| Walser,
Martin – Eins der erstaunlichsten Dinge im deutschen
Literaturbetrieb ist es, dass Martin Walser immer noch für
einen bedeutenden deutschsprachigen Schriftsteller gehalten
wird. Dieses Gerücht, das sich hartnäckig hält,
wirft kein gutes Licht auf den exklusiven Verein, der in den
deutschen Medien den Ton angibt und darüber entscheidet,
welche Literatur bei der Leserschaft befördert wird. Seine
Romane sind in der Regel sterbenslangweilig, doch hat es die
Kritik bislang verlässlich geschafft, seine Bücher
unter das Volk zu bringen, indem man immer wieder eine hoch
bedeutende Debatte vom Jägerzaun bricht.
Zuletzt
war dies der Fall, als Frank Schirrmacher in Walser Roman »Tod
eines Kritikers« antisemitische Klischees entdeckte, und
das »zu meiner eigenen Überraschung«. Überraschend
war das in der Tat, denn Schirrmacher hatte nur drei Jahre zuvor
fest und unverbrüchlich zu Walser gehalten, als diesem
der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde
und Walser für das Menschenrecht aufs »Wegschauen«
plädierte, eine Haltung, von der sich nicht behaupten läßt,
die Deutschen hätten in dieser Disziplin keine einschlägigen
Erfahrungen. »Der Tod eines Kritikers« sei außerdem
»ein Dokument des Hasses«, ja sogar »nichts
anderes als eine Mordphantasie«, schrieb Schirrmacher,
was sich ein bisschen betulich anhörte, denn schließlich
erwartet man genau das von einem Krimi, als der Walsers neuer
Roman firmierte.
Erstaunt
musste man dann jedoch schon vom ersten Satz an feststellen,
daß das Buch vor allem sensationell schlecht war. Der
Leser musste sich durch knarrende und quietschende Schachtelsätze
hindurchquälen, so dass weniger der vor allem vom Spiegel
erhobene Vorwurf des Antisemitismus interessant war als vielmehr
die Frage, warum ein solch öder und hingeschluderter Riemen
als Gegenstand einer großen Debatte und ausführlicher
Erörterungen dienen konnte. Bei nicht wenigen keimte da
der Verdacht, die Sache könnte zwischen Schirrmacher und
Walser ausgemauschelt worden sein, um damit ein Buch auf Platz
1 der Bestsellerliste zu hieven, von dem normalerweise kaum
jemand Notiz genommen hätte. Wenn es ein Plan war, dann
klappte er ausgezeichnet.
Nun gibt
es eine erneute Debatte um Walser. Diesmal ist er allerdings
völlig unschuldig, denn sie entzündete sich nicht
an einem neuen Buch oder einer neuen Rede von Walser, sondern
an einem literaturwissenschaftlichen Werk, in dem der an der
Lüneburger Uni lehrende Matthias Lorenz es sich zur Aufgabe
gemacht hat, Walsers Schriften auf antisemitische Ressentiments
zu untersuchen. Eine akribische Arbeit, um die der Autor nicht
zu beneiden gewesen sein dürfte und der selbst etwas Wahnhaftes
nicht abgesprochen werden kann, denn um Walser Antisemitisches
nachzuweisen, tut es zur Not auch ein Essay, der Erkenntnisgewinn
wird nicht größer, wenn man die These auf 550 Seiten
breittritt. Und obwohl diese Promotion einen kleinen Sturm im
Feuilleton ausgelöst hat, wird es wohl kaum wirklich jemand
so genau wissen wollen.
Immerhin
sehen die einen ihre Meinung nun wissenschaftlich fundiert,
während die anderen das Buch für denunziatorisch und
unseriös halten. Ulrich Greiner nimmt Walser in der Zeit
in Schutz, weil er »an keiner Stelle seines Werks getrennte
Parkbänke gefordert« habe und offenbart damit ein
sehr schlichtes Verständnis von Antisemitismus, denn schon
lange kommt der moderne Antisemitismus auch ohne Juden aus.
Das Problem bei Walser ist seine schwiemelige, gefühlsselige
und zweideutige Rhetorik, die Raum für Interpretationen
läßt für Menschen, die von Berufs wegen scharf
darauf sind und gerne spitzfindig werden, wenn die Sache eigentlich
klar auf der Hand liegt.
Walser war
seit den 70er Jahren der Resonanzboden deutscher Befindlichkeiten.
Den Deutschen, die sich als Verlierer der Geschichte bemitleideten,
gab Walser seine völkische Stimme. »Die Wunde namens
Deutschland offen zu halten« war ihm ein »Anliegen«,
»Sachsen und Thüringen sind für mich weit zurück
und tief hinunter hallende Namen, die ich nicht unter ›Verlust‹
buchen kann« und Königsberg hat bei ihm »einen
Geschichtswirbel« verursacht, »der mich dreht und
hinunterschlingt«. Darüber kann man lange grübeln,
wenn man nichts besseres zu tun hat, die Frage ist jedoch, ob
es sich lohnt, denn viel wird man nicht entdecken, außer
dass da jemand sein Gesamtdeutschtum befummelt.
Die Süddeutsche
rät unbeeindruckt von der erdrückenden Beweislast,
»Walser als einen der wichtigsten deutschen Nachkriegsschriftsteller
zu akzeptieren«. Aber spätestens nach »Der
Tod eines Kritikers« muss man vor allem bereit sein, aus
der Qual der Lektüre eine Qualität abzuleiten, was
allerdings tatsächlich ein Merkmal eines großen Teils
der deutschen Nachkriegsliteratur ist, bei der nur eins verwundert,
dass der Muff sich so lange halten konnte. In spätestens
zwanzig Jahren werden Walsers Bücher die Antiquariate überschwemmen,
und niemand wird mehr verstehen, warum dafür einmal Bäume
geopfert wurden.
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