Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Rolf Hochhuth

Von Klaus Bittermann

Hochhuth, Rolf – In einer Fischhandlung in Unna wurde Harry Rowohlt Zeuge eines Dialogs, der seither ein fester Bestandteil seines Programms ist. Fischhändlerin: »Du, ich glaub, der Hummer will schon wieder aus seim Basseng raus.« Fischhändler: »Dann musst du ihn beschimpfen.«
Rolf Hochhuth führt ein wenig das Leben dieses Hummers. Immer, wenn er versucht, ein bisschen Wirbel zu machen und aus dem »Basseng« zu kommen, wird er vom Feuilleton ausgeschimpft. Zu einem richtigen Skandal jedoch reicht es nicht aus. Hochhuth wird angekreidet, der Jungen Freiheit ein Interview gegeben zu haben. Ob er denn nicht wüsste, dass es sich um ein ganz schlimmes rechtsradikales Blatt handle? Das kann schon sein, aber ist es nicht genau die richtige Zeitschrift, um Hochhuths Ideen endzulagern? So wie das vor ihm schon Egon Bahr und Peter Glotz gelungen ist, die ebenfalls in der Jungen Freiheit ihren Senf abgaben? Wahrscheinlich, weil sie den Rechten irgendetwas nicht kampflos überlassen wollten, vermutlich den Platz in der Zeitung? Auch der Spiegel wäre als Endlagerstätte für Hochhuths vergammelte Ideen in Frage gekommen, denn abgesehen von der Etikettierung unterscheiden sich die Inhalte der bürgerlichen Presse und die der Jungen Freiheit nicht wirklich, und wenn der Spiegel zu einem Rundumschlag gegen Sozialschmarotzer und kriminelle Ausländer ausholt, die entweder Zuhälter, Menschenhändler, Rauschgifthändler oder Zwangsprostituierte sind, dann sieht die Junge Freiheit ganz ganz alt aus, dann kann sie nur neidisch in Richtung Brandstwiete gucken, weil die jungen Freiheitler wissen, dass sie von Aust noch eine Menge lernen können.

In der Jungen Freiheit hatte Rolf Hochhuth keine vergleichbare Hetze zu bieten. Er brach lediglich für den englischen Historiker David Irving eine Lanze und meinte, es sei »idiotisch«, Irving als Holocaust-Leugner zu bezeichnen. Dummerweise hatte Irving genau dies getan, und weil Irving auf Nachfrage immer wieder darauf insistierte wurde ihm in Deutschland sogar ein Einreiseverbot erteilt, weil, wie man im »Wörterbuch des Gutmenschen« nachlesen kann, »gerade die Deutschen« eine besondere Verpflichtung verspüren, an anderen gutzumachen, was sie selber angerichtet haben. David Irving ist offensichtlich ein Maniac, der sich in sinnlosen Prozessen finanziell ruinierte. Er ist also nicht sehr ernst zunehmen, nicht mehr jedenfalls als beispielsweise Franz Josef Wagner, Guido Knopp oder Frank Schirrmacher.

Der für eine kompromisslose Haltung gegen die Nazis nicht gerade berühmt gewordene Tagesspiegel blähte sich jedoch auf und nannte Hochhuths Äußerungen »gefährlichen Unsinn und eine Beleidigung der Opfer des Holocaust und ihrer Angehörigen. Und niemand fragt, ob der Fall Hochhuth ein Indiz für die Erosion der demokratischen Abgrenzung gegenüber dem Rechtsextremismus sein könnte. So erscheint auch die öffentliche Stille selbst als weiteres Indiz.« An dieser Argumentation kann man sehen, wie ein vernünftiger Widerstand gegen die Nazis nicht aussehen sollte. Dass mit dem »Unsinn« stimmt, aber alles andere ist so ziemlich daneben, denn weder ist der Quatsch, den Hochhuth verzapft, »gefährlich« noch ist er beleidigend. Im Land der beleidigten Leberwürste ist man zwar schnell eingeschnappt und nimmt übel, aber wer außer dem Tagesspiegel kann sich von Hochhuth wirklich beleidigt fühlen? Man kann seinen Käse als alles mögliche bezeichnen, eine Beleidigung ist er nicht. Und wäre tatsächlich ein Mantel des Schweigens darüber gelegt worden, es wäre erholsam gewesen und kein »Indiz« für welche »Erosion« auch immer, die sich da angeblich an der Demokratie zu schaffen macht.

Außerdem ist nicht alles falsch, was Hochhuth zu sagen hat. Wenn er z.B. bedauert, dass die Stadt Dresden den »fabelhaften Pionier der Zeitgeschichte« David Irving nicht als Ehrengast eingeladen hat, obwohl er sich mit seinem Buch »Der Untergang Dresdens« lange vor Jörg Friedrich damit beschäftigt und »so viel für dessen Aufarbeitung getan« habe, dann ist das tatsächlich kaum zu verstehen, denn Dresden und Irving würden großartig zueinander passen.

Rolf Hochhuth, das schrieb 1968 schon Hannah Arendt ihrer Freundin Mary McCarthy, ist einfach »nicht sehr intelligent. Ganz zu schweigen von begabt.« Das bestätigte sich auch in dieser Debatte, als Hochhuth kurze Zeit später alles wieder zurücknahm und sich ordentlich schämte: »Das ist nicht zu verantworten gewesen, dass ich das gesagt habe. Ich wollte doch keinen Holocaust-Leugner verteidigen«, greinte er plötzlich. Und schon war die Luft wieder heraus.

Viel unangenehmer als die Tatsache, dass Hochhuth Irving erst seinen Freund nennt, dann aber zugibt, dass er seit 25 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihn hatte, sind seine antikapitalistischen und nationalistischen Reflexe. Der Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann steht für ihn nicht nur deshalb für »ein amoralisches Gangstertum«, weil er trotz hoher Gewinne Massenentlassungen plant, sondern weil er »die Deutsche Bank an die Wall Street zu verkaufen« gedenkt. »Ich bin für ein Europa der Vaterländer«, sagt Hochhuth weiter, und das heißt, die Polen sollen in Polen bleiben, damit die Leute im Ruhrgebiet nicht arbeitslos werden. Abgesehen davon, dass es schon ein bisschen her ist mit den Polen im Ruhrgebiet und dass es heute schwer wäre, im Ruhrgebiet jemandem die Arbeit wegzunehmen, weil es dort kaum eine gibt, diese Ressentiments bleiben ohne Erwiderung, weil sie voll im Trend liegen. Für den Tagesspiegel sind sie ebenso kompatibel wie für die taz.

Das Problem mit Hochhuth ist weniger sein kurioses Ideenkabinett, sondern ähnlich wie bei seinem »Duz-Freund« Walser, der für Hochhuth mehr »Respekt« forderte, die Tatsache, dass er nicht schreiben kann, es aber immer wieder versucht. Dass seine Sätze an allen Ecken und Enden quietschen hält ihn selbstverständlich nicht davon ab, die deutsche Sprache beispielsweise vor dem »bizarren französischen Sprach-Chauvinismus« retten zu wollen, wie er sich überhaupt gerne als Retter Deutschlands geriert. An solchen Betriebsnudeln herrscht in Deutschland bekanntlich kein Mangel. Ein Blick in die sonntägliche Christiansen-Runde genügt. Und so lange das so ist, muss man sich auch keine Sorgen machen.

 

 


copyright (c) 2005
E-Mail: live@live-magazin.de
Webmaster: SpaceXMedia