Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Der Leserbriefschreiber

Von Klaus Bittermann

Leserbriefschreiber, Der – Mit dem Leserbriefschreiber möchte ich einmal nicht eine bestimmte Person würdigen, sondern eine ganze Spezies, eine besonders unangenehme Sorte Mensch, die ihr jeweiliges Leib- und Magenblatt wie ein kleiner Blockwart auf alles durchforstet, was nicht in die eigene kleine überflüssige Meinungswelt hinein passt, um dann unter Androhung der Abokündigung zu versuchen, die Chefredaktion auf Linie zu trimmen. Der Leserbriefschreiber ist ein kleiner Meinungspolizist, der nur lesen will, was er selber schon gedacht hat – falls man das »denken« nennen will, was er da tut –, der seine Meinung nur bestätigt sehen will, ein Besserwisser und Oberlehrer, ein Wichtigtuer und Neider, der in seinen Leserbriefen immer nur mitteilt, dass er den Artikel eigentlich hätte schreiben müssen, über den er schimpft.

Der letzte Eintrag ins »Who’s who peinlicher Personen« über Angela Merkel (erschienen auch in der taz unter der Überschrift »Honeckers Rache«) rief eine Flut von Leserbriefen hervor, die fast alle unsere Kanzlerin in Schutz nahmen. »Geschmacklos« und »unerträglich« sei der Artikel, dabei sei er »alles andere als ein CDU-Anhänger«, schreibt Lorenz H. und fährt fort: »Jedenfalls sagt dieser Artikel wenig über Frau Merkel, aber sehr viel über den Autor. Hier versucht ein beschränkter kleinbürgerlicher Journalist, sein Ego aufzuwerten, indem er eine Person, die ihm in allen Bereichen haushoch überlegen ist, genau diese Eigenschaften vorwirft. Frau Merkel ist eine starke Frau mit einem interessanten Lebensweg. Oder wieviele Frauen kennt der Autor, die in Physik promoviert sind und anschließend auch in anderen Bereichen erfolgreich arbeiten? ... Ich habe links gewählt. Aber für Klaus Bittermann wünsche ich mir, dass Frau Merkel noch lange Kanzlerin bleibt.«

Gisela H. befürchtet: »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie immer mehr Frauen dazu bringen sich mit Frau Merkel zu solidarisieren. Oder ist das gar Ihre Absicht – zur Vorbereitung des neoliberalen Wahlsiegs nach einem Scheitern der großen Koalition?«

Ein Herr P., der in Korea lebt und die »deutschen Dinge ohne Emotion« betrachtet, schreibt: »Der Artikel hätte niemals geschrieben werden sollen. Der Artikel ist dumm, unfair, überheblich, chauvinistisch und würdelos. Der Autor sollte sich schämen derartig niveauloses zu schreiben und die Taz sollte sich schämen es veröffentlicht zu haben.«

Brigitte Z. wettert über das »Macho-Machwerk«: »Bravo, mit ›Honeckers Rache‹ hat die Taz Stammtischniveau erreicht. Bisher hatte dies ideologisch engagierte Blatt stets mehr Wert auf die Inhalte der Politik gelegt. Herr Bittermann enthüllt uns nun im platt-peinlichen Diskriminierungsgestöhn, dass auch bei der Beurteilung der gesellschafts-politischen Führung in Deutschlands gefälligst die Make-up-Maßstäbe eines Modellwettbewerbs anzulegen sind.«

Eckhard M. aus Frankfurt macht sich um den Gesundheitszustand des Autor Sorgen: »Richten Sie bitte dem Herrn Klaus Bittermann mein Mitgefühl und meine Genesungswünsche aus. Der Hass gegen den avis ossum ist zwar unheilbar und versteckt sich oft hinter verlogener Empathie. Insofern ist der Ausbruch der Avis-Ossum-Grippe beim Herrn B. ein Zeichen von Offenheit, Ehrlichkeit und also zu loben. An einem Medikament gegen B’s Leiden wird aber gearbeitet, obwohl ein so komplexes Krankheitsbild verwirrend viele Symptome zeigt.«

Ulrich B. aus Köln empört sich: »Hier fehlt mir nicht nur jeder Rest Respekt, auf den der Mitmensch – und auch ein Politiker – Anspruch hat. Sondern es ist doch wirklich einfach viel zu billig. In meiner Lieblingszeitung will ich jedenfalls so einen Scheiß nicht mehr lesen müssen.«

Eine H. B. ist ebenfalls schwer beleidigt: »Sehr geehrter Herr Chefredakteur, ich bin keine Leserin Ihrer Zeitung und werde auch nie eine Ihrer Zeitungen kaufen. Der o. g. Artikel hat mich in dieser Einstellung bestärkt. Wie kann der Chefredakteur einer (seriösen?) Zeitung zulassen, dass einer seiner Journalisten – ich würde ihn als Schmierfink bezeichnen, wenn ich mich seinem Jargon anpassen müsste – eine derartige, von Hass erfüllte Hetztirade auf seine Leser los lässt?«

Wenn es nicht Leute gäbe wie Andreas E., man könnte glatt am Leserbriefschreiber verzweifeln: »Welch Aufregung und Aufruhr Satire heute noch verursachen kann, das mag einen schon wundern. Wo man hinschaut, werden gerade die letzten Tabus gebrochen, alle Moralrichtlinien sind verabschiedet, ohne dass man nur ein Wort des Widerstandes vernehmen würde – wer wehrt sich schon gegen den übermächtigen Zeitgeist? –, da fühlen sich plötzlich Leserinnen und Leser auf die Füße getreten, weil die Retterin der Besitzlosen, die Vorreiterin der Feministinnen und die Identifikationsperson des Durchschnittsdeutschen, kurz Angela Merkel, auf der Wahrheitsseite der taz tatsächlich nicht mit Samthandschuhen behandelt wird. Ein Skandal sonders Gleichen. Satire darf alles. Und das ist auch gut so: Der Artikel über Merkel war nicht nur akzeptabel, sondern absolut richtig und wichtig. FAZ und FTD mögen in ihrer eigenen Pseudo-Seriösität ersticken, die taz jedoch soll und muss ihre Journalisten und Kolumnisten schreiben lassen, was sie wollen und wie sie es wollen. Gegen Einheitsjournalismus, gegen Superspießigkeit. Wem das nicht passt, der kann die FAZ abonnieren, die drucken sowas bestimmt nicht ab.«

Am meisten aber hat mich folgender Brief gefreut: »Sehr geehrter Klaus Bittermann! Ich heiße Joscha Eggers und bin 14 Jahre alt. Ich schreibe ihnen einen Brief, da mir ihr Bericht ›Honeckers Rache‹ über Angela Merkel sehr gut gefallen hat. Zugegebener Weise muss ich sagen, dass ich ihn erst aus Langeweile gelesen habe. Doch als ich später meiner Mutter mehr Fragen zu Angela Merkel stellte fragte sie mich warum ich mich auf einmal für die Politik interessieren würde? Das lag an ihrem Bericht. Sie haben mir ein erstes Bild über unsere neue Kanzlerin gemacht. Ich würde mich über mehr solche Artikel über die anderen Politiker freuen.«

 

 


copyright (c) 2005
E-Mail: info@live-magazin.de
Webmaster: SpaceXMedia