| Diekmann,
Kai – »Warum ist der ›Gutmensch‹
eigentlich ein Schimpfwort?«, fragte kürzlich Evelyn
Finger in der Zeit und gab auch gleich eine Antwort. Die Häme
würde bei Nietzsche anfangen, im Stürmer fortgesetzt,
ein »Kampfbegriff ist er für die Neue Rechte, und
salonfähig wurde er durch die 68er-Kritik im Stil von Klaus
Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen«. Letztlich
liefe die Kritik auf die »Verachtung« des Menschen
hinaus. Soso, nicht schlecht. Mal eine ganz neue Erfahrung,
in der direkten Tradition von Nietzsche und Julius Streicher
zu stehen. Da war sogar Wolfgang Schäuble differenzierter.
Der hatte das »Wörterbuch des Gutmenschen«
wenigstens gelesen. Jedenfalls zitierte er so ausführlich
daraus, dass sich eine Interpretation erübrigte, denn ein
Argument muss in jedem Kontext Bestand haben, und den hatte
es. Das war immerhin fair, anders als das insinuierte Geraune
von Evelyn »Schlimmer« Finger, der es nur darum
ging, das »Wörterbuch des Gutmenschen« unter
Naziverdacht zu stellen.
Die von mir zusammen
mit Gerhard Henschel und Wiglaf Droste herausgegebenen zwei
Bände enthielten dabei überhaupt keine »68er-Kritik«.
Da wäre es für Evelyn Finger nützlich gewesen,
mal einen Blick in das Buch zu riskieren, es sei denn, sie kann
eine Kritik an den 68ern als Generation nicht unterscheiden
von einer Kritik, die u.a. auch 68er trifft wie eben jeden,
der nachweislich Mist erzählt. Vielmehr enthält das
Wörterbuch kurze Analysen des »Plapperjargons und
der Gesinnungssprache«, z.B. solcher schaumsprachlichen
Phrasen wie »Gerade wir als Deutsche«, »Mein
Freund ist Ausländer«, »verkrustete Strukturen
aufbrechen«, »dem Ansehen Deutschlands schaden«,
»nicht den Rechten überlassen«, und wie bereits
an der einen oder anderen immer wieder gern in den Mund genommenen
Worthülse deutlich wird, dürften die Nazis kaum glücklich
darüber sein, wie sie abgehandelt wurden. »Mit Nazis
reden«? »Warum?«, schrieb Wiglaf Droste dazu.
»Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig;
ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen
usw. geht mich nichts an. Was mich an ihnen interessiert, ist
nur eins; dass man sie hindert, das zu tun, was sie eben tun,
wenn man sie nicht hindert: die bedrohen und nach Möglichkeit
umbringen, die nicht in ihre Zigarrenschachtelwelt passen. Ob
man sie dafür einsperrt oder ob sie dafür auf den
Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und
wer vom Lager für andere träumt, kann gerne selbst
hinein. Dort, in der deutschen Baracke, dürfen dann Leute
wie Rainer Langhans, Wolfgang Niedecken und Christiane Ostrowski
zu Besuch kommen und nach Herzenslust mit denen plaudern, zu
denen es sie ständig zieht.« Und natürlich auch
Evelyn Finger. Die darf das auch, denn ich bin mir ziemlich
sicher, dass auch sie davon ausgeht, dem »Ansehen Deutschland
zu schaden«, wenn man nicht »mit Nazis redet«.
Man muss auch nicht
bis zu Nietzsche zurückgehen. Das tut nur jemand, der ein
bisschen mit Wikipedia-Wissen protzen möchte. Was ein »Gutmensch«
ist, erfährt man dadurch jedenfalls nicht. Zur Blüte
gelangte sein Jargon in den 80ern, den Hochzeiten der Friedensbewegung,
als man nationale Souveränität forderte und schwerst
betroffen die »amerikanischen Besatzer« aus dem
Land treiben wollte. Beides hat man inzwischen geschafft und
deshalb ist das Gutmenschengeplapper seither kein Privileg mehr
des linksliberalen Milieus. Inzwischen kann man diese Schaumsprache
überall vernehmen, in der Talkshow genauso wie in einer
Parlamentsrede für oder gegen die Abschaffung des Asylrechts.
»Alle kleiden ihre Argumente in Phrasen der guten Absicht
und des guten Willens. Die Gutmenschensprache hat ihren spezifischen
Ort verloren, aus dem heraus sie entstanden ist: den Ort des
Protests. Seitdem selbst der breit getretendste Mainstreamquark
noch als oppositionelle Meinung verkauft wird, ist der Protest
Allgemeingut geworden. Jetzt ist jeder gut, jeder Hundehalter
ist heute ein Querdenker und fühlt sich als unbequemer
Zeitgenosse, jeder Schrebergärtner hat heute eine ›Identität‹
und begreift sein Tun als ›Herausforderung‹«,
hieß es im Nachwort der für eine TB-Ausgabe überarbeiteten
Version des Wörterbuchs.
Das ist jetzt neun
Jahre her und nie hätte ich gedacht, auf so wundervolle
Weise bestätigt zu werden, denn nun hat Kai Diekmann in
»Der große Selbstbetrug« auch in Form eines
Buches den Beweis angetreten, dass er zu jener Spezies Menschen
gehört, die sich als »Querdenker« fühlen,
aber eben nur Dicktuer sind. Kai Diekmann, werden Sie sagen?
Muss man wirklich an jeder Mülltonne schnuppern, um zu
wissen, dass es daraus stinkt? Ja, Sie haben recht. Muss man
nicht. Dennoch lässt sich an ihm ein interessantes Phänomen
beobachten. Fast 15 Jahre nach der Sprachanalyse des Gutmenschenjargons
kommt Kai Diekmann nun auch auf den vermeintlichen Trichter,
obwohl sich der Gutmensch in seiner ursprünglichen Bedeutung
schon lange verabschiedet hat. Kai Diekmann lastet einfach alles
vermeintlich und von Bild angeprangerte Übel den 68ern
an, die er durch die Bank als »Gutmenschen« denunziert.
Einen Begriff davon hat er nicht. Ein Gutmensch kann alles und
jeder sein, sogar Kai Diekmann selber: »Auch ich bin ...
oft selbst der ›Gutmensch‹, über den ich mich
lustig mache.« Bis auf diese »Ausnahme menschlicher
Schwäche« (Göring) jedoch, ist ein Gutmensch
einfach nur jemand, dem man alles in die Schuhe schieben kann,
ein moderner Sündenbock. Es sind die »Schlechtredner«
der deutschen Einheit, die, die hinter der DDR nicht sofort
die »Fratze eines bankrotten Staatswesens unter dekadent-korrupter
Führung« erblickt haben, die, die nicht gegen die
»jahrzehntelange Kaputtsparerei beim Militär«
protestiert haben, die, bei denen »Sexualverbrecher, Mörder
und Ex-Terroristen auf größtmögliches Verständnis
hoffen können«. Diekmann ist nichts dergleichen,
aber er lebt von den Sexualverbrechern, Mördern und Ex-Terroristen.
Und zwar gut. Jedenfalls ist er der presserechtlich verantwortliche
Mann für einen täglich frisch aufgeschütteten
Misthaufen, der sich Bild nennt, ein Mann wie ein Ölfilm,
dem es geglückt ist, wie Gerhard Henschel schrieb, »sein
Hobby – Latrinenparolen, Treppenhausklatsch und üble
Nachrede – zum Beruf zu machen«. Jeder aufrechte
Patriot müsste einen Anfall kriegen, wenn der »Unterhosenschnüffler«
Kai Diekmann ständig seiner Sorge um »die Zukunft
dieses Landes« Ausdruck verleiht und wenn er ständig
von seiner befremdlichen »natürlichen Vaterlandsliebe«
schwadroniert, aber statt auf Distanz zu dem Mann mit dem hohen
Schmiergehalt zu gehen, haben sich Schirrmacher, di Lorenzo
und Aust mit ihm gemein gemacht, indem sie kein böses Wort
über ihren Kollegen in ihren Zeitungen zulassen. Diekmann
kommt damit das Verdienst zu, ein Kloakenblatt salonfähig
gemacht zu haben, das aber keineswegs, wie er dreist lügt,
seriös geworden ist. Eher schon haben sich Zeit, Spiegel
und FAZ auf das Niveau von Bild begeben. Und wenn selbst ein
Michael Naumann, der genau um die Qualitäten von Bild weiß,
sich dafür hergibt, Kai Diekmann aufzuwerten, indem er
bei dessen Buchpräsentation mitwirkt, nur um im Oberbürgermeisterwahlkampf
in Hamburg Bild gnädig zu stimmen, dann wird deutlich,
dass Diekmann sie alle im Sack hat. Darin können sie sich
dann alle gemeinsam Sorgen »um das Ansehen Deutschlands«
machen. Dass sie selber dabei das größte Problem
sind, fällt ihnen nicht auf. Und das ist ja irgendwie auch
wieder tröstlich. Jedenfalls kommt einer, der noch alle
Schweine im Rennen hat, erst gar nicht in die Versuchung, ein
Land zu lieben, das von einer »Elite« regiert wird,
die geistig und moralisch auf so niedrigem Niveau steht, dass
sie sich von einem Strizzi wie Kai Diekmann herumkommandieren
lässt.
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