| Walser,
Martin – Im Gegensatz zur landläufigen Meinung,
dass der Prominente höllisch aufpassen müsse, nichts
zu sagen, das möglicherweise falsch interpretiert werden
könnte, besteht das Schöne an der Prominenz gerade
in der Tatsache, dass es vollkommen egal ist, welchen Schwachsinn
der Promi von sich gibt. Je dümmer, desto größer
das Echo in den Medien, und in diesem Land der Irren gilt das
Prinzip, jede Meldung ist eine gute Meldung, Hauptsache man
steht in den Schlagzeilen. Das Erstaunliche ist nur, dass dieses
Prinzip inzwischen nicht nur für die Branche der Doofen
gilt, für die Stars und Sternchen und für die Container-Insassen,
sondern auch und speziell für Martin Walser, ein Mann,
der in Deutschland als Schriftsteller gilt, weil er mittlerweile
über fünfzig Bücher geschrieben hat, die noch
nie jemand gebraucht hat und die man hierzulande dennoch über
sich hat ergehen lassen.
Aber im Gegensatz
zu seiner Prosa, in der Regel öde Riemen, die sogar zu
langweilig sind, um sie als Einschlaflektüre verwenden
zu können, versteht sich Walser auf die Herstellung kleiner
Skandälchen, die er gerne durch Äußerungen über
Dinge hervorruft, von denen er keine Ahnung hat, Äußerungen
zudem, die durch nichts belegt sind als durch seine eigenen
Ressentiments. Oder anders und einfacher ausgedrückt, der
Mann hat eine konservative, antisemitische bis rechtsextreme
Klatsche, weshalb ihn sogar seine über Jahrzehnte zugetane
und sehr geduldige Kollegin Ruth Klüger als »politisch
wirklich ein bisschen dumm« bezeichnete.
Dass der Hinweis
Klügers noch dezent ausfiel, bewies Walser, als er Ende
Juli in einem Interview mit Capital den deutschen Unternehmen
unter die Arme griff und Bestechung bei der Beschaffung von
Aufträgen für legitim hielt: »Jeder weiß,
dass in vielen Ländern Großaufträge ohne Bestechung
nicht zu bekommen sind«, und es sei »deutsch, deutsch
bis ins Mark«, wenn Manager hierzulande an den Pranger
gestellt würden. Das sind zwei interessante Bemerkungen,
denn zum einen legitimiert Walser einen Zustand einfach dadurch,
dass es ihn gibt, eine Logik, der zufolge man auch sagen könnte:
»Jeder weiß, dass in vielen Ländern die Opposition
unterdrückt wird«, was also ist schlecht daran, wenn
wir in Deutschland das auch machen? Und zum anderen: »Deutsch
bis ins Mark«, so dachte ich jedenfalls nach seinen zahlreichen
vaterlandstümelnden Artikeln, Aufrufen und Essays ist vor
allem Martin Walser. Wie kommt es also, dass »deutsch
bis ins Mark« von ihm plötzlich so pejorativ belegt
wird? Das, liebe Leser, ist, ich gebe es zu, eine überflüssige
Frage, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Walser sehr populistisch
argumentiert, so dass logische Maßstäbe an seine
Äußerungen nicht angelegt werden können. Insofern
kann man sich über die abstrusen Widersprüche Walsers
nur lustig machen, denn wenn einer »deutsch bis ins Mark«
ist, dann ja wohl der Chorknabe der deutschen Nation und deutschen
Gefühligkeit. Vielleicht handelt es sich ja auch um den
berühmten deutschen Selbsthass, der hier bei Walser plötzlich
ausbricht. Wer kann das schon so genau wissen? Und vor allem,
wer will das schon so genau wissen?
Ganz konkret nimmt
Walser den in einer Schmiergeldaffäre verwickelten früheren
Vorstands- und Aufsichtsratschef von Siemens Heinrich von Pierer
in Schutz: »Hier ist eine öffentliche Person in den
Medien mehr oder weniger zur Hinrichtung präpariert worden,
ohne dass wirklich etwas nachzuweisen ist.« Der Arme gehört
wie Walser selbst einer bedrohten und daher besonders schützenswerten
Menschenart an, einer unterprivilegierten Gruppe, die keine
Schonzeit genießt. Das verspürt Walser immer wieder
aufs neue am eigenen Leib, wenn eine ihm nicht genehme Rezension
über eins seiner Bücher erscheint, denn dann möchte
er »auswandern, nur noch auswandern«. Warum Walser,
der vom Büchner-Preis bis zum Großen Verdienstkreuz
so ziemlich alles abgegriffen hat, was es abzugreifen gibt,
das bei den vielen »Nicht-Ehrungen«, ja sogar »Schmähungen«
bislang noch nicht getan hat, wird eines der großen Rätsel
der Menschheitsgeschichte bleiben.
Dass Walser für
die deutschen Unternehmer eine Lanze bricht, hat auch einen
persönlichen Hintergrund. Beim Verlagswechsel von Suhrkamp
zu Rowohlt musste Walser für ein beträchtliches Honorar-Vermögen,
das ihm sein Freund Siegfried Unseld als Kapitaleinlage im Suhrkamp-Verlag
empfohlen hatte, Steuern zahlen. Eine zweifellos »bittere
Erfahrung«, wie Henryk M. Broder anmerkt. Walser war schwerst
empört: »Ich wusste seit einiger Zeit schon, dass
dieser Staat ein Raubstaat ist.« Eine radikale Erkenntnis,
wie sie nur Kleinbürgern kommt, wenn sie selbst betroffen
sind und mal zur Kasse gebeten werden, und die gegen den gleichen
Staat nichts einzuwenden haben, solange er sich bei anderen
bedient. Zum Beispiel bei den Armen. Denn die gibt es eigentlich
gar nicht. Jedenfalls keine wachsende Armut: »Da bin ich
absolut erkenntnisabweisend. Wenn es jetzt heißt, jeder
achte Deutsche ist arm, und wenn der Staat nicht zuzahlte, dann
müsste jeder vierte als arm bezeichnet werden – das
kann ich mir nicht vorstellen.« Und was Walser sich nicht
vorstellen kann, das existiert einfach nicht. So kann man sich
natürlich auch ein Weltbild zusammenzimmern, und zwar ein
»erkenntnisabweisendes«. Eine in diesem Falle mal
tatsächlich tolle Wortschöpfung, die auf Walser prima
passt, denn das ist er wirklich. Das ist die Qualität,
die ihn auszeichnet.
Diese Imprägnierung
schützt ihn vor der möglichen Einsicht, dass er politisch
nicht nur ein »bisschen dumm« ist, sondern auch
ein mieser Schriftsteller. Nur so kann Walser überhaupt
existieren, denn sonst könnte er nicht solche Dialoge wie
in seinem letzten Buch »Angstblüte« schreiben:
»Fickst du mich richtig durch. – Ich ficke dich
richtig durch. – Besorgst du‘s mir wirklich. –
Ich besorg es dir wirklich. – Ist deine Fotze scharf auf
meinen Schwanz. – Meine Fotze ist scharf auf deinen Schwanz.
– Bist du nichts als eine geile Fotze. – Ich bin
nichts als eine geile Fotze...«
Ich weiß ja
nicht, aber vielleicht kriegt Walser für diese ranzige
Altherrenprosa ja mal den Literaturnobelpreis. Die gute Nachricht
für ihn wäre dann jedenfalls: Das Preisgeld ist steuerfrei.
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