| Bohlen,
Dieter – Manche – und ich weiß sogar
wer – werden vielleicht sagen, Bohlen, ist das nicht das
widerwärtige, aufdringliche, schlaumschlägerische,
muskelprotzende Arschloch, den man in eine gottverdammte Flasche
stecken und der Strömung der Saar überlassen sollte?
Könnte gut sein, sage ich dann, das er das ist. Jedenfalls
hat er bereits zwei Biografien über sich schreiben lassen,
beide von Katja Kessler, die man zusammen mit ihrem Ehemann
Kai Diekmann gleich mit in die Flasche stopfen sollte, um sie
dann allerdings besser in einer Jauchegrube zu versenken ...
Aber halt! Was sind das nur für negative Gedanken, die
mich da umtreiben? Ich will mich jetzt am Riemen reißen
und ganz sachlich bleiben. Zwei Biographien sind also über
ihn erschienen, »Nichts als die Wahrheit« mit einer
Million verkaufter Exemplare und »Hinter den Kulissen«
mit einer halben Million, von dem nunmehr erschienenen »Bohlenweg«
wurden noch 150.000 Stück gedruckt, jedenfalls nach Auskunft
des Verlags, wo gerne etwas geflunkert wird. Tendenz fallend,
und zwar schlimmer noch als die Aktienkurse an der Wallstreet.
Diesen »etwas anderen Ratgeber« hat er nun selber
geschrieben, vielleicht weil er sich Katja Kessler nicht mehr
leisten konnte. Ein halbes Jahr hat er dazu gebraucht. Andere
wären unterbeschäftigt gewesen, hätte man ihnen
eine Woche Zeit gegeben. Was aber hat uns Bohlen zu sagen? Hat
er uns überhaupt etwas mitzuteilen? Das ist die Frage.
Die Zielgruppe jedenfalls ist sehr speziell. Es ist für
die armen Würstchen geschrieben, die bei »Deutschland
sucht den Superstar« erst mit- und sich anschließend
von Bohlen, der dem Zirkus als Juror vorsteht, niedermachen
lassen. Die fragen dann Bohlen immer, wie man erfolgreich ist,
bzw. wie man genauso widerwärtig und abstoßend werden
kann wie er. Und da die meisten nicht wissen, wie sie es anstellen
sollen, greift ihnen Bohlen mit diesem Ratgeber unter die Arme.
Und für
diese Leute hat er einige sensationelle Tipps parat: »Sorry,
Leute, aber es ist wahr. Ich kann doch nichts dafür. Es
gibt nur eine Wahrheit, und das ist Arbeit ... ohne Arbeit,
und ich meine mehr Arbeit, als eigentlich üblich ist, könnt
ihr eure Träume beerdigen. Patsch, patsch, aus der Traum.«
Für dieses Arbeitsethos, 18 Stunden am Tag zu arbeiten,
hätte man ihn unter Stalin noch zum »Held der Arbeit«
gekürt und ihn als zweiten Stachanow geehrt, aber das ist
über 50 Jahre her. Seither hat sich ein bisschen was verändert.
Zum Beispiel könnte Bohlens bahnbrechende Idee eine gewisse
Plausibilität für sich in Anspruch nehmen, wenn es
diese Arbeit in Form eines Jobs tatsächlich gäbe,
in dem sich der gescheiterte Superstar austoben könnte.
Da er als Unterschichtenkind eine Arbeit in der Regel jedoch
gar nicht hat, kann er 18 Stunden seine Runden im Hamsterrad
drehen. Hauptsache: Nie Aufgeben! »Ich habe nie aufgegeben.
Die Firmen schickten mir damals Drohbriefe, dass ich sie mit
meinem Gesang nicht mehr belästigen solle.« (Sollten
die Firmen damals noch Geschmackskriterien gehabt haben?) Und
das ist ja mal ein ganz guter Tipp, wenn sich alle von Bohlen
in die Tonne getretenen Möchtegern-Superstars rächten
und ihm mit ihrem fürchterlichen Gesinge so lange auf die
Eier gingen und dabei nie aufgäben, bis Bohlen die Flucht
ergriffe.
Weitere wichtige Tipps: »Leute, ganz ehrlich, das Aufstehen
ist wichtig.« Jo, da hat er wohl recht, der Bohlen, auch
wenn einem in seinem Falle das Gegenteil lieber wäre. Und
wofür macht man den ganzen Zinnober? Richtig, wegen des
Geldes: »Ich liebe Geld, ich fand es schon immer geil,
Geld zu haben, und ich wollte auch immer mehr davon haben. Put,
put, put, komm her, du liebes Geld, hier beim lieben Dieter
geht‘s dir richtig gut, denn ich mag dich sehr, sehr gern.
Ich passe immer auf dich auf, ich kümmere mich um dich,
du brauchst dir keine Sorgen zu machen. So, hoffentlich hat
dieses Miststück das jetzt gelesen und ist zufrieden damit.
Ab und an muss man eben auch mal ein bisschen schleimen, wenn‘s
ums Geld geht, gelle...« Aber wenn dann das Geld ihm auf
den Leim gegangen und zu ihm gelaufen ist, was macht er dann
mit ihm? Das kann man unter dem Stichwort »Reichtum«
nachlesen: »Hämmert euch bitte das Dagobert-Bohlen-Prinzip
in die Rübe: Reich wird man vom Nehmen, nicht vom Geben,
und geben könnt ihr höchstens die Hälfte. Wollt
ihr nicht den Jakobsweg des Geldes gehen und euch quälen
lassen, so geht den Bohlenweg und haltet gefälligst eure
Penunzen, euren Schotter, eure Mäuse zusammen. Ihr könnt
nicht mehr ausgeben, als euch gehört.«
In der Psychoanalyse, für Bohlen die Psychoanneliese, nennt
man das einen analen Charakter. Geld anhäufen. Und nichts
abgeben, »Geiz ist geil« ist wahrscheinlich von
Bohlen erfunden worden, oder wie Mutter immer sagte: »Junge,
halt dein Geld zusammen.« Seit dem Kollaps auf den Finanzmärkten
weiß man, dass das keine gute Idee war. Wer sein Geld
nicht verjubelt hat, wird es spätestens mit der demnächst
einsetzenden Inflation los. Aber um Geld zu horten, muss man
es erst mal haben. Die Leute, denen Bohlen rät, wie man
Reichtum rafft, geben nichts aus, weil sie gar nicht zum Ausgeben
haben. Und diejenigen, die die nötige Barschaft besitzen,
würden Bohlen angesichts des einfältigen Ratschlags
nur mitleidig belächeln. Und vermutlich dürfte sich
auch die Zielgruppe des Buches reichlich verarscht vorkommen,
denn solche altbackenen Tipps kriegen sie zu Hause gratis und
jeden Tag zu hören.
Also schnell
zum nächsten Tagesordnungspunkt, »über Sieger«:
»Um wirklich gut und kreativ zu sein, müsst ihr euch
zudem ein geiles Umfeld schaffen. Damit meine ich, dass ihr
euch auch geil fühlen solltet. Ihr wisst ja, aus einem
verklemmten Hintern kommt nur ein verklemmter Furz. Das stimmt
hundertprozentig! Fühlt euch wie ein Sieger, dann werdet
ihr ein Sieger! Ihr müsst euch in einen Zustand bringen,
indem ihr an euch glaubt.« Und weiter, um einen weiteren
triftigen Grund zu zitieren, warum es gar keine so schlechte
Idee ist, Bohlen in eine Flasche zu stecken: »Baut euch
selbst auf, reißt die Fenster auf und schreit heraus:
›Ich schaffe es!‹« Fragt sich nur, was? Um
von den Männern in Weiß abgeholt zu werden und in
einer Gummizelle zu landen, wohin Bohlen zweifellos gehört?
Oder um mit einem Bohlen vor dem Kopf seinem Vorbild nachzueifern?
Wer das tut, hat das charakterliche Format einer Hyäne
bereits erreicht. Erfolg wird er dennoch nicht haben. Und das
ist das Schöne daran. Es nutzt nichts, sich zum Affen zu
machen, nur das gesellschaftliche Klima wird noch einen Zacken
unerträglicher.
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