Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Gert Hoffmann

Von Klaus Bittermann

Hoffmann, Gert – In »Ballin« würde der Berliner sagen: »Wer isn dette?« In diesem Fall wäre das ausnahmsweise mal keine Ignoranz, sondern eine durchaus berechtigte Frage. Aber um solche Dinge aufzuklären, bin ich ja schließlich da. Gert Hoffmann ist Oberbürgermeister von Braunschweig, der Stadt, deren Name alles enthält, was man über Braunschweig wissen muss: Braun und Schweigen. Das stammt jetzt zwar nicht von mir, sondern von Arnulf Rating, dem letzten Aufrechten der Drei Tornados, ist aber trotzdem ein nettes Bonmot. Und zutreffend obendrein.

Gert Hoffmann ist Mitglied der CDU. Früher war er mal Parteigenosse der NPD, aber da ging es nicht so recht voran, weshalb er die Partei wechselte, bei der man seine Weltanschauung vorher nicht in die Reinigung gegeben haben muss. Als Bürgermeister – Verzeihung! – Oberbürgermeister legt er sich für die, bzw. seine Stadt mächtig ins Zeug. Beispielsweise fand er heraus: »Die Stadt ist nicht sauber!« Also rief er das Projekt »Unser sauberes Braunschweig« ins Leben. Es sollten »Stadtstreifen« durch die Innenstadt patrouillieren und die Müllsünder zur Kasse bitten. Zudem sollten zwölf Sozialhilfeempfänger »ausgesucht« werden, um in der Innenstadt den Müll aufzusammeln. Und als Krönung des oberbürgermeisterlichen Putzfimmels wurden vor ein paar Jahren am 1. Juni alle Braunschweiger zur Teilnahme am »Stadtputztag« aufgerufen. Um zu sparen, machte der Oberbürgermeister den Vorschlag, die Straßenbeleuchtung in Braunschweig (ausgenommen Innenstadt) zwischen 1 und 5 Uhr abzuschalten. Die nächtliche Ausschweifung sollte in Braunschweig keine Chance haben.

Sehr putzig, könnte man denken, aber vermutlich steht Gert Hoffmann in der Oberbürgermeisterlandschaft mit solchen lustigen Ideen nicht allein. Provinzpossen werden ja überall gerne geritten. Sogar in Berlin. Und da von »Wowi«. Der einzige Unterschied besteht darin: In Berlin werden Kritiker einfach ignoriert. In Braunschweig nicht. Hartmut El Kurdi, Kinderbuchautor, Theatermacher und Schriftsteller hat sich über den Oberbürgermeister seiner Stadt hin und wieder mal lustig gemacht, ihm »Herrenreiter-Mentalität« vorgehalten und auf den »Hoffmann-Filz« hingewiesen, denn Hoffmann ist nicht einfach nur ein Waldschrat mit verschrobenen Ideen, sondern auch ein Politiker mit größenwahnsinnigen Allüren, der die Stadt im Stile eines absolutistischen Herrschers regiert und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit der Errichtung eines riesigen Einkaufscenters die Strukturen der Innenstadt zu zerstören. Dass er »die Aura eines Aktenschrankes« verströmte und »zwischen maßloser Arroganz und (...) paralysierender Langeweile oszillierte«, wie El Kurdi schrieb, muss Gert Hoffmann tief getroffen haben, denn die Rache folgte auf dem Fuß.

Als El Kurdi in seiner Funktion als Kinderbuchautor und als Jurymitglied bei einem Vorlesewettbewerb, der von den Braunschweiger Buchhandlungen und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels organisiert wurde, anwesend war, untersagte der Oberbürgermeister der Leiterin der Öffentlichen Bibliotheken, die ein Grußwort sprechen sollte, die Teilnahme an der Veranstaltung. Daraufhin gab es eine Anfrage der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung, auf der bestätigt wurde, dass Gert Hoffmann städtischen Mitarbeitern die Weisung erteilt hatte, im Dienst Veranstaltungen des Autors El Kurdi fernzubleiben. Der Deutsche Kulturrat hat dieses Vorgehen als Versuch gerügt, El Kurdi zur persona non grata zu erklären, und deshalb den Bürgermeister aufgefordert, die Weisung zurückzunehmen (www.kulturrat.de). In der ZEIT (Nr. 18 / 26.4.07) wurde diesem Fall eine Seite gewidmet. In 3sat Kulturzeit und in extradrei (ndr) wurde über das »Kontaktverbot« berichtet, das zunächst nur für den Fachbereich Kultur galt, dann aber auf alle städti¬schen Institutionen ausgedehnt wurde.

In der Anweisung heißt es: »Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass Mitarbeiter des Oberbürgermeisters auch in eine ganz unangemessene Situation kommen, wenn sie sich der Gefahr aussetzen, dass sie in einer Veranstaltung anwesend sind, bei der Herr El Kurdi auf beschriebene Weise den Oberbürgermeister angreift. Sie müssen sich dann entweder in diese Auseinandersetzung begeben und in Loyalität zu ihrem Dienstvorgesetzten dem widersprechen oder den Saal verlassen, was auch ein durchaus peinlicher Eklat ist. Von daher ist es konsequent, wenn städtische Mitarbeiter in Vertretung des Oberbürgermeisters sich dieser Situation gar nicht erst aussetzen bzw. sie gar nicht erst durch ihre Vorgesetzten in diese Situation gebracht werden.«

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte, dass der Oberbürgermeister versuche, »die vom Grundgesetz garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit einzuschränken. Die Anweisung der Stadt Braunschweig kann letztlich dazu führen, dass Institutionen, die eine Förderung durch die Stadt Braunschweig erhalten, nicht mehr mit dem Künstler zusammenarbeiten dürfen, wenn sie ihre Förderung nicht in Gefahr bringen wollen.«

Nach dem ganzen Medienrummel, der für Braunschweiger Verhältnisse nicht unbeträchtlich war, demonstrierten Anfang Mai immerhin rund 400 Bürger gegen diesen in Deutschland einzigartigen Fall vor dem Rathaus, in dem zur gleichen Zeit der Fall El Kurdi erörtert wurde. Herausgekommen ist dabei Erstaunliches: Es gebe gar keine Weisung, teilte der Kulturdezernent auf einmal mit. Diese Anweisung aber hatte vorher immerhin 13 Seiten und die städtischen Mitarbeiter wurden mit Marker auf die besonders zu beachtenden Passagen hingewiesen. Für die Bürger war Gert Hoffmann nicht zu sprechen. Über die Vorsitzende der grünen Ratsfraktion ließ er mitteilen, dass er von 58 % der Braunschweiger gewählt worden sei (bei einer Wahlbeteiligung von ca. 50% allerdings), und das würde ihm genügen. Gar nicht so falsch also, als El Kurdi dem Oberbürgermeister selbstherrliches Gebaren vorwarf.

Gert Hoffmann hatte sich u.a. deshalb zur Wahl gestellt, weil er, wie er sich von Subalternen bestätigen ließ, über die Grenzen Braunschweigs bekannt sei. Als der Artikel in der ZEIT erschien, war ständig von einem Gerd Hoffmann die Rede. Das einzig Besondere an seinem Nullachtfuffzig-Namen war einfach getilgt worden. Ein Zeichen dafür, dass der Bekanntheitsgrad Hoffmanns nicht mal bis nach Hamburg reicht. Aber in seinen Augen ist die ZEIT wahrscheinlich sowieso nur ein linksradikales Blättchen.

 

 

 

 

 


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