| Bild-Zeitung
– Jedes normale Volk wäre gern etwas besonderes,
etwas, das es vor allen anderen Völkern unterscheidet,
aber es gibt nur ein Volk, das wirklich etwas besonderes darstellt,
weil es unablässig wiederholt, dass man endlich „normal“
werden wolle. Während der Fußball-WM haben die Deutschen
die Chance entdeckt, es den anderen Völkern nachzumachen
und den unverkrampften und lockeren Patriotismus zu feiern,
aber schon allein der Verweis auf den Umgang der anderen Völker
mit ihrer Vaterlandsliebe macht aus ihm bloß eine Nachahmung.
Wie in jeder Disziplin, in der die Deutschen antreten, wollen
sie gleich wieder Weltmeister werden und den Brasilianern, die
das Feiern angeblich am besten können, den Rang ablaufen.
Die unangenehme Eigenschaft der Deutschen besteht also immer
noch darin, dass man sie immer am Hals hat. Einfach nur normal
zu werden reicht nicht, die Deutschen wollen die Normalsten
der Normalen werden. Darunter machen sie es nicht. Der Fußball
ist ein Spiegelbild dieser Bemühungen. Keine Nationalmannschaft
spielt mit einem so mittelmäßigen Spielerpersonal
so häufig ganz oben mit.
Dass die Deutschen
so fleißig und aufopferungsvoll feierten, Fähnchen
schwenkten und sich schwarz-rot-senffarben anmalten ist nicht
schlimm, und darin einen neuen Nationalismus dräuen zu
sehen, ist so daneben wie die Behauptung, es gäbe Leute,
die genau das ständig täten. Der Mann mit dem „Namen
eines Büstenhalters“ (Fritz Tietz), Jörg Wontorra,
der sich mit dem Land des krampfhaften Lächelns „Dtschl“
nach Kräften identifiziert, bemühte sich redlich und
kenntnisfrei, sich als die Petze Deutschlands zu profilieren
und alle anzuschwärzen, die seiner Meinung nach nicht im
Mainstream mitpaddelten, und zwar so, als gälte es das
Leben. Mir ist jedoch niemand aus der gesellschaftlichen Prominenz
bekannt, der an der Stimmung und der allgemeinen Party etwas
auszusetzen gehabt hätte. Nicht einmal Günter Grass
und Klaus Staeck, die als bekannteste Bild-Feinde gelten. Der
Nationalismus ist so fürchterlich, weil er so grundlos
ist, schrieb Adorno einmal, und auch wenn dieser Satz, der sich
gut für ein Epitaph auf die Deutschen gemacht hätte,
für sie nicht mehr wirklich zutrifft, weil das Fürchterliche
kein nationalistisches, sondern ein ästhetisches Problem
ist, so trifft Adorno immer noch die Sache genau, wenn es um
den Nationalismus der Medien und vor allem der Bild-Zeitung
geht.
Seit Beginn der WM
powerte Bild, was das Zeug hielt, um die Deutschen auf Begeisterungskurs
zu kriegen und um den Ladenhüter „Patriotismus“
an den Mann und die Frau zu kriegen. Bild druckte quasi nur
noch in den Deutschlandfarben. Der Obergagaist Wagner schrieb
einen „Liebesbrief an Deutschland“, in dem er dazu
aufforderte, „sein Land“ nicht nur zu lieben, sondern
es auf eine bestimmte Art zu lieben, nämlich so „wie
eine Frau“. In einem Blatt, das sich gegenüber „geilen
Ludern“ sehr sozial verhält und deshalb deren Begehr,
es „besorgt“ kriegen zu wollen, an die Öffentlichkeit
bringt, wird Wagners frommer Wunsch zum einem eindeutigen Angebot.
Nicht wenige haben dieses Angebot angenommen, wie beispielsweise
Horst Köhler, der via Bild „alle Deutschen“
lobte mit dem Satz: „Ich bin stolz auf dieses Land.“
Nicht mit diesem Bekenntnis natürlich, das in diesen Tagen
zur Standardfloskel für jeden wurde, dem ein Mikrophon
unter die Nase gehalten wurde, und für einen Staatspräsidenten
sowieso Pflicht ist, sondern Köhler penetrierte das Land
im Sinne Wagners, als er in seiner Tätigkeit für die
Treuhand die Deutschen bei der Währungsumstellung mal so
eben um 200 Millionen zugunsten der Banken erleichterte. Köhler
hat also allen Grund, stolz auf die Deutschen zu sein, die so
nett und höflich, weniger zurückhaltende Menschen
als ich würden sagen, so vergesslich und dumm sind, ihm
das nicht krumm zu nehmen. Oder das Merkel, das die Deutschen
mit der größten Steuererhöhung in der Geschichte
der Bundesrepublik weiter schröpft und das ruinierte Land
noch weiter ruiniert.
Und dafür war
Begeisterung ja schon immer gut, in Kriegs- wie in Friedenszeiten,
denn mit ihr lassen sich auch unpopuläre Maßnahmen
durchsetzen, während Wagner dazu eine Hymne singt, bzw.
eine Schmonzette, die an Debilität jeden Schlager von Dieter
Bohlen als intelligente Dichtung erscheinen lässt „Was
für ein Land lieben wir. Ein Land ist zunächst einmal
eine Landschaft. In der Landschaft steht eine Kirche, an der
ein Bach vorbeirauscht. Ich sehe Blätter und kleine Zweige
und Forellen, die man angeln kann [wenn man einen Angelschein
hat, oder wie Wagner einen Jagdschein, A.d.V.]. Ich sehe Ackerwege,
die zu einem Dorfplatz führen. Ich sehe Bauernhöfe
mit Gänsen und Hühnern. Und ich sehe die Bäuerin,
die eingelegte Gurken verkauft. Die Landschaft ist leicht hügelig,
spät kommt die Abendsonne. Die Menschen falten friedlich
ihre Hände. Es sind Hände, die gearbeitet haben, die
in nassen Schlamm gegriffen haben, verfaulte Blätter aussortierten.
Ich liebe diese Hände, weil sie Deutschland sind.“
Arbeitende Menschen, die sich davon ernähren, dass sie
im Schlamm wühlen und verfaulte Blätter aussortieren?
Mitten in Deutschland? Gibt es das? Gab es das jemals? Und wer
zahlt dafür Geld? Werden die Blätter, die noch nicht
verfault sind, aufs Butterbrot gelegt? Als Wurstersatz?
Aber jenseits dieser
Fragen, die auch Wagner auf immer unbeantwortet lassen wird,
lässt sich nicht übersehen, wie erfolgreich Bild war
mit seinem Dauerfeuer für den neuen und unverkrampften
Patriotismus, denn man kann das Volk zwar dazu aufrufen, Fähnchen
zu kaufen und sich „Schwarz-Rot-Geil“-Aufkleber
auf die Stirn oder auf sonstige Körperstellen zu pappen,
eine andere Sache ist es aber, ob das Volk es auch tut. Und
das Volk tat es, sodaß sogar Bild überrascht war
und trotz sinkender Auflage wieder an seine alten Fähigkeiten
als Propaganda-Schlachtschiff glaubte, als Springer im Kalten
Krieg die Deutschen auf streng antikommunistischen Kurs brachte
(was allerdings keine große Kunst war, denn das war man
als Nazi sowieso, und andere Deutsche gab es kaum, und wenn,
dann nicht in Deutschland). Bild hat in jedem Fall etwas angestoßen,
was bei den Deutschen auf fruchtbaren Boden fiel und die Kassen
der Fähnlein-Verkäufer klingeln ließ, und Bild
sprang auf diesen Zug auf und trommelte wie ein verrückt
gewordener afrikanischer Medizinmann, dessen Leben davon abhängt,
ob er Regen herbeizaubern kann. Und insofern sind die Deutschen
und Bild keine sehr schöne Allianz eingegangen, jedenfalls
nicht so schön, wie die Hysteriker der tollen Party immer
behaupten. Jeder, der sich die Freiheit nahm, nicht für
Deutschland zu sein, wird ein Lied darüber singen können.
Als ein Veranstalter in Kreuzberg die nette Idee hatte, vor
der Übertragung des Spiels Deutschland-Argentinien statt
des Originals eine verzerrte Version der Nationalhymne einzuspielen,
erntete er empörte Pfiffe und Puh-Rufe. Die Deutschen wollten
die volle Dröhnung, das volle Elend. Ein souveräner
Umgang mit dem vaterländischen Quatsch sieht anders aus.
Um Weltmeister im Normalsein zu werden, müssen die Deutschen
also noch üben, denn wie bei den Kickern reichte es nur
für die goldene Ananas.
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