| Fischer,
Joseph – Männer wie Joseph Fischer braucht
das Land. Er ist total locker. Er redet sich selber sogar mit
seinem Spitznamen an. Anderen wäre das peinlich, als Außenminister
Heinzi, Bobbele oder Schnuckelchen genannt zu werden. Dem »Joschka«
macht das gar nichts aus. Er steht dazu. »Ich bin der
Joschka und ich bin Außenminister.« Und zu seiner
Vergangenheit steht er auch. »Ohne meine Biographie wäre
ich heute ein anderer«, sagt er. Wer gibt das denn heute
noch so unumwunden zu? Wo doch alle krampfhaft daran festhalten,
dass sie auch ohne ihre Biographie immer noch die selben wären,
denn meistens haben sie ja nicht mal eine, während »Joschka«
hinsichtlich seiner Biographie ganz schön was durchmachen
musste. Aber letztlich hat sie ihm nichts anhaben können.
Nachdem er erkannt habe, »wie Gewalt die eigenen Gesichtszüge
verzerrt«, hat er seine Tätigkeit als freischaffender
Gewalttäter an den Nagel gehängt und wurde Außenminister.
Aber auch dieses Amt hinterließ tiefe Kerben im Gesicht.
Dieses Ministerium ist eine Art Sozialstation für Kleinkriminelle.
Seither hat Joschka nie wieder einen Polizisten verpulvert.
Nur ein kleines Land auf dem Balkan hat er mal bombardieren
lassen. Aber das im Namen der Menschenrechte. Völlig zu
Recht war »Joschka« Fischer der beliebteste Politiker
der Deutschen. Und die Deutschen sind ja nicht irgendein dahergelaufenes
Volk, sondern ein altes Kulturvolk (Goethe, Schiller, Roland
Kaiser), das sehr genau überlegt, wer auf die Beliebtheitsskala
ganz nach oben darf.
Obwohl »Joschka«
Fischer schon seit Jahren, ohne das allerdings wie Frau Merkel
an die große Glocke zu hängen, »im Dienste
des deutschen Volkes« auf der ganzen Welt unterwegs ist,
in der Hoffnung, seine Gesichtszüge könnten sich nun
mal langsam entspannen, hat er immer noch Zeit, etwas für
die Bildung der Deutschen zu tun und sie mit selber geschriebenen
Aufklärungsbüchern aufzuklären. In seinem »Langen
Lauf zu sich selbst« ging er ihnen mit gutem Beispiel
voran. Seitdem wurden satteltaschengroße Schweißflecken
unter den Achseln der Blöden zum neuen Wahrzeichen der
Deutschen. Jetzt wurde »Joschka« Fischer schon wieder
vom Aufklärungsimpuls ergriffen. Nur vier Jahre nach dem
11. September hat Joschka Fischer ein Buch über selbigen
geschrieben (»Die Rückkehr der Geschichte«),
bzw. darüber, wie die Welt nach dem 11. September aussieht,
denn über dieses Thema hat man sich hierzulande bislang
viel zu wenig Gedanken gemacht. Die macht sich »Joschka«
Fischer nun für uns.
Fischer stellt zunächst
Fragen. Er stellt die »komplexe und weitreichende Frage«,
»die wirklich relevante Frage«, »die zentrale
Frage der internationalen und auch europäischen Politik
des 21. Jahrhunderts«, ja sogar »die entscheidende
Frage«, die uns alle bewegt: Um was handelte es sich eigentlich
beim 11. September? Zunächst einmal »handelte es
sich beim 11. September um einen terroristischen Angriff«.
Fischer spricht hier schonungslos eine unbequeme Wahrheit aus
für alle jene, die den 11. September bislang für das
Ende der Urlaubshauptsaison hielten. Aber Fischer geht noch
weiter: Der 11. September »war kein kriegerischer Akt
im klassischen Sinne, nämlich der Angriff eines Staates
auf einen anderen«, ein Faktum, das in Deutschland nahezu
unbekannt war, denn wie so viele unterdrückte Wahrheiten
konnte man davon höchstens im Spiegel, Focus, stern, in
der übrigen deutschen Wochen- und Tagespresse und in diversen
Sonderausgaben, in den Nachrichtensendungen der Öffentlichen-Rechtlichen
und Privaten Sender und TV-Anstalten und in zirka 2.546 Büchern
mühsam etwas in Erfahrung bringen, also quasi unter Ausschluss
der Öffentlichkeit. Da war es höchste Zeit, dass jemand
wie Fischer die Nachrichtensperre durchbrach und mit klaren
Worten zur Sprache bringt, um was es eigentlich geht.
Wenn dies so ist,
wie »Joschka« Fischer analysiert hat, dann lautet
eine weitere »entscheidende Frage«, denn Fischer
würde nie eine unwichtige Frage stellen, wie das bei solchen
Gelegenheiten seine Kollegen gerne tun, »die entscheidende
Frage« also lautet, »ob es nicht nur gelingen wird,
diesen Terrorismus militärisch und polizeilich niederzukämpfen,
sondern ob es darüber hinaus gelingen wird, tatsächlich
auch seine kulturell-gesellschaftlichen Wurzeln mittels positiver
Alternativen auszutrocknen.« Eine bange Frage, und Fischer
macht keinen Hehl daraus, dass diese »entscheidende Frage«
noch lange nicht beantwortet ist, vielleicht auch nicht so schnell
zu beantworten sein wird, und dennoch wird davon ganz entscheidend
die Zukunft der Welt, wenn nicht sogar die der internationalen
und auch europäischen Politik des 21. Jahrhunderts abhängen.
»Joschka«
Fischer ist aber nicht nur ein strategischer Denker, sondern
auch ein Humanist und Menschenrechtler. Er weiß: »Hunger,
Analphabetismus und himmelschreiende Menschenrechtsverletzungen
bestimmen den Alltag in dieser Welt.« Vor allem auch und
nicht zuletzt seit dem 11. September. Um diesen Sumpf auszutrocknen,
und zwar mittels positiver Alternativen, zu diesem Behufe ist
Fischer als Außenminister angetreten. Fischer schenkt
uns endlich reinen Wein ein, wie es um die Welt und nicht zuletzt
um uns Deutsche bestellt ist. Und er entlässt uns mit einem
irritierenden, wenn nicht sogar beunruhigenden Gedanken, nämlich,
dass seit dem 11. September nichts mehr so ist, wie es einmal
war.
Ein aufwühlendes,
ein großes Buch, das eine neue Epoche in der Weltpolitik
einläutet, ein Buch, so spannend wie ein Krimi von -ky,
ein Buch, das seine Bremsspuren in der deutschen Politik hinterlassen
und vielleicht dazu beitragen wird, dass schließlich doch
»alles so weiter geht« (Benjamin).
|