| Hoffmann,
Gert – In »Ballin« würde der
Berliner sagen: »Wer isn dette?« In diesem Fall
wäre das ausnahmsweise mal keine Ignoranz, sondern eine
durchaus berechtigte Frage. Aber um solche Dinge aufzuklären,
bin ich ja schließlich da. Gert Hoffmann ist Oberbürgermeister
von Braunschweig, der Stadt, deren Name alles enthält,
was man über Braunschweig wissen muss: Braun und Schweigen.
Das stammt jetzt zwar nicht von mir, sondern von Arnulf Rating,
dem letzten Aufrechten der Drei Tornados, ist aber trotzdem
ein nettes Bonmot. Und zutreffend obendrein.
Gert Hoffmann
ist Mitglied der CDU. Früher war er mal Parteigenosse der
NPD, aber da ging es nicht so recht voran, weshalb er die Partei
wechselte, bei der man seine Weltanschauung vorher nicht in
die Reinigung gegeben haben muss. Als Bürgermeister –
Verzeihung! – Oberbürgermeister legt er sich für
die, bzw. seine Stadt mächtig ins Zeug. Beispielsweise
fand er heraus: »Die Stadt ist nicht sauber!« Also
rief er das Projekt »Unser sauberes Braunschweig«
ins Leben. Es sollten »Stadtstreifen« durch die
Innenstadt patrouillieren und die Müllsünder zur Kasse
bitten. Zudem sollten zwölf Sozialhilfeempfänger »ausgesucht«
werden, um in der Innenstadt den Müll aufzusammeln. Und
als Krönung des oberbürgermeisterlichen Putzfimmels
wurden vor ein paar Jahren am 1. Juni alle Braunschweiger zur
Teilnahme am »Stadtputztag« aufgerufen. Um zu sparen,
machte der Oberbürgermeister den Vorschlag, die Straßenbeleuchtung
in Braunschweig (ausgenommen Innenstadt) zwischen 1 und 5 Uhr
abzuschalten. Die nächtliche Ausschweifung sollte in Braunschweig
keine Chance haben.
Sehr putzig,
könnte man denken, aber vermutlich steht Gert Hoffmann
in der Oberbürgermeisterlandschaft mit solchen lustigen
Ideen nicht allein. Provinzpossen werden ja überall gerne
geritten. Sogar in Berlin. Und da von »Wowi«. Der
einzige Unterschied besteht darin: In Berlin werden Kritiker
einfach ignoriert. In Braunschweig nicht. Hartmut El Kurdi,
Kinderbuchautor, Theatermacher und Schriftsteller hat sich über
den Oberbürgermeister seiner Stadt hin und wieder mal lustig
gemacht, ihm »Herrenreiter-Mentalität« vorgehalten
und auf den »Hoffmann-Filz« hingewiesen, denn Hoffmann
ist nicht einfach nur ein Waldschrat mit verschrobenen Ideen,
sondern auch ein Politiker mit größenwahnsinnigen
Allüren, der die Stadt im Stile eines absolutistischen
Herrschers regiert und der es sich zur Aufgabe gemacht hat,
mit der Errichtung eines riesigen Einkaufscenters die Strukturen
der Innenstadt zu zerstören. Dass er »die Aura eines
Aktenschrankes« verströmte und »zwischen maßloser
Arroganz und (...) paralysierender Langeweile oszillierte«,
wie El Kurdi schrieb, muss Gert Hoffmann tief getroffen haben,
denn die Rache folgte auf dem Fuß.
Als El Kurdi
in seiner Funktion als Kinderbuchautor und als Jurymitglied
bei einem Vorlesewettbewerb, der von den Braunschweiger Buchhandlungen
und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels organisiert
wurde, anwesend war, untersagte der Oberbürgermeister der
Leiterin der Öffentlichen Bibliotheken, die ein Grußwort
sprechen sollte, die Teilnahme an der Veranstaltung. Daraufhin
gab es eine Anfrage der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung,
auf der bestätigt wurde, dass Gert Hoffmann städtischen
Mitarbeitern die Weisung erteilt hatte, im Dienst Veranstaltungen
des Autors El Kurdi fernzubleiben. Der Deutsche Kulturrat hat
dieses Vorgehen als Versuch gerügt, El Kurdi zur persona
non grata zu erklären, und deshalb den Bürgermeister
aufgefordert, die Weisung zurückzunehmen (www.kulturrat.de).
In der ZEIT (Nr. 18 / 26.4.07) wurde diesem Fall eine Seite
gewidmet. In 3sat Kulturzeit und in extradrei (ndr) wurde über
das »Kontaktverbot« berichtet, das zunächst
nur für den Fachbereich Kultur galt, dann aber auf alle
städti¬schen Institutionen ausgedehnt wurde.
In der Anweisung
heißt es: »Zusätzlich muss berücksichtigt
werden, dass Mitarbeiter des Oberbürgermeisters auch in
eine ganz unangemessene Situation kommen, wenn sie sich der
Gefahr aussetzen, dass sie in einer Veranstaltung anwesend sind,
bei der Herr El Kurdi auf beschriebene Weise den Oberbürgermeister
angreift. Sie müssen sich dann entweder in diese Auseinandersetzung
begeben und in Loyalität zu ihrem Dienstvorgesetzten dem
widersprechen oder den Saal verlassen, was auch ein durchaus
peinlicher Eklat ist. Von daher ist es konsequent, wenn städtische
Mitarbeiter in Vertretung des Oberbürgermeisters sich dieser
Situation gar nicht erst aussetzen bzw. sie gar nicht erst durch
ihre Vorgesetzten in diese Situation gebracht werden.«
Der Geschäftsführer
des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte, dass der
Oberbürgermeister versuche, »die vom Grundgesetz
garantierte Meinungs- und Kunstfreiheit einzuschränken.
Die Anweisung der Stadt Braunschweig kann letztlich dazu führen,
dass Institutionen, die eine Förderung durch die Stadt
Braunschweig erhalten, nicht mehr mit dem Künstler zusammenarbeiten
dürfen, wenn sie ihre Förderung nicht in Gefahr bringen
wollen.«
Nach dem
ganzen Medienrummel, der für Braunschweiger Verhältnisse
nicht unbeträchtlich war, demonstrierten Anfang Mai immerhin
rund 400 Bürger gegen diesen in Deutschland einzigartigen
Fall vor dem Rathaus, in dem zur gleichen Zeit der Fall El Kurdi
erörtert wurde. Herausgekommen ist dabei Erstaunliches:
Es gebe gar keine Weisung, teilte der Kulturdezernent auf einmal
mit. Diese Anweisung aber hatte vorher immerhin 13 Seiten und
die städtischen Mitarbeiter wurden mit Marker auf die besonders
zu beachtenden Passagen hingewiesen. Für die Bürger
war Gert Hoffmann nicht zu sprechen. Über die Vorsitzende
der grünen Ratsfraktion ließ er mitteilen, dass er
von 58 % der Braunschweiger gewählt worden sei (bei einer
Wahlbeteiligung von ca. 50% allerdings), und das würde
ihm genügen. Gar nicht so falsch also, als El Kurdi dem
Oberbürgermeister selbstherrliches Gebaren vorwarf.
Gert Hoffmann
hatte sich u.a. deshalb zur Wahl gestellt, weil er, wie er sich
von Subalternen bestätigen ließ, über die Grenzen
Braunschweigs bekannt sei. Als der Artikel in der ZEIT erschien,
war ständig von einem Gerd Hoffmann die Rede. Das einzig
Besondere an seinem Nullachtfuffzig-Namen war einfach getilgt
worden. Ein Zeichen dafür, dass der Bekanntheitsgrad Hoffmanns
nicht mal bis nach Hamburg reicht. Aber in seinen Augen ist
die ZEIT wahrscheinlich sowieso nur ein linksradikales Blättchen.
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