Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Norbert Körzdörfer

Von Klaus Bittermann

Körzdörfer, Norbert – Es war ein langes Gewürge, und die öffentliche Zurschaustellung des Siechtums hatte nicht mal der Papst verdient, auch wenn er sich selbst keine Schonung gewährte. Kurz bevor er den Löffel abgab, lehnte er sich noch einmal krächzend aus dem Fenster, um seine Schäflein zu segnen, was ein bisschen nach Muppetshow aussah. Früher kippte man dem Papst einfach ein bisschen Gift in den Becher und die Sache war geritzt. Aber die Kirche ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Zehntausende weideten sich auf dem Petersplatz am schmerzverzerrten Gesicht von Paul II. und gerieten darüber in religiöse Verzückung. Kein schöner Anblick, aber es wurde einem nichts erspart, und daran sieht man, dass die Verurteilung von Gewaltvideos in den Medien nur geheuchelt ist, denn schlimmer, als jemandem öffentlich beim Abkratzen zuzusehen, sind diese Dokumente auch nicht. Der religiös verbrämte Voyeurismus will dabei ebenso auf seine Kosten kommen wie jeder andere eben auch. Die Affinität der Gläubigen zu den Bilder und Darstellungen des Grauens ist dabei Tradition, die Wundmale ihres Chefs und die ausgesuchten, ja exquisiten Qualen der Märtyrer waren immer auch die Quelle großer Befriedigung. Oder, wie man im Ruhrgebiet sagen würde: »Da gehen die Katholen kaputt drauf!«

Vielleicht aus diesem Grund wurde die Nachricht vom Tod des Papstes wie ein glückliches Ereignis gefeiert. Sein Tod wurde beklatscht und bejubelt, Menschen umarmten und beglückwünschten sich, als sei man froh darüber, dass der durch sein Verbot von Verhütungsmitteln für Aids maßgeblich Verantwortliche endlich weg vom Fenster ist, dass es einen Massenmörder weniger gibt. Aber es war nicht plötzlich der Weltfriede ausgebrochen, sondern man feierte den Papsttod und sich selbst als mediales Ereignis, weil man dabei gewesen ist. Die Menschen zückten Foto-Handys und Cam-Corder, um genau das zu dokumentieren und mitzuteilen. Fromm ist was anderes als sich nach vorne drängeln, um einen Schnappschuss von der Leiche zu machen. Man imitierte damit, was Prominente als Adabeis vormachen. Wichtig ist nicht, warum man da ist, sondern dass man da ist. Nun war man deshalb zwar noch kein Promi, aber immerhin schon mal ein Adabei, also dort, wo Medien und Massen sich ein Stelldichein gaben und sich selber inszenierten. Auf einen Betenden kamen zwei Kameras, die ihn filmten. Und deshalb klatschten sie. Sie beklatschten sich selbst, weil man wusste, dass man als sich zusammenballende Masse aus dem Papsttod ein »Mega-Event« machte. Es herrschte eine geradezu symbiotische Beziehung zwischen Massen und Medien, denn je mehr Menschen nach Rom strömten und eine ganz Stadt lahm legten, desto weniger konnte man dem Terror der medialen Berichterstattung entgehen, und je mehr darüber berichtet wurde, desto mehr Menschen wollten dabei sein.

In den Nachrichten der TV-Anstalten bekam man nichts anderes mehr serviert als fundamentalistische Eiferer, die nicht, wie in einer von Vernunft regierten Welt, ob ihres Geisteszustandes bemitleidet und ansonsten ignoriert werden, sondern denen man den gesamten Nachrichtenplatz einräumte. Und wenn das aktuelle Befinden des Papstes bis ins Kleinste durchgekaut war, ging eine andere religiöse Sekte auf Sendung, die für das unwürdige Dahinvegetieren der im Wachkoma liegenden Terri Schiavo mit Gebet und Gewalt eintraten und ihr kurz vor dem Tod sogar noch einen Pfaffen auf den Hals hetzten. Da hatte selbst Harald Juhnke, der sonst immer für eine Schlagzeile gut war, keine Chance. Er hatte Glück: Im Schatten des Papstes konnte er sich fast unbemerkt davon machen. Aber eben nur fast, denn dann war Gottschalk zur Stelle und andere Berliner Adabeis. Immerhin blieb ihm das unwürdige Ende des Papstes erspart, von Hunderttausenden angegafft und fotografiert zu werden. Der Papst hingegen musste bereits aufgebahrt noch die ebenso intime wie belanglose Aufdringlichkeit seines Biografen Andreas Englisch erdulden, von dem man erfuhr: »Ich bin froh, dass sie dem Marathonmann Gottes für die letzte Reise die Lederslipper angezogen haben, die er so gerne mochte. Ich weiß noch, wie er sie nach der Hüftoperation 1994 zum ersten Mal trug. Sie waren bequemer als die Lederschnürschuhe.«

Und Bild, das Fachblatt für Möpse in jeder Form, Größe und Gewicht, hatte extra seine Geheimwaffe nach Rom geschickt, Norbert Körzdörfer, den in Wort und Geist legitimen Erben von Franz Josef Wagner, einen Mann, dem schon Horst Tomayer öffentlich zurief: »Körzdörfer! Halts Maul!« Aber das ficht Körzdörfer nicht an: »Ich bin hier. Ich berichte«, sagt er, und das macht er dann auch: »Ein Jahrtausendmann stirbt, der noch die Asche von Auschwitz gerochen hat. Es war ein schöner Tag für einen Abschied. Streichelnde Sonne und warmer Wind auf duftender Haut. Tausende Sonnenbrillen, hübsche Mädchen, knatternde Motorräder... Der Petersplatz wirkt wie ein großes Café Gottes. Lachen, Quatschen, Knipsen, Trinken, Sonnenbaden, Handy-Musik. Kein Mensch weint jetzt. Es ist ein Good-bye mit Happy-End bei 17 Grad.« Dann wird der Papst ausgestopft: »Seine Nase ist spitz wie ein zackiger Fels. Sein Gesicht ist steinig, aschgrau eingefallen, geschrumpft. Eine marmorne Pergament-Hülle, aus der die Luft des Lebens gewichen ist.« Und Körzdörfer macht die Leiden Jesu noch einmal durch: »Ich wartete 12 Stunden! Ich stand elf Stunden. Mein Rücken schmerzt. Die Füße sind verquollen. Meine Hand blutet... Es ist, als trage man ein unsichtbares Kreuz... Mein Handy ist leer. Ich bin geläutert und glücklich.« Als Blasphemiker hat man gegen einen Gläubigen wie Körzdörfer keine Chance. In Demut senke ich mein Haupt. Den Papst, die Kirche, die Lehre lächerlich machen... das kann keiner besser als ein Körzdörfer oder Englisch. Chapeau!

 

 


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