| Grass,
Günter – Er ist der lebende Beweis dafür,
dass auch schlechte Literatur in Deutschland und weltweit eine
Chance hat. Das liegt jedoch nicht nur am schlechten Literaturgeschmack
hunderttausender Leser, sondern vor allem auch an den Vermarktungsmechanismen
von Literatur, und wenn die nichts mehr hilft, an dem inszenierten
und mit dem Literaturbetrieb abgesprochenen Skandal. Nur mit
Hilfe feuilletonistischen Flächenbombardements und der
Hinterlassung verbrannter Erde ist das Zeug der Oberlangweiler
der großdeutschen Literatur Walser & Grass unters
Volk zu bringen. Grass ist das wieder gelungen, indem er „Beim
Häuten der Zwiebel“ en passant zugibt, bei der Waffen-SS
gewesen zu sein. Das wäre nicht weiter erwähnenswert,
weil Grass wie die meisten Deutschen aus einem ordentlichen
Nazi-Haushalt stammt, wo die Einberufung in die Elite-Einheit
nicht als Schande begriffen wurde, auch wenn die SS in der Schlussphase
des Krieges jeden nahm, den sie kriegen konnte.
Es gab zwei Möglichkeiten, auf diesen biografischen
Schmutzfleck (wie Grass ihn begreift) zu reagieren: Für
den Rest des Lebens die Klappe halten oder die Karten auf den
Tisch zu legen. Grass hat sich für eine dritte und die
schlechteste, weil unlauterste Möglichkeit entschieden:
Die Waffen-SS-Episode zu verschweigen und sich als moralisches
Nachkriegsgewissen der Nation aufzuspielen. Grass schwadronierte
darüber, „wie folgenreich die Demokratie geschädigt
wird durch die bloße Tatsache, dass ein ehemaliger Nationalsozialist
Bundeskanzler werden konnte“, und er sah „Kohl als
zusätzliche Belastung der deutschen Geschichte“.
Der hohe Ton, den Grass immer wieder angeschlagen hat, wenn
er die nationale Verantwortung wabern lässt und er vor
dem Schwinden des Ansehens der Bundesrepublik im Ausland warnt,
das alles hätte ihm mit seinem Geständnis augenblicklich
von der öffentlichen Bildfläche verschwinden lassen
müssen, jedenfalls wenn es eine Gerechtigkeit gäbe,
die es natürlich nicht gibt.
Grass hat seine SS-Vergangenheit verschwiegen,
weil er schon während des Krieges wusste, dass er eine
Laufbahn als Schriftsteller einschlagen wollte und ihm dieses
Geständnis in seiner Karriere nicht förderlich wäre.
Er wäre vielleicht einer wie Erich Loest geworden, er hätte
vermutlich nicht ganz so viele Preise abgegriffen und auch den
Nobelpreis hätte er nicht bekommen, denn diese Preise würdigen
nicht schriftstellerisches Können und Talent, sondern sind
die Folge unermüdlichen Klapperns in der Adabei-Kultur
des Literaturbetriebs und der Kungelei in der Sozialdemokratie,
und da hätte sich die SS-Episode nicht so gut gemacht.
Im Nachhinein verbreitete Grass unter aktiver Mithilfe von Ulrich
Wickert viel Theaternebel um seine Mitgliedschaft bei der SS,
aber das Problem ist nicht, dass er Dreck am Stecken hatte,
den der Spiegel dankbar seziert, um ihn als „Scharfrichter“
oder als „moralischer Aufsichtsratsvorsitzender der Bundesrepublik“
in die Pfanne zu hauen, das Problem ist, dass Günter Grass
eine Prosa schreibt, die so knarzt, quietscht und knattert,
dass man Menschen, die einen Genuss bei dieser Art von Lektüre
empfinden, für nicht besonders zurechnungsfähig halten
mag, die zumindest mit einem literarischen Geschmack gesegnet
sind, der in dem nach Bohnerwachs riechenden Treppenaufgang
einer Altbauwohnung in den fünfziger Jahren anzusiedeln
ist.
Ich habe die ersten fünfzig Seiten der
Erinnerungen von Günter Grass gelesen. Das waren fünfzig
Seiten zuviel. Aber warum mehr lesen, wenn es weh tut? Warum
mehr lesen, wenn man sich schon bei den ersten fünfzig
Seiten so gequält hat? Was ist so interessant an den Memoiren
von Günter Grass? Dass „die Kapelle der Schutzpolizei
muntere Weisen spielte... Mein erster Steinpilz... Als wir Schüler
hitzefrei hatten... Als meine Mandeln schon wieder entzündet
waren... Als ich Fragen verschluckte...“ Hört sich
das wirklich so irre spannend an, dass man es unbedingt lesen
möchte? Aber bitte schön, dann lässt man eben
die „munteren Weisen“ über sich ergehen und
tastet sich weiter nach vorn. „Und auch ich habe, wenngleich
mit Beginn des Krieges meine Kindheit beendet war, keine sich
wiederholenden Fragen gestellt. Oder wagte ich nicht zu fragen,
weil kein Kind mehr?“ wagt einer zu schreiben, der Schriftsteller.
Man möchte ihm zurufen, doch endlich zu Potte zu kommen
„hinter restlichen Ruinenfassaden“, er aber belämmert
uns mit seiner „Großtante Anna“, die ihn „mit
dem unumstößlichen Satz begrüßt: ‚Na,
Ginterchen, bist aber groß jeworden.‘“ „Fünfzig
Jahre später, als das, was sich gegenwärtig und notdürftig
als ‚deutsche Einheit‘ zu behaupten hat, Spuren
zu hinterlassen begann, besuchten wir Hiddensee, meiner Ute
autofreie Heimatinsel.“ Puuuh, was für ein eitles,
gespreiztes Zeug. Dort trifft Grass einen Jugendfreund. „Bei
Kaffee und Kuchen plauderten wir über dieses und jenes...“
Man will schon gar nicht mehr wissen, um was es dabei ging.
Aufmerken lässt einen höchstens noch, dass es danach
„noch um einheimische Inselgeschichten [ging], in denen
sich Lebende und Tote auf Plattdeutsch verplauderten.“
Und später dann? „Nach kurzem Zögern umarmten
sich die Schulfreunde und waren ein wenig gerührt.“
Und so labert Grass vor sich hin, breitet seine unglaublich
öden Erinnerungen an die Kindheit aus, kommentiert sie
zwischendrin oberlehrerhaft in der dritten Person, und frickelt
unermüdlich eine holprige, langatmige und bräsige
Prosa zusammen. Da ist kein Rhythmus drin, keine Musik, nur
der zähe Wille eines Mannes, bis zum bitteren Ende vor
sich hin zu schwadronieren.
Grass‘ Kunst besteht einzig darin, seine
Prosa bis zum Anschlag auszuwalzen. Ein verschnürter Koffer,
den er auf einem Dachboden findet, verleitet ihn zu folgender
Reflexion: „Unter Gerümpel und zwischen ausrangierten
Möbeln wartete ein besonderer Koffer auf mich; so jedenfalls
deutete ich den Fund. Lag er unter verschlissenen Matratzen?
Tippelte auf dem Leder gurrend eine Taube, die sich durch die
Dachluke verflogen hatte? Hinterließ sie, von mir aufgescheucht,
frischen Taubenmist? Wurde der verknotete Bindfaden sofort aufgedröselt?
Griff ich zum Taschenmesser? Hielt mich Scheu zurück? Trug
ich den eher kleinen Koffer treppab und überließ
ihn brav der Mutter?“ Tja, das sind so Fragen, auf die
man schon immer eine Antwort haben wollte. So lässt sich
ein Buch gut strecken.
Das ist Beamtenliteratur vom feinsten. Und die
hat tatsächlich seinen Ursprung in der Biografie von Grass.
Mit zehn oder elf treibt er die Schulden ein, die die Kunden
seiner Mutter Krämerladens (um mal mit Grass zu sprechen)
hinterlassen. Grass wird „zum gewieften und unterm Strich
erfolgreichen Schuldeneintreiber. Mit einem Apfel oder billigen
Bonbons war ich nicht abzuspeisen. Selbst fromme, mit Öl
gesalbte Ausreden verfehlten mein Ohr.“ Und das ist er
immer geblieben. Er ist seiner Mutter dankbar, „weil sie
mich früh gelehrt hat, sachlich mit Geld umzugehen.“
Und wenn mans noch genauer wissen will: „Ich vergaß,
beiläufig die häufigen Mandelentzündungen zu
erwähnen, die mich vor und nach dem Ende der Kindheit zwar
für Tage von der Schule befreit, aber auch meinen aufs
Geld versessenen Kundendienst behindert haben.“ Wem spätestens
an dieser Stelle nicht die Füße eingeschlafen sind,
den kann nichts mehr erschüttern, der wird auch die Lektüre
eines Telefonbuches spannend finden.
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