Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Günter Grass

Von Klaus Bittermann

Grass, Günter – Er ist der lebende Beweis dafür, dass auch schlechte Literatur in Deutschland und weltweit eine Chance hat. Das liegt jedoch nicht nur am schlechten Literaturgeschmack hunderttausender Leser, sondern vor allem auch an den Vermarktungsmechanismen von Literatur, und wenn die nichts mehr hilft, an dem inszenierten und mit dem Literaturbetrieb abgesprochenen Skandal. Nur mit Hilfe feuilletonistischen Flächenbombardements und der Hinterlassung verbrannter Erde ist das Zeug der Oberlangweiler der großdeutschen Literatur Walser & Grass unters Volk zu bringen. Grass ist das wieder gelungen, indem er „Beim Häuten der Zwiebel“ en passant zugibt, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, weil Grass wie die meisten Deutschen aus einem ordentlichen Nazi-Haushalt stammt, wo die Einberufung in die Elite-Einheit nicht als Schande begriffen wurde, auch wenn die SS in der Schlussphase des Krieges jeden nahm, den sie kriegen konnte.

Es gab zwei Möglichkeiten, auf diesen biografischen Schmutzfleck (wie Grass ihn begreift) zu reagieren: Für den Rest des Lebens die Klappe halten oder die Karten auf den Tisch zu legen. Grass hat sich für eine dritte und die schlechteste, weil unlauterste Möglichkeit entschieden: Die Waffen-SS-Episode zu verschweigen und sich als moralisches Nachkriegsgewissen der Nation aufzuspielen. Grass schwadronierte darüber, „wie folgenreich die Demokratie geschädigt wird durch die bloße Tatsache, dass ein ehemaliger Nationalsozialist Bundeskanzler werden konnte“, und er sah „Kohl als zusätzliche Belastung der deutschen Geschichte“. Der hohe Ton, den Grass immer wieder angeschlagen hat, wenn er die nationale Verantwortung wabern lässt und er vor dem Schwinden des Ansehens der Bundesrepublik im Ausland warnt, das alles hätte ihm mit seinem Geständnis augenblicklich von der öffentlichen Bildfläche verschwinden lassen müssen, jedenfalls wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, die es natürlich nicht gibt.

Grass hat seine SS-Vergangenheit verschwiegen, weil er schon während des Krieges wusste, dass er eine Laufbahn als Schriftsteller einschlagen wollte und ihm dieses Geständnis in seiner Karriere nicht förderlich wäre. Er wäre vielleicht einer wie Erich Loest geworden, er hätte vermutlich nicht ganz so viele Preise abgegriffen und auch den Nobelpreis hätte er nicht bekommen, denn diese Preise würdigen nicht schriftstellerisches Können und Talent, sondern sind die Folge unermüdlichen Klapperns in der Adabei-Kultur des Literaturbetriebs und der Kungelei in der Sozialdemokratie, und da hätte sich die SS-Episode nicht so gut gemacht. Im Nachhinein verbreitete Grass unter aktiver Mithilfe von Ulrich Wickert viel Theaternebel um seine Mitgliedschaft bei der SS, aber das Problem ist nicht, dass er Dreck am Stecken hatte, den der Spiegel dankbar seziert, um ihn als „Scharfrichter“ oder als „moralischer Aufsichtsratsvorsitzender der Bundesrepublik“ in die Pfanne zu hauen, das Problem ist, dass Günter Grass eine Prosa schreibt, die so knarzt, quietscht und knattert, dass man Menschen, die einen Genuss bei dieser Art von Lektüre empfinden, für nicht besonders zurechnungsfähig halten mag, die zumindest mit einem literarischen Geschmack gesegnet sind, der in dem nach Bohnerwachs riechenden Treppenaufgang einer Altbauwohnung in den fünfziger Jahren anzusiedeln ist.

Ich habe die ersten fünfzig Seiten der Erinnerungen von Günter Grass gelesen. Das waren fünfzig Seiten zuviel. Aber warum mehr lesen, wenn es weh tut? Warum mehr lesen, wenn man sich schon bei den ersten fünfzig Seiten so gequält hat? Was ist so interessant an den Memoiren von Günter Grass? Dass „die Kapelle der Schutzpolizei muntere Weisen spielte... Mein erster Steinpilz... Als wir Schüler hitzefrei hatten... Als meine Mandeln schon wieder entzündet waren... Als ich Fragen verschluckte...“ Hört sich das wirklich so irre spannend an, dass man es unbedingt lesen möchte? Aber bitte schön, dann lässt man eben die „munteren Weisen“ über sich ergehen und tastet sich weiter nach vorn. „Und auch ich habe, wenngleich mit Beginn des Krieges meine Kindheit beendet war, keine sich wiederholenden Fragen gestellt. Oder wagte ich nicht zu fragen, weil kein Kind mehr?“ wagt einer zu schreiben, der Schriftsteller. Man möchte ihm zurufen, doch endlich zu Potte zu kommen „hinter restlichen Ruinenfassaden“, er aber belämmert uns mit seiner „Großtante Anna“, die ihn „mit dem unumstößlichen Satz begrüßt: ‚Na, Ginterchen, bist aber groß jeworden.‘“ „Fünfzig Jahre später, als das, was sich gegenwärtig und notdürftig als ‚deutsche Einheit‘ zu behaupten hat, Spuren zu hinterlassen begann, besuchten wir Hiddensee, meiner Ute autofreie Heimatinsel.“ Puuuh, was für ein eitles, gespreiztes Zeug. Dort trifft Grass einen Jugendfreund. „Bei Kaffee und Kuchen plauderten wir über dieses und jenes...“ Man will schon gar nicht mehr wissen, um was es dabei ging. Aufmerken lässt einen höchstens noch, dass es danach „noch um einheimische Inselgeschichten [ging], in denen sich Lebende und Tote auf Plattdeutsch verplauderten.“ Und später dann? „Nach kurzem Zögern umarmten sich die Schulfreunde und waren ein wenig gerührt.“ Und so labert Grass vor sich hin, breitet seine unglaublich öden Erinnerungen an die Kindheit aus, kommentiert sie zwischendrin oberlehrerhaft in der dritten Person, und frickelt unermüdlich eine holprige, langatmige und bräsige Prosa zusammen. Da ist kein Rhythmus drin, keine Musik, nur der zähe Wille eines Mannes, bis zum bitteren Ende vor sich hin zu schwadronieren.

Grass‘ Kunst besteht einzig darin, seine Prosa bis zum Anschlag auszuwalzen. Ein verschnürter Koffer, den er auf einem Dachboden findet, verleitet ihn zu folgender Reflexion: „Unter Gerümpel und zwischen ausrangierten Möbeln wartete ein besonderer Koffer auf mich; so jedenfalls deutete ich den Fund. Lag er unter verschlissenen Matratzen? Tippelte auf dem Leder gurrend eine Taube, die sich durch die Dachluke verflogen hatte? Hinterließ sie, von mir aufgescheucht, frischen Taubenmist? Wurde der verknotete Bindfaden sofort aufgedröselt? Griff ich zum Taschenmesser? Hielt mich Scheu zurück? Trug ich den eher kleinen Koffer treppab und überließ ihn brav der Mutter?“ Tja, das sind so Fragen, auf die man schon immer eine Antwort haben wollte. So lässt sich ein Buch gut strecken.

Das ist Beamtenliteratur vom feinsten. Und die hat tatsächlich seinen Ursprung in der Biografie von Grass. Mit zehn oder elf treibt er die Schulden ein, die die Kunden seiner Mutter Krämerladens (um mal mit Grass zu sprechen) hinterlassen. Grass wird „zum gewieften und unterm Strich erfolgreichen Schuldeneintreiber. Mit einem Apfel oder billigen Bonbons war ich nicht abzuspeisen. Selbst fromme, mit Öl gesalbte Ausreden verfehlten mein Ohr.“ Und das ist er immer geblieben. Er ist seiner Mutter dankbar, „weil sie mich früh gelehrt hat, sachlich mit Geld umzugehen.“ Und wenn mans noch genauer wissen will: „Ich vergaß, beiläufig die häufigen Mandelentzündungen zu erwähnen, die mich vor und nach dem Ende der Kindheit zwar für Tage von der Schule befreit, aber auch meinen aufs Geld versessenen Kundendienst behindert haben.“ Wem spätestens an dieser Stelle nicht die Füße eingeschlafen sind, den kann nichts mehr erschüttern, der wird auch die Lektüre eines Telefonbuches spannend finden.


 

 


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