Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Die Bild Zeitung

Von Klaus Bittermann

Bild-Zeitung – Jedes normale Volk wäre gern etwas besonderes, etwas, das es vor allen anderen Völkern unterscheidet, aber es gibt nur ein Volk, das wirklich etwas besonderes darstellt, weil es unablässig wiederholt, dass man endlich „normal“ werden wolle. Während der Fußball-WM haben die Deutschen die Chance entdeckt, es den anderen Völkern nachzumachen und den unverkrampften und lockeren Patriotismus zu feiern, aber schon allein der Verweis auf den Umgang der anderen Völker mit ihrer Vaterlandsliebe macht aus ihm bloß eine Nachahmung. Wie in jeder Disziplin, in der die Deutschen antreten, wollen sie gleich wieder Weltmeister werden und den Brasilianern, die das Feiern angeblich am besten können, den Rang ablaufen. Die unangenehme Eigenschaft der Deutschen besteht also immer noch darin, dass man sie immer am Hals hat. Einfach nur normal zu werden reicht nicht, die Deutschen wollen die Normalsten der Normalen werden. Darunter machen sie es nicht. Der Fußball ist ein Spiegelbild dieser Bemühungen. Keine Nationalmannschaft spielt mit einem so mittelmäßigen Spielerpersonal so häufig ganz oben mit.

Dass die Deutschen so fleißig und aufopferungsvoll feierten, Fähnchen schwenkten und sich schwarz-rot-senffarben anmalten ist nicht schlimm, und darin einen neuen Nationalismus dräuen zu sehen, ist so daneben wie die Behauptung, es gäbe Leute, die genau das ständig täten. Der Mann mit dem „Namen eines Büstenhalters“ (Fritz Tietz), Jörg Wontorra, der sich mit dem Land des krampfhaften Lächelns „Dtschl“ nach Kräften identifiziert, bemühte sich redlich und kenntnisfrei, sich als die Petze Deutschlands zu profilieren und alle anzuschwärzen, die seiner Meinung nach nicht im Mainstream mitpaddelten, und zwar so, als gälte es das Leben. Mir ist jedoch niemand aus der gesellschaftlichen Prominenz bekannt, der an der Stimmung und der allgemeinen Party etwas auszusetzen gehabt hätte. Nicht einmal Günter Grass und Klaus Staeck, die als bekannteste Bild-Feinde gelten. Der Nationalismus ist so fürchterlich, weil er so grundlos ist, schrieb Adorno einmal, und auch wenn dieser Satz, der sich gut für ein Epitaph auf die Deutschen gemacht hätte, für sie nicht mehr wirklich zutrifft, weil das Fürchterliche kein nationalistisches, sondern ein ästhetisches Problem ist, so trifft Adorno immer noch die Sache genau, wenn es um den Nationalismus der Medien und vor allem der Bild-Zeitung geht.

Seit Beginn der WM powerte Bild, was das Zeug hielt, um die Deutschen auf Begeisterungskurs zu kriegen und um den Ladenhüter „Patriotismus“ an den Mann und die Frau zu kriegen. Bild druckte quasi nur noch in den Deutschlandfarben. Der Obergagaist Wagner schrieb einen „Liebesbrief an Deutschland“, in dem er dazu aufforderte, „sein Land“ nicht nur zu lieben, sondern es auf eine bestimmte Art zu lieben, nämlich so „wie eine Frau“. In einem Blatt, das sich gegenüber „geilen Ludern“ sehr sozial verhält und deshalb deren Begehr, es „besorgt“ kriegen zu wollen, an die Öffentlichkeit bringt, wird Wagners frommer Wunsch zum einem eindeutigen Angebot. Nicht wenige haben dieses Angebot angenommen, wie beispielsweise Horst Köhler, der via Bild „alle Deutschen“ lobte mit dem Satz: „Ich bin stolz auf dieses Land.“ Nicht mit diesem Bekenntnis natürlich, das in diesen Tagen zur Standardfloskel für jeden wurde, dem ein Mikrophon unter die Nase gehalten wurde, und für einen Staatspräsidenten sowieso Pflicht ist, sondern Köhler penetrierte das Land im Sinne Wagners, als er in seiner Tätigkeit für die Treuhand die Deutschen bei der Währungsumstellung mal so eben um 200 Millionen zugunsten der Banken erleichterte. Köhler hat also allen Grund, stolz auf die Deutschen zu sein, die so nett und höflich, weniger zurückhaltende Menschen als ich würden sagen, so vergesslich und dumm sind, ihm das nicht krumm zu nehmen. Oder das Merkel, das die Deutschen mit der größten Steuererhöhung in der Geschichte der Bundesrepublik weiter schröpft und das ruinierte Land noch weiter ruiniert.

Und dafür war Begeisterung ja schon immer gut, in Kriegs- wie in Friedenszeiten, denn mit ihr lassen sich auch unpopuläre Maßnahmen durchsetzen, während Wagner dazu eine Hymne singt, bzw. eine Schmonzette, die an Debilität jeden Schlager von Dieter Bohlen als intelligente Dichtung erscheinen lässt „Was für ein Land lieben wir. Ein Land ist zunächst einmal eine Landschaft. In der Landschaft steht eine Kirche, an der ein Bach vorbeirauscht. Ich sehe Blätter und kleine Zweige und Forellen, die man angeln kann [wenn man einen Angelschein hat, oder wie Wagner einen Jagdschein, A.d.V.]. Ich sehe Ackerwege, die zu einem Dorfplatz führen. Ich sehe Bauernhöfe mit Gänsen und Hühnern. Und ich sehe die Bäuerin, die eingelegte Gurken verkauft. Die Landschaft ist leicht hügelig, spät kommt die Abendsonne. Die Menschen falten friedlich ihre Hände. Es sind Hände, die gearbeitet haben, die in nassen Schlamm gegriffen haben, verfaulte Blätter aussortierten. Ich liebe diese Hände, weil sie Deutschland sind.“ Arbeitende Menschen, die sich davon ernähren, dass sie im Schlamm wühlen und verfaulte Blätter aussortieren? Mitten in Deutschland? Gibt es das? Gab es das jemals? Und wer zahlt dafür Geld? Werden die Blätter, die noch nicht verfault sind, aufs Butterbrot gelegt? Als Wurstersatz?

Aber jenseits dieser Fragen, die auch Wagner auf immer unbeantwortet lassen wird, lässt sich nicht übersehen, wie erfolgreich Bild war mit seinem Dauerfeuer für den neuen und unverkrampften Patriotismus, denn man kann das Volk zwar dazu aufrufen, Fähnchen zu kaufen und sich „Schwarz-Rot-Geil“-Aufkleber auf die Stirn oder auf sonstige Körperstellen zu pappen, eine andere Sache ist es aber, ob das Volk es auch tut. Und das Volk tat es, sodaß sogar Bild überrascht war und trotz sinkender Auflage wieder an seine alten Fähigkeiten als Propaganda-Schlachtschiff glaubte, als Springer im Kalten Krieg die Deutschen auf streng antikommunistischen Kurs brachte (was allerdings keine große Kunst war, denn das war man als Nazi sowieso, und andere Deutsche gab es kaum, und wenn, dann nicht in Deutschland). Bild hat in jedem Fall etwas angestoßen, was bei den Deutschen auf fruchtbaren Boden fiel und die Kassen der Fähnlein-Verkäufer klingeln ließ, und Bild sprang auf diesen Zug auf und trommelte wie ein verrückt gewordener afrikanischer Medizinmann, dessen Leben davon abhängt, ob er Regen herbeizaubern kann. Und insofern sind die Deutschen und Bild keine sehr schöne Allianz eingegangen, jedenfalls nicht so schön, wie die Hysteriker der tollen Party immer behaupten. Jeder, der sich die Freiheit nahm, nicht für Deutschland zu sein, wird ein Lied darüber singen können. Als ein Veranstalter in Kreuzberg die nette Idee hatte, vor der Übertragung des Spiels Deutschland-Argentinien statt des Originals eine verzerrte Version der Nationalhymne einzuspielen, erntete er empörte Pfiffe und Puh-Rufe. Die Deutschen wollten die volle Dröhnung, das volle Elend. Ein souveräner Umgang mit dem vaterländischen Quatsch sieht anders aus. Um Weltmeister im Normalsein zu werden, müssen die Deutschen also noch üben, denn wie bei den Kickern reichte es nur für die goldene Ananas.

 

 


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