| Roman,
Der – Was würden Sie davon halten, wenn
bei Ihnen unaufgefordert jemand klingelt und sagt: »Hallo,
ich bin der Roman ... Bin ja nicht gerade der begnadete Schreiberling,
eher der (besserwissende) Rhetoriker – aber heute MUSS
es sein, weil ich euch was sagen will, weil es mir ein Herzensanliegen
ist, weil mich gerade das dringende Bedürfnis überfällt...
äh, was wollt ich eigentlich sagen?«
Und? Was würden
Sie ihm antworten? Würden Sie sagen: »Ach, ist ja
interessant. Ein Herzensanliegen möchtest du, lieber Roman,
bei mir loswerden? Ein dringendes Bedürfnis? Na, dann komm
doch rein. Den Flur entlang, zweite Tür rechts ist die
Toilette.« Oder würden Sie eher sagen: »Nein
danke, ich kaufe nichts, schon gar nicht von Vertretern, und
noch weniger von Vertretern, die selber nicht so genau wissen,
was sie eigentlich verscheuern wollen. Und ein Herzensanliegen
kann ich gerade auch nicht gebrauchen.« Ich schätze,
das wäre noch sehr freundlich formuliert.
Ist Ihnen noch nicht passiert? Da hatten Sie aber Schwein. Mir
passiert das alle Vierteljahre. Dann bekomme ich Das Magazin
zum Leben – Wege zugeschickt. Wenn mir unaufgefordert
eine Zeitschrift durch den Briefschlitz geworfen wird, gehe
ich zunächst davon aus, daß es sich um einen Beleg
handelt. Als Verleger von Beruf kriege ich häufiger Zeitungen
zugeschickt, wenn Bücher aus meinem Verlag darin besprochen
wurden. Und deshalb begebe ich mich auf die Suche nach einem
Grund. Ich blättere und blättere, aber ich entdecke
kein Indiz. Statt dessen werde ich von Roman im Editorial angequatscht,
der in Ermangelung einer Mitteilung für die Leser des Blattes
– was eigentlich die Funktion eines Editorials ist –
einen Kessel Buntes aufmacht und etwas sinnfrei drauflos schwadroniert:
»Jedoch, was wären die WEGE ohne Euch – ihr
wunderbaren Abonnenten, Inserenten und sonstigen WEGE-Leser
– ihr, die uns diesen Job erst ermöglichen –
ihr seid die Allerwichtigsten! Danke für eure Aufmerksamkeit,
eure Treue, für euer Geld, für eure Kooperationsbereitschaft
... Gemeinsam haben wir viel erreicht: Die WEGE ist nicht mehr
wegzudenken aus der ganzheitlichen Medienlandschaft. Wir alle
sind WEGE – ein urgeiles Gefühl! Es treibt sogar
mich in derart – unübliche – emotionale Ausbrüche...«
Was ist das? Eine
Gehirnweichspülmaschine? Ein Quacksalber? Ein Phrasenmäher?
Und was macht der Mann? Außer in urgeile Gefühle
zu schwelgen? Will er die Leute auf den Arm nehmen? Sie verarschen?
Ist das nicht menschenverachtend?
Das Heft, über
das Roman so aus dem Häuschen gerät, widmet sich der
»Körperlust«. Darin wird im Ausrufezeichen-Kommandoton
befohlen »SPÜR DICH!« Und als Tipp, wie sich
dies bewerkstelligen lässt, soll man sich weder zwicken,
noch in der Nase popeln, was ja durchaus auch Methoden wären,
sich selbst zu spüren, sondern: »Unser Atem macht
uns lebendig.« Und: »der Atem hat die Kraft, uns
an die Lebendigkeit anzuschließen. Atem ist Schwingung,
ist Rhythmus, ist Leben.« Aha. Aber das ist nicht alles:
»Der Atem verbindet uns auch mit der Welt. Beim Einatmen
nehmen wir ein Stück aus unserer Umgebung in uns auf –
und ausatmend geben wir jedesmal ›ein Stück von uns‹
ins Außen ab.« Was das für Stücke sind,
die wir ein- und dann als »Stück von uns« wieder
abgeben, darüber verrät uns der Autor nichts, aber
die Vorstellung, Stücke von was auch immer einzuatmen,
beunruhigt mich etwas, denn ich dachte immer, ich würde
Luft einatmen. Die kann zwar verschmutzt sein, aber kann sie
wirklich so verschmutzt sein, daß wir vom Dreck gleich
ganze Stücke einatmen? Und wie groß sind diese Stücke
eigentlich? So groß wie ein Stück Kuchen? Das würde
wiederum erklären, warum uns das Atmen in Schwingung versetzt,
denn so ein Stück will erst mal weggeatmet werden. Ich
befürchte, da hat man eine ganze Menge zu tun.
Ein anderer Artikel,
der sich der »Körperlust« annimmt, heißt
»Wenn es fließt...«: »Trotz all der
medialen und gesellschaftlichen Offenheit scheint es bei der
Sexualität noch immer Tabuthemen zu geben.« Immer
noch? Das will man doch jetzt genauer wissen: »Wie zum
Beispiel die Weibliche Ejakulation, die selten bis gar nicht
zur Sprache kommt. Vielleicht aber ist jetzt die Zeit reif,
dass sich Frauen in ihrer Sexualität einen Schritt tiefer
wagen. [Aua!] Dass sie ihre Vagina wecken und heilen.«
Was aber will uns die Ejakulation erzählen? Und sollen
sich Frauen wirklich einen Schritt tiefer in ihre Sexualität
wagen? Wie weit? Einen Meter? Zwei? Und wohin soll das führen?
Tut das nicht weh? Jedenfalls tut es weh, wenn solche sprachlichen
Alpträume einen Schritt tiefer zur Sprache kommen.
Aber dann geht es richtig zur Sache: »Als ich vor ein
paar Jahren meine Vagina mit dem Finger erkundete – völlig
absichtslos, um ihre innere Beschaffenheit und Strukturen zu
ertasten und erfühlen...« Was jetzt? Ich grübelte
ein wenig darüber nach. Eine schöne contradictio in
adjecto, das musste man der Dame lassen. Gelingt ja auch nicht
jedem, so unmittelbar hintereinander. Aber es geht weiter: »–
da brach plötzlich ein ganz starkes, tiefes Gefühl
aus meinem Innersten hervor. In meinem Herzen war auf einmal
ein großes JA. Und kurz nach dieser ›Herzens-Öffnung‹
floss ein Schwall klarer Flüssigkeit aus meiner Muschel.«
Interessant. Ich meine: Hätten Sie das für möglich
gehalten? Dass so völlig absichtslos derartig die Post
abgeht? »Das damit verbundene Gefühlserlebnis war
ein kostbares Geschenk, das es mir ermöglicht hat, mich
immer tiefer zu öffnen, im Wissen: Mir kann dabei nichts
passieren.«
Bei diesem tiefer
und tiefer werdenden Gefühlserlebnis will ich nicht stören.
Nein, wirklich nicht. Aber wenn Roman wieder klingelt und sein
Sprüchlein aufsagt »Hallo, ich bin der Roman«,
dann schicke ich ihn ein paar Straßen weiter zu meinen
Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund. Die
würden vermutlich sagen: »Ey Arschloch, was willst
du? Willst du mich anmachen, oder was?« Und könnte
sogar sein, dass Roman »eins in die Fresse« kriegt.
Aber das wollen wir Roman nicht wünschen, wenn auch nur
schweren Herzens. Ein Herzensanliegen wäre es uns jedenfalls
nicht wirklich.
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