| Schirrmacher,
Frank – Es gibt viele Gründe auszusterben.
Tokyo Hotel sind schon mal vier triftige Gründe, wie die
Titanic titelte, denn warum sollte man weiterleben, wenn nur
schlechte Musik dabei herauskommt. Angela Merkel ist auch ein
guter Grund, denn warum leben, wenn man von so was regiert wird.
Und trifft es mit den Deutschen nicht sogar die richtigen? Als
späte Rache für den 2. Weltkrieg, bzw. als Gnade der
späten Geburt? Genau 404 gute Gründe wurden in fünf
Jahrbüchern gesammelt, im „Who’s who peinlicher
Personen“, und diese Gründe reichen von Franziska
van Almsick bis Tilman Zülch. In diesem einmaligen Werk
„Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht“
taucht auch ein gewisser Frank Schirrmacher auf, weil er als
Chefredakteur der FAZ durch merkwürdiges, ja bizarres Gedankengut
auffiel. Wie z.B. bei den Memoiren Helmut Kohls, als Schirrmacher
in andere, höhere, dem normal Sterblichen nicht zugängliche
Sphären abdriftete: Kohls Erinnerungen, so schrieb er,
»bilden eine Brücke in Zeiten, in denen für
viele von uns die Stunden eines fremden Planeten angeschlagen
werden. Aber eines Planeten, dessen Anziehungskraft bis heute
wirkt.« Uiuiui.
In seinem Buch »Das
Methusalem-Kompott« versprach Schirrmacher gar nicht nur
»das Problem unseres eigenen Alterns« zu lösen,
sondern auch und nichts geringeres als »das Problem der
Welt«. Der letzte, der das wollte, war Hitler. Der Ausgangspunkt
seiner Überlegungen war wie bei Schirrmacher die Demographie.
Bei Hitler war es das »Volk ohne Raum«, bei Schirrmacher
ist es der Raum ohne Volk. Die beiden großen bevölkerungspolitischen
Experten Deutschlands kamen dennoch zu ähnlichen Ergebnissen.
Deutschland in Gefahr hieß damals die Schreckensmeldung
aus dem Führerhauptquartier, die man nur durch einen Weltkrieg
zu umgehen können glaubte, und heute kommt der gleiche
Mist aus dem FAZ-Hauptquartier. Immerhin machte Schirrmacher
aus einem altbekannten Problem, das unter dem Stichwort „Rentenreform“
ein ödes Dasein in Bundestagsdebatten führte, die
kein Schwein interessierten, ein Thema, das seither von allen
Medien durchgenudelt wird. Und das verdankte er nicht nur seinen
Kumpels Aust und Diekmann, die fleißig an der Verbreitung
seines „Demografie-Schockers“ mitwirkten, sondern
Schirrmacher erreichte das mit einem alten journalistischen
Trick, nämlich unter dem Vorwand ritterlicher Motive, für
die Alten eine Lanze brechen und Deutschland retten zu wollen,
den alten Hut zu skandalisieren: Die Alten leben länger,
sie fressen uns die Haare vom Kopf und Deutschland bricht unter
ihrer Last zusammen. Und jeder vernünftige Mensch, der
noch in der Lage war, eins und eins zusammenzuzählen, musste
denken, dass Euthanasie vielleicht doch nicht so eine schlechte
Idee war.
Im neuen Buch „Minimum“
singt Schirrmacher das hohe Lied auf die Familie. Es geht ihm
dabei darum, „den Begriff der Familie zunächst einmal
von allem Ideologischen, ja sogar von allem Zivilisatorischen
zu befreien. Das geht deshalb, weil Familien etwas Urzeitliches
sind.“ Auf dem Weg zurück in die Steinzeit findet
Schirrmacher 1846 ein Beispiel, das seine zivilisationsbefreiende
Argumentation belegen soll. Damals blieb ein Siedlertreck unterwegs
nach Kalifornien auf dem Donnerpass im Schnee stecken. Weil
von den Einzelreisenden fast alle umgekommen waren, in den Familienverbänden
zumindest einige überlebten, glaubt Schirrmacher an die
Nützlichkeit dieser Institution. Aber wie in solchen Fällen
mit mangelnder Dokumentation üblich, lässt sich nicht
wirklich eine gesicherte Erkenntnis aus dem Ereignis herausziehen,
sondern nur ideologischer Honig, denn weder Moral und Charakter
der einzelnen Personen hätten eine Rolle gespielt, sondern:
„Es war ein Gesetz.“ Ein windiges Gesetz, dabei
hätte Schirrmacher auf diese dürftige Legitimation
verzichten können, denn es ist auch so allgemein bekannt,
jedenfalls seit sich Ethnologen damit beschäftigen, daß
sich in Stammes- und Familienverbänden besser überleben
ließ. Medial interessant wird die Sache jedoch erst, wenn
eine Naturkatastrophe dazugerührt wird, also genau jenes
blinde Ereignis, das eben keinen Unterschied macht zwischen
Menschen und ihren Lebensformen, sondern unterschiedslos alle
treffen kann.
Und deshalb ist Schirrmachers
Plädoyer für die Familie zutiefst ideologisch, gerade
weil er auf die Urzeitlichkeit rekurriert. „Wir haben
20 Jahre versiebt“, teilt er dem Spiegel mit. „Wo
ist denn das Kapital geblieben, das wir dadurch gespart haben,
daß weniger Kinder auf die Welt kamen? Es wurde in mehr
Urlaub investiert, in die Verringerung der Arbeitszeit, in den
Konsum.“ Teufel auch! Schirrmachers antizivilisatorischer
Reflex trifft jene, die Funny van Dannen einmal besungen hat:
„Doch manche Männer sind anders, die sind nicht sozial
/ die wollen sich nicht vermehren, das ist denen egal / Und
wenn die Frauen sie bitten, hört man sie verneinen / Baby
sei mir nicht böse, blas mir lieber einen.“ Schirrmacher
erscheint in seinem Ressentiment gegen die Annehmlichkeit ökonomischer
Unabhängigkeit und der damit verbundenen Emanzipation von
der Familie, die eben auch oft genug die Hölle ist und
deshalb kein Wert an sich, ungefähr so blind wie die Naturkatastrophe
selbst. Er hat keinen historischen Begriff von der Entwicklung
der Familie in der kapitalistischen Epoche, in der die Zerstörung
der familiären Strukturen Voraussetzung für den Fortschritt
war. Hohe Flexibilität wird auf dem Arbeitsmarkt verlangt,
immer mehr auch die Bereitschaft für lau zu arbeiten, quasi
optimale Bedingungen, um eine Familie zu gründen. Aber
Schirrmacher ignoriert heroisch diesen Zusammenhang. Er sieht
nur losgelöst von den Ursachen den Überlebenskampf
der Spezies als Naturkatastrophe. In diesem Überlebenskampf
betätigt er sich als Endzeitstimmungsprophet. Um nicht
auszusterben rät der Kummerkastenonkel Dr. Schirrmacher:
„Such dir so schnell wie möglich eine Frau, sei nett
zu ihr, denn um Frauen wird gekämpft werden müssen
in der Zukunft, weil sie knapp werden! Und gründe rechtzeitig
eine möglichst große Familie.“
Schirrmacher
erinnert dabei ein wenig an Rüdiger Nehberg, der in den
achtziger Jahren Furore machte, indem er beschrieb, wie man
sich weitab jeglicher Zivilisation auch von platt gefahrenen
Fröschen ernähren könne. In seinem Handbuch für
Survivaltraining konnte man alles erfahren, wie sich auf freier
Wildbahn überleben ließ, nur nicht warum. Schirrmacher
zählt jedenfalls nicht zu den Gründen, es sich mit
dem Aussterben noch mal zu überlegen.
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