| Hochhuth,
Rolf – In einer Fischhandlung in Unna wurde Harry
Rowohlt Zeuge eines Dialogs, der seither ein fester Bestandteil
seines Programms ist. Fischhändlerin: »Du, ich glaub,
der Hummer will schon wieder aus seim Basseng raus.« Fischhändler:
»Dann musst du ihn beschimpfen.«
Rolf Hochhuth führt ein wenig das Leben dieses Hummers.
Immer, wenn er versucht, ein bisschen Wirbel zu machen und aus
dem »Basseng« zu kommen, wird er vom Feuilleton
ausgeschimpft. Zu einem richtigen Skandal jedoch reicht es nicht
aus. Hochhuth wird angekreidet, der Jungen Freiheit ein Interview
gegeben zu haben. Ob er denn nicht wüsste, dass es sich
um ein ganz schlimmes rechtsradikales Blatt handle? Das kann
schon sein, aber ist es nicht genau die richtige Zeitschrift,
um Hochhuths Ideen endzulagern? So wie das vor ihm schon Egon
Bahr und Peter Glotz gelungen ist, die ebenfalls in der Jungen
Freiheit ihren Senf abgaben? Wahrscheinlich, weil sie den Rechten
irgendetwas nicht kampflos überlassen wollten, vermutlich
den Platz in der Zeitung? Auch der Spiegel wäre als Endlagerstätte
für Hochhuths vergammelte Ideen in Frage gekommen, denn
abgesehen von der Etikettierung unterscheiden sich die Inhalte
der bürgerlichen Presse und die der Jungen Freiheit nicht
wirklich, und wenn der Spiegel zu einem Rundumschlag gegen Sozialschmarotzer
und kriminelle Ausländer ausholt, die entweder Zuhälter,
Menschenhändler, Rauschgifthändler oder Zwangsprostituierte
sind, dann sieht die Junge Freiheit ganz ganz alt aus, dann
kann sie nur neidisch in Richtung Brandstwiete gucken, weil
die jungen Freiheitler wissen, dass sie von Aust noch eine Menge
lernen können.
In der Jungen Freiheit
hatte Rolf Hochhuth keine vergleichbare Hetze zu bieten. Er
brach lediglich für den englischen Historiker David Irving
eine Lanze und meinte, es sei »idiotisch«, Irving
als Holocaust-Leugner zu bezeichnen. Dummerweise hatte Irving
genau dies getan, und weil Irving auf Nachfrage immer wieder
darauf insistierte wurde ihm in Deutschland sogar ein Einreiseverbot
erteilt, weil, wie man im »Wörterbuch des Gutmenschen«
nachlesen kann, »gerade die Deutschen« eine besondere
Verpflichtung verspüren, an anderen gutzumachen, was sie
selber angerichtet haben. David Irving ist offensichtlich ein
Maniac, der sich in sinnlosen Prozessen finanziell ruinierte.
Er ist also nicht sehr ernst zunehmen, nicht mehr jedenfalls
als beispielsweise Franz Josef Wagner, Guido Knopp oder Frank
Schirrmacher.
Der für eine
kompromisslose Haltung gegen die Nazis nicht gerade berühmt
gewordene Tagesspiegel blähte sich jedoch auf und nannte
Hochhuths Äußerungen »gefährlichen Unsinn
und eine Beleidigung der Opfer des Holocaust und ihrer Angehörigen.
Und niemand fragt, ob der Fall Hochhuth ein Indiz für die
Erosion der demokratischen Abgrenzung gegenüber dem Rechtsextremismus
sein könnte. So erscheint auch die öffentliche Stille
selbst als weiteres Indiz.« An dieser Argumentation kann
man sehen, wie ein vernünftiger Widerstand gegen die Nazis
nicht aussehen sollte. Dass mit dem »Unsinn« stimmt,
aber alles andere ist so ziemlich daneben, denn weder ist der
Quatsch, den Hochhuth verzapft, »gefährlich«
noch ist er beleidigend. Im Land der beleidigten Leberwürste
ist man zwar schnell eingeschnappt und nimmt übel, aber
wer außer dem Tagesspiegel kann sich von Hochhuth wirklich
beleidigt fühlen? Man kann seinen Käse als alles mögliche
bezeichnen, eine Beleidigung ist er nicht. Und wäre tatsächlich
ein Mantel des Schweigens darüber gelegt worden, es wäre
erholsam gewesen und kein »Indiz« für welche
»Erosion« auch immer, die sich da angeblich an der
Demokratie zu schaffen macht.
Außerdem ist
nicht alles falsch, was Hochhuth zu sagen hat. Wenn er z.B.
bedauert, dass die Stadt Dresden den »fabelhaften Pionier
der Zeitgeschichte« David Irving nicht als Ehrengast eingeladen
hat, obwohl er sich mit seinem Buch »Der Untergang Dresdens«
lange vor Jörg Friedrich damit beschäftigt und »so
viel für dessen Aufarbeitung getan« habe, dann ist
das tatsächlich kaum zu verstehen, denn Dresden und Irving
würden großartig zueinander passen.
Rolf Hochhuth, das
schrieb 1968 schon Hannah Arendt ihrer Freundin Mary McCarthy,
ist einfach »nicht sehr intelligent. Ganz zu schweigen
von begabt.« Das bestätigte sich auch in dieser Debatte,
als Hochhuth kurze Zeit später alles wieder zurücknahm
und sich ordentlich schämte: »Das ist nicht zu verantworten
gewesen, dass ich das gesagt habe. Ich wollte doch keinen Holocaust-Leugner
verteidigen«, greinte er plötzlich. Und schon war
die Luft wieder heraus.
Viel unangenehmer
als die Tatsache, dass Hochhuth Irving erst seinen Freund nennt,
dann aber zugibt, dass er seit 25 Jahren keinen Kontakt mehr
zu ihn hatte, sind seine antikapitalistischen und nationalistischen
Reflexe. Der Chef der Deutschen Bank Josef Ackermann steht für
ihn nicht nur deshalb für »ein amoralisches Gangstertum«,
weil er trotz hoher Gewinne Massenentlassungen plant, sondern
weil er »die Deutsche Bank an die Wall Street zu verkaufen«
gedenkt. »Ich bin für ein Europa der Vaterländer«,
sagt Hochhuth weiter, und das heißt, die Polen sollen
in Polen bleiben, damit die Leute im Ruhrgebiet nicht arbeitslos
werden. Abgesehen davon, dass es schon ein bisschen her ist
mit den Polen im Ruhrgebiet und dass es heute schwer wäre,
im Ruhrgebiet jemandem die Arbeit wegzunehmen, weil es dort
kaum eine gibt, diese Ressentiments bleiben ohne Erwiderung,
weil sie voll im Trend liegen. Für den Tagesspiegel sind
sie ebenso kompatibel wie für die taz.
Das Problem mit Hochhuth
ist weniger sein kurioses Ideenkabinett, sondern ähnlich
wie bei seinem »Duz-Freund« Walser, der für
Hochhuth mehr »Respekt« forderte, die Tatsache,
dass er nicht schreiben kann, es aber immer wieder versucht.
Dass seine Sätze an allen Ecken und Enden quietschen hält
ihn selbstverständlich nicht davon ab, die deutsche Sprache
beispielsweise vor dem »bizarren französischen Sprach-Chauvinismus«
retten zu wollen, wie er sich überhaupt gerne als Retter
Deutschlands geriert. An solchen Betriebsnudeln herrscht in
Deutschland bekanntlich kein Mangel. Ein Blick in die sonntägliche
Christiansen-Runde genügt. Und so lange das so ist, muss
man sich auch keine Sorgen machen.
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