anrichten? Ich meine den Schaden, den Sie übergeordnet dem ganzen deutschen Fußball antun?« Was soll man darauf antworten, außer vielleicht, ob sich Kerner schon mal Gedanken darüber gemacht hat, welche Beleidigung er für diejenigen darstellt, deren Intelligenz noch nicht unter Zimmertemperatur gerutscht ist. Zeitweise hatte man den Eindruck, man wäre im falschen Film gelandet, in »Form Dusk till Dawn«, denn soviel Glibber wie die erschlagenen Monster sonderte Kerner mühelos ab: »Was sagen Sie einem St. Pauli-Fan, der sein Herzblut gibt, sein Geld gibt, was sagen Sie einem HSV-Fan, der vielleicht Auszubildender ist und 250 Euro Auszubildendenlohn bekommt und an einem Nachmittag nach Paderborn fährt, um das erste Spiel seines Vereins zu sehen, für den er lebt, für den sein Herz schlägt. Was können Sie so einem sagen?«

Die Frage ist aber viel mehr: Wie kann man so was überhaupt fragen? Vorausgesetzt, man will mehr erfahren als dass es Hoyzer »unendlich leid tut«? Aber Kerner will eigentlich gar nichts wissen, er will immer nur das gleiche hören, wie ja auch ein Sadist immer nur Schmerzen zufügen will, um sich an seinem Opfer zu weiden. In seinem leicht debilen Dauergrinsen sah man ihm das Vergnügen an, das es ihm machte, wenn Hoyzer sich in Widersprüche verstrickte, stotterte und faselte. Auf ihn ließ sich hemmungslos herumtreten, und vor allem gefahrlos, denn Kerner war sich sicher, dass es niemand geben würde, der Hoyzer in Schutz nehmen würde. An ihm konnte Kerner sich aufrichten und sein Gutmenschentum präsentieren.

Der St. Pauli-Fan, den Kerner so mitfühlend beschreibt, leidet wie jeder Fan unter den »Fehlentscheidungen« der Schiedsrichter, und zwar ganz gleich, ob es tatsächliche oder keine, ob es bezahlte oder unbezahlte Fehlentscheidungen sind, weshalb der Schiedsrichter immer wieder gerne als »schwarze Sau« oder »bezahlte Schwuchtel« vom 250 Euro verdienenden HSV-Fan beschimpft oder mit ähnlich netten Bezeichnungen versehen wird, die auch gut auf Kerner passen würden. Das Loblied auf den armen unschuldigen jungen Fan zeigt, dass Kerner vom Umfeld des Fußballs so viel Ahnung hat wie vom Fußball selber: nämlich keine.

Stattdessen wieder eine dieser investigativen Fragen, die sich auf dem selben Niveau bewegten wie die Antworten: »Als Schiedsrichter haben Sie ja ne eigene Kabine, da duschen Sie sich und stellen sich dann vor den Spiegel, und dann sehen Sie sich. Was haben Sie da gedacht?« Was Kerner denkt, wenn er in den Spiegel schaut, erfährt man hingegen ständig. »Am Anfang haben Sie alle angelogen. Ihre Freundin auch? Ihre Eltern haben Sie auch angelogen. Wie gehen Sie damit um? Im Grunde haben Sie bis zur letzten Sekunde gelogen, also bis zum letzten Moment.« Ja, im Grunde schon, nur klärt uns Kerner nicht darüber auf, wie man Leute betuppt und es gleichzeitig an die große Glocke hängt. Wie soll das gehen? Natürlich musste Hoyzer lügen, dass sich die Balken biegen, denn sonst wäre seine Karriere als Betrüger noch kürzer gewesen als sie sowieso schon war.

Am Ende kriegte dann aber doch noch alles einen Sinn, denn das zugerichtete Opfer sollte sich selber den finalen Rettungsschuss verpassen. »So nach Ihrem eigenen Gerechtigkeitsempfinden, wie auch immer das jetzt vorhanden ist, wie ausgeprägt oder rudimentär: Hätten Sie Gefängnis verdient? Was würden Sie als eine gerechte Strafe für Sie empfinden?« Aber Hoyzer ist trotz schwerster Gehirnwäsche nicht bereit oder zu begriffsstutzig, um nach der Höchststrafe zu flehen, weshalb das Kerner für ihn machen muss: »Dann hoffen wir einfach mal dass es dafür eine gerechte Strafe gibt.« Aber gibt es eine gerechte Strafe für Kerner?

 

 


copyright (c) 2005
E-Mail: live@live-magazin.de
Webmaster: SpaceXMedia