Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Gerhard Schröder

Von Klaus Bittermann

Schröder, Gerhard – Er hätte in seiner Regierungszeit die Deutschen nie gelangweilt, behauptet der Spiegel. So ganz stimmt das zwar nicht, zumindest aber lässt sich sagen, dass er genau das jetzt in seinen Erinnerungen nachholt. Politikerbiografien verströmen immer das Odeur der Ödnis, weil Politiker in der Regel keine Schriftsteller sind, die in der Lage wären, ein langweiliges Leben ein wenig aufzupeppen, weil Politiker Selbstdarstellungsneurotiker sind, die alles ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit unterordnen, weil sie uninspirierte, vollkommen phantasie- und humorlose Wesen sind, arme Würstchen, die sich fälschlicherweise für wichtig halten. Aber Schröder schlägt seine Konkurrenz um Längen. Das Leben und die Politik Schröders sind von den Medien bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht worden, alles wurde durchgenudelt und bis zum Überdruss rekapituliert, tausendmal wurde über ihn das gleiche verlautbart. Das hätte die Chance bedeutet, etwas anderes zu schreiben. Aber Schröder entspricht genau den Erwartungen der Medien, deren synthetisches Produkt er ist. Er hat noch einmal alles haarklein aufgeschrieben, was jeder schon in der Zeitung genauso gelesen hatte. Seine Biografie ist eine Art ideeller Gesamtquark aus Fernsehen, Rundfunk und Printmedien, die ein Computer spannender hätte schreiben können, wenn man ihn mit den entsprechenden Nichtigkeiten gefüttert hätte. Vielleicht weil Schröder als Instinktmensch spürt, dass es so ist, versucht er, Persönliches in seinen Erinnerungen einzustreuen. An solchen Stellen wird es hochkomisch.

„Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich aus einem kurzen, von unruhigen Träumen begleiteten Schlaf hoch schreckte und auf die Leuchtziffern meines Weckers sah: Ich starre auf das magische Dreieck, das entsteht, wenn der große Zeiger auf die zwölf und der kleine Zeiger auf die drei des Zifferblatts zeigen. Schlaflos im Bundeskanzleramt.“ Schröder machte sich also Sorgen um Deutschland. Das musste er, denn schließlich wollte er unbedingt Bundeskanzler werden. Das gehört zu seinem Beruf. Danach sollte er aber seine Mitmenschen nicht mit der Mitteilung belästigen, wie sehr er darunter gelitten hätte. Darin ähnelt er dem Soldaten, der sich darüber beschwert, dass es Kriege gibt und dass er nicht gewusst habe, dass man als Kanonenfutter auch hopps gehen kann.

„Alle Bilder dieser Tage und Wochen spulten sich vor meinen Augen erneut ab, während ich durch den kleinen Raum wandelte, hinüber ins Esszimmer ging und die Terrassentür öffnete, hinaustrat und auf das nächtliche Berlin blickte, wieder einmal, und mit dem Blick auf Reichstag und Freiheitsglocke die Symbole einer Zeitenfolge vor Augen, die diesem durch die Nazi-Zeit so entwerteten Land eine neue Chance eröffnet hatte, endlich da anzukommen, wo wir doch hingehörten: in den Bund der aufgeklärten und demokratischen Nationen.“ Puuuh! Da macht sich ein kleiner Mann große Gedanken, bzw. das, was er dafür hält, über eine „Zeitenfolge“ mit der geheimnisvollen Fähigkeit, „Chancen zu eröffnen“. Und einer wacht und wandelt, während die Nation schläft. Der Mann heißt Schröder. In der DDR hieß der Witz: „Bei Stalin brennt noch Licht.“ Auch an anderer Stelle betrachtet er „den nächtlichen Berliner Himmel“ und sagt solche bedeutenden Dinge wie: „Ich denke dabei vor allem an die Partei. Es geht erst in zweiter Linie um mich.“ Auch das hätte Stalin nicht besser sagen können, und auch Stalin hätte nicht besser das genaue Gegenteil meinen können.

Als Staatsmann geht es darum, mit hohlem Pathos und Platitüden zur Umweltverschmutzung beizutragen. Und das tut Schröder ausführlich, denn er kann nichts anderes. Zum 11. September hat er u.a. folgendes mitzuteilen: „Ich schaltete den Fernseher an. Die Bilder, die ich sah, erschütterten mich zutiefst... Ich erinnere mich an Menschen, die auf den Straßen um ihr Leben rannten, und an meine eigenen Tränen, geweint aus Mitleid mit jenen unschuldigen Menschen... Mir war aber klar, dass nach diesen Angriffen auf Amerika nichts wieder so sein würde wie zuvor.“ Schön, dass es der Ex-Kanzler noch mal gesagt hat. Vielleicht aus Sorge darüber, dass es sonst in Vergessenheit geraten wäre? Nein, natürlich nicht, sondern weil Schröder es nicht besser kann, weil die Redundanz und das Wiederkäuen alter Kaugummi das wesentliche Stilmerkmal seines Buches ist.

Hat uns Schröder noch anderes mitzuteilen? Für die Zukunft? Der neuen Generation ins Stammbuch geschrieben? Aber sicher: „Eine humane und demokratische und damit pluralistische Gesellschaft braucht Menschen, die sich engagieren.“ Ich meine, ich wüsste jetzt auf Anhieb echt niemanden, der das so zugespitzt, so präzise und gleichzeitig so ketzerisch auf den Punkt gebracht hätte. Aber es geht noch weiter: „Parteien wirken an der Willensbildung mit, und das ist ja nichts Abstraktes. Demokratie braucht Beteiligung, und die geht derzeit dramatisch zurück.“ Huihui! Was hat der Altkanzler auf diese – der ideelle Gesamtjournalist Peter Hahne würde wahrscheinlich sagen – dramatische Entwicklung für eine Antwort? „Ich werde immer wieder gefragt, wie man die junge Generation für die Politik gewinnen könne.“ Genau. Bitte schön: „The answer is blowing in the wind.“ Nein, Quatsch, sondern natürlich: „Die Antwort darauf muss diese Generation selbst geben.“

Die Memoiren des rüstigen Altkanzlers heißen „Entscheidungen“, denn daraus bestand das Leben Schröders. Ihn hat das gleiche Schicksal ereilt wie einen Boxer-Hund. Der schaut mit den gleichen sich überlappenden Sorgenfalten aus der Wäsche wie Schröder, weil auch er täglich ca. 80.000 Entscheidungen treffen muss, wie Harry Rowohlt in seinen Memoiren erzählt. „Was größer ist als er selbst, wird bekämpft, was genau so groß ist, wird gevögelt, was kleiner ist, wird beschützt. Deshalb gucken Boxer so besorgt.“ Nur die Analogie beim letzten Punkt haut nicht so ganz hin, denn was noch kleiner ist, wird von Schröder gebissen. In diesem Fall Lafontaine, der als einer der wenigen bei Schröder nicht besonders gut wegkommt. Lafontaine hat von seinem Buch „Das Herz schlägt links“ 310.000 Exemplare verkauft. Von Schröders „Entscheidungen“ wurden 160.000 aufgelegt. Bliebe er hinter den Verkaufszahlen Lafontaines, käme noch eine traurige Speckfalte mehr hinzu.


 

 


copyright (c) 2006
E-Mail: info@live-magazin.de
Webmaster: sxm