Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Martin Walser

Von Klaus Bittermann

Walser, Martin – Eins der erstaunlichsten Dinge im deutschen Literaturbetrieb ist es, dass Martin Walser immer noch für einen bedeutenden deutschsprachigen Schriftsteller gehalten wird. Dieses Gerücht, das sich hartnäckig hält, wirft kein gutes Licht auf den exklusiven Verein, der in den deutschen Medien den Ton angibt und darüber entscheidet, welche Literatur bei der Leserschaft befördert wird. Seine Romane sind in der Regel sterbenslangweilig, doch hat es die Kritik bislang verlässlich geschafft, seine Bücher unter das Volk zu bringen, indem man immer wieder eine hoch bedeutende Debatte vom Jägerzaun bricht.

Zuletzt war dies der Fall, als Frank Schirrmacher in Walser Roman »Tod eines Kritikers« antisemitische Klischees entdeckte, und das »zu meiner eigenen Überraschung«. Überraschend war das in der Tat, denn Schirrmacher hatte nur drei Jahre zuvor fest und unverbrüchlich zu Walser gehalten, als diesem der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde und Walser für das Menschenrecht aufs »Wegschauen« plädierte, eine Haltung, von der sich nicht behaupten läßt, die Deutschen hätten in dieser Disziplin keine einschlägigen Erfahrungen. »Der Tod eines Kritikers« sei außerdem »ein Dokument des Hasses«, ja sogar »nichts anderes als eine Mordphantasie«, schrieb Schirrmacher, was sich ein bisschen betulich anhörte, denn schließlich erwartet man genau das von einem Krimi, als der Walsers neuer Roman firmierte.

Erstaunt musste man dann jedoch schon vom ersten Satz an feststellen, daß das Buch vor allem sensationell schlecht war. Der Leser musste sich durch knarrende und quietschende Schachtelsätze hindurchquälen, so dass weniger der vor allem vom Spiegel erhobene Vorwurf des Antisemitismus interessant war als vielmehr die Frage, warum ein solch öder und hingeschluderter Riemen als Gegenstand einer großen Debatte und ausführlicher Erörterungen dienen konnte. Bei nicht wenigen keimte da der Verdacht, die Sache könnte zwischen Schirrmacher und Walser ausgemauschelt worden sein, um damit ein Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste zu hieven, von dem normalerweise kaum jemand Notiz genommen hätte. Wenn es ein Plan war, dann klappte er ausgezeichnet.

Nun gibt es eine erneute Debatte um Walser. Diesmal ist er allerdings völlig unschuldig, denn sie entzündete sich nicht an einem neuen Buch oder einer neuen Rede von Walser, sondern an einem literaturwissenschaftlichen Werk, in dem der an der Lüneburger Uni lehrende Matthias Lorenz es sich zur Aufgabe gemacht hat, Walsers Schriften auf antisemitische Ressentiments zu untersuchen. Eine akribische Arbeit, um die der Autor nicht zu beneiden gewesen sein dürfte und der selbst etwas Wahnhaftes nicht abgesprochen werden kann, denn um Walser Antisemitisches nachzuweisen, tut es zur Not auch ein Essay, der Erkenntnisgewinn wird nicht größer, wenn man die These auf 550 Seiten breittritt. Und obwohl diese Promotion einen kleinen Sturm im Feuilleton ausgelöst hat, wird es wohl kaum wirklich jemand so genau wissen wollen.

Immerhin sehen die einen ihre Meinung nun wissenschaftlich fundiert, während die anderen das Buch für denunziatorisch und unseriös halten. Ulrich Greiner nimmt Walser in der Zeit in Schutz, weil er »an keiner Stelle seines Werks getrennte Parkbänke gefordert« habe und offenbart damit ein sehr schlichtes Verständnis von Antisemitismus, denn schon lange kommt der moderne Antisemitismus auch ohne Juden aus. Das Problem bei Walser ist seine schwiemelige, gefühlsselige und zweideutige Rhetorik, die Raum für Interpretationen läßt für Menschen, die von Berufs wegen scharf darauf sind und gerne spitzfindig werden, wenn die Sache eigentlich klar auf der Hand liegt.

Walser war seit den 70er Jahren der Resonanzboden deutscher Befindlichkeiten. Den Deutschen, die sich als Verlierer der Geschichte bemitleideten, gab Walser seine völkische Stimme. »Die Wunde namens Deutschland offen zu halten« war ihm ein »Anliegen«, »Sachsen und Thüringen sind für mich weit zurück und tief hinunter hallende Namen, die ich nicht unter ›Verlust‹ buchen kann« und Königsberg hat bei ihm »einen Geschichtswirbel« verursacht, »der mich dreht und hinunterschlingt«. Darüber kann man lange grübeln, wenn man nichts besseres zu tun hat, die Frage ist jedoch, ob es sich lohnt, denn viel wird man nicht entdecken, außer dass da jemand sein Gesamtdeutschtum befummelt.

Die Süddeutsche rät unbeeindruckt von der erdrückenden Beweislast, »Walser als einen der wichtigsten deutschen Nachkriegsschriftsteller zu akzeptieren«. Aber spätestens nach »Der Tod eines Kritikers« muss man vor allem bereit sein, aus der Qual der Lektüre eine Qualität abzuleiten, was allerdings tatsächlich ein Merkmal eines großen Teils der deutschen Nachkriegsliteratur ist, bei der nur eins verwundert, dass der Muff sich so lange halten konnte. In spätestens zwanzig Jahren werden Walsers Bücher die Antiquariate überschwemmen, und niemand wird mehr verstehen, warum dafür einmal Bäume geopfert wurden.

 

 


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