Who`s who peinlicher Personen
Warum sachlich, wenn´s auch persönlich geht

Das Who´s Who peinlicher Personen.
Diesen Monat: Götz Aly

Von Klaus Bittermann

Aly, Götz – Der Evergreen auf der bundesrepublikanischen Bühne, der bereits seit Anfang der achtziger Jahre läuft und eine Hochphase während der Wiedervereinigung hatte und in dem lauter mustergültig resozialisierte Ex-Linke einander beschwören, von ihren verhängnisvollen Irrtümern abzulassen, wird seit ein paar Monaten wieder neu aufgeführt unter dem Titel »Unser Kampf«, geschrieben von Götz Aly, eine absolut glaubwürdige Persönlichkeit, denn Aly war selber Maoist und Mitglied der Roten Hilfe, ein typischer Kader also, dem die richtige ideologische Ausrichtung eine Glaubensfrage war, die verbiestert verfolgt wurde und die einschließlich Totschlag alles sanktioniert hätte, wenn der Mann denn die politische Macht dazu gehabt hätte, an die Götz Aly Gottseidank nie kam, woran er bis heute leidet, weshalb er in der Erlangung der Deutungshoheit über 68 die damals verlorene Schlacht wenigstens auf diesem Umweg und nachträglich gewinnen will. Aly versucht das auf eine merkwürdig antiquierte Weise, indem er sich als überangepasster Musterschüler den heutigen Verhältnissen auf unangenehme, ja unappetitliche Weise an den Hals schmeißt, die seine Hilfe jedoch gar nicht benötigen, weil die Regierung die Auseinandersetzung ja eh schon längst für sich entschieden hat. Insofern könnte man die Bemühungen Alys als Versuch interpretieren, durch Anbiederung auf konservativste Art und Weise noch einen Posten an irgendeiner Uni zu ergattern, jedenfalls ist eine große Verbitterung spürbar, wenn Aly anmerkt, dass selbst »einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt als Masseur verdient hatte, noch eine Professur in Erfurt ergattert« hat, ohne so vorbildlich abgeschworen zu haben, wie Aly das getan hat. Götz Aly, das wird nach der Lektüre weniger Seiten deutlich, ist nicht klug, sondern peinlich. Er ärgert sich über »die verlorene Lebenszeit«, ohne zu begreifen, dass 68 erst die Karrieren ermöglicht hat, die später eingeschlagen wurden, jedenfalls konnte Aly aus seiner Vergangenheit anständig Kapital schlagen. Aus der Klage über die »verlorene Lebenszeit« spricht zudem eine Buchhaltermentalität, wegen der allein man schon froh sein muss, dass eine Revolution mit Götz Aly in ihrer Reihe nicht geklappt hat, sie wäre noch beschränkter und inhumaner gewesen als der Sozialismus mit dem Cordthütchen-Antlitz eines Honneckers. Der jedenfalls hätte die Kritik an der Westlinken nicht besser formulieren können als Aly, der seinen ehemaligen Mitstreitern »erschlichene Sozialhilfe« und »Parasitenstolz« vorwirft, jedenfalls denen, die es nicht zu Amt und Würden geschafft haben. Aber auch die, die es geschafft haben, kitzeln nur Alys Sozialneid hervor. Diese reichlich beschränkte Kritik hat man noch von Franz Josef Strauß im Ohr, und genau wie dieser argumentiert Götz Aly auch. Es gibt viele Gründe, die 68er nicht zu mögen, dass sie nur auf der faulen Haut gelegen haben und keine nützlichen Mitglieder der Gesellschaft waren, ist schon allein deshalb idiotisch, weil Aly damit kritisiert, dass es sie überhaupt gegeben hat, d.h. Aly hat keine Vorstellung mehr davon, wodurch 68 hervorgerufen wurde, was eine Kunst ist, weil er immerhin ein Teil der Bewegung war, ganz abgesehen davon, dass er nur einen sehr eingeschränkten Blickwinkel auf 68 hat und ihm die subkulturelle Bedeutung dieser Zeit vollkommen fremd ist. Gerade die Zeitverschwender und Blaumacher, die Schulschwänzer und Trebegänger, die Aussteiger und Dropouts, d.h. all die, die für das System nicht mehr funktionierten, was immerhin eine Voraussetzung ist, wenn man das System stürzen will, haben zu 68 etwas Existentielles beigetragen, nämlich sich selbst, und waren nicht bloß auf einen Posten erpicht wie Götz Aly, der, als ihm die Revolution keinen verschaffen konnte, umschwenkte und seither bemüht ist, alle guten Gründe, die es für eine Veränderung gab, zu vergessen und abzustreiten.
Im Berliner Brecht-Haus konnte man auf einer Podiumsdiskussion zwischen Götz Aly und KD Wolf Zeuge werden, wie unbeirrt jemand an seinen Irrtümern und Unwahrheiten festhält und sie mit größter Selbstverständlichkeit als grandiose Forschungsergebnisse ausgibt. Man könnte es Chuzpe nennen, aber irgendwie gleicht Aly da den Nazis, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit ihre groteske Weltanschauung in die Öffentlichkeit bliesen. Längst wurde beispielsweise nachgewiesen, dass 1968 in Deutschland eben nicht die meisten Naziprozesse stattgefunden haben. Das mag sich nicht gerade bedeutsam anhören, aber darauf beruht eine der Hauptthesen Alys. Die Linken hätten die Prozesse ignoriert, während der gute Staat quasi vorbildlich Vergangenheitsbewältigung betrieben hätte. Die 68er hätten damals aufgehört, sich mit der Nazivergangenheit ihrer Väter zu beschäftigen, und das wäre ganz schlimm gewesen. Dieser Vorwurf löst sich schnell in Luft auf, wenn man bedenkt, dass in einer Revolte es selbstverständlich besseres zu tun gibt, als sich mit der Vergangenheit der Väter auseinanderzusetzen. Äußerst komisch wäre es gewesen, wenn die Leute, denen jede Menge unter den Nägeln brannte (Vietnam, Uni, Familie, Autorität, das Leben selbst), statt zu revoltieren sich dem Studium der Nazizeit gewidmet hätten. (Dann wäre womöglich schon alles erforscht gewesen, womit Aly sich später einen Namen als Historiker machte.) Leider hat man bislang viel zu sehr versucht, Aly in dieser Hinsicht zu widerlegen. Dabei hat er vollkommen recht. Nur auf eine andere Weise, als er gerne hätte. Auch dass die meisten Protagonisten der 68er bürgerliche Berufe ergriffen haben und in der ML-Phase außer verbalen Müll kaum etwas zustande gebracht haben, ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis. Immerhin hat Götz Aly von seiner ehemaligen Mitgliedschaft der Kommunistischen Roten Hilfe auch profitiert, nämlich die vollkommene Unfähigkeit, auf Fragen einzugehen. Und deshalb sollte er nicht so schlecht über seine Vergangenheit sprechen. Zumindest die Kunst des zähen und autistischen Argumentierens beherrscht er perfekt. Götz Aly entspricht ziemlich genau dem Typus des Intellektuellen, den Horkheimer schon 1939 beschrieben hat: »Aufatmend werfen sie die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus, zu Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem Kulturgut zurück. (...) jetzt preisen die literarischen Gegner der totalitären Gesellschaft den Zustand, dem sie ihr Dasein verdankt und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis aussprach, als es noch Zeit war.«
Dank der Medien wurden angeblich schon 120.000 Exemplare verkauft. Außer den Medien gibt es nicht wirklich jemanden, der sich damit auseinandersetzen mag. Nur seine ehemaligen Genossen. Und die waren denn auch gekommen, weshalb man sich auf der Veranstaltung wie im Altersheim fühlte. Warum auch sollte jüngere Leute interessieren, was Aly schlechtes über seine alten Kollegen zu erzählen hat? Das ist wie ein alter Familienstreit, und der erhitzt eben auch nur die Gemüter der Angehörigen.

 

 


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