| Roche,
Charlotte – Vielleicht denken Sie ja jetzt: Bin gespannt,
wie der die Roche auseinander nimmt, verhackstückt, verrührt,
verquirlt, was weiß ich. Pech gehabt. Mach ich nicht.
Denn es wäre albern, wollte ein Mittfünfziger Literatur
für Spätpubertierende kritisieren. Und es würde
zu Recht Aversionen hervorrufen. Nein, bei Charlotte Roche »Feuchtgebiete«
fällt mir nur der Song der Gruppe Superpunk ein: »Was
neu ist für dich, ist ein alter Hut für mich. Ich
will nicht arrogant sein, doch zu dir fällt mir nicht viel
ein.« Muss aber. Und wie so oft bin ich, liebe Leser,
für Sie ein bisschen gestorben: In Roches Roman geht es
ums Unterrum, und da bin ich für absolute Selbstbestimmung.
Jeder und jede soll da machen, was ihm oder ihr Spaß macht.
Oder wie es bei den Spardosen heißt: »Dein Po macht
mich fertig, dein Dekolleté extrem nervös, total
gefährlich, wenn ich die Sache nicht mit dir zusammen lös.
Sag warum, spielen wir nicht den ganzen Tag an uns rum?«
Das ist nett, witzig, charmant. Bei Roche hingegen wird nicht
lange gefackelt, sondern gefickt, »weil wir ja alle Tiere
sind, die sich paaren wollen. Am liebsten mit Menschen, die
nach Muschi riechen.« Nach Muschi? Ne, also das wäre,
um mit Roche zu reden, jetzt nicht so mein Ding. Gerüche
können himmlisch sein, aber auch Ekel hervorrufen, bei
mir jedenfalls. Und außerdem: Ist das Schöne am Sex
nicht gerade die Differenz zum katholischen Fortpflanzungssex
ist, also die Differenz zum »Rein und raus, rein und raus,
aber beklecker nicht das Sofa Sofa«, wie Frank Zappa die
Sache einmal so schön besungen hat?
Die Frage jedoch ist die: Will ich das lesen? Bringt mir die
Lektüre folgender Zeilen ein intellektuellen oder emotionalen
Gewinn? »Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur
immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille
zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner
Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal
komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille
ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch
und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Pfützen
jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen.
Das mache ich jetzt schon seit vier Jahren auf jeder Toilette.
Am liebsten an Raststätten, wo es für Männer
und Frauen nur eine Toilette gibt. Und ich habe noch nie einen
einzigen Pilz gehabt.« Das würde ich gern mal sehen.
Den Hüftschwung. Aus einem rein anatomischen Interesse
heraus. Wie soll das gehen? Nicht, dass ich etwas gegen niedliche
Perversionen einzuwenden hätte, aber praktikabel sollten
sie schon sein, sonst bekommt man, wie überhaupt bei den
Ausführungen von Roche, den Eindruck, bei den sexuellen
Praktiken und Vorstellungen ginge es vor allem um das olympische
Prinzip des Höher, Weiter, Schneller, übersetzt ins
Roche‘sche Feuchtgebietsdeutsch: Perverser, Abartiger,
Schmutziger. Genau aber aus diesem Grund fand das Buch von Charlotte
Roche weite Beachtung und setzte sich schnell auf Platz eins
sogar der internationalen Bestenliste fest. Das Publikum ist
von den bizarren Sexpraktiken aus dem gleichen Grund fasziniert
wie von Gala oder der Frau im Bild, wenn darin Unglück
und Schicksalsschläge irgendwelcher Königshäuser
breitgetreten werden. Da wird der Voyeurismus bis zum Abwinken
bedient. Literatur übernimmt in diesem Moment die Funktion
eines Kuriositätenkabinetts, so wie früher in den
Schaubuden Menschen mit Abnormitäten zur Belustigung ausgestellt
wurden. Behilflich ist Charlotte Roche natürlich auch ihre
TV-Bekanntheit. Verwerflich ist jedoch nicht, dass sie diese
nutzt, sondern dass sie deshalb vom Publikum und von den Kritikern
wahrgenommen wird. Literatur, die nach dieser Rezeptur hergestellt
wurde, sieht man meist zur sehr die Bemühung an, dieses
Mainstreamprinzip zu bedienen. Es kann dennoch gute Literatur
entstehen. Bei Charlotte Roche ist das nicht der Fall. Ein bisschen
Szenesprech ist noch keine literarische Leistung. Die meisten
können das, vor allem, weil man dann auf Satzstruktur und
Satzzeichen keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. Dennoch
ist es um einiges lesbarer als das, was Grass und Walser zusammenrühren,
aber um besser als die beiden Sülzköpfe zu sein, braucht
man sowieso kein großer Sprachkünstler zu sein.
Wie auch immer, es
gibt offensichtlich eine Menge Leute, die gerne lesen, wie sich
Roches Protagonistin einen Duschkopf vaginal einführt und
dann den Hahn aufdreht. Ich kann kein Vergnügen dabei empfinden.
Auch nicht an der behaupteten ständigen sexuellen Verfügbarkeit
einer 18jährigen, die ein wenig zu sehr dem Wunschtraum
des Mannes nach Unterwerfung und dem üblichen Rollenklischee
entspricht. Da erscheint ja sogar der Pornostar Jenna Jameson
emanzipierter, die sich von Marilyn Manson trennte, weil »er
mich für meinen Geschmack zu oft in den Arsch ficken wollte.«
Vielleicht kam Charlotte Roche genau aus diesem Grund bei der
Kritik gut an. Jedenfalls überwiegend.
Wie so oft war die
Reaktion der Medien interessanter als das Buch selbst. Die kleine
junge Welt was not amused und holte den dicken Vorschlaghammer
heraus: »Sex ist damit auch zwangsläufig Teil kapitalistischer
Verwertungslogik, muss einer sich immer weiter verzweigenden
Ausdifferenzierung und einem Überangebot an Begehren folgen,
während wir gleichzeitig massenhaft Kathedralen des sexuellen
Elends errichten.« Uiui. Wenn man jedes mal beim Sex daran
denken müsste, dass man doch nur wieder kapitalistische
Verwertungslogik betreibt, dann würde einem der Spaß
daran schnell vergehen. Die große FAZ lässt sich
auch nicht lumpen und versteigt sich ebenfalls zu Recht aberwitzigen
Ideen, indem sie versucht unter Zuhilfenahme von gut 20 Geistesgrößen
des 20. Jahrhunderts mit einem höchst abstrakten und professoralen
Vokabular dem Phänomen auf die Schliche zu kommen. Roches
Roman schafft »die Grundlage für ein weibliches Selbstbild,
in das die Differenz zwischen intimer Wirklichkeit und öffentlicher
Inszenierung ganz selbstverständlich eingespeist ist und
souverän verwaltet werden kann«, schreibt Frau Harms
unter Berufung auf Freud, Lessing, Richard Sennett, Houellebecq
und anderen. Wenn jemals etwas über- bzw. totinterpretiert
worden ist, dann von Frau Harms, die vor lauter Bedeutungshuberei
nicht begreift, dass Roches Roman nicht nur einfach gestrickt
ist, sondern auch einfach den Marktmechanismen eines Bestsellers
folgt. Insofern muss man Charlotte Roche dankbar sein, denn
wenn man schon nicht ihren Roman goutieren kann, dann zumindest
das mediale Echo. Das Schlusswort gebührt Frau Harms: »Indem
ihr kaltblütiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt,
erlöst er die Erotik aus der Verfallenheit ans vollkommene
Bild. ›Feuchtgebiete‹ ermächtigt zum Spiel
mit der individuellen Versehrtheit und ermutigt den kunstlosen
Sexus, endlich erwachsen zu werden.« Uff, da muss man
erstmal drauf kommen.
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