| Hartz,
Peter – Das hat der Mann nun wirklich nicht verdient:
Da hat er seinen klebrigen Namen für eine Arbeitsmarktreform
hergegeben und steht seither für eines der größten
finanziellen Desaster der Regierung Schröder, weil die
Reform außer sinnlosen zusätzlichen Ausgaben keine
neue Beschäftigung gebracht hat; da steht sein Name für
eine ganze Generation, die nun damit leben muss, als Hartz-IV-Empfänger
abgestempelt zu sein, was so ziemlich die sicherste Methode
ist, keinen Job mehr in diesem Leben zu kriegen; da assoziiert
jeder Krätze, Hautausschlag, keinen Zaster, gesellschaftlichen
Bodensatz, Arschkarte, wenn sein Name nur erwähnt wird,
und dann kriegt Peter Hartz nicht mal einen anständigen
Prozess. In nur zwei Tagen war am Landgericht Braunschweig alles
abgehandelt. Na ja, Braunschweig eben, wer will da schon hinfahren?
Das dachte sich auch die Presse, die dem Fall eher stiefmütterlich
und auffällig zurückhaltend behandelte. Schon vor
Prozeßbeginn hatten sich Richter, Staatsanwälte und
Verteidiger auf ein Strafmaß geeinigt. In einem Fall,
in dem es immerhin um Untreue in 44 Fällen ging verurteilte
man Hartz zu zwei Jahren auf Bewährung und eine Geldstrafe
von 576.000 Euro, und schon war die größte Bestechungsaffäre
von Betriebsräten beim zweitgrößten Autohersteller
in Deutschland unter den Tisch gekehrt. VW und der neue alte
starke Mann Ferdinand Piëch, der sich mit Unterstützung
der IG-Metall zum Alleinherrscher in Wolfsburg aufgeschwungen
hat, hatten kein Interesse daran, dass die dumme Sache noch
einmal in der Öffentlichkeit breitgetreten und dem Betrieb
Schaden zufügen würde.
Zur Erinnerung:
Der Arbeitsmarktreformer, dem Deutschland unter anderem die
Ein-Euro-Jobs verdankt, die jetzt wieder abgeschafft werden
sollen, weil es sich sogar bis in die CDU herumgesprochen hat,
dass dieses »Arbeitsmarktinstrument Arbeitsplätze
vernichtet statt schafft«, hatte als Personalvorstand
den Betriebsrat Klaus Volkert eingekauft. Volkert habe über
ein Charisma verfügt, das Hartz erkannt und entsprechend
honoriert habe, um ihn bei »guter Laune« zu halten.
Und zwar mit Lustreisen und Sexpartys auf Firmenkosten, die
bei VW mit zirka 2,6 Millionen zu Buche schlugen. Unter anderem
erhielt Adriana Barros, die brasilianische Geliebte von Volkerts,
eine monatliche Unterstützung von 7600 Euro, insgesamt
399.000 Tacken. Wie viel die Geliebte von Hartz erhalten hat,
die sich über Bild immer wieder mal zu Wort gemeldet hatte,
wurde in den Presseberichten nicht erwähnt.
Viele Leute
und die Medien, die so naiv waren zu glauben, solche Praktiken
seien nur in den unterentwickelten Ländern möglich,
mussten nun einsehen, dass hinsichtlich der Korruption in den
oberen Etagen Deutschland zu Afrika und den osteuropäischen
Ländern aufgeschlossen hatte, quasi sich globalisiert hatte.
Dennoch blieb die Sache eine pikante Angelegenheit, und, so
dachte man, zumindest für die 700.00 Bezieher von Arbeitslosengeld
II, die im letzten Jahr gezwungen wurden, einen Ein-Euro-Job
anzunehmen. Aber es gab nicht sehr viele Demonstranten, die
vor dem Braunschweiger Landgericht Knast für Hartz forderten
und ihn als »Lump« und »Arbeiterverräter«
beschimpften, als der in einer schwarzen Phaeton-Limousine vorfuhr.
Aber, und
das wird Sie vielleicht erstaunen, liebe Leser, das ist nicht
der Skandal. Dass Betriebsräte geschmiert werden, damit
sie die Politik des Unternehmens nicht stören, ist zwar
zum ersten Mal herausgekommen, aber mit Sicherheit nicht zum
ersten Mal passiert. Das gehört zum Geschäft, und
wer sich über afrikanische Zustände in Deutschland
erregt, hat nicht viel vom Wesen des Kapitalismus begriffen.
Dass sich Hartz und Volkert Geliebte hielten, so what. Kommt
das nicht in den besten Familien vor? Interessant ist etwas
anderes, nämlich wie ein Mann wie Peter Hartz, der nun
als Rentner den reuigen Sünder spielt, Personalchef werden
konnte und als Freund Schröders den Arbeitsmarkt reformieren
durfte. Dazu kann ein kurzer Blick in sein 2001 veröffentlichtes
Buch »Job Revolution. Wie wir neue Arbeitsplätze
gewinnen können« nützlich sein, denn seither
kann niemand mehr behaupten, von nichts gewusst zu haben. Dort
wird vorgeführt, wie sich mittels schaumsprachlicher Behandlung
Politiker und andere Hohlköpfe offenbar derart einseifen
lassen, dass ein Mann mit solchen Fähigkeiten in ihren
Augen auch für höhere Aufgaben geeignet scheint.
»Wir
möchten handeln. Und die Menschen sensibilisieren. Dieses
Buch geht und zeigt neue Wege. Wir benötigen ein breites
Bild, noch mehr Erfahrungen, mehr Meinungen und vor allem Vorschläge
und Visionen. Werden Sie mit uns aktiv«, appelliert Peter
Hartz an alle, die noch so naiv sind, daran zu glauben, es käme
wirklich auf ihre Meinung an. »Mündige Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter erwarten Vertrauensarbeit...«, tropft
es aus Hartz munter weiter heraus, und man fragt sich, wie dick
kann man eigentlich auftragen, bis es den mündigen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern dämmert, dass sie jemand verarscht.
Aber überlassen
wir Peter Hartz das Wort, der sich in der Beantwortung der Frage
»Woher kommen die neuen Jobs?« versucht: »Von
wo brechen wir auf? Europa auf dem langsamen Marsch zur Vereinigung,
Nordamerika zwischen Boom und Börsenfieber, Afrika als
verlorener Kontinent, Asien in der Dauerkrise und Südamerika
im Wechselbad von Hoffen und Bangen...?« Boah, was für
ein Gesülze! Aber es hartzt unerbittlich weiter: »Unser
global village ist offenbar nicht in der besten Verfassung.
Dennoch hat kein Jahrzehnt in den zurückliegenden 200 Jahren
den Menschen mehr gemeinsame Perspektiven gebracht als unser
letztes. Die Blöcke haben sich aufgelöst. Die Welt
lässt sich im Tagestrip besuchen. Das Handy klingelt auf
der chinesischen Mauer. Das Büro gibt es im Hosentaschenformat.
Indische Jugendliche surfen in Bangalore durchs Internet. Die
Welt ist zu einer einzigen Shopping Mall zusammengeschrumpft.
Was das für unsere Arbeitsplätze bedeutet, zeichnet
sich jetzt schon ab.« Soso, na da bin ich aber gespannt:
»Eine Dame reinigt das Bad, richtet das Bett und rückt
alles zurecht, was den Kunden beglückt. Ihr Auge ruht zufrieden
im Raum. Da betritt der Gast sein Hotelzimmer. Souverän
fragt ihn die Dame nach weiteren Wünschen. Spitzenservice
als Selbstverständlichkeit!«
Ach so!
Das meinte Hartz! Und ich Trottel dachte doch tatsächlich
einen Moment, es würde um Arbeitsplätze gehen.
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