| Langenscheidt,
Dr. Florian –
Als das Fachblatt für Möpse, Schleimspurjournalismus
und Unterhosenspionage, für »sexy Polinnen«,
»geile Luder in Neukölln« und »scharfe
Stiefelmäuse«, auf den Deutschlandfarben letterte:
»250 Gründe, unser Land heute zu lieben«, hätte
man das zunächst für eine weitere Kontaktanzeige halten
können, aber dann war es doch nur wieder einer dieser komischen
Vögel, die Bild anzieht wie Scheiße Fliegen, und
insofern war das Geständnis in diesem Umfeld ja auch gut
aufgehoben. Der Unternehmer Dr. Florian Langenscheidt hatte
»eine Liebeserklärung an unser Land« mit dem
Titel »Das Beste an Deutschland«, »ein Fanal
gegen das Jammern auf über 500 Seiten« herausgegeben.
Früher waren sogar die Bundespräsidenten klüger
als diejenigen, die sich mit diesem Bekenntnis sehr fortschrittlich
vorkommen. Auf die Frage, lieben Sie Deutschland, sagte Lübke
(oder war es Heuss?): »Ich liebe meine Frau.« Heute
würde der Mann nicht mehr damit durchkommen. Jedenfalls
nicht bei Dr. Florian Langenscheidt, der seine Schwarte allerdings
komischerweise in einem Verlag publiziert hat, der »Deutsche
Standards« heißt und also offenbar nicht zum Besten
Deutschlands gehört.
Zusammengestellt
wurden die 250 Gründe von einer hochkarätigen Jury,
den originellsten und klügsten Köpfen, die Deutschland
derzeit aufzubieten hat, der stockdummen Sabine Christiansen,
der spermatösen »Ich«-Gestalt Franz Beckenbauer,
dem Lichterkettenerfinder Giovanni di Lorenzo und dem Mops Helmut
Markwort, dem Chefredakteur eines Nachrichtenblattes ohne Nachrichten.
Und von Cosma Shiva Hagen, bei der sich manche fragen: »Wie
viel sind denn das?« Bei diesem quasi hochexplosiven Think-Tank
sind 250 Gründe schon fast ein bisschen wenig.
Andererseits sind
die Gründe wiederum auch nicht so prickelnd, dass man unbedingt
nach mehr hiepern würde. Unter Altstadt taucht Rothenburg
ob der Tauber auf, Neuschwanstein unter »Das Schloss«,
da fällt der Jury bei Babynahrung »Hipp« ein,
bei Bleistift »Faber-Castell« und bei Bundeskanzlerin
»Angela Merkel«. Da erstarrt man schon ein wenig
in Ehrfurcht, denn Angela Merkel muss einem ja beim Stichwort
Bundeskanzlerin auch erstmal einfallen. Das setzt schon eine
gewisse Geistesleistung voraus, die nicht jeder dem Franz Beckenbauer
zugetraut hätte. Das alles gibt zu Optimismus Anlass, wenngleich
es Fachleute gibt, die Henkell trocken für Plörre
halten und nicht für Sekt, wie der Deutschlandratgeber
behauptet, jedenfalls nicht gerade für ein Getränk,
mit dem man beim Ausländer Punkte zu machen versuchen sollte,
wie das die erklärte Absicht von Dr. Florian Langenscheidt
ist. Der will den zehntausend zur WM kommenden Journalisten
sein »Bestes«-Buch überreichen, bzw. vielmehr
aufdrängen, denn dass das Buch »die Wahrnehmung von
Deutschland enorm prägen« wird, davon kann man zwar
ausgehen, aber mit Sicherheit auf andere Weise als Dr. Florian
Langenscheidt anzunehmen scheint. Die Journalisten müssten
schon weniger klug sein als die Jury, oder anders ausgedrückt,
gewaltig einen an der Waffel haben, um dieses Buch wirklich
ernst zu nehmen. Im besten Fall wird man dieses Buch als Beispiel
dafür ansehen, dass die Deutschen doch Humor haben, und
zwar unfreiwilligen und mehr als bislang für möglich
gehalten wurde, vor allem, wenn der Leser im Vorwort erfährt,
dass von diesem riesigen Werbeschinken nichts geringeres erwartet
wird als »die Welt zu verändern«. Von Marx’
11. Feuerbachthese bis zu Dr. Florian Langenscheidt ist es ein
weiter Weg, und der führt direkt in die allgemeine Verblödung.
»Das Wort Patriotismus
ist mir etwas zu schwer. Ich möchte einfach, dass wir zu
einer lockeren, unverbissenen Selbsteinschätzung kommen.
Selbstliebe statt Selbsthiebe«, sagt Dr. Florian Langenscheidt.
Eher verkrampft und bemüht sieht diese Selbsteinschätzung
des Lätta-light-Patrioten dann jedoch aus, wenn man sich
durch die 250 Gründe hindurchquält, die man auf jedem
beliebigen Werbeprospekt finden kann, die einem den Briefkasten
verstopfen. Aber warum macht jemand so was: »Ich bin viel
im Ausland unterwegs. Und mir ist immer wieder aufgefallen,
mit welch großem Respekt man dort von Deutschland spricht,
während hier soviel gejammert wird. Ich wollte zeigen,
in was für einem großartigen Land wir leben.«
Der »moderne und lässige« Patriotismus lässt
sich aber auch gegenteilig begründen. Gerade weil man im
Ausland so über die Deutschen lästert, hat der Spiegel-Redakteur
Matthias Matussek »Wir Deutsche – warum uns die
anderen gern haben können« geschrieben. Und in dieser
doppeldeutigen Formulierung scheint die aggressive Haltung auf,
mit der man das »großartige Land« gegenüber
der Realität zu schützen versucht, einer Realität
beispielsweise, in der Leuten mit schwarzer Hautfarbe abgeraten
werden muss, bestimmte Landstriche Brandenburgs aufzusuchen,
weil sie die »möglicherweise lebend nicht wieder
verlassen«, wie der Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten
Heye ein offenes Geheimnis verriet, für das er von allen
alten, neuen, lockeren und modernen Patrioten Prügel bezog.
»Das ist eine Verunglimpfung ganzer Regionen in Brandenburg,
die durch nichts zu rechtfertigen ist«, erregte sich Matthias
Platzeck und Jörg Schönbohm meckerte: »Eine
unglaubliche Entgleisung.« Und um den Schwachsinn noch
zu toppen, erstattete ein Rechtsanwalt aus Neuruppin Anzeige
wegen »Volksverhetzung gegen Herrn Heye«, weil er
»mit seinen Äußerungen über Brandenburg
Teile der Bevölkerung verleumdet hat.« Dabei weiß
doch jeder, dass man auf Brandenburg am besten einen Deckel
schraubt und ins Meer kippt.
Zwar hat es in der
Ex-DDR seit der Wende pro Jahr durchschnittlich 17 Todesopfer
rechter Gewalt gegeben, aber erwähnen darf man das auf
keinen Fall, weil man sonst die Neonazis nur bestätigen
würde. Der Skandal besteht also nicht darin, dass der Staat
sich aus den Problemgebieten zurückzieht und den Nazis
überlässt, sondern niemand darauf hinweisen darf,
weil dieses tolle Land einen Kratzer abbekommen könnte.
Diese Argumentation ähnelt der Mahnung, sich doch bitte
in der Kritik des Antisemitismus zu mäßigen, um den
Antisemiten keinen Vorwand zu liefern, wieder laut zu werden.
Wäre Deutschland gegenüber allen seinen Minderheiten
so zuvorkommend, wäre das eine feine Sache.
Was den
Deutschen wirklich Magenschmerzen bereitet ist wie immer die
Sorge, dass das Ansehen Deutschlands im Ausland beschädigt
werden könnte: »Machen uns Neonazis die WM kaputt?«
fragte Bild und ließ den hauseigenen Gagaisten Franz Josef
Wagner darauf antworten, und der diagnostizierte verlässlich:
»Liebe WM-Touristen, so stimmt das nicht.« Und warum
nicht? Weil es Neonazis auch in »Moskau, Tokio und New
York« gibt. Und wer in Brandenburg totgeschlagen wird,
der kann sich damit trösten, dass ihm das auch in »Moskau,
Tokio und New York« hätte passieren können.
Das ist Wagner. Er ist der von Dr. Florian Langenscheidt zu
Unrecht vergessene 251. Grund, Deutschland zu lieben. |