| Grönemeyer,
Herbert – Es hat schon so manchmal seine Vorteile,
kein Fernsehen zu gucken und kein Radio zu hören. Mit dieser
weisen Entscheidung für die mediale Enthaltsamkeit entgeht
man der Belästigung durch Prominente, die sich ihrer Existenz
durch die Medien versichern müssen und zu diesem Zweck
sich aufdringlich in die Gehörgänge ahnungsloser und
unschuldiger Menschen schrauben und sie quälen. Plötzlich
wird die Welt um einiges schöner und angenehmer, aber dann
beging ich den unverzeihlichen Fehler und riskierte völlig
unnötigerweise einen Blick in den Spiegel, wo man dem Mann
großzügig Platz zur Selbstdarstellung eingeräumt
hatte. Hastig blätterte ich darüber hinweg, aber es
war zu spät. Die Botschaft war angekommen. Grönemeyer
hat ein neues Album im Angebot. Vielleicht hätte ich es
vergessen können. Ja, ich glaube, es hätte klappen
können. Aber eben nicht mit Herbert Grönemeyer. Ganz
ohne böse Gedanken und völlig arglos reiste ich am
10. März nach Bochum ins ehemalige Ruhrstadion, um die
Dortmunder Borussen im Abstiegskampf zu unterstützen und
mir mit eigenen Augen ein Bild vom Zustand der Schwarzgelben
zu machen. Ein schwerer Gang von Berlin aus, aber was soll man
tun, wenn man in einer fehlgeleiteten Sozialisation von den
Schwarzgelben infiziert wurde. Das hat man ein Leben lang an
den Hacken und man kriegt es nicht wirklich wieder los. Klar,
es gibt schöneres als mit der Bundesbahn nach Bochum zu
fahren, um dort aller Wahrscheinlichkeit nach einen Grottenkick
beizuwohnen. Aber es gibt eben immer die zugegeben geringe Chance,
einem Wunder beizuwohnen, und das will man sich nicht durch
die Lappen gehen lassen, weil man weiß, dass man sich
das später nie verzeihen würde. Solche lebenswichtigen
Dinge rauschten mir durch die Birne, jeder Gedanke an Grönemeyer
war verscheucht. Und dann, kurz vor dem Anpfiff, verliert jemand
am Lautstärkeregler der Stadionanlage die Nerven, dreht
bis zum Anschlag auf und walzt mit Grönemeyer die Schlachtgesänge
der Fans platt. Er hatte mich also doch noch erwischt. Volles
Rohr. Kalt. Grönemeyer. Bochum. Puuuh! Auch nicht besser
als die kurz vorher durchs Stadion wie chili von carne schwappende
VfL-Hymne: »Vfl, mein Herz schlägt nur für Dich,
wir werden immer zu dir stehn, VfL, VfL.« Das nackte Grauen.
Bochum. Klar. Ich
hätte dran denken können. Aber man ist eben nicht
immer auf alles Schlimme vorbereitet. Wer ist das schon? Ich
nahm also die Herausforderung an. Also Grönemeyer. Schließlich
wurde es höchste Zeit für die Kolumne. Ich hörte
den Verlagsleiter bereits mit den Hufen scharren. »Zieh
deinen Weg«, heißt einer der neuen Songs. Zieh deinen
Weg? Doch, kein Verleser: »Zieh deinen Weg / Folg deinen
eigenen Regeln / Zieh deinen Weg / Keine Angst vor richtig und
falsch / Wer die Wahrheit kennt / ist niemals überlegen
/ vertritt deinen Punkt / aber zeug immer von Respekt.«
Schwer zu sagen, was das ist. Hört sich ein wenig nach
Heinz Rudolf Kunze an. Nach Erbrochenem, das aus ökologischen
Gründen wieder aufbereitet wurde, der Sinn jedoch auf der
Strecke bleibt, denn welcher moderne Mensch braucht heute noch
Sinn? Oder Logik? Im Zweifelsfall nennt man das Erbrochene Lyrik,
denn Lyrik, weiß jedes Kind, ist schwyrik. Hauptsache
Richtung stimmt. Respekt zeugen. Jau. Und Weg ziehen. Und Punkt
vertritt. Jeder hat seinen Punkt. Z.B. den G-Punkt. Dafür
immer eintreten.
»Verrat dich
nicht / Beharrlichkeit ist eine Tugend / Verstell dich nicht
/ Verfolge still dein Ziel / Spiegel dich / deinen Vorteil,
deine Jugend / Schärf deinen Blick / Vergib Vertrauen immer
zuletzt.« Das jedenfalls rät Dr. Grönemeyer
seinen Patienten und verschreibt ihnen seine CD als Rezept.
Seine Patienten nehmen die Kur dankbar an. »Nö, wir
verraten uns nicht. Kommt gar nicht in die Tüte. Und –
never mind – verstellen tun wir uns auch nicht. Geht klar,
Herbert. Und Blick schärfen ist auch okay. Wir ham doch
unsere Brillen auf.« Es ist eine wohltuende Aromatherapie,
die Grönemeyer seinen Patienten verpasst und entsprechend
leidenschaftlich bekennen sie im Chor mit dem Vorsänger:
»O yeah, Beharrlichkeit ist eine Tugend!« Sehr gut.
Das ist große Kunst. Wer dieses knarzende und ranzige
Bekenntnis mit wirklicher Inbrunst, laut und mit voller Überzeugung
über die Lippen bringt, der muss schon ein gewaltiges Rad
ab haben oder einen in der Krone, was sich bei Dr. Grönemeyer
und seinen Patienten ziemlich sicher ausschließen lässt.
Aber es bleibt dennoch ein Verdienst von Grönemeyer, dass
er die Zeile »Beharrlichkeit ist eine Tugend« in
die deutsche Pop-Kultur eingeführt hat. Chapeau! Warum
Grönemeyer allerdings Vertrauen nicht vergeben will, passt
so gar nicht ins Bild. Weil Vertrauen nicht gut, Kontrolle besser?
Oder was passt ihm daran nicht? Oder ist es ein Fall für:
Oh Herr vergib ihm, denn er weiß nicht, was er singt?
Mit solchen Rätseln
ist auch der Rest der Lyrik schwer bestückt. »Lass
dir niemals dein Lachen stehln / auch wenn dir manchmal die
Gründe fehln.« Ob Dr. Grönemeyer da seine Patienten
nicht ein wenig überfordert? Denn auch wenn der Reim astrein
ist, hab ich an dieser Nuss schwer zu knacken. Ich bin versucht
zu fragen: Äh, wie war das noch mal im Mittelteil? Aber
da ist Grönemeyer schon bei der nächsten Strophe:
»Hab keine Angst vorm lächerlich sein / Schüchtern
ist das neue forsch.« Da hatte Grönemeyer noch nie
ein Problem mit. Gehört zum Geschäft. Aber müsste
es nicht vielmehr heißen: Schüchtern ist das neue
Frosch? Dann hätte man wenigstens was zu lachen, so wie
bei folgender Strophe: »Wenn dir die Worte verloren gehn
und dann / nimm die, die grad im Weg rumstehn.« Naja,
wenn mans genau bedenkt, genau das tut Grönemeyer ja auch.
Und denkt dabei, so würde Dichtung entstehen. Tut es aber
nicht.
»Grönemeyer
kann nicht tanzen« sang Wiglaf Droste mit Bela B. schon
1989. Dichten kann er aber auch nicht. Beides passt hervorragenden
zusammen, wenn er auf der Bühne hin und herhampelt und
grad im Weg rumstehnde Wörter hervorstößt und
stammelt. Und die Menschen lieben ihn dafür, dass ers nicht
kann, sie lieben ihn, weil er wie sie ist. Grönemeyer aber
verwechselt diese Zuneigung aus Mitleid mit Erfolg und kommt
sich so großartig vor wie der junge Bochumer in der aus
Betonkübeln bestehenden und von Grönemeyer besungenen
Bochumer Innenstadt, der ein T-Shirt mit der Aufschrift trug:
»I’m so good. I scream my own name when I have sex.«
Der Bochumer meinte das vermutlich ironisch, bei Grönemeyer
wäre das eins zu eins. Ein niederschmetternder Befund,
ich weiß, aber noch niederschmetternder war es, dass der
BVB an diesem Nachmittag 2:0 verlor und schnurstracks auf die
2. Liga zusteuerte, versehen mit den besten Wünschen der
Bochumer Fans. Es war gar nicht so einfach, so schnell zu trinken
wie ich Grönemeyer und die Niederlage vergessen wollte.
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