| Westerwelle,
Guido – Manchmal ist es ganz schön schwierig,
eine Person ausfindig zu machen, die sich für diese exquisite
Kolumne qualifiziert hat, in der bislang nur peinliche Personen
der Klasse De Luxe aufgenommen wurden. Vor allem in Zeiten,
in denen einfach Flaute herrscht und in denen gerade keine Sau
vorhanden ist, die mal wieder durchs Dorf getrieben wird. Okay,
Uschi Obermaier hat sich erbötig gemacht, das Pin up von
Rainer Langhans und der Kommune 1. Ihre Memoiren wurden in Bild
vorabgedruckt. Und wenn man das Vorabgedruckte gelesen hat,
weiß man auch, warum sie in Bild vorabgedruckt wurden.
Ein eher flüchtiger Blick hat gereicht, und schon ist die
hochkant durchgerasselt. Erstens hat sie ihre Erinnerungen nicht
selber geschrieben, worauf Sie vielleicht einwenden, dass Helmut
Kohl das auch nicht getan hat, was aber – da muss ich
Sie leider korrigieren – nicht stimmt, denn nicht mal
der schlechteste Ghostwriter hätte das öde Zeug so
öde aufschreiben können wie Helmut Kohl selber. Und
um auf Frau Obermaier zurückzukommen, ist zweitens das,
was sie zu erzählen hat, ein bisschen arg dünn und
der Rest ist nicht wirklich peinlich. Frau Obermaier, erfährt
der Bild-Leser, liebte den „großen Schwanz von Eddie“,
ihres puerto-ricanischen Freundes, mehr als Mick Jagger, und
das ist ja nicht peinlich. Oder finden Sie das peinlich? Auch
dass sie in der „Kunst des Schwanzlutschens nicht gut“
war und deshalb von „Angie“ unterrichtet werden
musste, wollte man doch schon immer wissen, wobei es sich bei
Angie jetzt nicht um die Angie handelt, die Sie aus dem Fernsehen
kennen und die vermutlich selber in der Kunst... Aber was rede
ich da? In welches üble Fahrwasser gerate ich da? Ich wusste
doch, dass eine Kolumne über Uschi Obermaier nur schief
gehen kann. Ich habe nämlich nichts dagegen, wenn eine
Frau in der Kunst des Schwanzlutschens Nachhilfeunterricht nimmt.
Bin ich der Papst, der bei solchen Gelegenheiten den Zeiten
der Inquisition nachtrauert? Oder irgendein beschissener Islamist,
der die Frau steinigen und mir die Hand abhacken würde?
Ich bin liberal, ja sogar scheißliberal. Ich habe nichts
gegen die Kunst des... Stop! Wie komme ich bloß immer
wieder auf diese schmutzigen Gedanken? Genau. Jetzt fällt
es mir ein: Wegen Guido Westerwelle.
Es ist schon etwas
her, als Guido Westerwelle auffällig geworden war, und
zwar als er am 19. März 2001 eine erschütternde Entdeckung
machte: „I‘m proud to be a German“, gestand
er damals der FAZ. Kinky Friedman, der bei den Gouverneurswahlen
in Texas mit 13 % der Stimmen mehr als das Doppelte an Prozenten
kriegte als Westerwelle bei den meisten Landtagswahlen, hätte
darauf mit seinem Song geantwortet, „I‘m proud to
be an asshole from El Paso“, und das ist nicht nur witzig
und richtig und angemessen für Leute, die stolz auf etwas
sind, für das sie gar nichts können, sondern reimt
sich wenigstens auch. Wiglaf Droste kommentierte dieses komische
Bekenntnis eines freidemokratischen Zwangscharakters: „Dadurch,
dass er die Idiotie drucksig ins Englische bringt, sie also
gewissermaßen international anzupinseln versucht, wird
die Sache sogar noch trüber. Wer sich nur mit sich selbst
beschäftigt, wird davon nicht klüger. ‚Ich bin
stolz darauf, Deutscher in Europa zu sein‘, formuliert
Westerwelle verblasen – Deutschland liegt nun mal in Europa,
aber wenn man eine ganz arme Sau ist, muss man eben darauf stolz
sein. ‚Ich beanspruche den Respekt vor diesem Stolz‘,
fährt Westerwelle fort, ‚so selbstverständlich,
wie es Franzosen, Belgier oder Italiener tun.‘ Nationalisten
gibt es überall, und immer berufen sie sich auf die Nationalisten
anderer Nationen. Wer unbedingt stolz darauf sein möchte,
ein Deutscher zu sein, soll sich den Satz auf ein Schild schreiben
und sich damit in eine Fußgängerzone hocken. Für
seine Groschengesinnung werden die Landsleute schon ein paar
Groschen übrig haben.“
Schließlich
machte er noch auf sich aufmerksam, als er den Big Brother-Container
besuchte. Eine tolle Aktion. In einer hautnahen Reportage über
diesen Coup schrieb Roger Willemsen: „Verena heißt
jetzt Guido, bringt nur eine Stunde Zeit und kein Dixie-Klo
mit, aber dafür die wilde Frische der neuen marmorierten
Pünktchen-Partei. ‚Wow, das sieht ja toll aus!‘
ruft Guido. ‚Wow‘ sagt er oft, das hat er von seinem
Hund, der heißt Anton und ist eine ‚Promenadenmischung‘.
Was sonst! Guido wird schnell ‚Guido‘ genannt –
‚Du, ist kein Problem‘ – und senkt den Altersdurchschnitt
zumindest sprachlich, erzählt von Fotografen, die ihn ‚voll
abschießen‘, wow, von EU-Sanktionen gegen Österreich,
um die sie in der Krabbelgruppe im Bundestag einen ‚Wahnsinnsstreit‘
hatten, wow, verabschiedet sich mit ‚Tschüss Leute‘,
und alle finden es ‚toll, super‘, dass ‚der
Guido‘ da war, und als der Moderator im Studio fragt:
‚Na, ham wir mit Guido n guten Griff gemacht?‘ röhrt
die Westkurve: ‚Joooaaaa!‘“
Und dieser
Guido „Wow-Wow“ Westerwelle, dessen Partei schon
seit drei Legislaturperioden vergeblich versucht, an die Regierungsfleischtöpfe
zu kommen, bettelte Anfang Januar beim traditionellen Dreikönigstreffen
in Stuttgart um mediale Beachtung, die ihm dann auch gewährt
wurde. Und zwar überraschte Westerwelle alle mit dem Satz:
„Es ist nicht hinnehmbar, dass in einer Bilanz-Pressekonferenz
bekannt gegeben wird, dass die Vorstandsgehälter um 30
Prozent erhöht werden. Und dass gleichzeitig die Entlassung
von Tausenden von Mitarbeitern angekündigt wird.“
Die Medien waren so doof und hielten diese Aussage für
eine Kritik an den Wirtschaftsunternehmen. Dabei hat Westerwelle
doch gar nichts gegen mehr Gehalt für Konzernvorständler,
sondern nur dagegen, dass die das an die große Glocke
hängen. Hey, einfach einsacken und ansonsten die F.D.P.
wählen, die dafür ja auch „für die Lockerung
des Kündigungsschutzes zur Stützung der Konjunktur“
eintritt, und da ist es kontraproduktiv, wenn einem die eigenen
Parteigänger in den Rücken fallen. Außerdem
will Westerwelle nicht nur die Partei der gerade von allen entdeckten
„Unterschicht“ sein, sondern von allen Deutschen.
Und das ist doch extrem peinlich. Viel peinlicher als das Bekenntnis
von Uschi Obermaier, auf große Schwänze zu stehen.
Brächte Westerwelle ein solches Bekenntnis ein paar Prozente
mehr bei den nächsten Wahlen, er würde noch heute
eine Pressekonferenz einberufen. Er müsste nicht mal lügen.
Schade eigentlich, dass es auf so was keine Prozente gibt, obwohl
es die ja sonst auf wirklich alles gibt. Also keine Prozente
und kein Geständnis, und so bleibt Guido weiterhin peinlich
und hat auch sonst eher Mickriges zu bieten. „Alles, was
er hatte / war Krawatte“, brachte Wiglaf Droste Guidos
Libido mit einem genialen Zweizeiler auf den gereimten Punkt.
Und mehr ist da auch nicht.
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