Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Joschka Fischer

Von Klaus Bittermann

Fischer, Joseph – Männer wie Joseph Fischer braucht das Land. Er ist total locker. Er redet sich selber sogar mit seinem Spitznamen an. Anderen wäre das peinlich, als Außenminister Heinzi, Bobbele oder Schnuckelchen genannt zu werden. Dem »Joschka« macht das gar nichts aus. Er steht dazu. »Ich bin der Joschka und ich bin Außenminister.« Und zu seiner Vergangenheit steht er auch. »Ohne meine Biographie wäre ich heute ein anderer«, sagt er. Wer gibt das denn heute noch so unumwunden zu? Wo doch alle krampfhaft daran festhalten, dass sie auch ohne ihre Biographie immer noch die selben wären, denn meistens haben sie ja nicht mal eine, während »Joschka« hinsichtlich seiner Biographie ganz schön was durchmachen musste. Aber letztlich hat sie ihm nichts anhaben können. Nachdem er erkannt habe, »wie Gewalt die eigenen Gesichtszüge verzerrt«, hat er seine Tätigkeit als freischaffender Gewalttäter an den Nagel gehängt und wurde Außenminister. Aber auch dieses Amt hinterließ tiefe Kerben im Gesicht. Dieses Ministerium ist eine Art Sozialstation für Kleinkriminelle. Seither hat Joschka nie wieder einen Polizisten verpulvert. Nur ein kleines Land auf dem Balkan hat er mal bombardieren lassen. Aber das im Namen der Menschenrechte. Völlig zu Recht war »Joschka« Fischer der beliebteste Politiker der Deutschen. Und die Deutschen sind ja nicht irgendein dahergelaufenes Volk, sondern ein altes Kulturvolk (Goethe, Schiller, Roland Kaiser), das sehr genau überlegt, wer auf die Beliebtheitsskala ganz nach oben darf.

Obwohl »Joschka« Fischer schon seit Jahren, ohne das allerdings wie Frau Merkel an die große Glocke zu hängen, »im Dienste des deutschen Volkes« auf der ganzen Welt unterwegs ist, in der Hoffnung, seine Gesichtszüge könnten sich nun mal langsam entspannen, hat er immer noch Zeit, etwas für die Bildung der Deutschen zu tun und sie mit selber geschriebenen Aufklärungsbüchern aufzuklären. In seinem »Langen Lauf zu sich selbst« ging er ihnen mit gutem Beispiel voran. Seitdem wurden satteltaschengroße Schweißflecken unter den Achseln der Blöden zum neuen Wahrzeichen der Deutschen. Jetzt wurde »Joschka« Fischer schon wieder vom Aufklärungsimpuls ergriffen. Nur vier Jahre nach dem 11. September hat Joschka Fischer ein Buch über selbigen geschrieben (»Die Rückkehr der Geschichte«), bzw. darüber, wie die Welt nach dem 11. September aussieht, denn über dieses Thema hat man sich hierzulande bislang viel zu wenig Gedanken gemacht. Die macht sich »Joschka« Fischer nun für uns.

Fischer stellt zunächst Fragen. Er stellt die »komplexe und weitreichende Frage«, »die wirklich relevante Frage«, »die zentrale Frage der internationalen und auch europäischen Politik des 21. Jahrhunderts«, ja sogar »die entscheidende Frage«, die uns alle bewegt: Um was handelte es sich eigentlich beim 11. September? Zunächst einmal »handelte es sich beim 11. September um einen terroristischen Angriff«. Fischer spricht hier schonungslos eine unbequeme Wahrheit aus für alle jene, die den 11. September bislang für das Ende der Urlaubshauptsaison hielten. Aber Fischer geht noch weiter: Der 11. September »war kein kriegerischer Akt im klassischen Sinne, nämlich der Angriff eines Staates auf einen anderen«, ein Faktum, das in Deutschland nahezu unbekannt war, denn wie so viele unterdrückte Wahrheiten konnte man davon höchstens im Spiegel, Focus, stern, in der übrigen deutschen Wochen- und Tagespresse und in diversen Sonderausgaben, in den Nachrichtensendungen der Öffentlichen-Rechtlichen und Privaten Sender und TV-Anstalten und in zirka 2.546 Büchern mühsam etwas in Erfahrung bringen, also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Da war es höchste Zeit, dass jemand wie Fischer die Nachrichtensperre durchbrach und mit klaren Worten zur Sprache bringt, um was es eigentlich geht.

Wenn dies so ist, wie »Joschka« Fischer analysiert hat, dann lautet eine weitere »entscheidende Frage«, denn Fischer würde nie eine unwichtige Frage stellen, wie das bei solchen Gelegenheiten seine Kollegen gerne tun, »die entscheidende Frage« also lautet, »ob es nicht nur gelingen wird, diesen Terrorismus militärisch und polizeilich niederzukämpfen, sondern ob es darüber hinaus gelingen wird, tatsächlich auch seine kulturell-gesellschaftlichen Wurzeln mittels positiver Alternativen auszutrocknen.« Eine bange Frage, und Fischer macht keinen Hehl daraus, dass diese »entscheidende Frage« noch lange nicht beantwortet ist, vielleicht auch nicht so schnell zu beantworten sein wird, und dennoch wird davon ganz entscheidend die Zukunft der Welt, wenn nicht sogar die der internationalen und auch europäischen Politik des 21. Jahrhunderts abhängen.

»Joschka« Fischer ist aber nicht nur ein strategischer Denker, sondern auch ein Humanist und Menschenrechtler. Er weiß: »Hunger, Analphabetismus und himmelschreiende Menschenrechtsverletzungen bestimmen den Alltag in dieser Welt.« Vor allem auch und nicht zuletzt seit dem 11. September. Um diesen Sumpf auszutrocknen, und zwar mittels positiver Alternativen, zu diesem Behufe ist Fischer als Außenminister angetreten. Fischer schenkt uns endlich reinen Wein ein, wie es um die Welt und nicht zuletzt um uns Deutsche bestellt ist. Und er entlässt uns mit einem irritierenden, wenn nicht sogar beunruhigenden Gedanken, nämlich, dass seit dem 11. September nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Ein aufwühlendes, ein großes Buch, das eine neue Epoche in der Weltpolitik einläutet, ein Buch, so spannend wie ein Krimi von -ky, ein Buch, das seine Bremsspuren in der deutschen Politik hinterlassen und vielleicht dazu beitragen wird, dass schließlich doch »alles so weiter geht« (Benjamin).

 

 


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