| Schröder,
Gerhard – Er hätte in seiner Regierungszeit
die Deutschen nie gelangweilt, behauptet der Spiegel. So ganz
stimmt das zwar nicht, zumindest aber lässt sich sagen,
dass er genau das jetzt in seinen Erinnerungen nachholt. Politikerbiografien
verströmen immer das Odeur der Ödnis, weil Politiker
in der Regel keine Schriftsteller sind, die in der Lage wären,
ein langweiliges Leben ein wenig aufzupeppen, weil Politiker
Selbstdarstellungsneurotiker sind, die alles ihrer Wahrnehmung
in der Öffentlichkeit unterordnen, weil sie uninspirierte,
vollkommen phantasie- und humorlose Wesen sind, arme Würstchen,
die sich fälschlicherweise für wichtig halten. Aber
Schröder schlägt seine Konkurrenz um Längen.
Das Leben und die Politik Schröders sind von den Medien
bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht worden, alles wurde
durchgenudelt und bis zum Überdruss rekapituliert, tausendmal
wurde über ihn das gleiche verlautbart. Das hätte
die Chance bedeutet, etwas anderes zu schreiben. Aber Schröder
entspricht genau den Erwartungen der Medien, deren synthetisches
Produkt er ist. Er hat noch einmal alles haarklein aufgeschrieben,
was jeder schon in der Zeitung genauso gelesen hatte. Seine
Biografie ist eine Art ideeller Gesamtquark aus Fernsehen, Rundfunk
und Printmedien, die ein Computer spannender hätte schreiben
können, wenn man ihn mit den entsprechenden Nichtigkeiten
gefüttert hätte. Vielleicht weil Schröder als
Instinktmensch spürt, dass es so ist, versucht er, Persönliches
in seinen Erinnerungen einzustreuen. An solchen Stellen wird
es hochkomisch.
„Ich erinnere
mich an Zeiten, in denen ich aus einem kurzen, von unruhigen
Träumen begleiteten Schlaf hoch schreckte und auf die Leuchtziffern
meines Weckers sah: Ich starre auf das magische Dreieck, das
entsteht, wenn der große Zeiger auf die zwölf und
der kleine Zeiger auf die drei des Zifferblatts zeigen. Schlaflos
im Bundeskanzleramt.“ Schröder machte sich also Sorgen
um Deutschland. Das musste er, denn schließlich wollte
er unbedingt Bundeskanzler werden. Das gehört zu seinem
Beruf. Danach sollte er aber seine Mitmenschen nicht mit der
Mitteilung belästigen, wie sehr er darunter gelitten hätte.
Darin ähnelt er dem Soldaten, der sich darüber beschwert,
dass es Kriege gibt und dass er nicht gewusst habe, dass man
als Kanonenfutter auch hopps gehen kann.
„Alle Bilder
dieser Tage und Wochen spulten sich vor meinen Augen erneut
ab, während ich durch den kleinen Raum wandelte, hinüber
ins Esszimmer ging und die Terrassentür öffnete, hinaustrat
und auf das nächtliche Berlin blickte, wieder einmal, und
mit dem Blick auf Reichstag und Freiheitsglocke die Symbole
einer Zeitenfolge vor Augen, die diesem durch die Nazi-Zeit
so entwerteten Land eine neue Chance eröffnet hatte, endlich
da anzukommen, wo wir doch hingehörten: in den Bund der
aufgeklärten und demokratischen Nationen.“ Puuuh!
Da macht sich ein kleiner Mann große Gedanken, bzw. das,
was er dafür hält, über eine „Zeitenfolge“
mit der geheimnisvollen Fähigkeit, „Chancen zu eröffnen“.
Und einer wacht und wandelt, während die Nation schläft.
Der Mann heißt Schröder. In der DDR hieß der
Witz: „Bei Stalin brennt noch Licht.“ Auch an anderer
Stelle betrachtet er „den nächtlichen Berliner Himmel“
und sagt solche bedeutenden Dinge wie: „Ich denke dabei
vor allem an die Partei. Es geht erst in zweiter Linie um mich.“
Auch das hätte Stalin nicht besser sagen können, und
auch Stalin hätte nicht besser das genaue Gegenteil meinen
können.
Als Staatsmann geht
es darum, mit hohlem Pathos und Platitüden zur Umweltverschmutzung
beizutragen. Und das tut Schröder ausführlich, denn
er kann nichts anderes. Zum 11. September hat er u.a. folgendes
mitzuteilen: „Ich schaltete den Fernseher an. Die Bilder,
die ich sah, erschütterten mich zutiefst... Ich erinnere
mich an Menschen, die auf den Straßen um ihr Leben rannten,
und an meine eigenen Tränen, geweint aus Mitleid mit jenen
unschuldigen Menschen... Mir war aber klar, dass nach diesen
Angriffen auf Amerika nichts wieder so sein würde wie zuvor.“
Schön, dass es der Ex-Kanzler noch mal gesagt hat. Vielleicht
aus Sorge darüber, dass es sonst in Vergessenheit geraten
wäre? Nein, natürlich nicht, sondern weil Schröder
es nicht besser kann, weil die Redundanz und das Wiederkäuen
alter Kaugummi das wesentliche Stilmerkmal seines Buches ist.
Hat uns Schröder
noch anderes mitzuteilen? Für die Zukunft? Der neuen Generation
ins Stammbuch geschrieben? Aber sicher: „Eine humane und
demokratische und damit pluralistische Gesellschaft braucht
Menschen, die sich engagieren.“ Ich meine, ich wüsste
jetzt auf Anhieb echt niemanden, der das so zugespitzt, so präzise
und gleichzeitig so ketzerisch auf den Punkt gebracht hätte.
Aber es geht noch weiter: „Parteien wirken an der Willensbildung
mit, und das ist ja nichts Abstraktes. Demokratie braucht Beteiligung,
und die geht derzeit dramatisch zurück.“ Huihui!
Was hat der Altkanzler auf diese – der ideelle Gesamtjournalist
Peter Hahne würde wahrscheinlich sagen – dramatische
Entwicklung für eine Antwort? „Ich werde immer wieder
gefragt, wie man die junge Generation für die Politik gewinnen
könne.“ Genau. Bitte schön: „The answer
is blowing in the wind.“ Nein, Quatsch, sondern natürlich:
„Die Antwort darauf muss diese Generation selbst geben.“
Die Memoiren des
rüstigen Altkanzlers heißen „Entscheidungen“,
denn daraus bestand das Leben Schröders. Ihn hat das gleiche
Schicksal ereilt wie einen Boxer-Hund. Der schaut mit den gleichen
sich überlappenden Sorgenfalten aus der Wäsche wie
Schröder, weil auch er täglich ca. 80.000 Entscheidungen
treffen muss, wie Harry Rowohlt in seinen Memoiren erzählt.
„Was größer ist als er selbst, wird bekämpft,
was genau so groß ist, wird gevögelt, was kleiner
ist, wird beschützt. Deshalb gucken Boxer so besorgt.“
Nur die Analogie beim letzten Punkt haut nicht so ganz hin,
denn was noch kleiner ist, wird von Schröder gebissen.
In diesem Fall Lafontaine, der als einer der wenigen bei Schröder
nicht besonders gut wegkommt. Lafontaine hat von seinem Buch
„Das Herz schlägt links“ 310.000 Exemplare
verkauft. Von Schröders „Entscheidungen“ wurden
160.000 aufgelegt. Bliebe er hinter den Verkaufszahlen Lafontaines,
käme noch eine traurige Speckfalte mehr hinzu.
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