| Leserbriefschreiber,
Der – Mit dem Leserbriefschreiber möchte
ich einmal nicht eine bestimmte Person würdigen, sondern
eine ganze Spezies, eine besonders unangenehme Sorte Mensch,
die ihr jeweiliges Leib- und Magenblatt wie ein kleiner Blockwart
auf alles durchforstet, was nicht in die eigene kleine überflüssige
Meinungswelt hinein passt, um dann unter Androhung der Abokündigung
zu versuchen, die Chefredaktion auf Linie zu trimmen. Der Leserbriefschreiber
ist ein kleiner Meinungspolizist, der nur lesen will, was er
selber schon gedacht hat – falls man das »denken«
nennen will, was er da tut –, der seine Meinung nur bestätigt
sehen will, ein Besserwisser und Oberlehrer, ein Wichtigtuer
und Neider, der in seinen Leserbriefen immer nur mitteilt, dass
er den Artikel eigentlich hätte schreiben müssen,
über den er schimpft.
Der letzte
Eintrag ins »Who’s who peinlicher Personen«
über Angela Merkel (erschienen auch in der taz unter der
Überschrift »Honeckers Rache«) rief eine Flut
von Leserbriefen hervor, die fast alle unsere Kanzlerin in Schutz
nahmen. »Geschmacklos« und »unerträglich«
sei der Artikel, dabei sei er »alles andere als ein CDU-Anhänger«,
schreibt Lorenz H. und fährt fort: »Jedenfalls sagt
dieser Artikel wenig über Frau Merkel, aber sehr viel über
den Autor. Hier versucht ein beschränkter kleinbürgerlicher
Journalist, sein Ego aufzuwerten, indem er eine Person, die
ihm in allen Bereichen haushoch überlegen ist, genau diese
Eigenschaften vorwirft. Frau Merkel ist eine starke Frau mit
einem interessanten Lebensweg. Oder wieviele Frauen kennt der
Autor, die in Physik promoviert sind und anschließend
auch in anderen Bereichen erfolgreich arbeiten? ... Ich habe
links gewählt. Aber für Klaus Bittermann wünsche
ich mir, dass Frau Merkel noch lange Kanzlerin bleibt.«
Gisela H.
befürchtet: »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie
immer mehr Frauen dazu bringen sich mit Frau Merkel zu solidarisieren.
Oder ist das gar Ihre Absicht – zur Vorbereitung des neoliberalen
Wahlsiegs nach einem Scheitern der großen Koalition?«
Ein Herr
P., der in Korea lebt und die »deutschen Dinge ohne Emotion«
betrachtet, schreibt: »Der Artikel hätte niemals
geschrieben werden sollen. Der Artikel ist dumm, unfair, überheblich,
chauvinistisch und würdelos. Der Autor sollte sich schämen
derartig niveauloses zu schreiben und die Taz sollte sich schämen
es veröffentlicht zu haben.«
Brigitte
Z. wettert über das »Macho-Machwerk«: »Bravo,
mit ›Honeckers Rache‹ hat die Taz Stammtischniveau
erreicht. Bisher hatte dies ideologisch engagierte Blatt stets
mehr Wert auf die Inhalte der Politik gelegt. Herr Bittermann
enthüllt uns nun im platt-peinlichen Diskriminierungsgestöhn,
dass auch bei der Beurteilung der gesellschafts-politischen
Führung in Deutschlands gefälligst die Make-up-Maßstäbe
eines Modellwettbewerbs anzulegen sind.«
Eckhard
M. aus Frankfurt macht sich um den Gesundheitszustand des Autor
Sorgen: »Richten Sie bitte dem Herrn Klaus Bittermann
mein Mitgefühl und meine Genesungswünsche aus. Der
Hass gegen den avis ossum ist zwar unheilbar und versteckt sich
oft hinter verlogener Empathie. Insofern ist der Ausbruch der
Avis-Ossum-Grippe beim Herrn B. ein Zeichen von Offenheit, Ehrlichkeit
und also zu loben. An einem Medikament gegen B’s Leiden
wird aber gearbeitet, obwohl ein so komplexes Krankheitsbild
verwirrend viele Symptome zeigt.«
Ulrich B.
aus Köln empört sich: »Hier fehlt mir nicht
nur jeder Rest Respekt, auf den der Mitmensch – und auch
ein Politiker – Anspruch hat. Sondern es ist doch wirklich
einfach viel zu billig. In meiner Lieblingszeitung will ich
jedenfalls so einen Scheiß nicht mehr lesen müssen.«
Eine H.
B. ist ebenfalls schwer beleidigt: »Sehr geehrter Herr
Chefredakteur, ich bin keine Leserin Ihrer Zeitung und werde
auch nie eine Ihrer Zeitungen kaufen. Der o. g. Artikel hat
mich in dieser Einstellung bestärkt. Wie kann der Chefredakteur
einer (seriösen?) Zeitung zulassen, dass einer seiner Journalisten
– ich würde ihn als Schmierfink bezeichnen, wenn
ich mich seinem Jargon anpassen müsste – eine derartige,
von Hass erfüllte Hetztirade auf seine Leser los lässt?«
Wenn es
nicht Leute gäbe wie Andreas E., man könnte glatt
am Leserbriefschreiber verzweifeln: »Welch Aufregung und
Aufruhr Satire heute noch verursachen kann, das mag einen schon
wundern. Wo man hinschaut, werden gerade die letzten Tabus gebrochen,
alle Moralrichtlinien sind verabschiedet, ohne dass man nur
ein Wort des Widerstandes vernehmen würde – wer wehrt
sich schon gegen den übermächtigen Zeitgeist? –,
da fühlen sich plötzlich Leserinnen und Leser auf
die Füße getreten, weil die Retterin der Besitzlosen,
die Vorreiterin der Feministinnen und die Identifikationsperson
des Durchschnittsdeutschen, kurz Angela Merkel, auf der Wahrheitsseite
der taz tatsächlich nicht mit Samthandschuhen behandelt
wird. Ein Skandal sonders Gleichen. Satire darf alles. Und das
ist auch gut so: Der Artikel über Merkel war nicht nur
akzeptabel, sondern absolut richtig und wichtig. FAZ und FTD
mögen in ihrer eigenen Pseudo-Seriösität ersticken,
die taz jedoch soll und muss ihre Journalisten und Kolumnisten
schreiben lassen, was sie wollen und wie sie es wollen. Gegen
Einheitsjournalismus, gegen Superspießigkeit. Wem das
nicht passt, der kann die FAZ abonnieren, die drucken sowas
bestimmt nicht ab.«
Am meisten
aber hat mich folgender Brief gefreut: »Sehr geehrter
Klaus Bittermann! Ich heiße Joscha Eggers und bin 14 Jahre
alt. Ich schreibe ihnen einen Brief, da mir ihr Bericht ›Honeckers
Rache‹ über Angela Merkel sehr gut gefallen hat.
Zugegebener Weise muss ich sagen, dass ich ihn erst aus Langeweile
gelesen habe. Doch als ich später meiner Mutter mehr Fragen
zu Angela Merkel stellte fragte sie mich warum ich mich auf
einmal für die Politik interessieren würde? Das lag
an ihrem Bericht. Sie haben mir ein erstes Bild über unsere
neue Kanzlerin gemacht. Ich würde mich über mehr solche
Artikel über die anderen Politiker freuen.«
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