Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Abraham Melzer

Von Klaus Bittermann

Melzer, Abraham – Abraham Melzer ist ein Verleger aus Neu-Isenburg. Sein Vater betrieb den berühmten Melzer-Verlag, einen Judaica-Verlag, der in den sechziger Jahren ins Trudeln geriet und dann vom späteren März-Verleger Jörg Schröder mit dem Softporno »Geschichte der O.« wieder flott gemacht wurde. Im Gegensatz zu seinem Vater sind »Abi« Melzers Qualitäten als Verleger bescheiden. Auf sein Konto gehen unter anderem ein schlechter Reprint einer schlecht übersetzten Edgar Poe-Gesamtausgabe und die aktuellen Schriften des durch geknallten Rupert Neudeck. Vielleicht weil es zu einem anständigen Verleger nicht reichte oder aus welchen undurchsichtigen Profilierungsgründen auch immer heraus vollzog Abi Melzer eine politische Kehrtwende um 180 Grad. Als Herausgeber der unabhängigen jüdischen Zeitschrift »Semit« hatte er Anfang der neunziger Jahre während des Golfkriegs zusammen mit seinem damaligen Freund Henryk M. Broder sich über »die Dämonisierung Israels in friedensbewegten Kreisen« aufgeregt und für die Lieferung von Verteidigungswaffen an Israels votiert. Kurze Zeit später entdeckte er die Unterdrückung der Palästinenser durch die Juden. Gäbe es einen »moralisch vertretbaren Mord«, schrieb Melzer, »dann würden eher die Morde der Palästinenser, die um ihre Freiheit, Menschenwürde und Unabhängigkeit ›morden‹ eher darunter fallen, als die Morde der Israelis, die nur ihre Unterdrückung eines anderen Volkes, Landraub und Vertreibungen damit erreichen wollen.« Morde moralisch nicht werten zu wollen, es aber dann doch zu tun, ist ein demagogisches Mittel, kein besonders schlaues Argument.

Ohne ein Experte im Palästina-Konflikt zu sein, erscheint es mir nicht besonders erstrebenswert, für die »Freiheit und Menschenwürde« der Palästinenser einzutreten, wenn dort Homosexuelle mit acht Jahren Gefängnis bestraft werden. Aber während Abi Melzer in diesem Konflikt »nur« die schlechtere Partei ergreift, hat er in jedem Fall auch noch schlechte Argumente, um seine Parteinahme zu begründen. »Der Staat Israel ist es, der in der ganzen Welt für Antisemitismus sorgt, und dieser bedroht die Juden überall. Sharons Regierung ist ein riesiges Laboratorium zur Entwicklung des Antisemitismus-Virus.« Dieser Logik zufolge, die von deutschen Antisemiten erfunden wurde, haben die Juden sich gefälligst ruhig zu verhalten, um keinen Antisemitismus zu provozieren. Auch die selige Gräfin Dönhoff war davon überzeugt, dass Goldhagens Buch über den Vernichtungsantisemitismus bloß den Antisemitismus der Deutschen schüre. Würde man jedoch jedem Konflikt aus dem Weg gehen, nur um bei den Antisemiten nicht anzuecken, stünde man auf verlorenem Posten, denn der Antisemitismus birgt nicht nur die geheimnisvolle Fähigkeit, ohne Antisemiten auszukommen, er benötigt auch weder triftigen Grund noch besonderen Anlass, um virulent zu werden.

Vor diesen Einsichten muss man sich schützen, um mit zwielichtigen Gestalten einen Pakt eingehen zu können, wie z.B. mit Ted Honderich, der in seinem Buch offen bekennt, »dass die Palästinenser mit ihrem Terrorismus gegen die Israelis ein moralisches Recht ausüben«, weshalb ihn der Suhrkamp Verlag zu Recht aus dem Programm nahm. Abi Melzer empfing ihn dafür mit offenen Armen. Und obwohl das Buch nun eine neue und sicherlich passende Heimat gefunden hatte, entblödete sich Melzer nicht, darüber zu klagen, »daß in Deutschland Bücher wieder verbrannt werden, diesmal aber nicht von einer barbarischen, kulturlosen Machtelite, sondern von Intellektuellen, Verlegern, Journalisten und Philosophen.« Melzer fand auch die Kritik Jürgen Möllemanns an Israel berechtigt und die beiden hätten wahrscheinlich ein tolles Duo als der Antisemit und sein Hausjude abgegeben, wenn Möllemann nicht zu hart auf den Boden der Tatsachen aufgeschlagen wäre.

Melzer entwickelte sich immer mehr zu einem Gift und Galle spuckenden Rumpelstielzchen, der seine wirren und kruden Tiraden über das Internet der Öffentlichkeit zu Gehör brachte, meist über Adressen, die »muslimrecht.com« oder »palaestina.org« hießen. Vor allem sein ehemaliger Freund Henryk M. Broder, der inzwischen beim Spiegel gelandet war, war ihm ein Balken im Auge. Zunächst beschimpfte er ihn nur in privaten Briefen, aber dann tat er etwas, wofür einem in bestimmten Kreisen maßgeschneiderte Betonschuhe verpasst werden: er verpetzte Broder bei dessen Chef Stefan Aust. »Lieber Herr Aust, ich schreibe Ihnen bezüglich Herrn Henryk Broder... Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, dass Ihr Kollege auf seiner Homepage ... regelmäßig eine größere Anzahl von Personen diffamiert«, um schließlich tatsächlich zu fordern: »Es ist endlich an der Zeit, dass auch Sie sich von dieser Art Journalismus distanzieren und einen Schlussstrich ziehen ... Broder wird sich und seine Umgebung immer wieder aufs neue beschmutzen, da er darauf aus ist Ärger zu machen.«

Bestimmte Dinge tut man einfach nicht. Tut sie jemand trotzdem, kann man ihn nicht mehr ernst nehmen, da er sich selbst in die Umlaufbahn für Idioten katapultiert und jeder vernünftigen Auseinandersetzung entzogen hat. Das ist so, unabhängig davon, ob derjenige Jude oder ein Arier ist, so wie es selbstverständlich ist, dass ein Jude nicht per se besser sein muss als irgendein Nichtjude. Deshalb ist es gar nicht allzu verwunderlich, dass es auch Antisemiten unter den Juden gibt. Und dieser »koschere Antisemit« hat eine bestimmte Funktion, die Broder so beschreibt: »Der jüdische Antisemit signalisiert den ›echten‹ Antisemiten: Bitte, tut mir nichts, ich bin einer von Euch! Worauf die ›echten‹ Antisemiten den ›guten Juden‹ in ihre Mitte nehmen, ihn eine Weile hätscheln, weil er ihnen als Kronzeuge dient, um ihn schließlich zu entsorgen, wenn er ausgedient hat.« Und darin besteht die besondere Tragik eines Abi Melzer, denn trotz seiner Bemühungen und Verdienste um den Antisemitismus, der Verdacht des K.u.K.-Satirikers Alexander Roda-Roda: »Aus dem Antisemitismus könnt’ schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden«, lässt sich nicht wirklich erhärten. Auch in Sachen Antisemitismus ist Abi Melzer nicht erfolgreich.

 

 


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