| Aly,
Götz – Der Evergreen auf der bundesrepublikanischen
Bühne, der bereits seit Anfang der achtziger Jahre läuft
und eine Hochphase während der Wiedervereinigung hatte
und in dem lauter mustergültig resozialisierte Ex-Linke
einander beschwören, von ihren verhängnisvollen Irrtümern
abzulassen, wird seit ein paar Monaten wieder neu aufgeführt
unter dem Titel »Unser Kampf«, geschrieben von Götz
Aly, eine absolut glaubwürdige Persönlichkeit, denn
Aly war selber Maoist und Mitglied der Roten Hilfe, ein typischer
Kader also, dem die richtige ideologische Ausrichtung eine Glaubensfrage
war, die verbiestert verfolgt wurde und die einschließlich
Totschlag alles sanktioniert hätte, wenn der Mann denn
die politische Macht dazu gehabt hätte, an die Götz
Aly Gottseidank nie kam, woran er bis heute leidet, weshalb
er in der Erlangung der Deutungshoheit über 68 die damals
verlorene Schlacht wenigstens auf diesem Umweg und nachträglich
gewinnen will. Aly versucht das auf eine merkwürdig antiquierte
Weise, indem er sich als überangepasster Musterschüler
den heutigen Verhältnissen auf unangenehme, ja unappetitliche
Weise an den Hals schmeißt, die seine Hilfe jedoch gar
nicht benötigen, weil die Regierung die Auseinandersetzung
ja eh schon längst für sich entschieden hat. Insofern
könnte man die Bemühungen Alys als Versuch interpretieren,
durch Anbiederung auf konservativste Art und Weise noch einen
Posten an irgendeiner Uni zu ergattern, jedenfalls ist eine
große Verbitterung spürbar, wenn Aly anmerkt, dass
selbst »einer, der sich seinen Lebensunterhalt zuletzt
als Masseur verdient hatte, noch eine Professur in Erfurt ergattert«
hat, ohne so vorbildlich abgeschworen zu haben, wie Aly das
getan hat. Götz Aly, das wird nach der Lektüre weniger
Seiten deutlich, ist nicht klug, sondern peinlich. Er ärgert
sich über »die verlorene Lebenszeit«, ohne
zu begreifen, dass 68 erst die Karrieren ermöglicht hat,
die später eingeschlagen wurden, jedenfalls konnte Aly
aus seiner Vergangenheit anständig Kapital schlagen. Aus
der Klage über die »verlorene Lebenszeit« spricht
zudem eine Buchhaltermentalität, wegen der allein man schon
froh sein muss, dass eine Revolution mit Götz Aly in ihrer
Reihe nicht geklappt hat, sie wäre noch beschränkter
und inhumaner gewesen als der Sozialismus mit dem Cordthütchen-Antlitz
eines Honneckers. Der jedenfalls hätte die Kritik an der
Westlinken nicht besser formulieren können als Aly, der
seinen ehemaligen Mitstreitern »erschlichene Sozialhilfe«
und »Parasitenstolz« vorwirft, jedenfalls denen,
die es nicht zu Amt und Würden geschafft haben. Aber auch
die, die es geschafft haben, kitzeln nur Alys Sozialneid hervor.
Diese reichlich beschränkte Kritik hat man noch von Franz
Josef Strauß im Ohr, und genau wie dieser argumentiert
Götz Aly auch. Es gibt viele Gründe, die 68er nicht
zu mögen, dass sie nur auf der faulen Haut gelegen haben
und keine nützlichen Mitglieder der Gesellschaft waren,
ist schon allein deshalb idiotisch, weil Aly damit kritisiert,
dass es sie überhaupt gegeben hat, d.h. Aly hat keine Vorstellung
mehr davon, wodurch 68 hervorgerufen wurde, was eine Kunst ist,
weil er immerhin ein Teil der Bewegung war, ganz abgesehen davon,
dass er nur einen sehr eingeschränkten Blickwinkel auf
68 hat und ihm die subkulturelle Bedeutung dieser Zeit vollkommen
fremd ist. Gerade die Zeitverschwender und Blaumacher, die Schulschwänzer
und Trebegänger, die Aussteiger und Dropouts, d.h. all
die, die für das System nicht mehr funktionierten, was
immerhin eine Voraussetzung ist, wenn man das System stürzen
will, haben zu 68 etwas Existentielles beigetragen, nämlich
sich selbst, und waren nicht bloß auf einen Posten erpicht
wie Götz Aly, der, als ihm die Revolution keinen verschaffen
konnte, umschwenkte und seither bemüht ist, alle guten
Gründe, die es für eine Veränderung gab, zu vergessen
und abzustreiten.
Im Berliner Brecht-Haus konnte man auf einer Podiumsdiskussion
zwischen Götz Aly und KD Wolf Zeuge werden, wie unbeirrt
jemand an seinen Irrtümern und Unwahrheiten festhält
und sie mit größter Selbstverständlichkeit als
grandiose Forschungsergebnisse ausgibt. Man könnte es Chuzpe
nennen, aber irgendwie gleicht Aly da den Nazis, die mit der
gleichen Selbstverständlichkeit ihre groteske Weltanschauung
in die Öffentlichkeit bliesen. Längst wurde beispielsweise
nachgewiesen, dass 1968 in Deutschland eben nicht die meisten
Naziprozesse stattgefunden haben. Das mag sich nicht gerade
bedeutsam anhören, aber darauf beruht eine der Hauptthesen
Alys. Die Linken hätten die Prozesse ignoriert, während
der gute Staat quasi vorbildlich Vergangenheitsbewältigung
betrieben hätte. Die 68er hätten damals aufgehört,
sich mit der Nazivergangenheit ihrer Väter zu beschäftigen,
und das wäre ganz schlimm gewesen. Dieser Vorwurf löst
sich schnell in Luft auf, wenn man bedenkt, dass in einer Revolte
es selbstverständlich besseres zu tun gibt, als sich mit
der Vergangenheit der Väter auseinanderzusetzen. Äußerst
komisch wäre es gewesen, wenn die Leute, denen jede Menge
unter den Nägeln brannte (Vietnam, Uni, Familie, Autorität,
das Leben selbst), statt zu revoltieren sich dem Studium der
Nazizeit gewidmet hätten. (Dann wäre womöglich
schon alles erforscht gewesen, womit Aly sich später einen
Namen als Historiker machte.) Leider hat man bislang viel zu
sehr versucht, Aly in dieser Hinsicht zu widerlegen. Dabei hat
er vollkommen recht. Nur auf eine andere Weise, als er gerne
hätte. Auch dass die meisten Protagonisten der 68er bürgerliche
Berufe ergriffen haben und in der ML-Phase außer verbalen
Müll kaum etwas zustande gebracht haben, ist nun wahrlich
keine neue Erkenntnis. Immerhin hat Götz Aly von seiner
ehemaligen Mitgliedschaft der Kommunistischen Roten Hilfe auch
profitiert, nämlich die vollkommene Unfähigkeit, auf
Fragen einzugehen. Und deshalb sollte er nicht so schlecht über
seine Vergangenheit sprechen. Zumindest die Kunst des zähen
und autistischen Argumentierens beherrscht er perfekt. Götz
Aly entspricht ziemlich genau dem Typus des Intellektuellen,
den Horkheimer schon 1939 beschrieben hat: »Aufatmend
werfen sie die unbequeme Waffe weg und kehren zum Neuhumanismus,
zu Goethes Persönlichkeit, zum wahren Deutschland und anderem
Kulturgut zurück. (...) jetzt preisen die literarischen
Gegner der totalitären Gesellschaft den Zustand, dem sie
ihr Dasein verdankt und verleugnen die Theorie, die sein Geheimnis
aussprach, als es noch Zeit war.«
Dank der Medien wurden angeblich schon 120.000 Exemplare verkauft.
Außer den Medien gibt es nicht wirklich jemanden, der
sich damit auseinandersetzen mag. Nur seine ehemaligen Genossen.
Und die waren denn auch gekommen, weshalb man sich auf der Veranstaltung
wie im Altersheim fühlte. Warum auch sollte jüngere
Leute interessieren, was Aly schlechtes über seine alten
Kollegen zu erzählen hat? Das ist wie ein alter Familienstreit,
und der erhitzt eben auch nur die Gemüter der Angehörigen.
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