| Körzdörfer,
Norbert – Es war ein langes Gewürge, und die öffentliche
Zurschaustellung des Siechtums hatte nicht mal der Papst verdient,
auch wenn er sich selbst keine Schonung gewährte. Kurz
bevor er den Löffel abgab, lehnte er sich noch einmal krächzend
aus dem Fenster, um seine Schäflein zu segnen, was ein
bisschen nach Muppetshow aussah. Früher kippte man dem
Papst einfach ein bisschen Gift in den Becher und die Sache
war geritzt. Aber die Kirche ist auch nicht mehr das, was sie
mal war. Zehntausende weideten sich auf dem Petersplatz am schmerzverzerrten
Gesicht von Paul II. und gerieten darüber in religiöse
Verzückung. Kein schöner Anblick, aber es wurde einem
nichts erspart, und daran sieht man, dass die Verurteilung von
Gewaltvideos in den Medien nur geheuchelt ist, denn schlimmer,
als jemandem öffentlich beim Abkratzen zuzusehen, sind
diese Dokumente auch nicht. Der religiös verbrämte
Voyeurismus will dabei ebenso auf seine Kosten kommen wie jeder
andere eben auch. Die Affinität der Gläubigen zu den
Bilder und Darstellungen des Grauens ist dabei Tradition, die
Wundmale ihres Chefs und die ausgesuchten, ja exquisiten Qualen
der Märtyrer waren immer auch die Quelle großer Befriedigung.
Oder, wie man im Ruhrgebiet sagen würde: »Da gehen
die Katholen kaputt drauf!«
Vielleicht aus diesem
Grund wurde die Nachricht vom Tod des Papstes wie ein glückliches
Ereignis gefeiert. Sein Tod wurde beklatscht und bejubelt, Menschen
umarmten und beglückwünschten sich, als sei man froh
darüber, dass der durch sein Verbot von Verhütungsmitteln
für Aids maßgeblich Verantwortliche endlich weg vom
Fenster ist, dass es einen Massenmörder weniger gibt. Aber
es war nicht plötzlich der Weltfriede ausgebrochen, sondern
man feierte den Papsttod und sich selbst als mediales Ereignis,
weil man dabei gewesen ist. Die Menschen zückten Foto-Handys
und Cam-Corder, um genau das zu dokumentieren und mitzuteilen.
Fromm ist was anderes als sich nach vorne drängeln, um
einen Schnappschuss von der Leiche zu machen. Man imitierte
damit, was Prominente als Adabeis vormachen. Wichtig ist nicht,
warum man da ist, sondern dass man da ist. Nun war man deshalb
zwar noch kein Promi, aber immerhin schon mal ein Adabei, also
dort, wo Medien und Massen sich ein Stelldichein gaben und sich
selber inszenierten. Auf einen Betenden kamen zwei Kameras,
die ihn filmten. Und deshalb klatschten sie. Sie beklatschten
sich selbst, weil man wusste, dass man als sich zusammenballende
Masse aus dem Papsttod ein »Mega-Event« machte.
Es herrschte eine geradezu symbiotische Beziehung zwischen Massen
und Medien, denn je mehr Menschen nach Rom strömten und
eine ganz Stadt lahm legten, desto weniger konnte man dem Terror
der medialen Berichterstattung entgehen, und je mehr darüber
berichtet wurde, desto mehr Menschen wollten dabei sein.
In den Nachrichten
der TV-Anstalten bekam man nichts anderes mehr serviert als
fundamentalistische Eiferer, die nicht, wie in einer von Vernunft
regierten Welt, ob ihres Geisteszustandes bemitleidet und ansonsten
ignoriert werden, sondern denen man den gesamten Nachrichtenplatz
einräumte. Und wenn das aktuelle Befinden des Papstes bis
ins Kleinste durchgekaut war, ging eine andere religiöse
Sekte auf Sendung, die für das unwürdige Dahinvegetieren
der im Wachkoma liegenden Terri Schiavo mit Gebet und Gewalt
eintraten und ihr kurz vor dem Tod sogar noch einen Pfaffen
auf den Hals hetzten. Da hatte selbst Harald Juhnke, der sonst
immer für eine Schlagzeile gut war, keine Chance. Er hatte
Glück: Im Schatten des Papstes konnte er sich fast unbemerkt
davon machen. Aber eben nur fast, denn dann war Gottschalk zur
Stelle und andere Berliner Adabeis. Immerhin blieb ihm das unwürdige
Ende des Papstes erspart, von Hunderttausenden angegafft und
fotografiert zu werden. Der Papst hingegen musste bereits aufgebahrt
noch die ebenso intime wie belanglose Aufdringlichkeit seines
Biografen Andreas Englisch erdulden, von dem man erfuhr: »Ich
bin froh, dass sie dem Marathonmann Gottes für die letzte
Reise die Lederslipper angezogen haben, die er so gerne mochte.
Ich weiß noch, wie er sie nach der Hüftoperation
1994 zum ersten Mal trug. Sie waren bequemer als die Lederschnürschuhe.«
Und Bild, das Fachblatt
für Möpse in jeder Form, Größe und Gewicht,
hatte extra seine Geheimwaffe nach Rom geschickt, Norbert Körzdörfer,
den in Wort und Geist legitimen Erben von Franz Josef Wagner,
einen Mann, dem schon Horst Tomayer öffentlich zurief:
»Körzdörfer! Halts Maul!« Aber das ficht
Körzdörfer nicht an: »Ich bin hier. Ich berichte«,
sagt er, und das macht er dann auch: »Ein Jahrtausendmann
stirbt, der noch die Asche von Auschwitz gerochen hat. Es war
ein schöner Tag für einen Abschied. Streichelnde Sonne
und warmer Wind auf duftender Haut. Tausende Sonnenbrillen,
hübsche Mädchen, knatternde Motorräder... Der
Petersplatz wirkt wie ein großes Café Gottes. Lachen,
Quatschen, Knipsen, Trinken, Sonnenbaden, Handy-Musik. Kein
Mensch weint jetzt. Es ist ein Good-bye mit Happy-End bei 17
Grad.« Dann wird der Papst ausgestopft: »Seine Nase
ist spitz wie ein zackiger Fels. Sein Gesicht ist steinig, aschgrau
eingefallen, geschrumpft. Eine marmorne Pergament-Hülle,
aus der die Luft des Lebens gewichen ist.« Und Körzdörfer
macht die Leiden Jesu noch einmal durch: »Ich wartete
12 Stunden! Ich stand elf Stunden. Mein Rücken schmerzt.
Die Füße sind verquollen. Meine Hand blutet... Es
ist, als trage man ein unsichtbares Kreuz... Mein Handy ist
leer. Ich bin geläutert und glücklich.« Als
Blasphemiker hat man gegen einen Gläubigen wie Körzdörfer
keine Chance. In Demut senke ich mein Haupt. Den Papst, die
Kirche, die Lehre lächerlich machen... das kann keiner
besser als ein Körzdörfer oder Englisch. Chapeau!
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