| Grass,
Günter – Der Mann ist ein weites Feld, aber
ein abgeerntetes. Ein erledigter Fall eben, aber niemand merkt
es, vor allem Grass selber nicht. Er tut und macht alles, um
sich selbst gründlich zu blamieren. Und weil das ja nicht
nur skandalös ist, sondern auch einen komischen Aspekt
birgt, darf Günter Grass auch zum wiederholten Mal im Mittelpunkt
dieser Kolumne stehen, denn zu lachen hat man in diesen schlechten
Zeiten weiß Gott viel zu wenig.
Der krönende
Abschluss der lächerlichen Debatte um seine SS-Vergangenheit
bestand darin, dass Günter Grass das Landgericht Berlin
bemühte, weil er sein Persönlichkeitsrecht verletzt
sah. Die FAZ hatte zwei Briefe veröffentlicht, die Grass
dem ehemaligen Wirtschaftsminister Schiller geschrieben und
in denen er diesen aufgefordert hatte, endlich seine Vergangenheit
als Mitglied der SA und der NSDAP offen zu legen. Toll! Das
muss Grass erst mal jemand nachmachen. Hält seine unschöne
Vergangenheit sechzig Jahre unter dem Teppich, geriert sich
aber gleichzeitig als moralischer Saubermann, der anderen ins
Gewissen redet. Grass konnte nie plausibel erklären, warum
er erst nach sechzig Jahren mit seiner SS-Vergangenheit herausrückte,
er hat immer nur einen lustigen Eiertanz aufgeführt, wenn
er gefragt wurde, weil es auf die Frage nämlich auch keine
Antwort gibt, die irgendeinen Sinn ergeben oder auch nur eine
Spur von Glaubwürdigkeit enthalten würde. Dennoch
tut Grass so und redet ununterbrochen um den heißen Brei
herum. Von Süddeutschen Zeitung darauf angesprochen, wird
Grass schnell sehr allgemein: »Aber ich habe ja während
all der Jahre nie einen Hehl daraus gemacht, dass meine Generation
auf unerklärliche Art und Weise von dieser Ideologie gefangen
gewesen ist.« Und dann beginnt Grass eine große
Jammertirade: »Und daraus habe ich meine Lehren gezogen,
das hat mich zu einem engagierten Bürger in diesem Staat
gemacht – über Jahrzehnte hinweg. Und das zählte
auf einmal alles nicht mehr. Was zählte, war nur das, was
man daraus zu lesen glaubte und was man zuspitzte und dann zu
einer Kampagne gemacht hat.«
Wie immer fühlte
sich Grass als verfolgte Unschuld, ein Stück, das er mit
großem Erfolg immer wieder aufgeführt hat, ein Evergreen,
und immer hatte er damit Erfolg. »Was hier in der Presse
vor sich geht – eine Gleichmacherei, ein Niedermachen
und ein Ausmaß an Niedertracht, wie ich es bisher nicht
erlebt hatte!« Überhaupt sei die deutsche Presse
»entartet«, sagte Grass, und wieder blitzte der
kleine Nazi in ihm auf, denn das hatte auch Goebbels schon behauptet.
Nur widerwillig und auf die nationalsozialistische Konnotation
aufmerksam gemacht, nahm Grass das Wörtchen mit einem »na
gut, ich korrigiere das Wort« zurück. Zumindest sollte
man da vielleicht mal erwähnen, daß Grass ganz gut
an der »entarteten« Presse verdient hat, denn wenn
sie ihn nicht in die Schlagzeilen gehievt hätte, wie hätte
dann sein ödes Zeug unter die Leute kommen sollen? Jede
Presse ist eine gute Presse. Das weiß auch Günter
Grass, der sich zum wievielten Male auch immer überlegt,
auszuwandern, weil er sich so unverstanden, so gemein und ungerecht
behandelt fühlt.
Zutiefst verletzt
hat er die Wunden, die ihm zugefügt wurden, zeichnerisch
und lyrisch verarbeitet, denn schließlich muss man das
Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Zur Leipziger Buchmesse
legte er ein großformatiges Buch vor. »Dummer August«
heißt es, und darin rechnet er mit seinen Feinden von
heute ab, die unbedingt nachholen wollen, wozu die SS 1945 keine
Zeit mehr hatte: Ihm eine Kennziffer in den Arm zu tätowieren.
Glauben Sie nicht? Bitte schön. In Grass‘ wunderbar
verquaster Lyrik heißt das so: »Als alles in Scherben
fiel, / hat man uns Jungs, dem letzten Aufgebot, / nicht mehr
die Kennzahl der Blutgruppe / in des Armes Innenhaut tätowiert.
// Das soll nun nachgeholt werden; / die Helden von heute /
bestehen darauf. // Aber ich halte nicht hin; / bin schon gezeichnet
für jeden, / der lesen will. // Sie kennen die Scham nicht,
/ nur des Scharfrichters Ehrgeiz juckt sie, / verletzend zu
sein.« Und man fragt sich: Wer war jetzt eigentlich bei
der SS?
Die Zeichnungen,
die den Band schmücken, sind so schlecht, dass jeder, der
noch ein wenig Geschmack besitzt, nur erschüttert die Hände
vor den Kopf schlagen kann, denn dass der Zeichner einen veritablen
Dachschaden hat, wenn er solches Zeug veröffentlicht, würde
ich mal behaupten, ohne mich all zu weit aus dem Fenster zu
lehnen. Gegenüber den Illustrationen jedenfalls wirkt jedes
»Hier ein Strich, da ein Strich und fertig ist das Mondgesicht«
originell, und für diese Behauptung muss man kein Fachmann
sein, wenngleich alle, die etwas mehr von Malerei verstehen
als ich, mit mir vollkommen übereinstimmen. Grass aber
hält solche Kritik für üble Polemik und geht
automatisch davon aus, dass jeder seine Bücher gut findet,
der sie liest. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch weit
klügere Leute als ich halten von Grass und seinen Künsten
nicht all zu viel: »Wieso gilt ein mediokres Talent wie
Herr Grass bei Ihnen als Papst der Epik, während Arno Schmidt
seit gut zwanzig Jahren in der Ecke stehen muss, zur Strafe
dafür, daß er deutsch kann?«, fragte einst
Peter Hacks den Literaturkritiker Hellmuth Karasek in einem
Brief.
Auch andere große
Autoren fanden die Bücher von Grass heillos überschätzt.
Hannah Arendt konnte »Die Blechtrommel« nie fertig
lesen, weil sie das meiste darin »aus zweiter Hand, nicht
originär« fand. »Ein Synthetikprodukt des wässrigsten
Zeitgeistes« fand Eckhard Henscheid, und Friedrich Dürrenmatt
schrieb: »Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent.«
Das Feuilleton hält ihn dennoch für einen bedeutenden
Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde,
hält sich dieses Missverständnis hartnäckig.
Grass wurde jedoch nicht damit ausgezeichnet, weil er schriftstellerisches
Talent besitzt, sondern weil er einer der größten
Kulturbetriebsintriganten ist, der, wie Heinar Kipphardt einmal
schrieb, »mit der SPD in alle Arschlöcher kriecht,
in das des Papstes inklusive.« Günter Grass hat es
immer verstanden, seine mittelmäßigen Bücher
unter die Leute zu bringen, und Otto wusste auch, wie er das
machte: »Du kaufst jetzt Günter Grass, sonst setzt
es was!«
|