Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Peter Hahne

Von Klaus Bittermann

Hahne, Peter – Jeder kennt ihn, den grinsenden Pfannkuchen aus dem Berliner Hauptstadtstudio des ZDF. Er ist ein sprechender Pfannkuchen, und zwar, wenn man dem ZDF glauben will, kommentiert er die Regierungspolitik, d.h. er tut so, als würde er etwas interessantes mitzuteilen haben, woran sich nach fünf Minuten bereits niemand mehr erinnert. Dafür erhielt er 2000 den »Goldenen Gong für herausragende Hauptstadtberichterstattung«. Außerdem ist er »Stv. Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin«, Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland und seit 2002 »Ehrenkommissar der bayerischen Polizei«. Aber diese Tätigkeiten sind für einen Mann seines Formats nicht ausfüllend. Der grinsende Pfannkuchen geht auch noch diversen anderen Beschäftigungen nach. Vor allem macht er Schreibschreib, und zwar jede Menge Bücher voll, inzwischen weit über 50 Geschenkbücher, »Trostbriefe«, »Worte zum Geburtstag«, »Weihnachtswünsche«, Bücher mit Titeln wie »Auf den Wegen des Lebens geborgen«, »Auf den Wegen des Lebens gesegnet, »Auf den Wegen des Lebens getröstet«, alles tief schürfende Gedanken aus dem Zeitalter des Gelsenkirchner Barock. Der Pfannkuchen kann zwar nicht schreiben, aber: die Ambition, die Ambition – kennt kein Pardon. Und diese Ambition hat ihn zu einer Moralpredigt getrieben, die uns unter dem Titel »Schluss mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft« einen Einblick in die Gedankenwelt eines grinsenden Pfannkuchens gibt.

Wer nämlich wissen will, wie es um die deutsche Gesellschaft bestellt ist, kommt um dieses Büchlein nicht herum. Seit Monaten führt es sämtliche Bestsellerlisten der Republik an. Es ist nicht so, dass die Deutschen nicht lesen. Die Deutschen lesen »Bullshit«, wie Leute sagen würden, die weniger Zurückhaltung an den Tag legen als ich. Was aber treibt die Deutschen an, diesen Bullshit zu lesen, was beeindruckt, was bewegt sie? Und da die Menschen in der Regel nur das lesen, was ihnen in ihre bereits vorgefertigte Meinung passt, wirft das Buch kein gutes Licht auf eine Viertelmillion Deutsche, die die Druckmaschinen des St. Johannis Verlags am Rotieren halten und in der Regel zum gebildeten und akademischen Mittelstand gehören dürften. Und deshalb sollte man wegen ihnen keine Träne vergießen, wenn sie mal wegen der wirtschaftlichen Krise sozial eine oder zwei Stufen abrutschen sollten. Die Krise hat eben manchmal auch seine guten Seiten. Warum? Ein Blick in Hahnes moralkonservative Erbauungsschrift und Suppenküchentraktat klärt auf. Zunächst wird ein kleines Schreckensszenario entworfen, der »Höllenschlund in Manhattan«, und »exakt 911 Tage nach dem Inferno« die Anschläge von Madrid. »Selbst besonnene Zeitgenossen gruseln sich ob der Zahlenmystik«, denn in der amerikanischen Schreibweise fielen die Türme am 9/11 zusammen. Zu glauben, »wir blieben verschont (...) erweist sich als naive Illusion«, raunt Hahne weiter. Folge: »Die Schalmeien der Multikulti-Folklore sind verstummt.« Na ist doch schön, möchte man sagen. Dann ist doch erreicht, was Hahne wollte. Andererseits wäre das Buch dann schon nach 15 Seiten zu Ende. Das wäre natürlich nicht im Sinne des Autors. Stattdessen arbeitet Hahne alles ab, was im Laufe der Zeit an Säuen durchs Dorf getrieben wurde. »Pisa-Katastrophe«, ganz schlimm, dabei lässt sie sich »mit einem schlichten Rezept bekämpfen«: »Die Autorität der Lehrer und Ausbilder muss wieder hergestellt werden.« Und was gar nicht geht: »Mit T-Shirt und Turnschuhen ... hinter einen Bankschalter.« »Alles Probleme«, astet Hahne weiter durchs Problemgestrüpp Deutschland, »die nicht vom Himmel gefallen sind.« Es sind gerade diese präzisen Analysen, die das deutsche Bildungsbürgertum aufhorchen lassen. Und schon saust das nächste Problem um die Ecke: »Die Statistik spricht Bände: Deutschlands Jugendliche sind Europameister im Rauchen und Trinken«, »Drogen haben den Pausenhof längst erobert«, und dann auch noch: »Kein Land der Erde arbeitet so wenig wie wir Deutschen.« An solchen Sätzen zeigt sich, dass Karl Kraus schon damals Hahne gemeint haben muss, als er schrieb, es genüge nicht, keinen Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, ihn auszudrücken. Besonders empörend findet Hahne: »Bereits die ersten Zeitungsausgaben im neuen Jahr laden uns mit hübschen Schaubildern zu herrlichen Feiertagsbrücken ein, an denen man mit wenig Urlaubstagen viel Freizeit herausschinden kann.« Und nicht genug mit diesem Lotterleben: »Berlin ist die Metropole der Simulanten«. Gerade die Jungen gehen zehnmal häufiger zum Arzt als die Alten, und das wegen »Bagatellen«. Und wer ist schuld? Die 68er. Früher waren sie der »Mob auf der Straße«, heute sitzen die »geistigen Rädelsführer« in »Schlüsselpositionen«. Auch wenn es der Ehre zuviel ist, aber Hahne macht sie für die »Spaßgesellschaft« verantwortlich. »Die Freizeitgesellschaft hat im wahrsten Wortsinn etwas Tödliches. Wir verlängern krampfhaft unser Leben, verspielen jedoch die Zukunft.« Ah ja! Wenn das so weiter geht, wird »Deutschland im Jahr 2050 rund 12 Millionen Menschen verloren haben. Das sind mehr als die Gefallenen aller Länder im Ersten Weltkrieg.« Schon heute würden »deutsche Hersteller von Kindernahrung ihre Produktion auf Diätkost für Senioren umstellen«.

So mäandert die ranzige Ermahnungs- und Empörungsprosa sinn- und zusammenhangslos auf 143 sensationell schlecht geschriebenen Seiten hin und her. In der bildungshuberischen Attitüde wabern reichlich Begriffe wie Autorität, Ehre, Unser Land, Anstand, Sitte, Manieren. Hahne breitet den ganzen streng riechenden Moral- und Kulturkodex aus Wilhelminischer Zeit noch einmal aus und verkauft die angegammelten Reliquien als Rückkehr zu notwendigen Werten, um die Gesellschaft zu retten. Logisch. Drunter tut’s Hahne nicht. »In unserer Familie herrscht total Kultur. Wir beten vor dem Essen. Jeder hat eine Serviette. Es wird beim Essen nicht ferngesehen, wie das Unkultivierte tun«, zitiert Hahne einen 12jährigen Schüler hoffnungsfroh. Und man weiß, Hahnes Welt ist eine Welt der konfektionierten Klemmis, der Nervensägen, der ungebetenen Heilsbringer, der Wahrsager und aufdringlichen Propheten, und würde die »Kultur« Hahnes tatsächlich »total« werden und eine Renaissance erleben, wäre es höchste Zeit, sich eine P38 oder auch ein größeres Kaliber zu besorgen, um diese »filthy little creeps«, wie Hunter S. Thompson sie nennen würde, auf Distanz zu halten.

 

 


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