| Frey,
Peter & Oettinger, Günther – Wir befinden
uns mitten im Sommerloch, und um in diesem nicht zu versinken
oder womöglich gar zu verschwinden, für den Fall,
dass es sich um schwarzes Sommerloch handelt, versucht das ZDF,
der Sender, der auf dem zweiten Auge blind ist, mit Sommerlochinterviews
irgendwie über die Runden zu kommen. Dafür stehen
ihm so bewährte Kräfte zur Verfügung wie das
in Teig gemeißelte Dauergrinsen Peter Hahne, der schon
so ziemlich jeden Politikerdarm von innen erkundet hat, und
der smarte Peter Frey, der sich an Oskar Lafontaine die Milchzähne
ausbeißen durfte. Erstaunlich nicht nur an diesem Sommerlochinterview
ist, wie sehr Oskar Lafontaine von den Medien gehasst wird,
seitdem er als Finanzminister unter der Schröder-Regierung
demissionierte, und unverdrossen unterstellt man ihm, dass er
den Posten »hingeschmissen« und damit unverantwortlich
gehandelt habe. Ich empfand damals für Lafontaine Hochachtung,
denn das tun Politiker bekanntlich sehr selten, vielmehr klammern
sich die meisten an ihren Job bis zur Rente und nicht selten
darüber hinaus. Man unterstellt Lafontaine sogar, dass
er aus Gründen der Machtpolitik gegangen sei, was aber
ungefähr so klug ist, wie einem Schuster vorzuwerfen, er
würde Schuhe reparieren. In der Politik geht es nun mal
um Macht, Intrige, Lüge, Verleumdung, das ist das Wesen
von Politik, und ohne diese Zutaten würde das System womöglich
zusammen brechen. Noch übler nehmen sie ihm aber, dass
er bei der Linken angeheuert hat. Nun muss man diesen Verein
nicht mögen, aber schlechter oder besser als die anderen
Parteien sind sie nicht, eher besser als beispielsweise die
Partei der Besserverdienenden Die Grünen, an die Harry
Rowohlt einmal schrieb, nachdem sie ihn für ihre Wahlzwecke
einspannen wollten: »Lieber hänge ich tot über
einem Zaun im Kosovo, als dass ich auch nur eine Sekunde lang
die Grünen unterstütze.«
Was man Lafontaine hingegen nicht vorwirft, dass er lange Zeit
für »Bild« kolumniert hat, was man ihm wirklich
immer und immer wieder aufs Butterbrot schmieren sollte, aber
da inzwischen jeder Politiker mit »Bild« kungelt,
umgekehrt Politiker quasi nicht existieren, wenn sie nicht von
»Bild« wahrgenommen werden, wird das als normales
Verhalten gewertet, obwohl solche Leute eigentlich dringend
die Fürsorge einer Heilanstalt für »Bild«-Abhängige
nötig hätten. Stattdessen schwimmen Peter Frey und
seine Kollegen gerne in den Abwässern des Mainstreams und
versuchen Lafontaine immer noch wegen seines Ausstiegs aus der
SPD als unzuverlässigen Hallodri und als Ausbund der Verantwortungslosigkeit
hinzustellen. Wie originell! Und wenn sich Lafontaine dann darüber
lustig macht und zu verstehen gibt, wie »dämlich«
er so etwas findet, dann werden weichgespülte Gestalten
wie Frey aber sehr, sehr pampig und obendrein drollig: die Vorwürfe
würde er jetzt aber entschieden von sich weisen, und Lafontaine
hätte wie jeder andere zwanzig Minuten Zeit, sich zu erklären,
und man würde ihm nicht anders begegnen als jedem anderen
Parteiführer, worüber sich nur lächeln lässt,
denkt man an die devote Haltung gegenüber das Merkel. Was
Peter Frey hingegen überhaupt nicht interessierte, war
die Politik der Linken, die Lafontaine in entsprechend gutes
Licht rücken wollte, was schließlich seine Aufgabe
als Parteichef ist.
Insofern könnte
Peter Frey genausogut auch bei »Bild« anheuern,
denn dort wird nach dem gleichen Regeln des investigativen Journalismus
verfahren wie beim ZDF, demzufolge es ungeheuer wichtig ist,
dem Publikum mitzuteilen, wie viel Kinder einer aus wie vielen
Ehen hat, denn das gehört unbedingt zum öffentlich-rechtlichen
Bildungsauftrag. So erfahren wir in einem weiteren in der »BamS«
veröffentlichten Sommerlochinterview vom Ministerpräsidenten
Baden-Württembergs Günther Oettinger, dass er »als
Kind zwei Jahre Blockflöten- und Gitarrenunterricht und
dann neun Jahre Klavierstunden bekommen« hat, weshalb
man ihn ganzseitig vor einem Flügel in Nadelstreifen (also
Oettinger hat die Nadelstreifen, nicht der Flügel) abgebildet
hat. Bei ihm wird nicht in alten Kamellen gewühlt, er wird
nicht darauf angesprochen, weshalb er seinen Amtsvorgänger,
den Nazi-Richter Hans Filbinger als Gegner des Nazi-Regimes
über den grünen Klee gelobt hat, als der unter die
Erde gebracht wurde, was Oettinger in seiner politischen Karriere
nicht geschadet, eher wahrscheinlich Sympathien eingetragen
hat. Stattdessen lässt man sich vom ihm erzählen,
dass er heute »Im Frühtau zu Berge« auf dem
Klavier spielt und dass seine als »Lebensgefährtin«
abqualifizierte Lebensgefährtin eher auf »Pop der
90er Jahre« steht, sich aber »Mühe gibt, unsere
schwäbischen Volkslieder zu verstehen«. Und wenn
es schon um Politik geht, dann ist Günther Oettinger besonders
stolz darauf, »in den vergangenen Jahren eine spürbare
Absenkung der Beiträge für die sozialen Sicherungssysteme
erreicht« zu haben, wie es im Neusprech heißt, wenn
man den Arbeitslosen in die Tasche greift, um es in solchen
Milliardengräbern wie dem Projekt Stuttgart 21 wieder versenken
zu können.
Aaargh!, möchte
man wie Micky Maus ausrufen im Anblick des Grauens, das sich
da vor einem auftut in der heilen Welt der schwäbischen
Volksmusik. Und wenn man schon aus beruflichen Gründen
in diese Gegend muss, dann hält man sich besser an den
Rat Harry Rowohlts, nie ohne einen Stadtplan auf die Straße
zu gehen, um nicht für einen Einheimischen gehalten zu
werden. Im Schwäbischen, könnte man da fast annehmen,
sind alle so dämlich wie Lafontaine Peter Frey hält,
so dass man dort am liebsten Helmpflicht für alle einführen
möchte, um das intellektuelle Manko auch sichtbar zu machen,
denn nichts sieht lächerlicher aus als der Fahrradhelm,
mit dem immer mehr Leute öffentlich bekennen, wie wenig
sie ihren motorischen Fähigkeiten vertrauen. Aber kaum
wabert dieser Gedanke, der ziemlich viel Luft nach oben hat,
durch mein kränkelndes Gehirn, lese ich, dass die Helmpflicht
anscheinend auch für Zugereiste gilt. Die Profis von Borussia
Dortmund mussten sich in schwäbischen Donaueschingen zur
Saisonvorbereitung ebenfalls Helme aufsetzen, wenn sie mit dem
Fahrrad durch die Gegend gescheucht wurden, und damit es keine
Verwechslungen gab, wurde jeder Helm mit der jeweiligen Rückennummer
versehen. Eingeführt hat diese peinliche Trainingsverkleidung
Jürgen Klopp. Dreimal dürfen Sie raten, woher der
Mann kommt? Richtig, aus Stuttgart. |