| Niedecken,
Wolfgang – Der Mann »mit der Aura einer Landplage«
(Wiglaf Droste) hat schon etliche Verbrechen auf dem Kerbholz,
die, obwohl sie ungeheuerlich waren, nie die NATO auf den Plan
gerufen haben, dabei marschiert die doch sonst gerne mal wo
ein und macht ganze Länder platt. Mit Köln hätte
sie ein gutes Werk tun können, denn sie hätte da nicht
nur Niedecken erwischen können, falls der nicht gerade
in Afrika gewesen wäre, um dort nach dem Rechten und dem
Verkauf seiner Platten zu gucken. Mit jedem Kölner, der
als Kollateralschaden ebenfalls platt gemacht worden wäre,
hätte die NATO ein gutes Werk getan, denn mit großer
Sicherheit hätte es eine penetrante »rheinische Frohnatur«
erwischt, einen 1. FC-Anhänger oder Willy Millowitsch (na
gut, der ist schon tot, aber das heißt nur, dass es mit
ihm wie übrigens auch mit dem Langeweiler Heinrich Böll
oder Konrad Adenauer schon früher gute Gründe gegeben
hat, internationale Eingreiftruppen nach Köln zu schicken).
Niedeckens Verbrechen bestehen u. a. darin, dass er nicht nur
die Songs von Bob Dylan auf Kölsch interpretiert, sondern
auch dessen Autobiographie auf CD gesaut hat. Dass der Mann,
der musikalisch in den Sechzigern stecken geblieben ist, sich
in einem Atemzug mit Kurt Cobain, Lou Reed und Tom Waits nennt,
aber völlig schmerzfrei auf der Bühne eine 1. FC Köln-Hymne
herunterschrubbt, in der er auf höchstem Niveau dichtet:
»FC, jeff Jas, he weed nit resigniert, selvs wenn mer
verliere.«
Eigentlich Fachmann
in Sachen Rock‘n‘Roll – »Im Prinzip
bin ich Rock‘n‘Roller geblieben ... Rock‘n‘Roll
ist eigentlich alles, was authentisch ist« (so, so) –
ist er jetzt auch Experte fürs Älterwerden geworden.
Zu diesem Thema jedenfalls wurde er von der taz befragt und
die bekam zuverlässig bescheuerte Antworten. »Das
beschäftigt mich, klar. Ich bin 57, ich habe vier Kinder
aus zwei Ehen, und ich spüre die Verantwortung mehr denn
je. Heute frage ich mich so ganz platt: Was wird aus denen?
Erstens privat und beruflich. Und auf der anderen Seite: Was
für eine Welt hinterlasse ich ihnen?« Meine Güte.
Platt ist es, da wollen wir nicht widersprechen, aber an Hybris
ist der Mensch kaum zu überbieten. Niedecken hinterlässt
seinen Kindern gleich eine ganze Welt und sorgt sich auch noch
um ihren Zustand. Die Welt jedenfalls, die Niedecken seinen
Kindern hinterlässt, ist vor allem von ihm zugemüllt,
mit seinem schrecklichen Kölsch-Rock, mit seiner guten
Absicht, »mit Nazis reden« zu wollen, mit seinem
auch ungefragt überall abgegebenen Senf und sich dabei
wohl zu fühlen, wenngleich: »Ja, gut, es gibt ein
paar Sachen, bei denen man sagen würde, wär schön,
wenn das jetzt nicht wär, wenn ich jetzt nicht aufs Gewicht
aufpassen müsste...« Die Gewichtsprobleme Niedeckens
sind das einzige, was am Rock‘n‘Roll noch authentisch
sind, jedenfalls beim Kölschen Schrammelrock, wenn Dylans
»Forever Young« zum 60. Geburtstag des BAP-Schlagzeugers
verhunzt wird. »Höllisch riskant« sei das gewesen,
meint Niedecken, und »lange überlegt« hätte
er auch (eine interessante contradictio in adjecto), aber dann
wurde der Schlagzeuger zufälligerweise 60 und Dylans Song
fällig. Eine eigenartige Begründung, um einen Song
zu »bearbeiten«, den zu covern man »höllisch
riskant« findet.
Aber abgesehen von
der musikalischen Verirrung ist der authentische Rock‘n‘Roller
Niedecken jetzt reif geworden, wenn nicht sogar überreif.
Jedenfalls sind seine politischen Ansichten so ranzig, dass
sie bereits streng wie ein zerlaufener Harzer Käse riechen.
Niedecken jedenfalls hat die Authentizität des Rock‘n‘Roll
im Jargon der Politiker entdeckt, und ebenso weichgespült
wie diese redet er auch, so dass er ihnen in jeder Talkshow
das Brackwasser reichen könnte. Einer Karriere als Politiker
steht da nichts mehr im Wege: »Man muss alles neu überdenken.
In Sachfragen zusammenarbeiten und das Vertrauen nicht auf eine
Partei oder irgendwas festschreiben, sondern wenn man Leute
kennen lernt, mit denen man kann, daraus etwas entwickeln.«
Und was wird aus dem Gewürge, wenn es fertig ist? »Das
beste Beispiel für mich ist Bundespräsident Horst
Köhler. Ich habe ein wunderbares Verhältnis zu unserem
Bundespräsidenten, das beruht auf Gegenseitigkeit. Der
hat mich jetzt schon etliche Male eingeladen zu Afrikakonferenzen,
zu Staatsbesuchen nach Afrika.« Not bad! Die Korruption
einer Betriebsnudel könnte nicht kürzer zusammen gefasst
werden, denn es geht nur darum mitzuteilen, ich bin wichtig,
nein, ich bin superwichtig. Er ist der Bono für Arme. Kaum
oben angekommen ist es ein »Zeichen von Reife« »mitzumischen«,
auch mit einem miesen Choleriker wie Horst Köhler, der
seine Untergebenen zur Sau macht.
Wenn einer wie Niedecken
Wischiwaschi in seinen Aussagen ist, nur noch schaumsprachlich
unterwegs ist und nichts zu bieten hat, außer eine gutmenschliche
Gratisgesinnung, dann fängt er auch an, irgendwann komisches
Zeug zu träumen: »Ich träume davon, dass die
Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig
verstehen zu wollen.« Ne jetzt. Man kann es nicht glauben,
aber so steht das da! Niedecken träumt davon, »dass
die Bereitschaft der Menschen größer wird, sich gegenseitig
verstehen zu wollen.« Ist ja irre. Geht’s denn auch
etwas präziser? So vielleicht: »Doch, ich träume
wirklich davon, dass alle daran interessiert sind, was die anderen
denken und wie sie dazu kommen. Aber dieses Bemühen, sich
gegenseitig zu verstehen, das geht nur mithilfe der Medien.«
Ausgerechnet mit den Medien! Die für jeden Mist zu haben
sind und die allemal mehr für die Verblödung als für
die Aufklärung getan haben, was sogar Niedeckens neuer
Freund Horst Köhler bestätigen würde.
»Nehmen wir
Tibet und China. Jeder, der halbwegs denken kann, wusste, dass
es vor Olympia losgehen würde mit den Protesten in Tibet.
Das ist auch gut so, denn jetzt ist die Awareness [Whow!] dafür
da. Die Weltöffentlichkeit guckt jetzt hin, hört jetzt
hin, kann gar nicht genug darüber berichten.« Das
ist nicht nur von großer Geistesverlassenheit, sondern
auch von großer Ahnungslosigkeit geprägt, denn bei
dem, was Niedecken nicht auszudrücken weiß, handelt
es sich um die Verteidigung eines autoritären Ständestaats,
demgegenüber sogar China fortschrittlich und aufgeklärt
ist. Über den Typus Niedecken hat Hunter S. Thompson mal
was nettes geschrieben: »Jeder Depp mit einem Hundert-Dollar-Schein
zu viel in der Tasche kann sich ein Gramm Koks in die Birne
ziehen und anschließend Neunmalkluges zu so gut wie jedem
Thema absondern.« Bei der »Landplage« Niedecken
allerdings geht es auch ganz ohne Koks.
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