Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Claudia Roth

Von Klaus Bittermann

Roth, Claudia – Claudia Roth hat ein »persönliches Buch« geschrieben. Es heißt »Das Politische ist privat. Erinnerungen für die Zukunft.« An dieser Stelle könnte man das ganze beiseite legen, »aha« sagen und sich einer angenehmeren Beschäftigung zuwenden. Können wir aber nicht, weil dann der Artikel hier schon zu Ende wäre und mein Führungsoffizier aus der Redaktion sich zu Recht an die Stirn tippen und fragen würde, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Bitte schön: Fragen wir uns also, was hat Claudia Roth für ein »Anliegen«, was treibt sie um: »Das ist ein Anliegen, das mich in meinem gesamten politischen Engagement umtreibt und mir gegenwärtig dringender denn je erscheint.« Dolf Sternberger schrieb im »Wörterbuch des Unmenschen« über die Karriere des Wörtchen »Anliegen«, das in den fünfziger Jahren, Claudia Roth würde »bleierne Zeit« sagen, zum »beliebtesten Element im Sprachschatz aller Arten von Managern« wurde. Die »Guten und Braven« hätten ein »Anliegen«, die »Bösen« hingegen ein »Interesse«. Anliegen ist für Sternberger »überflüssige Innigkeit, deplazierte Intimität und unanständige Aufdringlichkeit« und gehört »ins stille Kämmerlein«. Und damit ist bereits die Richtung angegeben, in die sich Claudia Roth mit ihrem persönlichen Buch bewegt. Das ist keine neue Erkenntnis, denn auf das »Um-die-Welt-besorgt-Sein-Gehampel«, wie Wiglaf Droste die Sache auf den Punkt brachte, kann man auch kommen, wenn man sie nur ab und zu im Fernsehen ihre Statements abgeben sieht. Hier aber hat Claudia Roth nun aufgeschrieben, was sich nicht mehr als flüchtig in den Wind gesprochen abtun lässt.

Claudia Roth will »Einfühlen in die Welt«, »gelebte Erfahrung«, »persönliche Geschichte«, »gemeinsames Engagement«, »offene Wunden«, »kritisches Problembewusstsein«, »würdige Arbeit«, »kritische Anteilnahme«, »Trauerarbeit« und »Politikfelder«. So hakt sie nach und nach alle Begriffe ab, die im »Wörterbuch des Gutmenschen« analysiert wurden. Sie ist unempfindlich für Sprache, beteuert aber, vom Unrecht dieser Welt angerührt und betroffen zu sein. Dabei teilt sie mit ihren angeblichen politischen Gegnern nicht nur das sprachliche Unvermögen, sondern auch die allgemein üblichen Vorurteile wie z.B. die Annahme, »die schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit« seien »im Namen Deutschlands« verübt worden. Claudia Roth, die ständig darauf verweist, wie wichtig es sei, aus der Geschichte zu lernen, beweist damit, dass sie sich selbst nicht besonders mit »der Vergangenheit« auseinandergesetzt hat, und wenn, dann lediglich emotional. Tränen vergießen allein reicht jedoch nicht aus, um etwas zu verstehen, denn dann wüsste sie, dass es sich bei »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« um eine geschönte Übersetzung von »crime against humanity« handelt, ein Begriff, der von den Alliierten bei den Nürnberger Prozessen eingeführt wurde in Ermangelung einer Kategorie, mit der sich der Völkermord der Deutschen juristisch fassen ließe. »Wahrhaftig das Understatement dieses Jahrhunderts«, schrieb Hannah Arendt, »als hätten es die Nazis lediglich an ›Menschlichkeit‹ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammer schickten.« Und auch die Behauptung, dieses »Verbrechen gegen die Menschheit« sei »im Namen Deutschlands« und nicht etwa von den Deutschen verübt worden, deckt sich prima mit der Sprachregelung, mit der auch rechtskonservative Luschen wie Stoiber oder nicht völlig stumpfe Neonazis einverstanden sind.

Nach diesem kleinen Hinweis lässt sich besser verstehen, was von einer Aussage wie dieser zu halten ist: »Eine Kultur der Anerkennung hat eines ihrer wichtigsten Fundamente in einer Erinnerungskultur, die aufzeigt, wohin die Unkultur der Ausgrenzung und Missachtung führt, einer Kultur, die die Erinnerung an die katastrophalen Folgen einer chauvinistischen, rassistischen, menschenverachtenden Politik wach hält.« Dieser Satz ist rein plakativ, inhaltlich leer und dient ausschließlich dazu, das eigene Gutsein hervorzuheben. Er stammt aus den siebziger Jahren, als die Kultur sich wie ein Karnickel vermehrte und in allen möglichen Kombinationen eine größere Bedeutung erlangte als Kultur sie jemals für die Nazis hatte, für die Kultur ja auch eine große Rolle spielte. Je häufiger aber von Kultur die Rede ist, desto größere Skepsis ist angebracht und ein desto genauerer Blick auf den Begriff und was sich hinter ihm verbirgt. Aber das wird für Claudia Roth immer ein Geheimnis bleiben, wenn sie von sich selbst mal wieder schwerst ergriffen schreibt: »Ignatz Bubis hielt eine Rede. Ich spürte die Reichhaltigkeit und Tiefe dieser Kultur, die mir verwirrend fremd und vertraut zugleich erschien.« Es verwundert einen dann nicht mehr wirklich, wenn Claudia Roth sich auf Til Schweiger als Gewährsmann beruft und solche grandiosen Erkenntnisse von sich gibt wie: »Deutsche Geschichte ist kein Rucksack, den wir ablegen sollten. Sie ist eine Herausforderung, die eine Chance birgt, für uns und unsere Partner in aller Welt.«

Und das ist eine weitere Auffälligkeit an diesem Buch. Claudia Roth ist nicht nur begrifflos, auch wenn sie »den Begriff des Menschen in seiner vollen Umfänglichkeit« schützen möchte, was immer das sein mag, sie lässt auch bis zur Schmerzgrenze ihre Gesinnung im Wind flattern, was darauf schließen lässt, dass sie nichts anderes hat. Warum glaubt jemand, seine Erinnerungen wären in irgendeiner Form wichtig für die Zukunft, nur weil er gegen Rassismus, Antisemitismus, Polizei- und andere Gewalt, gegen Ausgrenzung und Menschenverachtung ist? Das ist zwar schön, und es ist auch erhebend, dass Claudia Roth so tut, als wäre das etwas Einzigartiges. Bei manchen ist dies jedoch eine Selbstverständlichkeit, während Claudia Roth das dem Rest der Welt unermüdlich und auf penetrante Weise mitteilen muss. Es geht ihr darum, sagt sie, »die Welt humaner und gerechter zu gestalten«, und man fragt sich, welchen Erkenntnisgewinn man aus diesem rhetorischen Schaumgebäck ziehen soll. Überhaupt bleibt dieses Buch sehr auf der Oberfläche. Mit unglaublicher Rasanz fegt Claudia Roth über alle möglichen Themen hinweg, ohne auch nur einmal die Sache zu vertiefen oder zu argumentieren.

»Wer kennt das nicht«, schreibt Claudia Roth an einer Stelle, »dass gerade in den vielen Gesprächen – und ich führe Gespräche manchmal an drei Telefonen gleichzeitig – echtes Reden und Zuhören verloren geht.« Ich habe noch nie drei Gespräche gleichzeitig geführt, ich weiß also nicht, wie das ist, aber es sieht so aus, als ob Claudia Roth genauso schreiben würde. Sie schmeißt mit schaumsprachlichen Begriffen um sich, die nichts bedeuten, und kombiniert sie unermüdlich in immer neuen Varianten. Es entsteht ein zäher rhetorischer Brei, der vielen Politiker-Memoiren eigen ist, denn Politiker sind ihrem Wesen nach autistisch, ein Krankheitsbild, das »man klinisch unter der Bezeichnung Hospitalismus zusammen fasst. Kontaktarmut, Apathie, Denk-, Sprach- und Potenzstörungen, Weinerlichkeit, Unruhe und Aggressivität gehören zu den häufigsten Sympthomen«, wie H.M. Enzensberger schon 1992 diagnostizierte.

Claudia Roth wünscht sich, dass ihr Leben »Vorbild und Ermunterung für junge Frauen« sein könnte. Noch mehr Frauen aber, die den Rest der Welt mit ihren Denk- und Sprachstörungen auf weinerliche Art belästigen, wäre eine schreckliche Vorstellung.

 

 


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