Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Michael Wolffsohn

Von Klaus Bittermann

Wolffsohn, Michael – Der große, weise Mann Deutschlands, der einzige, der immer oben schwimmt, ohne den Klamauk mitzumachen, den seine Kollegen mitmachen, um als Adabeis zu reüssieren, Hans Magnus Enzensberger also, hat sich im Spiegel über die Kapitalismus-Schelte Münteferings lustig gemacht. Müntefering kann sich nicht beschweren, denn es hat etwas Komisches an sich, wenn ein Politiker plötzlich »die sensationelle Entdeckung« macht, »dass sich hinter der harmlosen Tarnbezeichnung ›die Wirtschaft‹, was ja bis dahin kaum jemand geahnt hat, der schiere Kapitalismus verbirgt.« Und auch die Methode, der gerade entdeckten Ausbeutung auf den Leib zu rücken, wurde im politischen Kabarett als Steilvorlage dankbar aufgenommen. Alle jubelten und schrien »Klassenkampf! Klassenkampf! Müntelein, geh du voran!«, weil alle wussten, dass man Klassenkämpferisches in der SPD bestimmt nicht zu befürchten hatte. Und weil es sich um eine contradictio in adjecto handelt, genau deshalb schüttelt sich der Bürger bei der Nennung des Wortes Klassenkampf im Zusammenhang mit SPD und Müntefering vor Lachen aus. Jeder sieht amüsiert zu, wie Müntefering dem Kapitalismus den Pelz wäscht, ohne ihn nass zu machen, weshalb Enzensberger auf sehr schöne Weise resümiert, dass ein Kapitalist keine Angst zu haben braucht, »schlimmstensfalls kann es ihm passieren, dass er zu einem gemütlichen Abendessen ins Kanzleramt eingeladen wird.«

Erstaunlicherweise vergaß man in der ganzen Debatte aber, dass Müntefering als Chef der Regierungspartei ein Reformprogramm mit verantwortet, in dem man alles getan hat, um den Sozialstaat zu demontieren, also auch alles, um sich lieb Kind bei den Kapitalisten zu machen und das zarte Pflänzchen »Wirtschaft« zu hegen und zu pflegen. In einem flammenden Artikel im stern rechnete Arno Luik mit der Reformpolitik ab und vor, dass die Deutsche Bank im Jahr 2000 fast sieben Milliarden Euro vom Staat geschenkt bekam, damit sie nur ein Jahr später bei einem Gewinn von 9,8 Milliarden 11000 Angestellte entlassen konnte, um sie in die staatliche Fürsorge zu überführen, die man aus Kostengründen wiederum am liebsten streichen würde. Und auch die Tatsache, dass Stuttgart mehr über die Hundesteuer einnimmt als über die Gewerbesteuern von Daimler Benz, der schon zehn Jahre lang keinen Cent dafür aufbringen musste, ist als kleines Detail am Rande ganz interessant, um die Unsinnigkeit der Debatte erstrahlen zu lassen. Vor diesem Hintergrund, der die Notwendigkeit von Hartz IV auf unerwartet neue Weise unterstreicht, wird die Münteferingsche Kapitalismusschelte schon weniger lustig, aber umso grotesker. Indem man diese Verantwortung bzw. besser Verantwortungslosigkeit der SPD verschweigt oder es nicht für nötig hält, zumindest mal darauf hinzuweisen, macht man mit der SPD dasselbe, was die SPD mit dem Kapitalismus macht: Man wäscht ihr den Pelz, ohne sie nass zu machen. Auf Müntefering Hohn und Spott auszuschütten, ohne wenigstens den Kapitalismus und seine willfährigen Vollstrecker ein wenig zu desavouieren, macht etwas zu wenig aus dem dankbaren Stoff.

Und schließlich muss man Müntefering auch etwas zugute halten, denn noch lustiger und grotesker als er selbst war das Echo, das er hervorrief. Deutschlands Wirtschaftselite fühlte sich tatsächlich auf den Schlips getreten, obwohl sie noch nie einen besseren hatten, der ihnen den Weg geebnet und alles Störende platt gemacht hat. In der Financial Times Deutschland entrüstete sich stellvertretend für den angegriffenen kapitalistischen Gierhals der hauseigene Kolumnist Wolfgang Münchau, der empfahl, Müntefering auszugrenzen, denn wer »in einer Hetzkampagne respektable Firmen verunglimpft und auf eine populistische Hitliste setzt«, verdiene nichts anderes. Und: »Wer so handelt, ist kein Demokrat.« Uiuiuiui! Müntefering kein Demokrat? Das wäre ja ein echter Hammer! Aber was ist er dann? Ist Müntefering ein Terrorist? Muss die GSG9 wieder ran?

Den größten Quatsch aber erzählte Michael Wolffsohn, der im lächerlichen Boykottaufruf Münteferings ein altes »Denkmuster« entdeckte, das ungefähr so sensationell war wie Münteferings erstaunte Feststellung, dass es einen Kapitalismus gibt. Der an einer Bundeswehrhochschule tätige, sich selbst aber als »Historiker und Jude« bezeichnende Wolffsohn war tatsächlich so dämlich und nahm Müntefering ernst. Das muss man erst mal schaffen. Es geht zwar, allerdings nur unter Ausschaltung eines Verstands, von dem man bei Wolffsohn nicht sicher sein kann, ob er vorhanden ist. Er witterte beim armen Müntefering Antisemitismus, weil ein Boykottaufruf von besonders brachial sich gebärdender Unternehmen sich bekanntlich nicht vom nationalsozialistischen »Kauft nicht bei Juden!« unterscheiden würde. Wenn es aber unerheblich ist, wer oder was boykottiert wird, dann ist jeder Boykott per se antisemitisch, eine gedankliche Höchstleistung, die Michael Wolffsohn ganz allein zustande gebracht hat, und die ist sogar noch besser als der Vergleich skrupelloser Spekulanten mit einem Heuschreckenschwarm.

Die Heuschreckenplage lässt sich zwar als eine aus der Bibel stammende Metapher dummerweise nicht so ohne weiteres für den Antisemitismusvorwurf zurechtbiegen, aber was nicht passt wird eben passend gemacht. »Heute nennt man diese ›Plage‹ ›Heuschrecken‹, damals ›Ratten‹ oder ›Judenschweine‹.« Abgesehen davon, dass der Vergleich eine Beleidigung der Heuschrecke darstellt, hat Wolffsohn die berühmte »Schmeißfliege« vergessen, die erst durch Strauß aus ihrer eher belästigenden Existenz zu höheren Weihen gefunden hat. Von Wolffsohn noch unentdeckt und deshalb noch nicht mit dem Bann des Antisemitismus belegt ist Sebastian Haffner, der einmal die »Mitreisenden« gleichsetzte mit »Stechmücken, Haifischen, Schlangen und Bazillen«, wie überhaupt alle möglichen harmlosen und gutmütigen Haustiere in der verbalen Auseinandersetzung des Alltags in pejorativer Absicht herabgewürdigt werden. Ein weites Forschungsfeld für Wolffsohn, der sich darum sorgt, dass durch solche Vergleiche »Menschen das Menschsein abgesprochen wird.« In diesem Klima fühlt sich der zart besaitete Wolffsohn diesmal komischerweise »als Bürger« und nicht »als Historiker und Jude« »nicht mehr sicher.«

Der generelle Antisemitismusverdacht kommt ein halbes Jahrhundert zu spät. Ihn beliebig auszustreuen trifft höchstens mal zufällig den richtigen. Nicht jeder aber ist bereits ein Antisemit, der einen Ackermann mit einem ehrenwerten Säugetier mit Hörnern vergleicht oder ihm die Pest an den Hals wünscht. Jemanden zu beschimpfen oder zu beleidigen ist immer noch etwas anderes als ihn zu vernichten. Ein Unterschied ums Ganze. Fürchten muss sich dann nicht Wolffsohn, sondern die Leute, die vom Chef der Deutschen Bank auf die Straße gesetzt wurden. Im Gegensatz zu den Arbeitslosen, die die auf allen Ebenen versagende Wirtschaft zu verantworten hat, sind die Befürchtungen Wolffsohns um seine Sicherheit ein echter Luxus.

 

 


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