| Hahne,
Peter & Schalke – Peter Hahne sorgt sich
um den Verfall der Werte. Das ist nichts neues, aber seit die
Bundesliga wieder begonnen hat, sorgt er sich besonders, denn
am Wochenende soll Papi der Familie gehören, aber wenn
Papi ständig vor der Glotze hockt, dann ist der Fußball
des Teufels.
Peter Hahne ist ein
Tausendsassa. Er hält bei jeder Gelegenheit sein speckiges
Gesicht in jede vorbeilaufende ZDF-Kamera, berichtet live und
direkt aus Berlin über politische Nichtigkeiten aller Art,
betätigt sich als Stichwortgeber für Politiker und
nennt das dann anschließend Interview und investigativen
Journalismus, schreibt am Fließband kleine Geschenkbüchelchen
und moralische Erbauungsschriften mit Tipps, auch mal früh
in die Kirche zu gehen, zu beten und andere unnütze Dinge
zu tun, und als ob das alles noch nicht deprimierend genug ist,
hält er einer Million BamS-Lesern auch noch jeden Sonntag
eine Gardinenpredigt. Der Mann – sollte man meinen –
ist vollständig ausgebucht und eingespannt, wenn wir mal
großzügig davon ausgehen, dass er sich keine kleinen
Lohnschreiber als Sklaven im Keller hält, wie Guido Knopp
das macht, eine Praxis, die er sich von Alexandre Dumas abgeguckt
hat. Okay, seine »Gedanken am Sonntag« kann man
selbst bei oberflächlicher Betrachtung kaum »Gedanken«
nennen, und das Niederschreiben der altbackenen Empörungsglossen
dauert vermutlich keine Zigarettenlänge, dennoch ist der
Mann rund um die Uhr beschäftigt, mit Beten, mit Kommentieren,
mit Grinsen, mit Politikern-am-Bauch-kraulen, so Zeug eben.
Vermutlich auch Sonntags.
Umso befremdlicher
ist es, dass er den Fußballfans den Fußball am Wochenende
neidet. Leute, die nicht scharf darauf sind, Peter Hahne im
Fernsehen zu ertragen, sondern lieber einem spannenden Spiel
zusehen, erinnert er an die zehn Gebote des Schöpfers:
»Am siebten Tag sollst du ruhen und keinen Fußball
gucken«. Hahne ahnt Schlimmes, aber »ob der herzlose
Hardcore-Fan seiner Familie dann nur noch auf dem Weg zwischen
Badezimmer und Bierkühlschrank begegnet, wird sich zeigen.«
Aber wem wird sich das zeigen? Gott? Peter Hahne? Hängt
er etwa immer noch dem Irrglauben aus den Fünfzigern an,
als die Leute tatsächlich dachten, der Nachrichtensprecher
könne ihnen in die gute Stube gucken, weshalb sie vorher
das Wohnzimmer aufräumten und sich in Schale warfen? Und
ist er erbittert darüber, dass die Leute, kaum dass sie
ihn sehen, umschalten oder sich in der Zwischenzeit lieber noch
eine Dose Bier aus dem Kühlschrank holen?
Gut möglich,
aber wirklich toll wird es erst, wenn man sieht, wie Peter Hahne
auf einer Schleimspur angeschliddert kommt, denn in der BamS,
der Fachzeitschrift für den »herzlosen Hardcore-Fan«,
ist seine »Kritik« nicht etwa kontraproduktiv, und
es ist auch nicht so, dass diese Zeitung der richtige Ort wäre,
um jemandem mitten ins Mark zu treffen, sondern Hahnes Kolumne
enthält tatsächlich eine detaillierte Aufzählung
aller Fußballsendungen unter der Woche und am Wochenende,
die sich auch für einen »herzlosen Hardcore-Fan«
zu lesen lohnt. Und das muss man Hahne lassen, er versteht es
hervorragend, selbst mit dem dauererigierten Zeigefinger Werbung
zu machen. »Jedem ist natürlich der Spaß im
heimischen Adiletten-Stadion zu gönnen, doch das neue Rundum-Fußball-Sorglospaket
ist ein Sturmangriff aufs Wochenende für die Familie.«
Hahne ist die personifizierte Nervensäge, der Mann, der
auf jedes Stichwort seinen belanglosen Senf dazugeben muss.
Eis? Aber nicht zu viel, sonst wird dir schlecht. Sex? Oh Gott!
Aber beklecker nicht das Sofa, wie Frank Zappa einmal sogar
auf deutsch und extra für Peter Hahne gesungen hat.
Mit Schalke müßte
sich Peter Hahne eigentlich prima verstehen, denn in der Veltins-Arena
in Gelsenkirchen präsentieren sich die »herzlosen
Hardcore-Fans« mal ganz anders, nämlich mit einem
Transparent, auf dem steht: »Mit Gott auf Schalke«.
Und wo Gott ist, da ist Hahne nicht weit. Wieso sich Gott allerdings
ausgerechnet auf Schalke herumtreiben soll, bleibt unklar. Geholfen
hat er ihnen jedenfalls schon seit über 50 Jahren nicht
mehr, Meister zu werden. Aber nicht nur Gott ist auf Schalke,
auch Mohammed. Aber damit ist jetzt Schluss. Im neuen Vereinslied
von Schalke heißt es: Mohammed war ein Prophet, der vom
Fußball nichts versteht.« Das passte einem Online-Ratgeber
aus Delmenhorst mit dem Namen »Muslim-Markt«, der
von zwei fundamentalistischen Brüdern betrieben wird, nicht
in den Kram. Sie riefen zum Boykott von Schalke auf. Aber statt
sich die Hände zu reiben, dass man diese Deppen endlich
vom Hals hat, klingelten die Alarmglocken bei den Schalke-Verantwortlichen,
die sofort Kontakt mit der Polizei und dem Staatsschutz aufnahmen.
Und der Schalke-Sprecher kündigte an, man werde das Lied
von einem Experten prüfen lassen. Einen Experten? Franz
Beckenbauer etwa? Der ist allerdings tatsächlich in der
Lage, noch auf jeder Glatze Locken zu drehen.
Und was gibt es da zu prüfen? Ob Mohammed vielleicht doch
was von Fußball versteht? Hat Mohammed in seiner Freizeit
vielleicht sogar gekickt? Und welcher Ausstatter hat ihm die
Fußballschuhe gezahlt? Adidas? Puma? Auf welcher Position
spielte er? Ausputzer? Linksaußen? Das wahrscheinlich
weniger. Eher rechts außen. Man weiß es nicht, außer
vielleicht Franz Beckenbauer und Peter Hahne, aber nachdem sich
ein muslimischer Experte bei Schalke gemeldet und verkündet
hat, dass er in dem Lied nichts Böses entdecken konnte,
gibt sich auch der Clubsprecher unbeugsam: »Wir werden
es nicht zurückziehen. Es ist bewusst falsch verstanden,
bewusst falsch interpretiert worden.«
Während man auf Schalke tapfer dem Fundamentalismus aus
Delmenhorst entgegentritt, gibt der Spiegel das Forum für
einen anderen Fundamentalismus ab. Der Bestsellerautor Richard
David Precht zieht gegen den »verlogenen Menschenrechts-Bellizismus«
zu Felde und schreibt unbeanstandet: »Mehr als Drei Viertel
der Welt hat man inzwischen erfolgreich mit dieser Kultur (Kaugummi,
Jeans, Hollywood und Coca-Cola) unterwandert. Aber erst wenn
die Soldaten (aus Afghanistan) verschwinden, wird der American
Way of Life, die erfolgreichste Massenvernichtungswaffe des
20. Jahrhunderts, auch in den Hochburgen der Fundamentalisten
erfolgreich zünden.« Das hätten die islamistischen
Brüder aus Delmenhorst nicht besser sagen können.
Allerdings wären sie vermutlich vom Staatsschutz scharf
ins Visier genommen worden. |