Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Diesen Monat: Michael Wendler

Von Klaus Bittermann

Wendler, Michael – Um diesen Mann zu kennen, muss man Baumärkte und Media Märkte mögen. Dort tritt er auf und rockt das Publikum, das genauso tickt wie er, das auch Baumärkte und Media Märkte liebt, das auf »Geiz ist geil« abfährt und bei jedem marktschreierisch verkündeten Sonderangebot auf den gratis verteilten und die Briefkästen verstopfenden Prospekten losrennt, um den Billig-Billig-Läden die Bude einzurennen. Ob man das Schnäppchen braucht? Egal, Hauptsache man hat irgendwas total billig, quasi geschenkt, bekommen, und das ist es schließlich, worauf es ankommt, das verschafft eine tiefe Befriedigung. Aus der Not ist schon längst eine nervtötende Manie geworden, ein Volkssport wie der Marathon, bei dem dabei sein ja auch alles ist und für den man nicht nur seinen Verstand an der Garderobe abgibt, sondern auch seine Gesundheit riskiert. Spaß haben diese Leute keinen, es sei denn, sie haben in einem Ramschladen etwas abgreifen können, oder umgekehrt, irgendeinen Ramsch, dessen Wesen darin besteht, überflüssig zu sein, über Wert wieder verhökert, über ebay an irgendeinen Trottel, haha. Dann freut sich die schlichte Seele, das ist sein Gesprächsstoff, denn er hat sonst keinen.

Außer vielleicht Michael Wendler, besser bekannt unter dem Künstlernamen »Der Wendler«. Und auch Michael Wendler sagt nicht »ich«, sondern »Der Wendler«. Wenn man auf gegelte Goldkettchen- und Brusthaarträger mit aufgeknöpftem Hemd und aufgeknöpfter Hose steht, dann ist man bei dem Wendler genau richtig. Und Porsche natürlich. Und Einfamilienhaus mit Swimmingpool in Dinslaken. Da muss man erst mal wohnen. Fast so schlimm wie Krefeld, wo seine erfolgreiche Kollegin, die Arzthelferin Andrea Berg herkommt. Die hat sieben Millionen Platten verkauft. Der 35jährige Speditionskaufmann auch schon über eine Million. Es gibt mittlerweile über 1000 Fanclubmitglieder, und dem 1500sten blüht ein persönlicher Hausbesuch des Meisters. Dann kommt er mit seinem Porsche vorgefahren, irgendwo in Nordrheinwestfalen, und die Nachbarn haben was zu gucken. Aber über was sprechen diese Menschen bei einer solchen Begegnung eigentlich? »Hey Wendler, du geile Socke, ich find dich suuuuper!« Nein, das nicht, aber das schreien und grölen sie vermutlich, wenn Wendler auf der Bühne herumhampelt. Dann sind sie »so rallig, die knallen sich auf den Toiletten«, weiß der Wendler. Aber in der eigenen Mietwohnung? Worüber reden diese Menschen? Na, irgendwas verklemmtes wird es schon sein.

Über zweihundert Songs hat der Wendler schon geschrieben, manchmal sind es auch hundert mehr. So genau weiß man das nicht. In seinem Auto hat der Wendler nur seine eigenen Scheiben. Er hört nichts anderes. »Ich brauch keinen Input«, sagt Michael Wendler, denn im eigenen Saft schmoren, das ist das, was ihn und seine Fans auszeichnet. Er ist sich selber genug. Mehr würde er nicht vertragen. Es gibt sogar Leute, die nicht mal das vertragen würden, aber um die geht es jetzt nicht. Die Welt des Schlagers ist abgeschottet. Einflüsse von außen verbittet man sich. Mit der anderen Welt will man nichts zu tun haben, jedenfalls nicht, wenn der Wendler in Bierzelten auf Feuerwehrfesten oder in Großraumdiscos auftritt und eine »geile Party« verspricht, was immer das sein mag. Vielleicht ist es die kollektive Verabschiedung normaler, ziviler Umgangsformen, wie sie in ritueller und stumpfsinniger Wiederholung jedes Jahr beim Karneval gepflegt wird. Das jedenfalls wird eines der großen Rätsel bleiben, denn der Wendler hat die Ausstrahlung eines Speditionskaufmanns, der er ja auch ist, vom Sex, den Elvis allein in seiner Stimme hatte, selbst wenn er nur »Wooden heart« (»Muß i denn zum Städele hinaus«) sang, ist Wendler galaxienweit entfernt. Er ist Standard, ein Sänger von der Stange, der mit den üblichen Tricks einen Saal voller williger Mini-Wendlers zum Kochen bringt, weil sie genau das von ihm erwarten.

Und er ist ein Vermarktungsprofi. Von Michael Wendler gibt es sogar ein sogenanntes Magazin. Es heißt »Michael Wendler« und berichtet über Michael Wendler, dem »König des Pop-Schlagers«, ein Slogan, den er sich markenrechtlich hat schützen lassen. Er ist der Erfinder dieses Begriffs wie auch »weiterer unglaublicher Neuerungen in der Branche«. Welche das sind, erfährt man nicht, aber er macht die Hallen voll, auch die Oberhausen-Arena mit 12.000 Leuten, die er in Eigenregie gemietet hat. Das Ruhrgebiet ist fest in seiner Hand. In Mallorca auf der Ballermann-Meile begann seine Karriere. Dort sorgten längere Engagements dafür, dass sich seine Schlager in die Hirnwindungen der Besoffenen bohrten, wo sie die Opfer nicht mehr losließen. »Sie liebt den DJ«, »Traue keinem über 30«, Wenn alle Stricke reißen«. Und dort bekam er auch als »bester Künstler 2006« den »Ballermann Award 2006 von der EPCO-Group«. Auf dem Foto ist der Wendler von zwei Schmierlappen mit dicken Uhren eingerahmt, die wie Pornodarsteller aussehen, wie Zuhälter der billigen Sorte, und irgendwie passt das ja auch.

»Wenn ich nicht selbst der Wendler wäre, ich würd mir die ganze Zeit zu meinen Konzerten hinterherfahren«, sagt Michael Wendler. Wendler zieht jedenfalls eine Menge von Trauergestalten an, darunter auffällig viele pummelige Blondinen, die mit sich so wenig anfangen können, dass sie sich nur die Kante geben können, um das radikal Sinnlose ihrer Enthemmung zu ertragen. Sie trinken nicht aus Freude und nicht aus Verzweiflung – denn das wären gute Gründe, um zur Flasche zu greifen –, sondern um die Illusion der eigenen Großartigkeit aufrechtzuerhalten, die sich auf nichts gründet, denn ihre Welt ist so trostlos und erbärmlich wie das Reihenhaus von Michael Wendler in Dinslaken. Wendler und seine Fans wollen nur eins: Die Welt mit sich und düsenjägerlautem Geplärre vollmachen. Sie sind die Pest. Sie sind lästig und aufdringlich. Sie haben nichts mitzuteilen, aber das verkünden sie kreischend und mit rotem Gesicht. Sie verströmen den Geruch von Bierlachen, Urin und Bratwurstdunst. Es ist das Gemisch der aggressiven Gemeinschaft, die vor einem Totschlag nicht zurückschrecken würde, wenn sich die Gelegenheit ergäbe.

 

 

 


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