Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Günter Grass

Von Klaus Bittermann

Grass, Günter – Der Mann ist ein weites Feld, aber ein abgeerntetes. Ein erledigter Fall eben, aber niemand merkt es, vor allem Grass selber nicht. Er tut und macht alles, um sich selbst gründlich zu blamieren. Und weil das ja nicht nur skandalös ist, sondern auch einen komischen Aspekt birgt, darf Günter Grass auch zum wiederholten Mal im Mittelpunkt dieser Kolumne stehen, denn zu lachen hat man in diesen schlechten Zeiten weiß Gott viel zu wenig.

Der krönende Abschluss der lächerlichen Debatte um seine SS-Vergangenheit bestand darin, dass Günter Grass das Landgericht Berlin bemühte, weil er sein Persönlichkeitsrecht verletzt sah. Die FAZ hatte zwei Briefe veröffentlicht, die Grass dem ehemaligen Wirtschaftsminister Schiller geschrieben und in denen er diesen aufgefordert hatte, endlich seine Vergangenheit als Mitglied der SA und der NSDAP offen zu legen. Toll! Das muss Grass erst mal jemand nachmachen. Hält seine unschöne Vergangenheit sechzig Jahre unter dem Teppich, geriert sich aber gleichzeitig als moralischer Saubermann, der anderen ins Gewissen redet. Grass konnte nie plausibel erklären, warum er erst nach sechzig Jahren mit seiner SS-Vergangenheit herausrückte, er hat immer nur einen lustigen Eiertanz aufgeführt, wenn er gefragt wurde, weil es auf die Frage nämlich auch keine Antwort gibt, die irgendeinen Sinn ergeben oder auch nur eine Spur von Glaubwürdigkeit enthalten würde. Dennoch tut Grass so und redet ununterbrochen um den heißen Brei herum. Von Süddeutschen Zeitung darauf angesprochen, wird Grass schnell sehr allgemein: »Aber ich habe ja während all der Jahre nie einen Hehl daraus gemacht, dass meine Generation auf unerklärliche Art und Weise von dieser Ideologie gefangen gewesen ist.« Und dann beginnt Grass eine große Jammertirade: »Und daraus habe ich meine Lehren gezogen, das hat mich zu einem engagierten Bürger in diesem Staat gemacht – über Jahrzehnte hinweg. Und das zählte auf einmal alles nicht mehr. Was zählte, war nur das, was man daraus zu lesen glaubte und was man zuspitzte und dann zu einer Kampagne gemacht hat.«

Wie immer fühlte sich Grass als verfolgte Unschuld, ein Stück, das er mit großem Erfolg immer wieder aufgeführt hat, ein Evergreen, und immer hatte er damit Erfolg. »Was hier in der Presse vor sich geht – eine Gleichmacherei, ein Niedermachen und ein Ausmaß an Niedertracht, wie ich es bisher nicht erlebt hatte!« Überhaupt sei die deutsche Presse »entartet«, sagte Grass, und wieder blitzte der kleine Nazi in ihm auf, denn das hatte auch Goebbels schon behauptet. Nur widerwillig und auf die nationalsozialistische Konnotation aufmerksam gemacht, nahm Grass das Wörtchen mit einem »na gut, ich korrigiere das Wort« zurück. Zumindest sollte man da vielleicht mal erwähnen, daß Grass ganz gut an der »entarteten« Presse verdient hat, denn wenn sie ihn nicht in die Schlagzeilen gehievt hätte, wie hätte dann sein ödes Zeug unter die Leute kommen sollen? Jede Presse ist eine gute Presse. Das weiß auch Günter Grass, der sich zum wievielten Male auch immer überlegt, auszuwandern, weil er sich so unverstanden, so gemein und ungerecht behandelt fühlt.

Zutiefst verletzt hat er die Wunden, die ihm zugefügt wurden, zeichnerisch und lyrisch verarbeitet, denn schließlich muss man das Eisen schmieden, so lange es heiß ist. Zur Leipziger Buchmesse legte er ein großformatiges Buch vor. »Dummer August« heißt es, und darin rechnet er mit seinen Feinden von heute ab, die unbedingt nachholen wollen, wozu die SS 1945 keine Zeit mehr hatte: Ihm eine Kennziffer in den Arm zu tätowieren. Glauben Sie nicht? Bitte schön. In Grass‘ wunderbar verquaster Lyrik heißt das so: »Als alles in Scherben fiel, / hat man uns Jungs, dem letzten Aufgebot, / nicht mehr die Kennzahl der Blutgruppe / in des Armes Innenhaut tätowiert. // Das soll nun nachgeholt werden; / die Helden von heute / bestehen darauf. // Aber ich halte nicht hin; / bin schon gezeichnet für jeden, / der lesen will. // Sie kennen die Scham nicht, / nur des Scharfrichters Ehrgeiz juckt sie, / verletzend zu sein.« Und man fragt sich: Wer war jetzt eigentlich bei der SS?

Die Zeichnungen, die den Band schmücken, sind so schlecht, dass jeder, der noch ein wenig Geschmack besitzt, nur erschüttert die Hände vor den Kopf schlagen kann, denn dass der Zeichner einen veritablen Dachschaden hat, wenn er solches Zeug veröffentlicht, würde ich mal behaupten, ohne mich all zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Gegenüber den Illustrationen jedenfalls wirkt jedes »Hier ein Strich, da ein Strich und fertig ist das Mondgesicht« originell, und für diese Behauptung muss man kein Fachmann sein, wenngleich alle, die etwas mehr von Malerei verstehen als ich, mit mir vollkommen übereinstimmen. Grass aber hält solche Kritik für üble Polemik und geht automatisch davon aus, dass jeder seine Bücher gut findet, der sie liest. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Auch weit klügere Leute als ich halten von Grass und seinen Künsten nicht all zu viel: »Wieso gilt ein mediokres Talent wie Herr Grass bei Ihnen als Papst der Epik, während Arno Schmidt seit gut zwanzig Jahren in der Ecke stehen muss, zur Strafe dafür, daß er deutsch kann?«, fragte einst Peter Hacks den Literaturkritiker Hellmuth Karasek in einem Brief.

Auch andere große Autoren fanden die Bücher von Grass heillos überschätzt. Hannah Arendt konnte »Die Blechtrommel« nie fertig lesen, weil sie das meiste darin »aus zweiter Hand, nicht originär« fand. »Ein Synthetikprodukt des wässrigsten Zeitgeistes« fand Eckhard Henscheid, und Friedrich Dürrenmatt schrieb: »Der Grass ist mir einfach zu wenig intelligent.« Das Feuilleton hält ihn dennoch für einen bedeutenden Autor, und weil ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hält sich dieses Missverständnis hartnäckig. Grass wurde jedoch nicht damit ausgezeichnet, weil er schriftstellerisches Talent besitzt, sondern weil er einer der größten Kulturbetriebsintriganten ist, der, wie Heinar Kipphardt einmal schrieb, »mit der SPD in alle Arschlöcher kriecht, in das des Papstes inklusive.« Günter Grass hat es immer verstanden, seine mittelmäßigen Bücher unter die Leute zu bringen, und Otto wusste auch, wie er das machte: »Du kaufst jetzt Günter Grass, sonst setzt es was!«

 

 

 

 

 


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