| Hahne,
Peter – Das Flaschenpfand Gottes wurde an dieser
Stelle zwar schon im letzten August gewürdigt, aber manchmal
drängen sich die VIPIs, die „Very Important Persons
Indeed“, so aufdringlich auf, dass man ihnen den Wunsch
einfach nicht abschlagen kann, auf sie aufmerksam zu machen,
wenigstens mal hinzuweisen, und sei es auch nur an einer entlegenen
Stelle. Man ist schließlich kein Unmensch. Man hilft ja
auch gerne, vor allem älteren Menschen, die die Tinte nicht
mehr halten können und denen aus der Gehirnschale suppt,
was sich als Intellekt beim besten Willen nicht bezeichnen lässt.
Peter Hahne kommt
aus der Gesellschaft für Warnen und Mahnen und ist Mitglied
im Verein Lall und Lüll. Man kann ihm nicht nachsagen,
daß er schon mal eine breitgetretene Meinung links liegen
gelassen und nicht noch mutig und tapfer verteidigt hätte.
Aufrecht steht er ganze vorne an der Front der Labertaschen
und Erbauungsfritzen und schützt die Grundwerte der Gesellschaft.
Dabei macht er sich ständig Gedanken, wenn man das denn
so nennen will, was anschließend als Resultat auf Bild-Zeitungspapier
gedruckt ist, Gedanken über den Zustand Deutschlands im
allgemeinen, aber auch und nicht zuletzt im besonderen. Hahne
ist so etwas wie der Kummerkastenonkel Deutschlands, der die
Deutschen wieder auf den Pfad der Tugend, des Fleißes
und des Anstands zurückführen möchte. Er ist
die gesamtdeutsche Instanz für Moral und Sitte. Ganze Wälder
werden abgeholzt, um seine Moral-Traktätchen zu drucken
und unter die Leute zu bringen.
Auch Hahne schaltete
sich in die Debatte um die Mohammed-Karikaturen ein. Als christlicher
Fundamentalist weiß er, wie die Moslems, seine Brüder
im Geiste fühlen. Er ist selber ein bißchen ein Moslem.
Die regen sich wenigstens noch auf und fackeln dafür auch
mal eine Botschaft ab, konzediert er anerkennend, wenngleich
das »selbstverständlich« etwas übertrieben
ist, aber der Moslem läßt sich eben nicht auf seinen
religiösen Gefühlen herumtrampeln, und das bewundert
Hahne an ihnen.
»Meint ihr,
ich finde es witzig, wenn das Kreuz von Jesus Christi als Klopapierhalter
verhöhnt wird?« ließ Hahne den unbekannten
Soldaten unter seinen Kollegen rein rhetorisch fragen. »Das
Kreuz als Kernsymbol christlichen Glaubens so in den Dreck zu
ziehen, wie das vor Jahren ein deutsches Satiremagazin machte
– verglichen damit seien die dänischen Zeitungen
geradezu harmlos.« Hahne hätte deshalb viel mehr
Grund als die Moslems, zur Fatwa gegen die Ungläubigen
in Deutschland aufzurufen, schlittert aber schnell wieder in
die journalistische Schleimspur zurück und erklärt,
daß »natürlich«, denn »natürlich«
ist die Selbstverständnisvokabel des Nichtssagenden, daß
»natürlich« »Presse- und Meinungsfreiheit
hohe Grundwerte sind«. Die Presse- und Meinungsfreiheit
jedoch, für die Hahne eintritt, ist nicht nur eine Meinungsfreiheit,
der gegenüber die Meinungsfreiheit in der DDR im nachhinein
geradezu pluralistisch anmutet, es kann mit ihr auch nicht weit
her sein, wenn sich Leute ihrer annehmen, die noch nie etwas
anderes hatten als eine Allerweltsmeinung. Ganz abgesehen davon,
dass die Meinungsfreiheit auch ihre Grenzen hat: »Was
ist uns denn eigentlich noch heilig? Achselzuckend gehen Christen
trotz Spott und Hohn für Gott und seinen Sohn zur Tagesordnung
über, während Moslems sich gegen die Verhöhnung
ihres Religionsgründers wehren.«
Hier spricht der
blanke Neid aus Hahne. Muss man sich den Moslem nicht als glücklichen
Menschen vorstellen, wenn er den Ungläubigen einfach einheizt,
wenn ihm danach ist? Hahne würde selbst gern ein Mullah
sein, der eine blökende Herde von Fanatikern aufhetzen
und dirigieren könnte, die sich willig lenken ließe,
um jene zu strafen, die sich nach Meinung Hahnes der Gotteslästerung
schuldig gemacht haben. Meinungsfreiheit hört für
den Mullah vor dem Berliner Reichstag bei Blasphemie auf, also
genau da, wo sie erst anfängt und sich beweisen könnte.
Aber soweit geht die Liebe zur Meinungsfreiheit dann auch wieder
nicht, dass sie sogar für den Abschaum der Menschheit gelte,
oder für Künstler oder Kabarettisten, es sei denn
sie haben »konstruktive Kritik« zu bieten. Das genau
ist die Voraussetzung, von der Adorno sagte, dass sie für
die »Identifikation mit der Macht« konstituierend
sei, zu der Hahne mit aller Macht drängt.
Fett gedruckt wettert
Hahne weiter: »Wenn uns nichts mehr heilig ist, was soll
unsere Gesellschaft dann noch zusammenhalten?« Tja, was
wohl? Kaffeekränzchen und Hahnes Erbauungspredigten, schätze
ich. »Quellen kultureller Orientierung sind zu kostbar,
um dem hemmungslosen Klamauk ausgeliefert werden zu dürfen.
Dazu brauche ich keine Gesetze, sondern Verstand«. Verstand?
Ist das nicht ein klein wenig zu hoch gegriffen bei Hahne und
seiner Klientel? »Es geht nicht um Recht, sondern um Respekt«,
denn Respekt fordern vor allem Schnulzensänger und Billigmeinungsmacher,
bei denen einem Respekt zuletzt einfällt, wenn es um die
Frage geht, was sie verdient haben könnten.
»Oder, um es
ganz deutlich zu sagen: Wer seine Religion lebt und liebt, muß
sich nicht verspotten lassen.« Wer jedoch wie Peter Hahne
andere damit belästigt, Propaganda betreibt und missionarisch
seinen Glaubenswahn in aller Öffentlichkeit ausbreitet,
ja sogar anderen damit droht, bei einem solchen olivenöligen
Mann ist es sogar Bürgerpflicht, ihn zu verspotten, vor
allem, weil er sein Unwesen ganz offen treibt, statt seiner
gläubischen Neigung in aller Stille nachzugehen, ohne andere
damit zu belästigen, denn das wäre die Voraussetzung,
um an ihm das Interesse zu verlieren und ihn in Ruhe zu lassen.
Solange das aber nicht so ist, sind solche Karikaturen über
Jesus als Klorollenhalter, als Türstopper und Flaschenöffner
vom genialen Zeichner Wolfgang Herrndorf, die 1995 in der Titanic
erschienen, immer noch vorbildhaft.
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