Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Guido Westerwelle

Von Klaus Bittermann

Westerwelle, Guido – Manchmal ist es ganz schön schwierig, eine Person ausfindig zu machen, die sich für diese exquisite Kolumne qualifiziert hat, in der bislang nur peinliche Personen der Klasse De Luxe aufgenommen wurden. Vor allem in Zeiten, in denen einfach Flaute herrscht und in denen gerade keine Sau vorhanden ist, die mal wieder durchs Dorf getrieben wird. Okay, Uschi Obermaier hat sich erbötig gemacht, das Pin up von Rainer Langhans und der Kommune 1. Ihre Memoiren wurden in Bild vorabgedruckt. Und wenn man das Vorabgedruckte gelesen hat, weiß man auch, warum sie in Bild vorabgedruckt wurden. Ein eher flüchtiger Blick hat gereicht, und schon ist die hochkant durchgerasselt. Erstens hat sie ihre Erinnerungen nicht selber geschrieben, worauf Sie vielleicht einwenden, dass Helmut Kohl das auch nicht getan hat, was aber – da muss ich Sie leider korrigieren – nicht stimmt, denn nicht mal der schlechteste Ghostwriter hätte das öde Zeug so öde aufschreiben können wie Helmut Kohl selber. Und um auf Frau Obermaier zurückzukommen, ist zweitens das, was sie zu erzählen hat, ein bisschen arg dünn und der Rest ist nicht wirklich peinlich. Frau Obermaier, erfährt der Bild-Leser, liebte den „großen Schwanz von Eddie“, ihres puerto-ricanischen Freundes, mehr als Mick Jagger, und das ist ja nicht peinlich. Oder finden Sie das peinlich? Auch dass sie in der „Kunst des Schwanzlutschens nicht gut“ war und deshalb von „Angie“ unterrichtet werden musste, wollte man doch schon immer wissen, wobei es sich bei Angie jetzt nicht um die Angie handelt, die Sie aus dem Fernsehen kennen und die vermutlich selber in der Kunst... Aber was rede ich da? In welches üble Fahrwasser gerate ich da? Ich wusste doch, dass eine Kolumne über Uschi Obermaier nur schief gehen kann. Ich habe nämlich nichts dagegen, wenn eine Frau in der Kunst des Schwanzlutschens Nachhilfeunterricht nimmt. Bin ich der Papst, der bei solchen Gelegenheiten den Zeiten der Inquisition nachtrauert? Oder irgendein beschissener Islamist, der die Frau steinigen und mir die Hand abhacken würde? Ich bin liberal, ja sogar scheißliberal. Ich habe nichts gegen die Kunst des... Stop! Wie komme ich bloß immer wieder auf diese schmutzigen Gedanken? Genau. Jetzt fällt es mir ein: Wegen Guido Westerwelle.

Es ist schon etwas her, als Guido Westerwelle auffällig geworden war, und zwar als er am 19. März 2001 eine erschütternde Entdeckung machte: „I‘m proud to be a German“, gestand er damals der FAZ. Kinky Friedman, der bei den Gouverneurswahlen in Texas mit 13 % der Stimmen mehr als das Doppelte an Prozenten kriegte als Westerwelle bei den meisten Landtagswahlen, hätte darauf mit seinem Song geantwortet, „I‘m proud to be an asshole from El Paso“, und das ist nicht nur witzig und richtig und angemessen für Leute, die stolz auf etwas sind, für das sie gar nichts können, sondern reimt sich wenigstens auch. Wiglaf Droste kommentierte dieses komische Bekenntnis eines freidemokratischen Zwangscharakters: „Dadurch, dass er die Idiotie drucksig ins Englische bringt, sie also gewissermaßen international anzupinseln versucht, wird die Sache sogar noch trüber. Wer sich nur mit sich selbst beschäftigt, wird davon nicht klüger. ‚Ich bin stolz darauf, Deutscher in Europa zu sein‘, formuliert Westerwelle verblasen – Deutschland liegt nun mal in Europa, aber wenn man eine ganz arme Sau ist, muss man eben darauf stolz sein. ‚Ich beanspruche den Respekt vor diesem Stolz‘, fährt Westerwelle fort, ‚so selbstverständlich, wie es Franzosen, Belgier oder Italiener tun.‘ Nationalisten gibt es überall, und immer berufen sie sich auf die Nationalisten anderer Nationen. Wer unbedingt stolz darauf sein möchte, ein Deutscher zu sein, soll sich den Satz auf ein Schild schreiben und sich damit in eine Fußgängerzone hocken. Für seine Groschengesinnung werden die Landsleute schon ein paar Groschen übrig haben.“

Schließlich machte er noch auf sich aufmerksam, als er den Big Brother-Container besuchte. Eine tolle Aktion. In einer hautnahen Reportage über diesen Coup schrieb Roger Willemsen: „Verena heißt jetzt Guido, bringt nur eine Stunde Zeit und kein Dixie-Klo mit, aber dafür die wilde Frische der neuen marmorierten Pünktchen-Partei. ‚Wow, das sieht ja toll aus!‘ ruft Guido. ‚Wow‘ sagt er oft, das hat er von seinem Hund, der heißt Anton und ist eine ‚Promenadenmischung‘. Was sonst! Guido wird schnell ‚Guido‘ genannt – ‚Du, ist kein Problem‘ – und senkt den Altersdurchschnitt zumindest sprachlich, erzählt von Fotografen, die ihn ‚voll abschießen‘, wow, von EU-Sanktionen gegen Österreich, um die sie in der Krabbelgruppe im Bundestag einen ‚Wahnsinnsstreit‘ hatten, wow, verabschiedet sich mit ‚Tschüss Leute‘, und alle finden es ‚toll, super‘, dass ‚der Guido‘ da war, und als der Moderator im Studio fragt: ‚Na, ham wir mit Guido n guten Griff gemacht?‘ röhrt die Westkurve: ‚Joooaaaa!‘“

Und dieser Guido „Wow-Wow“ Westerwelle, dessen Partei schon seit drei Legislaturperioden vergeblich versucht, an die Regierungsfleischtöpfe zu kommen, bettelte Anfang Januar beim traditionellen Dreikönigstreffen in Stuttgart um mediale Beachtung, die ihm dann auch gewährt wurde. Und zwar überraschte Westerwelle alle mit dem Satz: „Es ist nicht hinnehmbar, dass in einer Bilanz-Pressekonferenz bekannt gegeben wird, dass die Vorstandsgehälter um 30 Prozent erhöht werden. Und dass gleichzeitig die Entlassung von Tausenden von Mitarbeitern angekündigt wird.“ Die Medien waren so doof und hielten diese Aussage für eine Kritik an den Wirtschaftsunternehmen. Dabei hat Westerwelle doch gar nichts gegen mehr Gehalt für Konzernvorständler, sondern nur dagegen, dass die das an die große Glocke hängen. Hey, einfach einsacken und ansonsten die F.D.P. wählen, die dafür ja auch „für die Lockerung des Kündigungsschutzes zur Stützung der Konjunktur“ eintritt, und da ist es kontraproduktiv, wenn einem die eigenen Parteigänger in den Rücken fallen. Außerdem will Westerwelle nicht nur die Partei der gerade von allen entdeckten „Unterschicht“ sein, sondern von allen Deutschen. Und das ist doch extrem peinlich. Viel peinlicher als das Bekenntnis von Uschi Obermaier, auf große Schwänze zu stehen. Brächte Westerwelle ein solches Bekenntnis ein paar Prozente mehr bei den nächsten Wahlen, er würde noch heute eine Pressekonferenz einberufen. Er müsste nicht mal lügen. Schade eigentlich, dass es auf so was keine Prozente gibt, obwohl es die ja sonst auf wirklich alles gibt. Also keine Prozente und kein Geständnis, und so bleibt Guido weiterhin peinlich und hat auch sonst eher Mickriges zu bieten. „Alles, was er hatte / war Krawatte“, brachte Wiglaf Droste Guidos Libido mit einem genialen Zweizeiler auf den gereimten Punkt. Und mehr ist da auch nicht.

 

 

 


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